Artikel von: Annemarie Lüning

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

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Roswitha reitet

Meine Tochter reitet jetzt einmal die Woche („… und Reiter werden ja immer gebraucht“). Das und die Tatsache, dass der Sohn meiner Cousine Philipp heißt, hat mich zu meinem heutigen Beitrag inspiriert: einer Namenssammlung für Pferdemädchen und -jungs und allen, die es werden sollen. Tatsächlich passt Philipps Name ziemlich gut, bedeutet er doch – vom griechischen „philos“ und „hippos“ – „Pferdefreund“, weshalb, nebenbei bemerkt, die in Deutschland mit 70 Prozent am häufigsten anzutreffende Schreibweise mit einem l und doppeltem p naheliegend ist. Pferde spielten für die Familie meiner Cousine eine wichtige Rolle. Philipp zog allerdings Fußball vor.

Das weibliche Gegenstück zu Philipp, Pferdefreundin Philippa, verdankt seine relative Popularität – ein Platz in den Top 500 seit 2011 – womöglich weniger seiner Bedeutung als vielmehr Philippa „Pippa“ Middleton, die ihre Kehrseite just in jenem Jahr bei der Hochzeit des britischen Thronfolgers ins beste Licht setzte. Auch der Name Pippa ist mir seither ein paarmal begegnet.

Thema: Namensgebung

Gute Frage 8: Stört bei Theo die Bedeutung?

Ein neuer kleiner Theo(-dor) in meinem Umfeld ist schuld daran, dass sich mein heutiger Text um eben diese Namen dreht: Theo und Theodor. Zwei wieder ziemlich angesagte Vertreter (Platz 27 bzw. 95), die in den einschlägigen Online-Diskussionen immer wieder mit bestimmten Fragen verknüpft werden: Kann man einen Namen wie Theodor, der – von „theos“ für Gott und „doron“ für Geschenk – „Geschenk Gottes“ bedeutet, vergeben, wenn man mit Gott nichts am Hut hat? Ist es überzogen oder nur konsequent, wenn Atheisten diesen Namen ähnlich wie aus der Bibel Stammendes für sich ausschließen?

Nach meinem Empfinden kommt gerade die Bedeutung „Geschenk“ gut an, und das beileibe nicht nur bei Kirchgängern (was ja auch völlig in Ordnung ist). Immer mal wieder treffe ich auf Eltern, die gezielt nach dieser Bedeutung suchen. Auch Jonathan, Jesse, Dorothee, Matthias und dessen moderne Kürzel wie Mattis sowie viele andere zählen dazu.

Theo

Doch nun kommt Theo: Zum aktuellen Kurznamentrend passend, ist er deutlich beliebter als seine gesetzter wirkende Vollform. Nicht jedoch bei jenen, die es mit dem Übersetzen der Bedeutung ganz genau nehmen: „Den Namen Theo hätte ich so nie vergeben, weil er eben nicht ‚Geschenk Gottes‘ bedeutet, sondern nur ‚Gott’“, so habe ich es von einer Theodor-Mutti gehört, die ihren Sohn dessen ungeachtet meist mit der Kurzform ruft und vorstellt. Würde Sie die Bedeutungsfrage hier stören? Oder finden Sie, dass man die Bedeutung der Langform auf das Kürzel übertragen kann? Dass alle Theo-Eltern ihre Söhne als kleine Götter installieren wollen, ist wohl eher nicht anzunehmen.

Ein Hintertürchen für atheistische Liebhaber der Kurzform findet sich auch: Theo könnte auch als Kurzform von Theobald oder Theoderich verstanden werden. In diesen latinisierten Varianten der Namen Dietbald und Dietrich steht die erste Silbe für „Volk“. Theo – der legitime Nachfolger von Dieter oder Volker?!

