Die Ahnenforschung und ich

Ahnenforschung – Namen und Geschichte

Vor einiger Zeit habe ich mit Ahnenforschung angefangen, etwas, dass ich schon sehr lange machen wollte, wofür ich aber nie die Zeit gefunden habe. Die Ahnenforschung verknüpft dabei zwei große Interessengebiete von mir: Namen und Geschichte. Die Familie meine Mutter stammt aus Oberschlesien im heutigen Polen. Als meine Uroma Pelagia geboren wurde, gehörte es zu Deutschland, wenige Jahre vor ihrer Geburt war es ein Teil des Königreich Preußens (aus der Zeit haben ich sogar ein Dokument mit Briefmarke gefunden). Der Name meiner Uroma bedeutet übrigens „die offene See“, was passte, da sie hellblaue Augen hatte. Sie war eine wundervolle Frau, die den besten Apfel-Streusel-Kuchen backen konnte und die ich nach fünf Jahren immer noch ein wenig vermisse. Sie erzählte mir gerne von früher, über ihre Kindheit oder die ihrer Kinder, in ihren letzten Jahren auch über den Krieg. Sie erzählte über ihren Vater Johann, der im ersten Weltkrieg ein Bein verlor – in Verdun, wie ich im Zuge der Forschung herausgefunden habe. (An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich Pazifistin bin und keinen Krieg gutheiße, auch nicht, wenn er hundert Jahre zurückliegt, aber ich finde es beachtlich, dass mein Ururgroßvater die Amputation unter vermutlich katastrophalen Bedingungen überlebt hat. Er wurde 80 Jahre alt). Ihre Mutter Clara war kurz nach dem 2. Weltkrieg gestorben, über sie weiß ich nicht viel. Uroma erzählte auch über ihre Geschwister, von denen ich die älteste Schwester Martha (1908 geboren) noch kennengelernt habe.

Weitere Geschwister

Ich war sehr überrascht, als ich feststellte, dass meine Uroma neben Martha, Robert und Luzie noch drei weitere Geschwister hatte, die als Babys vor Uromas Geburt starben. Tante Martha war demnach gar nicht die älteste Schwester, sondern Marie Johanna, neben ihr gab es noch Angelika und Maria Magdalena. Auch wusste ich nicht, dass Tante Luzie eigentlich zwei Vornamen hatte: Luzie Julie. Ein wenig unfair finde ich das für Tante Angelika und Tante Martha schon, bei denen weiß ich sicher, dass sie nicht mehr Vornamen hatten. Zu Onkel Robert habe ich noch nichts gefunden. Meine Uroma Pelagia erzählte einmal, dass sie auch einen zweiten Namen hätte: Johanna. Gut möglich wäre es aber schon, da die Mutter ihrer Mutter kurz vor ihrer Geburt starb und Johanna hieß.

Je weiter ich in die Vergangenheit reiste, desto mehr häuften sich die Namen. Meine direkten Urahnen von Urgroßeltern bis Ururururururgroßeltern (bei den letzten fehlen mir noch einige) trugen folgende Namen: Adolf, Albert, Anastasia (2), Anna, Anton, Barbara, Benjamin, Clara, Caspar, Eleonore, Franz, Franziska (3), Georg, Hieronymus, Ignatz, Jacob, Johann (4), Johanna (2), Josef (2), Josepha, Klara, Katharina, Marianna (2), Marie, Olga, Pelagia, Petronella, Rochus, Rudolf, Thomas

Natürlich habe ich mir auch die anderen Urahnen angesehen. Ich kann daher sagen, dass insgesamt viele erwartbare Namen vergeben wurde, von denen man einige auch in den Babynamen der Woche finden könnte wie Alexander, Pauline, Maria, Ottilie Katharina, Robert, Rosalie oder Luzia. Einige Namen sind jedoch ungewöhnlicher.

