Balian, der Selbstbestimmte

Zu den vielen faszinierenden Aspekten des Themas Vornamen gehört für mich dieser: Eltern wählen für ihre Kinder. Die wachsen dann in ihren Namen hinein – oder gelegentlich vielleicht auch mal nicht. Es gibt nur wenige Ausnahmesituationen, in denen Erwachsene sich selbst einen Namen aussuchen können. Die Einbürgerung von Ausländern etwa. Auch die Wahl eines Künstlernamens kann man wohl dazuzählen, und ein gewisser Jorge Mario Bergoglio, keinesfalls zu verwechseln mit dem schillernden Modeltrainer Jorge Alexis Gonzalez, ließ sich bei seiner Umbenennung vom heiligen Franz von Assisi inspirieren: Er heißt jetzt Papst Franziskus.

Womit wir beim Titelthema dieses Textes wären: Jorge Gonzalez urteilt seit letzter Woche als Juror bei „Let’s Dance“ (freitags auf RTL) unter anderem über die tänzerischen Qualitäten von Balian Buschbaum. Buschbaum, Jahrgang 1980, feierte Erfolge als Stabhochspringerin und hieß Yvonne – bis zu ihrem/seinem Outing als Transsexuelle sowie geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Buschbaum stand damit die weite Welt der Vornamen offen. Er hätte sich einfach, klanglich verwandt, für Ivo oder Yves entscheiden können. Er hätte nach Namen suchen können, die in seinem Jahrgang ähnlich verbreitet waren wie Yvonne (1980 Platz 13). Andreas, Patrick oder Sven vielleicht. Doch wer Buschbaum heute offen über seine anatomischen Besonderheiten reden hört, ahnt: Ein solcher „Tarnkappen-Name“ hätte nicht gepasst. Die Wahl fiel auf markante Doppel-B-Initialen und auf Balian.

Wie der Papst hat auch Buschbaum ein Namensvorbild: In einem Fernsehauftritt bei Johannes B. Kerner verriet er 2008, seinen Namen im Film „Königreich der Himmel“ (2005) entdeckt zu haben, in dem der edle Ritter Balian (Orlando Bloom) „alles verliert und sich dann auf eine Reise begibt, auf der er sich selbst und seine Aufgaben kennenlernt.” Der Film basiert frei auf der Geschichte der historischen Figur des Balian von Ibelin. Laut der Datenbank von beliebte-Vornamen.de dürfte er noch weitere Namensgebungen inspiriert haben, allerdings nur sehr wenige: Der Name Balian wurde 2007 erstmals erfasst, in bislang sieben Fällen. Je einmal trat er kombiniert mit Aaron und mit Valentin als Zweitnamen auf, einmal mit Cornelius als Erstname.

Ob auch Buschbaums Auftritte in der Öffentlichkeit eine Rolle spielten? Möglich wäre es. Für mein Empfinden passt Balian sehr gut zur aktuellen eher weichen Jungennamenmode (Elias, Leander). Die Endung -ian kennt man von Maximilian, Julian, Fabian. Der Klang ist nicht zu exotisch, Schreibweise und Aussprache sind recht eindeutig. Ich bin jedenfalls gespannt, ob „Let’s Dance“ uns mehr kleine Balians beschert. Dass der Name momentan zumindest von RTL-Zuschauern und sonstigen Boulevard-Fans vor allem mit einem Mann, der eine Frau war, in Verbindung gebracht wird, könnte natürlich auch abschrecken. Ich finde aber: Es gibt weitaus schlechtere Vorbilder oder Assoziationen als jemanden, der so mutig und konsequent für sich selbst eintritt.

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Und außerdem …

9 Gedanken zu “Balian, der Selbstbestimmte”

  1. “der Selbstbestimmte”
    Diese Bedeutung wurde jetzt angedichtet, weil der Typ bei RTL rumtanzt…
    Ich finde es furchtbar, wenn so alte Namen durch Unwissenheit so in ihrem Ursprung verhunzt werden.
    Der Name wurde zuerst schriftlich erfasst, im Jahr 1115, als Barisan von Ibelin.
    Balian wurde im laufe der Jahrhunderte durch Übermittlungen daraus.
    Quasi ein Stille Post-Effekt.
    Will man die Bedeutung anhant des Namens herleiten käme man am ehesten auf “Gottes Gnades”, oder “gnädiger Herrscher”.

  2. “Der Selbstbestimmte” war von mir nicht als korrekte Bedeutung des Namens gemeint – wir befinden uns ja nicht im Vornamen-Lexikon -, sondern eben als aktuelle Assoziation und schmissige Überschrift 🙂 Also bitte nicht missverstehen.

    Dass der historische Balian wohl eher Barisan hieß, wusste ich nicht, vielen Dank für den Hinweis!

    • Das war auch nicht persönlich, oder gar aggressiv gemeint. (in geschriebener Form wirkt manches negativer als gemeint)
      Der Artikel ist ja auch nicht schlecht, und der Name rückt ja num mal momentan durch Herrn Buschbaum in den Fokus.
      Mein Sohn heisst Balian und seit der TV Sendung kommen vermehrt Leute darauf, sich Gedanken über mögliche Bedeutungen, oder Herkunft des Namens zu machen, die mich mit einem “oh mein Gott” den Kopf in die Hand legen lassen.

    • Verstehe! 🙂 Was hier denn auch der Film die Inspirationsquelle (um mal neugierig nachzufragen)?