Wie sehen Sie das? Spielt die Bedeutung für Sie überhaupt eine nennenswerte Rolle? Hier gibt es in der Welt der Babynamenssucher auch manches Extrem zu entdecken, etwa die freie Übersetzung zusammengewürfelter Namenskombinationen (Beispiel: Aurelia Jocelyn, „die einzig wahre Goldglänzende“). Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Thema: Namensgebung

Agathas Namen

Es musste nicht erst „Downton Abbey“ daherkommen, um uns zu zeigen, dass Evelyn im Englischen in seltenen Fällen auch männlich kann: Wer den Miss-Marple-Klassiker „Vier Frauen und ein Mord“ kennt, ist längst im Bilde. Übrigens erlebte Evelyn – als Mädchenname natürlich – vor einem Dutzend Jahre ein Comeback und ist seither wieder recht gebräuchlich (zuletzt Platz 165). Ob’s an der Schweizer „Popstars“-Siegerin von 2001, Evelyn Zangger, lag?

Jedenfalls: Obwohl – oder gerade weil?! – Agatha Christies Todestag sich 2016 schon zum vierzigsten Mal gejährt hat, finden sich in ihren Werken etliche Namen, die aufhorchen lassen und die vielleicht auch Eltern hierzulande gefallen könnten. Allerdings würde ich gerade Unbekannteres überwiegend einfach deutsch sprechen statt mit englischem Zungenschlag (Namen mit -th wie Anthea oder Ruth ohnehin). Das scheint mir kaum verwerflich, da die meisten Namen ihre Wurzeln ohnehin anderswo haben. Sogar der beliebte Henry (Platz 13), bei Frau Christie etwa vertreten durch den Kommissar a.D. Sir Henry Clithering, klingt aus dem Mund eines Briten anders als aus dem deutscher Henry-Eltern. Sei’s drum!

Das geheime Buch der Schwesternschaft

Wie ich schon früher feststellen konnte, ist man als Namensbloggerin immer im Dienst, sogar – oder gerade?! – auf einer Mutter-Kind-Kur. Es fing gleich im Aufnahmegespräch an: Ich erzählte von meinem Hobby, Frau Doktor parierte mit dem besonderen Namen ihres neuesten Enkelkinds und kam von da auf ein spezielles Buch im Schwesternzimmer der Klinik: „Darin sammeln unsere Krankenschwestern die ungewöhnlichsten Namen der Kurkinder.“

Geheimes Buch © Photocreo Bednarek - fotolia.de

Foto © Photocreo Bednarek – fotolia.de

Klar, dass ich sofort von brennender Neugierde erfüllt war. Aber, das muss ich leider gleich nachschieben, ich habe diese Sammlung während der gesamten Kur nicht zu Gesicht bekommen. Als ich einmal am nächsten dran war, konnte man das Schriftstück angeblich nicht finden. War mein Interesse zu heikel?! Immerhin erfuhr ich von Schwester 1, dass es sich um eine Kladde im DinA4-Format handele, in der im Lauf des letzten halben Jahrs gut vierzig Vornamen gelandet seien, „nur so, ohne besonderen Zweck“. Ob es mehr Mädchen- oder mehr Jungennamen seien? „Jungen“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Manchmal hört man einen Namen und ist gleich total gespannt, wie wohl die Geschwister dazu heißen“, plauderte Schwester 2. „Wir hatten mal eine Familie hier, da hießen die Söhne wie Figuren aus einem Western.“ Jesse, James und Jack? Wayne und Wyatt? Lucky Luke, Joe und Rantanplan? „So genau weiß ich das nicht mehr.“

Schade, aber ich habe mich schnell getröstet: mit dem Studium der allgemein zugänglichen Gruppenbilder und Danke-für-die-Kur-Collagen in den Fluren der Klinik. Dabei fand ich zum Beispiel …