Sieben Namen unter die Lupe genommen

  1. Hieronymus – der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Mann mit dem heiligen Namen“. Der bekannteste Namensvertreter ist der niederländische Maler Hieronymus Bosch. Die französische Variante Jerome dürfte jedoch mehr Namensvertreter haben.
  2. Caspar – stammt aus dem Persischen und bedeutet „Schatzmeister“. Bekannt ist der Name durch die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Baltasar. Dann gäbe es noch das kleine Gespenst Casper sowie die wenig charmante Bezeichnung des Suppenkaspers, nicht zu vergessen, das Kasperle aus dem Puppentheater.
  3. Rochus – ist die latinisierte Form des althochdeutschen Namens Roho, welcher vom althochdeutschen rohon „Kriegsruf“ abgeleitet ist. Die italienische Form Rocco dürfte aber ein wenig geläufiger sein. Ich muss bei dem Namen immer an Rochen denken, die majestätisch durch das Meer gleiten.
  4. Benjamin – ist in der Bibel der jüngste Sohn Jakobs und seiner Frau Rahel. Da diese an den Folgen der Geburt stirbt, schlägt sie den Namen Ben-Oni vor „Sohn der Not“. Jakob möchte verständlicherweise eine positivere Bedeutung für seinen Sohn und nennt ihn Benjamin, „Sohn der rechten Hand“. Der Name ist für mich mit einem Großcousin verbunden, den alle nur Benni nennen und natürlich mit Benjamin Blümchen (törör!). Aktuell belegt Benjamin übrigens Platz 48 und liegt damit weit hinter seiner Kurzform Ben (Platz 2). Der Name Benjamin ist an sich ja nicht ungewöhnlich, doch wurde er erst ab 1970 vermehrt vergeben. Mein Ururururopa Benjamin wurde jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren.
  5. Eleonore – die Bedeutung des Namens ist nicht ganz geklärt. Die erste bekannte Vertreterin des Namens ist Eleonore von Aquitanien. Diese wurde im Altfranzösisch als Alienòr bezeichnet. Man geht davon aus, dass sie wie ihre Mutter Aenor hieß, um sie von dieser zu unterscheiden, wurde sie alja Aenor („die andere Aenor“) genannt. Alja Aenor verschmolz dann zu Alienòr. Eine andere Herleitung stammt aus dem Arabischen: Aḷḷāhu nūr-ī, was „Gott ist mein Licht“ bedeutet. In Deutschland wird der Name seit Jahrhunderten vergeben, wobei die Beliebtheit nach 1942 erheblich annimmt. Zwischen 2006-2018 wurde der Name nur 450 Mal als erster Vorname vergeben. Die Variante Ellinor gehört übrigens zu meinen Lieblingsnamen.
  6. Marcian – der Name eines Urururgroßonkels, der mit 18 verstarb. Ein Mal taucht der Name in den Babynamen der Woche auf (51/2013). Ein berühmter Namensvertreter ist hierbei der Oströmische Kaiser Flavius Marcianus, heutzutage besser als Markian bekannt. Wahrscheinlich wurde Onkel Marcian aber nach dem Heiligen Markianos, dem ersten Bischof von Syrakus, benannt. Der Name geht vermutlich wie Marcus auf den Kriegsgott Mars zurück.
  7. Bronislava – der Name stammt aus dem Slawischen und leitet sich von bronja „Panzer/Ruhm“ und slava „Ehre“ ab. Ich habe diesen Namen zuvor noch nie gehört, aber anhand der vielen Ergebnisse, die ich zu dem Namen erhalte, war er im 19. Jahrhundert wohl gar nicht so selten. Meine Oma Rosemie erzählte mir, dass der Name auch im 20. Jahrhundert in Polen gerne vergeben wurde.

Inkonsequente Namensvergabe

Apropos Bronislava. Der Preis für die inkonsequenteste Namensvergabe geht an meine Urururgroßeltern Joseph und Franziska, die sich wohl nicht so ganz entscheiden konnten, ob es denn nun slawische (wie bei meiner Ururoma Anastasia) oder im deutschen Kaiserreich übliche Namen sein sollten und alles bunt durchmischt haben:

  • Petronella
  • Johann
  • Bronislava
  • Stanislava
  • Anastasia
  • Maximilian
  • Hedwig & Pauline
  • Eleonore

Da ich mit meiner Suche erst angefangen habe, werde ich hoffentlich noch viel Verwandte entdecken. Neben Josepha gibt es noch einen Mädchenamen, der es mir als potenzieller Zweitname angetan hat: Marianna. Ein Name, den ich schmerzlich in meiner Ahnenliste vermisse, ist Elisabeth, einer meiner Lieblingsnamen, aber wer weiß, vielleicht taucht er noch auf. Ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufendem.

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8 Gedanken zu „Die Ahnenforschung und ich“

  1. Faszinierende Familiengeschichte und faszinierende Namen.

    Hieronymus, Rochus, Bronislava, Marcian, Pelagia, das sind Namen aus einer ganz anderen kulturellen Welt, als der, in der meine Vorfahren lebten. Eben eine katholische Kulturwelt, mit vielen Heiligennamen, und dazu noch der östliche/slawische Kontext.

