Von richtigen und rechten Namen

Im Jahr 1941 erstritt ein Hamburger Vater sich das Recht, seinen Wunschnamen zu vergeben: Sven. Sven?! Jawohl: Im Nationalsozialismus galt die Maxime: „Gute deutsche Vornamen für Kinder deutscher Volksgenossen“ – Namen wie Sven, Björn oder Ragnhild gehörten ausdrücklich nicht dazu.

„Vornamen, die ausgesprochenes Eigentum der nordgermanischen Völker – der Dänen, Schweden, Norweger usw. – sind, können nicht zu den deutschen Vornamen gezählt werden; sie sind nicht erwünschter als andere ausländische Vornamen“, so schrieb es damals ein Standesamtsdirektor. Dagegen warf der streitbare Vater, langjähriges NSDAP-Mitglied und Träger des goldenen Parteiabzeichens, in die Waagschale, dass er seinen Sohn nach einem Freund aus Schweden benennen wolle, der seine politische und antisemitische Haltung teile. Das zog.

Zwar trugen Kinder von Nazi-Größen teilweise nordische Namen: Edda Göring, Helga Goebbels, Gudrun Himmler. Allerdings hatten diese Namen in Deutschland Tradition. Ansonsten wählte man bevorzugt Althochdeutsch-Germanisches: Wolf Rüdiger Hess und bei den Himmlers HildegardHelmutHoldine, Hedwig und Heidrun. Wenn heute ein Kind einen der genannten Namen erhält, wird damit keine bestimmte politische Gesinnung assoziiert.

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Emilie – es ist kompliziert

Ein niedliches Mädchen, die kleine Emily. Sie wohnt mit ihren Freunden im Erdbeerland. Ob es wohl zu ihrem Geburtstag auch Erdbeertorte gibt? Na, Spaß beiseite – die Freunde grübeln schon, womit sie die nette Kleine überraschen können, und fallen alle prompt auf den Betrüger Spekulantius rein …

So konnte man es 1983 in der „Hörzu“ lesen. Zur Figur Emily Erdbeer (im Original „Strawberry Shortcake“) gab es damals eine Zeichentrickserie im ZDF, außerdem nach Erdbeeren duftende Püppchen und jede Menge Schnickschnack. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dieses Franchise-Wunder der Glückwunschkartenfirma American Greetings mitverantwortlich dafür, dass in den 90ern der Aufstieg des Namens Emily begann.

Zeitgleich nahm ein namenstechnisches Dilemma seinen Anfang: In vielen Familien gab es Omas, Tanten, Uromas … namens Emilie. Die Endung dieses bis etwa 1930 in Deutschland sehr populären Namens sprach man in vielen Gegenden wie bei „Familie“ – Emili-je oder Emil-je. Wie es genau zuging, ist nicht nachvollziehbar, doch Fakt ist, dass Emilie aus der Versenkung auftauchte, häufig aber gesprochen wurde wie die englische Variante. Auch die französische Form, Émilie, könnte eine Rolle gespielt haben, da auch sie mit einem i-Laut endet. Wer heute „Emilie“ in einer Geburtsanzeige liest, kann nur raten, wie die Eltern es gern hätten: neudeutsch oder wie zu Omas Zeiten? Mit etwas Glück gibt es Geschwisternamen, Jamie und Lynn beispielsweise oder Friedrich und Luise, die etwas Licht ins Dunkel bringen.

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Gute Frage 10: Kann man heute noch Hero heißen?

Ein Jugendfreund meiner Mutter, irgendwann während des Zweiten Weltkriegs in der sogenannten Holsteinischen Schweiz geboren, hieß Hero. Ein Name, der einem erst so richtig bemerkenswert vorkommt, wenn man Englisch lernt, da man fortan Superhelden-Assoziationen und „Heroes“ von David Bowie kaum aus dem Kopf bekommt. (Im Grunde eine Umkehrung des Problems, das ich zum Namen Kate früher mal beschrieben habe.)

Hero © JenkoAtaman - fotolia.com
Superheld © JenkoAtaman – fotolia.com

Weil seltene Friesennamen, wie auch Hero einer ist, bei mir in der Regel gut angeschrieben sind, frage ich mich: Könnte man diese Kurzform mit Her- beginnender Namen wie Hermann oder Herbert noch guten Gewissens werdenden Eltern vorschlagen? Oder braucht ein kleiner Hero ein dickes Fell und muss später mindestens Feuerwehrmann werden oder noch besser den Nobelpreis für Medizin erringen, um der (vermeintlichen) Bedeutung seines Namens gerecht zu werden? Um es noch komplizierter zu machen: Hero kann auch weiblich sein und ist dann griechischen Ursprungs. Ein „süßes Fräulein“ in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ heißt so.

