Die neue Bruchstückmode

Tafel Schokolade © by-studio - fotolia.com
Schokolade © by-studio – fotolia.com

Kurz und weich, hell und bedeutungslos – solche Namen mischen jetzt ganz vorn in den Favoritenlisten werdender Eltern mit. Konkret meine ich die Jungennamen Lias und Lian, die schon seit ein paar Jahren für mütterliche (und väterliche?!) Entzückensrufe sorgen. Was mag dahinterstehen? „Elias ist ja toll, aber so häufig“? „Nee, Schatz, Elias klingt mir zu sehr nach Mönch“? Die enorme Beliebtheit von mit L beginnenden Namen mischt sicher auch mit. La-le-lu, nur der Mann im Mond schaut zu. Lian steht in Deutschland aktuell auf Platz 80, Lias auf 89.

Für mich sind beides bloße Endsilben, Elias, MaximilianJulian oder Kilian bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt (Entschuldigung!). Deshalb sind diese Namen auch ohne Bedeutung in dem Sinne, dass Elias „Mein Gott ist Jahwe“ oder Maximilian „Der Größte“ bedeutet – was für viele aber ohnehin keine Rolle spielt. Je nach Gusto lässt sich Lian auch aus dem Chinesischen ableiten und bedeutet dann „anmutiger Weidenbaum“, aha. Mir sind Lias und Lian zu weich für einen Mann, das gebe ich gerne zu. Lian ist sogar unisex, für Mädchen aber kaum gebräuchlich.

Wer kommt auf der Suche nach Novitäten wohl als Nächstes unters Messer: Fa-Bian oder To-Bias? Da-Mian oder Jere-Mias? Den Namen Milian (Platz 329, von Maximilian?) habe ich auch schon gesichtet. „Der Kurze“ – so nennen manche Väter (und Mütter?!) ihren Sohn. Mit einem Bruchstücknamen wie Lias oder Lian bekommt diese Bezeichnung eine ganz neue Note.

Ein Name, auf den ich in der Hitliste noch warte, ist Philias. Bekannt ist er aus Klatschmedien und von „The Voice Kids“, der Sohn des deutschen Schauspielerpaars Seeberg-Martinek wird so genannt. Eigentlich heißt der zwölfjährige stimmgewaltige, aber für sein Alter klein geratene Knabe Philip-Elias. Die Namensverkürzung und -verschmelzung gefällt mir hier sogar recht gut, vielleicht weil der härtere Phi-Laut dazukommt oder weil ich mich an Phileas Fogg (Jules Verne!) erinnert fühle.

Die Angst der Mutter vor dem Spitznamen

Ich weiß es nicht, halte es aber für unwahrscheinlich, dass meine Oma sich vor 80 Jahren, als sie ihre erste Tochter bekam, Gedanken über Spitznamen gemacht hat. Meine Tante heißt Waltraud. Ihre Geschwister sprechen sie bis heute mit einer Abwandlung ihres Namens an. Walli, Traudel, Waldi oder gar Walter? Alles falsch, man nennt sie Wallau.

Eingefallen ist mir diese kleine Familiengeschichte, als ich neulich in einer Social-Media-Gruppe den Aufruf einer Schwangeren las: „Wer hat eine Valentina und kann mir berichten, was für Abkürzungen da entstehen? Nur die naheliegenden Tina und Valli oder noch andere/schönere?“ Die Antworten waren indes wenig ermutigend: „Walle wurde die Valentina aus unserer Klasse genannt …“, schrieb da eine (offensichtlich jünger als ich, bei uns gab es keine Valentinas). Übler geht es weiter: „… oder Walli. Aber auch Wal-Ente oder Wal-entina.“ Und eine andere erinnerte sich: „Wir haben eine in der Klasse gehabt und sie immer Walle-Qualle genannt.“ Ui.

