Alle lieben Milan – oder?

Es gibt eine merkwürdige Dynamik in Namensforen. Plötzlich ploppen Namen auf, die man in seinem Umfeld gar nicht so oft hört, und bekommen von allen Seiten lebhaften Zuspruch. Kann natürlich an einer natürlichen Fluktuation der Mitglieder liegen – frischgebackene Mütter bleiben aus, neue Schwangere stoßen dazu, nur die hartgesottenen Fans sind immer da. Vielleicht stecken aber auch allgemeine Trends dahinter? Jedenfalls ist das Internet-Grüppchen, über das ich schon früher investigativ (na ja) berichtet habe, für mein Empfinden in der letzten Zeit etwas von den „Ami-Namen“ abgekommen.

Stattdessen in aller Munde: extrem softe Jungennamen wie Lian (in den Charts zuletzt auf Platz 109) und Lias (Platz 117), die mir eher als gelallte Fragmente denn als vollständige Namen erscheinen. Namen, die wie von einem Kleinkind, das „Maximilian“ noch nicht aussprechen kann, erfunden wirken und die womöglich als Alternative zum zuletzt sehr beliebten Elias (Platz 9, in Bremen sogar auf Platz 2) gesehen werden. Letzteres gilt auch für den Namen Elian (Platz 248). Und auf den Namen Milan scheinen sich sowieso (fast) alle einigen zu können. Ständig lese ich: „So heißt mein Sohn auch.“ Oder: „So wollen wir unseren kleinen Prinzen auch nennen.“ (Wann hat das eigentlich angefangen, dass alle (?) von ihrem „kleinen Prinzen“ sprechen? Hat ja wohl nichts mit dem Royal Baby II zu tun.)

Rotmilan © Joachim Neumann – Fotolia.com

Okay, es gab auch schon Milan-Schelte, aber wirklich sehr vereinzelt: „zu osteuropäisch“, „Fußballverein“ und – ornithologisch bewandert – „Das ist ein Vogel und kein Name“. Dennoch tippe ich mal, dass Milan bald eine bessere Platzierung als bloß Rang 52 haben wird. Voll im (internationalen) Trend oder gar Vorbilder: Shakira und ihr Fußball-Mann Gerard Piqué, deren Erstgeborener (Jahrgang 2013), genau, Milan heißt. Mir ist der Name im Jahr 1980 erstmals untergekommen, in der in Jugoslawien spielenden Fernsehserie „Die rote Zora“, in der ein leichtlebiger Geiger namens Milan vorkommt. Wenige Jahre später las man dann Bücher des tschechisch-französischen Schriftstellers Milan Kundera, allen voran „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Ende der 90er schließlich nannte eine Bekannte ihren Sohn Milan – und ich fand’s richtig cool.

Foto: © Joachim Neumann – Fotolia.com

Und außerdem …

9 Gedanken zu “Alle lieben Milan – oder?”

  1. Entschuldigung, wenn ich schon wieder was sage, aber ich kann mir das jetzt einfach nicht verkneifen:

    Den Namen Milan hat man im Deutschland der späten 70ern und frühen 80ern oft dadurch zu Bewußtsein gebracht bekommen, daß in Ede Zimmermanns „Aktenzeichen XY ungelöst“ so überdurchschnittlich häufig nach Milans gefahndet wurden. :mrgreen: Wenn ich den Namen Milan höre, habe ich geradezu die Gesichter von Peter Nidetzki und Konrad Toenz vor Augen.

    Jedenfalls ist das einwandfrei ein südslawischer Namen, ich weiß nicht, ob mehr serbisch oder kroatisch. (Die Silbe „mil-“ heißt in slawischen Sprachen sowas wie „lieb“, „freundlich“. Kann aber sein, daß das hier etymologisch nichts zur Sache tut.)

    Der Raubvogel und die wohl nach ihm benannte Panzerabwehrrakete werden ja auch anderes betont, nämlich auf der zweiten, langen Silbe.

    Daß jeder Sportreporter, der seine Weltläufigkeit und Kompetenz beweisen will, den AC Mailand unbedingt immer nur „Milan“ nennt, ist auch noch eine recht junge Marotte, glaube ich.

    Das mit diesen Extremsoftnamen ist wirklich ein Phänomen… Aber für meine Generation klingt Milan eben im Gegenteil nach „hartgesottener Jugo-Ganove“ (trotz Kunderas).

    „Unser kleiner Prinz“ – au Mann, die armen Jungs…

  2. Das mit dem “kleinen Prinz” macht mich auch immer ganz wahnsinnig! Meiner Meinung nach, ist das eine Sache der Emanzipation und die ganzen Muttis, die lieber ein Mädchen wollten und nun beleidigt sind, weil sie nicht “meine kleine Prinzessin” sagen können, haben das eingeführt.

    • da fällt mir eine Szene von der Fernsehserie “Scrubs” ein, wo Jordan und Dr. Cox über ihr Kind, den kleinen Jake sprechen.
      Sie: “Und nachher gehen ich mit ihm in den Balettunterricht.”
      Er: “Reicht es nicht, dass er in einem Matrosenanzug steckt? Willst du, dass er schwul wird?”
      Sie: “ich hab mich noch nicht entschieden.”
      (sinngemäß wiedergegeben)

  3. Auf die XY-Assoziation wäre ich nie gekommen, hab ich selten geguckt (oder bin zu jung?! 😉 ).

    Man kann übrigens auch noch einen Extravokal einbauen: Milian gibt es auch.

  4. Milan finde ich an und für sich sehr schön. Als Englischsprachiger denke ich allerdings an den englischen Namen für Milano (engl. Milan eben), so dass der Name mir wie ein Städtename vorkommt.

    Auch wirkt der Name im Deutschen schon sehr neuimportiert…

    • @Mark: Milan ist der original milanesische Name der Stadt Mailand, nicht Milano. Alle Mailänder die ich kenne, sagen sie kommen aus Milan, wobei das N hinten kaum hörbar ist – eher Milaa ausgesprochen. Hierin wird auch der Ursprung der englischen Version liegen.

      @All: Ich werde mein Kind weder Milan noch Paris noch Düsseldorf nennen.

  5. Auch mir ist das aufgefallen, habe in letzter Zeit von mehreren Neugeborenen namens Milan gehört, dachte dann aber, es wäre Einbildung 😉

    Wenn ich ehrlich bin, mag ich den Namen gar nicht. Zum einen wegen dem Raubvogel, bei dem man ja die zweite Silbe “lan” betont, während man beim Namen eher das weiche “Mi” betont. Zum anderen muss ich immer an das Wort “Elan” denken 😀 Irgendwie passt das bei mir nicht zusammen, aber das sehen viele Eltern wohl anders.

    Schrecklich finde ich den Namen natürlich nicht – durchaus vergebbar, aber eben nicht mein Geschmack 😉 Milo würde mir da besser gefallen.

  6. Milan finde ich auch blöd.

    “Lian” und “Lias” finde ich erst recht blöd. Ich finde, es hat so etwas Gewollt-Trendsetterisches, so wie in Schweden die Kurzformen “Stina” für Christina oder “Livia” für Olivia. Gottchen – was sind wir wieder kreativ und mega-hip !!

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