Mein seltener Name und ich

Mein seltener Name und ich: Gode

Ich hätte seinen Namen spontan als weiblich einsortiert (ähnlich wie bei Magne, wo ich völlig auf dem Holzweg war). Die friesischen Namen Godje sowie Göntje hatte ich schon mal gehört. Tatsächlich scheint es sich beim Namen Gode aber um ein Unisexmodell zu handeln: Eindeutig weiblich wären Goda und Godela, eindeutig männlich Godehard oder Godwin, als deren Kürzel Gode locker durchgeht. Godric Gryffindor aus „Harry Potter“ fällt mir ein und Gödeke Michels, ein Pirat aus Störtebekers Zeiten, zu dem auch der Name Gottfried Michaelis kursiert.

Mein seltener Name und ich: Elske

Es ist fast ein Märchen: Ein Disney-Film kommt daher, und plötzlich glänzt ein Aschenputtel unter den Vornamen, nämlich Elsa, wieder in den Charts. Sicher war die Zeit reif für diesen Namen, der – im Gefolge von Emma und Ella – bereits seit ein paar Jahren einen gewissen Aufwärtstrend erlebte. Doch „Die Eiskönigin“, zu Weihnachten 2013 in den Kinos, mit einer eisblonden, mit ihren Zauberkräften hadernden Heldin gab dem Namen den entscheidenden Kick in Richtung Top 100.

Mein seltener Name und ich: Oke

Namensverkürzungen oder -verniedlichungen entkommt man nicht so leicht. In meiner Generation wurden (und werden) quasi alle, die Andreas hießen, irgendwann Andi gerufen, aus Michael wurde Michi oder Micha, aus Oliver Olli. Ja, und heute dürfte es fast ein Kampf gegen Windmühlen sein, sich beim Namen Ben gegen Benni, Jonas gegen Joni, Maximilian gegen Max oder Maxi zu wehren.

Namensverkürzungen oder -verniedlichungen entkommt man nicht so leicht – es sei denn, man heißt Oke. Für meinen 1972 geborenen Interviewpartner war das nie Thema. Kurz und selten, damit war Oke gegen Kosenamen recht gut aufgestellt. Oki oder Okchen – klingt nicht. Okidoki allerdings … Ja, mit Namenswitzchen kennt Oke sich weit besser aus. „Alberne Reime wie Oke-Poke, Spielereien mit ‚Okay‘ und dann natürlich Karaoke: ‚Hey Oke, wo ist denn deine Schwester Kara?’“, zählt er auf.

Mein seltener Name und ich

Im Grundschulalter war Oke deshalb nicht so gut auf seinen Namen zu sprechen und machte sogar seinen Namensgebern Vorwürfe. „Leider“, sagt er heute. Okes Eltern stammten aus Nordfriesland, dort ist der Name nicht ungewöhnlich. Wie auch die mindestens genauso seltenen Namen Okke, Ocke, Okko und Ocko soll Oke sich als Koseform (aha!) von Namen mit der althochdeutschen Silbe Ot- für „Besitz, Reichtum“ etabliert haben. Ein nordfriesischer Otto sozusagen.

Mein seltener Name und ich: Magne

Und wieder habe ich einen Namen aufgetan, bei dem ich zunächst ins Schwimmen gerate: männlich oder weiblich? Merke: Magne ist männlich, eine Variante von Magnus („Der Große“). Die weibliche Form wäre Magna. Der 1998 in Sachsen geborene Magne kennt die Unsicherheit, die sein Name auslöst, natürlich längst, von Arztbesuchen oder von an Frau Magne XY adressierter Sparkassenpost. „In der Schule kam es auch ein-, zweimal vor, dass ein neuer Lehrer gefragt hat: ‚Wo ist denn die Magne?‘.“

Mein seltener Name und ich: Berlind

„Wir haben noch keinen Namen, und ich bin schon vier Tage über ET“ – solchen Hilferufen begegne ich in den Weiten des Netzes immer mal wieder. Allzu sehr vor Kreativität überschlagen muss man sich dann allerdings nicht. In gefühlt 98 Prozent der Fälle verkünden die glücklichen Eltern schließlich doch einen Namen, an dem sie schon länger herumüberlegt haben. In letzter Minute etwas komplett Neues in sein Herz zu schließen wäre wohl auch etwas viel verlangt.

Ob es wohl früher mehr Eltern gab, die ohne fixen Favoriten in die Geburt gegangen sind? Bei den Eltern meiner heutigen Interviewpartnerin war es jedenfalls so. Sie kam 1977 in Nordhessen als Hausgeburt zur Welt. „Meine Mutter hatte zu Beginn der Wehen noch keinen Mädchennamen. Wäre ich ein Junge geworden, hätte ich Vasco geheißen. Sie blätterte also in den Wehen liegend im Namensbuch und ist nicht weiter als bis zum B gekommen, weil ich es dann wohl eilig hatte.“ And the winner was – Berlind.