Qualle

Wie das Ganze ausgegangen ist, habe ich nicht mehr mitbekommen. Jedenfalls gehört diese Mutter nicht zur Fraktion der Spitznamen-die-uns-nicht-gefallen-werden-wir-unterbinden-Eltern und erst recht nicht zu jenen, die bewusst einen (kurzen) Namen wählen, „den man nicht verhunzen kann“. Sie will einen abkürzbaren Namen, nur eben einen mit einer Kurzform, die ihr gefällt. Finde ich als Kriterium auch legitim. Irgendwie muss man bei der Flut von Namen, die heute zur Wahl stehen – viel mehr als zu Omas Zeiten! –, ja eingrenzen. Ich horche nur auf, wenn ich das Gefühl habe, hier will sich jemand etwas zurechtbiegen wie bei der Frage nach nicht so naheliegenden Spitznamen (die man dann fördern möchte?). Sicher etabliert sich nicht immer die offensichtlichste Kurzform. Sehr oft aber schon, gerade bei Namen, die – und sei es in Teilen (-tina) – gängig sind. Wie sehr können Eltern ihren Einfluss in dieser Frage überhaupt geltend machen?

Wie das manchmal so ist: Nur einen Tag später schlug in derselben Gruppe eine andere Mutter in dieselbe Kerbe. Gesucht waren diesmal „schöne Abkürzungen für den Namen Alessio – außer Ali bitte.“ Schau an, auch der Modename Alessio („Alessio geht’s gut!“) teilt Valentinas „Problem“. Als eine Kommentatorin (italienischer Nachname) die Kurzform „Ale“ vorschlägt, kugelt sich eine andere virtuell vor Lachen: „Klingt türkisch und genauso unschön wie Ali.“ Da nützt auch die Erläuterung nichts, dass der Name in seinem Herkunftsland Italien Ale abgekürzt werde, „wie Valentino, der dann zu Vale (Wale) wird.“

In die Kategorie „Zurechtbiegen“ fällt schließlich noch der Vorschlag, bei Alessio einfach einige Buchstaben zu streichen und ihn Lio zu rufen. Ich weiß ja nicht.

Plädoyer für englische Namen

Diesen Text schreibe ich aus einem Gefühl heraus, das wohl in etwa dem entspricht, was unser Stammkommentator Jan W.  gerade mit „Bockigkeit“ umschrieben hat: „Alle finden das schlecht, also muss ich es – zumindest versuchsweise – mal gut finden.“ Es geht mal wieder um englische oder amerikanische Namen, zu denen man auch hier öfter Anmerkungen liest wie „Mit entsprechendem Hintergrund okay“, „Hoffentlich passt der Nachname“ – oder, wenn es dicker kommt, auch „O Graus – Hartz IV!“.

Eigentlich mag ich Namen, die nach englischem Reglement gesprochen werden, zu deutschen Nachnamen nicht so gern, eben wegen des Bruchs in der Aussprache: Jamie Jensen, Haylie Schröder und so weiter. Das ermüdende Herumreiten auf Studien einerseits, wie schlecht es Kevins und Chantals doch hätten, und die unbeeindruckt davon geliebten Favoriten etlicher Eltern andererseits bringen mich aber zum Nachdenken.

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Der Paul unter den Fiffis

Nein, um Hundenamen geht es heute nicht. Eher um Hunderassen. Diese Dackeldame da drüben … schon ganz drollig. Und der Riesenschnauzerrüde – ein charmantes Raubein. Ich hätte trotzdem keinen von beiden gewählt. Auch der Chihuahua kann mich nicht becircen. Seit Elly bei uns lebt, geht es mir wie wohl vielen (Hunde-)Eltern: Ich sehe zwar wohlwollend auf mögliche Spielgefährten für meinen Wauwau, beglückwünsche mich aber insgeheim. Das eigene Kind … äh, der eigene Hund ist einfach der tollste!

Es war am Rand von Ellys Tobeplatz, wo mir eine Analogie zum Thema Namen auffiel: Was für einen Hund wir wählen, kann einiges über uns aussagen – wie die Namenswahl für unsere Kinder. Sind wir sportlich, angepasst oder avantgardistisch unterwegs? Mögen wir es groß und mächtig, elegant oder putzig? Wie stehen wir zu Trends?