  • ungewöhnliche Zweitnamen zu gewöhnlichen Erstnamen: Laura Eowyn, Fynn Ambrosius, Anna Morgaine
  • nicht ganz unproblematische Bindestrichnamen: Aymée-Chantal, Rosa-Soleya, Lilli-Fabienne
  • Geschwisternamen aus einem Guss: Levke & Tjorven, Ricardo & Aaliyah, Kevin & Dennis, Daniela & Tanja, Marvin, Marius & Marten
  • für meinen Geschmack allzu ähnliche Geschwisternamen: Linus & Luis, Annika & Jannik, Lynn & Finn
  • auch Spezielleres: Anais (Bruder: Odin), Ayrton, Finan, Jorrit, Mimi, Nitze, Sharanna, Yvetta
Thema: Namensgebung

Merle hat jetzt Abi

Aus der Generation der um 2000 herum Geborenen kenne ich kaum jemanden. So war ich neulich ziemlich verblüfft, als ich eine Abiturientenliste aus unserem Nachbarstädtchen Bargteheide durchgesehen habe: Von 78 Schülerinnen – die Jungs habe ich nicht gezählt – trugen ganze sechs den Namen Merle. Mir war nicht bewusst, dass der mal soo häufig war (aktuell steht Merle in Deutschland auf Platz 58).

Kein anderer Mädchenname taucht in der Liste auch nur annähernd so oft auf. 1998, im mutmaßlichen Geburtsjahrgang der Abiturienten, waren Anna und Jan die Spitzenreiter. Abi gemacht haben in dem Bargteheider Gymnasium nun aber nur eine Anna, komplett Anna-Lena, und zwei Jans, einer davon ein Jan-Ole. Was dafür spricht, dass die häufigsten Namen schon damals längst nicht mehr so häufig waren wie in meiner Generation in den frühen 70ern. Der einzige Name, der sonst noch öfter als zweimal vertreten ist, ist Jannik, 1998 auf Platz 13: einmal Jannik, dreimal Yannick geschrieben (nach Yannick Noah?). Je einen Ben und eine Emma gibt es übrigens auch.

Was kann für den Zweitnamen als Rufnamen sprechen?

Bei zwei Vornamen wird gern angenommen, Name eins sei der Rufname. Das stimmt auch meistens, muss aber nicht zwingend so sein. Was dafür sprechen kann, einen nachgeordneten Namen zum Rufnamen zu küren, und worauf Sie dabei gefasst sein sollten: Zweitname als Rufname – kein Problem?

Thema: Zweitnamen

Könnte jeder Name abrutschen?

Schon ein paar Mal bin ich in Namensdiskussionen über die Behauptung gestolpert, man könne ungeniert irgendeinen Namen wählen. Schließlich wisse sowieso niemand, welcher Name einmal abrutschen und an die Stelle von Kevin oder Chantal treten werde. Angesprochen sind dabei natürlich Leute, die genau das befürchten: versehentlich den „falschen“ Namen zu vergeben, zum Leidwesen ihres Kindes.

Thema: Kevinismus

Dr. Cato und Pfleger Denny

Eine Jekyll-und-Hyde-Geschichte ist es nicht, die man jetzt in den Zeitungen unter „Vermischtes“ lesen konnte, sondern ein klassischer Fall von Hochstapelei: Fünf Jahre lang arbeitete ein gelernter Krankenpfleger als Arzt, lebte sogar ein Jahr lang in Saus und Braus als Schiffsarzt auf der „AidaVita“. Die Schwindelei flog bloß deshalb auf, weil der selbst ernannte Medizinmann seinen Vornamen nicht leiden konnte: Denny. Und psst … in diesem Punkt kann ihn verstehen.

Mir würde ja schon Danny besser gefallen, weil ich Denny bis eben gerade – als ich den Namen nachgeschlagen habe – für eine der deutschen Aussprache angepasste Version dieses Namens gehalten habe. Tatsächlich kommt Denny aber gar nicht von Daniel, sondern von Dennis. Aber ob nun Denny oder Danny: Beides passt wirklich besser zu einem netten Pfleger als zu einem ausgewachsenen Halbgott in Weiß, oder?