  3. Pardon, erst jetzt gesehen.
    Zuerst kannte ich den Namen von der historischen Figur. Den Film habe ich offen gestanden nur einmal gesehen, und hatte den gar nicht ganz auf dem Schirm, als ich mir den Namen ausgesucht hatte.

  4. Bei Balian wäre es ziemlich egal gewesen ob er sich jetzt Christoph, Sven oder eben Balian genannt hätte. In der Masse hätte er aufgrund seines Bekanntheitsgrades nie untertauchen können. Egal ob häufiger Name oder nicht. Ein Vorname ist jedoch eine komplexe Angelegenheit. Deshalb fällt es ja den meisten so schwer ihren Kindern einen Namen zu geben. Man steht vor der Qual der Wahl und doch passt vieles nicht. Ein Name muss einfach passen und die Sache wird nicht gerade einfacher wenn man sich plötzlich selbst benennen soll. Der Name BALIAN passt nicht nur vom weichen Klang in die jetzige Generation, sondern auch wegen der Tatsache das seltene Namen einfach beliebt sind. Er wirkt auch nicht wie ein Ivo oder Yves. Das ist jedoch nur eine persönliche Einschätzung.
    Ich, Jahrgang 1984, habe mir selbst auch aus dem selben Grund wie Balian einen Namen aussuchen dürfen/können/müssen und das endete in monatelangen Rechergen. Die Wahl fiel trotz vieler seltenerer Namen wie bspw LAURENS am Ende einfach auf den Namen SIMON. Wieso? Es gibt viele schöne Namen, häufige und seltene und Simon war der einzige der einfach passte. Erklären kann ich dieses Phänomen jedoch nicht.

    • Kennst Du den (ganz hervorragenden) Sachbuchautoren Simon Borowiak („Alk“)? Der hat sich Deinen/seinen Vornamen ebenfalls und aus den gleichen Gründen (also mit einer solchen Transgender-Hintergrund-Geschichte) selbst ausgesucht. 🙂

      Ursprünglich hieß der Simone, es war in dieser Hinsicht also kein großer Sprung.

    • Hallo Jan Wilhemls,

      Sorry, dass meine Antwort erst jetzt kommt.
      Nein, den Simon Borowiak kannte ich noch nicht.
      Ich habe es aus diversen Gründen nicht sooo sehr mit dem Terminus “Transgender”, auch (und gerade weil) er inzwischen ein geflügeltes Wort ist und so ziemlich alles bedeutet von Unisexklos bis über Balian Buschbaum. Der Terminus Transsexualität ist da ja medizinisch und juristisch im Gegensatz genau definiert (auch mit entsprechenden Folgekonzequenzen) und zudem auch meine Oma etc. versteht ihn und kann ihn korrekt aussprechen. Mit Anglizismen ist es ja so ähnlich wie mit englischsprachigen Namen in Deutschland. Sie sind Hype und modern, aber nur so lange, bis sie wieder out sind und von einem anderen noch “tolleren” englischen Begriff abgelöst werden und ältere Leute können ihn sowieso meist nicht korrekt aussprechen. Selbst meine Mutter sagt “Transghääänder” und alles und nichts wird damit erklärt was geschlechtlich sich irgendwie “anders” definiert. Die Differenzierung fehlt vollkommen, weil anders sein indirekt als “falsch” angesehen wird. Vielleicht ist ja dass das Problem?

      Ich fand es schon immer faszinierend, wie sich Menschen selbst benennen, die dazu aus diversen Gründen die Gelegenheit dazu haben. Die, die für sich selbst “gewöhnlichere” Namen suchen, tuen dies in aller Regel auch für Ihre Kinder und umgekehrt.

  5. Ahoi Em,

    hm, ich hatte den Begriff „Transgender“ nach nur kurzer Überlegung aus einer Mischung von Eile, Bequemlichkeit und Unsicherheit verwendet – eben gerade, weil er heute so allgegenwärtig ist, und auch, weil ich mir nicht sicher war/bin, ober inwieweit er mit „Transsexualität“ deckungsgleich ist.

    Oft ist es mir egal, mit welchen Begriffen ich wie oder bei wem anecke, solange ich diese Begriffe sachlich oder ästhetisch begründen kann – aber eben nicht, wenn ich einen offenbar Betroffenen direkt anspreche. Und hier war ich mir eben einfach nicht sicher und habe daher auf die Schnelle die meines Erachtens unfallfreiste Bezeichnung gewählt.

    Grundsätzlich finde ich schon den Begriff „Gender“ (also ohne „Trans-“) potthäßlich – im wesentlichen aus den von Dir namhaft gemachten Gründen. Meine Mutter könnte das auch nicht sicher und unbefangen aussprechen, und es ist mir gute Sozialistenpflicht, Sprache für jedermann benutzbar zu halten und mich auch um der Erhalt der deutschen Sprache zu bekümmern. In der DDR hat man das Wort „Festival“ ja auch immer ostentativ als /fEstiwall/ und nicht als /fEstiwl/ ausgesprochen. 🙂

    Wenn von „Gentrifizierung“ die Rede ist, spreche ich das auch grundsätzlich /genn…/ aus – obwohl ich vielleicht sogar etwas besser als mein Gegenüber, das /dzhen…/ sagt, weiß, was die englische „Gentry“, von der das Wort kommt, mal gewesen ist.

    „Gender“ hat aber auch einen Vorteil: Man kann damit das weite Themenfeld von Frauenbewegung und ihrer Geschichte, Geschlechterrollen und -bildern in Geschichte und Gegenwart, Schwulenbewegung, Wahrnehmung von Sexualität etc. pp. knapp, neutral und halbwegs verständlich bezeichnen.

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