Labradoodle © otsphoto - fotolia.com
Labradoodle © otsphoto – fotolia.com

Der Labradoodle zum Beispiel: ein frecher Wuschel, der dazu überraschend unkompliziert ist (nervt nicht mit herumfliegenden Haaren, gilt als allergikertauglich). Er ist quasi der Oskar/die Lotta unter den Hunden. Weitere angesagte Familienfiffis wie Labradore in Schokobraun oder Golden Retriever sind die Pauls und Emmas, windschnittig-fragile Windhunde die Eleonoren oder Constantins. Knuddelige Kläffer, die dank Handtaschenformat nie aus dem Kleinkind-Stadium herauszukommen scheinen, entsprechen in dem Modell den sehr niedlichen Namen. Zoey vielleicht, Leni oder Lenny.

Bitte das Gedankenspiel nicht zu ernst nehmen – es hat noch mehr Haken und Ösen als mein früherer Versuch, die Vorlieben für bestimmte Kinderklamotten und Namen unter einen Hut zu bringen. Natürlich sollte es in erster Linie von unserer Zeit, Energie und sonstigen Lebensumständen abhängen, für welche Hunderasse wir uns entscheiden. Namen dagegen kosten nichts – ich kann mein Kind mit der opulenten Vierer-Kombi Olympia Seraphine Hildegard Marielle beglücken oder es einfach Pia taufen. Namen verlangen uns nichts Bestimmtes ab. Trotzdem: Bei der Wahl unseres bellenden Mitbewohners haben wir einen gewissen Spielraum, wie bei anderen Lifestyle-Entscheidungen (Automarke, Urlaubsort …) auch. Und bestimmt ist es nicht bloß Zufall, dass der Name meiner Tochter nicht in den Top 500 zu finden ist und mein Herz nun auch für einen bunten Hund – eine Vier-Rassen-Kombi – schlägt.

Team Wikinger oder Team Weichbrötchen?

Ragnar

Ich habe mal wieder in Online-Namensforen gespickt und bin auf Ragnar gestoßen, einen erstklassigen Zankapfel: Die einen sind „auf Anhieb verliebt“, die anderen finden diesen Namen „einfach nur schrecklich“. Die Anti-Ragnar-Fraktion schreibt sich im virtuellen Disput regelrecht in Rage: „Ruf den mal ganz laut und überlege, was du deinem Kind damit antust“ heißt es da und von einer anderen Schreiberin: „Stellt euch vor, ihr seid verliebt und fragt nach dem Namen und euer Gegenüber sagt ‘Ragnar’ …“ Und weiter: „Selbst für einen Erwachsenen finde ich den Namen schlimm. Ob euer Sohn damit glücklich sein wird?!“

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Wenn drei einen Hundenamen suchen

Hundemädchen Elly
Hundemädchen Elly (Foto: Annemarie Lüning)

Wenn einer einen kleinen Hund bekommt, dann kann er was erleben. Das geht bei der Namenssuche los – gerade als Vornamensbloggerin! Mir schwebte als Name für unseren Welpen eigentlich Margo vor, nach der niedlichen Brillenträgerin aus „Ich – Einfach unverbesserlich“. Immerhin mögen wir, Vater, Mutter, Kind, diese Filme alle gern. Es kam aber anders.

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Bingo und der Junge Leni

Bingo © Sherry - fotolia.com
Bingo © Sherry – fotolia.com

Ein paar Jahre sind es mittlerweile schon, die ich Namensdiskussionen im Netz teilnehmend beobachte. Mit der Zeit habe ich angefangen, Bingo zu spielen. Auf Normalo-Plattformen (die von Nischen-Foren mit eingeschworenen Onomastikern zu unterscheiden sind) dauert es nämlich bei lebhaftem Austausch nie besonders lange, bis man Häkchen hinter mehrere der folgenden Wendungen machen kann:

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