    Die meisten meiner erforschbaren Vorfahren waren Protestanten, außer die in der Eifel. Bei denen fällt vor allem auf, dass ihre Namen, die im 19. Jahrhundert vergeben wurden, relativ modern klingen: Stephan, Michael, Peter, Anna. Germanische Namen wie Wilhelm, Karl, Gertraud, und ähnliches waren nicht angesagt, stattdessen Heiligennamen, aber eher biblische Heiligennamen, nichts wie Pelagia oder Hieronymus, mit einer Ausnahme: es gab eine Apollonia.

    Die Namenswelt Deiner Vorfahren finde ich besonders interessant und schön. Frage mich, wie Hieronymus im Alltag genannt wurde–was wäre ein traditionelles Kürzel dafür. In den USA ist die englische Version des Namens, Jerome, bei Katholiken und Juden traditionell sehr beliebt (heute eher nicht mehr), mit der Alltagsrufform Jerry. Auch Jerry Seinfeld heißt ja eigentlich Jerome Seinfeld. Von Hieronymus zu Jerry–das ist ein weiter Weg.

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  2. Leider ist Hieronymus schon zu lange verstorben, sodass ich niemanden fragen kann, wie er gerufen wurde (interessiert mich nämlich auch ) Kopfzerbrechen bereitet mir im Moment mehr sein Nachname. Auf der Sterbeurkunde steht plötzlich ein ganz anderer Name als auf allen andern Dokumenten („Hieronymus Mikulski, genannt Tunk“) und ich habe leider noch nicht herausgefunden, weshalb er dann sein Leben lang als H.Tunk durchs Leben ging.

    Meine Uroma Pelagia wurde von ihrer Mutter Pelagie genannt, sonst Pelka (erinnerte mich immer an Pellkartoffel).
    Sie sagte häufig: „Ich hatte so große Geschwister, warum haben die mir nicht einfach einen Namen gegeben oder was gegen Pelagia gesagt.“

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  3. Ja, die Namen schlesischer Vorfahren sind eine fast unerschöpfliche Quelle für alle angehenden Eltern, die auf der Suche nach einmaligen, unverwechselbaren Namen sind 😉

    Hab hier noch ein paar weitere:

    – Albina
    – Alois
    – Bartholomeus
    – Benedicta
    – Caelestina
    – Damasius
    – Genoveva
    – Hilaria
    – Ignaz
    – Jadwiga
    – Jerzy
    – Leopold
    – Melchior
    – Silveria
    – Thekla
    – Theophil

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    • Ignaz ist als Ignatz in meinem Stammbaum vertreten. Alyos und Alyosius (bei mir immer mit y)sogar mehrmals:-)

      Bei Jerzy bin ich mir nicht sicher, ob das nicht ein polnischer Name ist. Den Namen bekam mein Uropa Georg nach 45 von den polnischen Behörden zugewiesen, mein Uropa Rudolf bekam einen ganz anderen Namen, sogar einen Doppelnamen, da muss ich aber meine Großeltern fragen.

      Hast du auch schlesische Vorfahren oder bist du einfach ein Fan von schlesischen Namen (wenn ich fragen darf)?

    • Jerzy = Georg, das ist eine gute Idee, damit werde ich nochmal weiter „forschen“!

      Ich habe auch Ahnen aus Kattowitz. Und ich habe schon oft gestaunt, dass die fast ausnahmslos nur einen einzigen Vornamen hatten, während die Ahnen aus allen anderen Gegenden regelmäßig 2 bis 4 Vornamen bekamen. Aber bei so vielen extravaganten Vornamen waren Verwechslungen wohl trotzdem kein Problem… 😉

    • Aus Kattowitz stammen angeheiratete Verwandten 🙂 Meine Familie kommt aus Reinschdorf, im Kreis Cosel.

      Ich hatte anfangs gedacht, dass nur meine Familie einnamig fährt, doch beim digitalen Durchblättern sah ich, dass es wohl so üblich war.
      Manchmal besteht ein ganzer Jahrgang gefühlt zur Hälfte aus Josef, Franziska, Anna (vermutlich wegen des Annabergs) und Johann.

  4. Zum Namen Eleonore habe ich von 2 weiteren möglichen Ursprüngen gelesen:

    – Eleonore von Aquitaniens Uroma, Aleanor de Thouars (11. Jh.), wurde in manchen zeitgenössischen Schriften auch Adenor/Adenordis genannt. Die Bedeutung dieses Namens sei noch unklar, eine Ableitung von Adamardis möglich, der weiblichen Form zu Audamar/Otmar („sagenhaftes Erbe“).

    – Vielleicht ist es auch eine Ableitung des gälischen Namens Elienen („Funken“), mit dem bereits im 6. Jh. die sagenhafte gälische Königin Ailinn auch bezeichnet wurde.

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