Mein seltener Name und ich: Birka

Mit der Bedeutung von Namen habe ich es nicht so. Vor allem, wenn sie sich nicht intuitiv erschließt, sondern man beim ersten Hören an etwas anderes denkt. Bei Birka ist das so. Meine Assoziationen sind:

  • schlanke Laubbäume mit weißschwarzen Stämmen, Maigrün, Frühling
  • Birk, der beste Freund von Lindgrens „Ronja Räubertochter“

Tatsächlich handelt es sich bei dem Namen Birk, der in Skandinavien seit Beginn des 20. Jahrhunderts gebräuchlich ist (laut Vornamen-Duden), seinen Wurzeln nach wohl eher um eine alemannische Kurzform von Burkhard. In den 60er Jahren soll der Name über Skandinavien erneut nach Deutschland gelangt sein, also lange vor dem Erscheinen der „Räubertochter“ 1981. Birk wird allerdings auch mit dem isländischen und schwedischen Mädchennamen Björk in Verbindung gebracht und bedeutet dort und auch als Vokabel im Dänischen eben doch „Birke“. Birka und Birke sind die weiblichen Formen des Namens. Für Jungen gibt es auch noch Birko.

Mein seltener Name und ich: Jemima

Ihr Name hätte auch Jennifer lauten können, in ihrem Geburtsjahr 1990 auf Platz 3, Jessica (Platz 7) oder Janina (Platz 14). Derartiger Mainstream lag ihren Eltern allerdings fern: Sie tauften ihr erstes Kind auf den Namen Jemima.

Wie, was, Jemima? Ich muss zugeben, dass mir dieser Name lange nur aus der Klatschpresse bekannt war, von der britischen Societygröße Jemima Khan, die vor einigen Jahren mit Schauspieler Hugh Grant liiert war. Deshalb fällt es mir auch erst mal schwer, mich an die deutsche Aussprache zu gewöhnen. Die gebürtige Hamburgerin Jemima weiß, dass ihr Name im englischsprachigen Raum tatsächlich viel bekannter ist. Laut dem Duden-Vornamenlexikon ist er dort seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich.

Mein seltener Name und ich: Marlit

Über den Namen Marlitt (zwei t) habe ich vor zwei Jahren schon mal geschrieben. Als ich jetzt die Gelegenheit hatte, einer Trägerin dieses seltenen Mix-Namens aus Marit und Marlies (eigentlich wohl Maria und Melitta) meine Fragen zu stellen, konnte ich natürlich nicht widerstehen. Also: Marlit (ein t) wurde 1978 in Schleswig-Holstein geboren. Inspirationsquelle ihrer Eltern war ein Film, dessen Titel Marlit allerdings erfolgreich verdrängt hat: „Ich habe ihn mir mal angesehen, aber nicht zu Ende, da ich ihn absolut nicht mochte.“ Zwei jüngere Schwestern folgten, die mit Nina und Lea weitaus geläufigere Namen abbekamen. Marlit war mit dem Kontrast nicht so recht zufrieden – und vor allem nicht mit ihrem Namen, den keiner kannte: „Als Kind hätte ich gerne getauscht. Ich hab auch mal mit meinen Eltern geschimpft, warum sie mir so einen Namen gegeben haben.“

Mein seltener Name und ich

Von Kindern wurde sie hin und wieder verulkt: „Marlit-Poparlit oder so. Ich glaube aber, das hat nicht unbedingt etwas mit dem Namen zu tun.“ Erwachsene taten und tun sich schwer mit dem seltenen Namen. „Da wird dann aus dem einfachen Marlit ein Merlin oder Merrit oder Marlon …“ Typische Reaktion: „Hab ich ja noch nie gehört …“ Deshalb muss sie ihren Namen häufig buchstabieren. Trotzdem: Mittlerweile mag Marlit ihren Namen. „Ein häufiger Name wäre zwar auch okay, aber ich finde es schon nicht so schlecht, nicht wie jede zweite zu heißen.“ Sie hört auch auf Spitznamen: Marli und Male.

Für ihre 2005 und 2008 geborenen Töchter hat Marlit Namen ausgesucht, die weitaus häufig vorkommen als ihr eigener: Mia Marie und Carlotta Elina. „Leider gab es bald nach Mias Geburt einen enormen Ansturm auf den Namen.“ Tatsächlich: 2005 war Mia lediglich auf Platz 24, fünf Jahre später erstmals auf Platz 1. Marlit hat einen konkreten Verdacht, was dahinterstecken könnte: der Werbespot für Froop-Joghurt von Müller („Da kommen die Früchte in den Mixaaa“), der ab 2005 im Fernsehen lief und bei dem der Name der niedlichen Darstellerin Mia eingeblendet wurde, mit vollem Namen Mia-Sophie Rebecca Robin Wellenbrink und – das muss hier gesagt werden – Enkelin des „Melitta-Manns“. Und der Zweitname Marie, der wie Mia (und Marlit!) eine Ableitung von Maria ist? „Den haben wir angehängt, weil unser Nachname nicht so lang ist. War eher eine Notlösung.“ Den Zweitnamen ihrer jüngeren Tochter Carlotta Elina fand sie in einem schwedischen Namensregister: „Ich mag skandinavische Namen sehr gern.“ Mia Marie und Carlotta – ob da die Nähe zu Mia-Maria und Lotta aus der Krachmacherstraße von Astrid Lindgren wohl Zufall ist?!