Wie stehen Sie zu Hero? Gibt es Bedingungen – ein Zweitname dazu, die Vergabe überhaupt nur als Zweitname, die Wahl des Namens, weil Opa so hieß oder die Familie seit Generationen nicht aus dem Friesischen herauskam –, die die Problematik in Ihren Augen entschärfen würden?

Zum Schluss werfe ich noch ein paar Alternativen in den Raum: Gero, Pero, Harro, Keno, Jaro und Jesko für Jungen, Hera (die Autorin dieses Namens ist ja nicht mehr so präsent), Hermia (wieder Shakespeare: „Ein Sommernachtstraum“), Hermine und Juno für Mädchen.

Nö zu Noél

Ein Fundstück aus dem Netz: „Für unseren Sohn finden wir den Namen Noél schön.“ Auf den Einwand, das Strichelchen auf dem e mache die Sache unnötig kompliziert und sei zudem leider falsch, entgegnete die werdende Mutter, man wolle so die gewünschte Aussprache sicherstellen, „damit er nicht Nöl gerufen wird“.

Ich würde ja sagen: Entweder, ich vertraue darauf, dass dieser Name zumindest der jüngeren Generation hinlänglich bekannt ist – sollte man bei Platz 102 eigentlich meinen –, oder ich lasse die Finger davon. Für selbst kreierte bzw. falsche Schreibweisen „zur Verdeutlichung“ wäre ich mir zu schade. Oder zu sehr Snob?! Ganz abgesehen davon, dass eine eigenwillige Schreibweise zu neuen Fehlern führt, weil man sich diese auch erst mal merken muss („Wie schreibt sich noch mal der Noe`l von Melzers?“).

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Gute Frage 9: Ist Ihnen Leona wurst?

Der allererste Name, den ich für eine potenzielle Tochter ausgesucht habe, war Leona – nach der Schwester von „Kimba, der weiße Löwe“. Nebenbei belegt das aufs Schönste die These, dass sich vor allem sehr junge Menschen ihre Lieblingsnamen bei Filmen und Serien ausleihen: Ich war damals sechs.

Leona erreichte in Deutschland bislang nur einmal die Top 100, im Jahr 1999. Heute steht der Name relativ abgeschlagen auf Platz 215, Leonie (Platz 12) und auch Newcomerin Luana (101) sind sehr viel hippere „Löwenmädchen“. Bei den Jungs ist Leon sogar auf Platz 5, Luan auf 157 (ob der trottelige Luan aus „Bibi & Tina 4“ daran etwas ändert?). Leonas Problem, wenn man so will, könnte Fleischwurst sein. Verstehen Sie jetzt Bahnhof, oder wissen Sie gleich, wovon ich rede? Ich gehörte zu ersterer Gruppe, als ich im Netz zuerst auf dieses Phänomen stieß: „Leona geht einfach nicht, wegen der Lyoner Wurst.“ Weder kannte ich Aufschnitt dieses Namens noch hätte ich diesen ausgesprochen wie Leona.

Fleischwurst (in gewissen Kreisen auch als Lyoner bekannt) © womue - Fotolia.com
Fleischwurst (in gewissen Kreisen auch als Lyoner bekannt) © womue – Fotolia.com

Da mir das Wurst-Argument jedoch immer mal wieder begegnet, frage ich in die Runde: Wer denkt bei Leona an Wurst? Wichtig: Bitte Bundesland oder Region dazuschreiben! Ich vermute ja, dass Wurstware und Mädchenname sich vor allem im mir fernen Süden aneinander annähern; meine Recherche ergab, dass Lyoner als saarländische Spezialität gilt. Vielleicht melden sich ja sogar (leidgeprüfte?!) Leonas? „Leonas“ ist dabei als Plural gemeint, nicht als Jungenname, welcher allerdings auch nicht mehr lange auf sich warten lassen dürfte, schließlich geht die Gleichung „Mädchenname im Genitiv“ plus „weicher Klang“ schon bei Lias gut auf. Na, ist mir auch wurst.

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Die liebe (Not mit der) Aussprache

„Wie heißt du denn?“ – „Sophie.“

Dieser Minidialog, den ich neulich mit einer etwa elfjährigen Hamburg-Touristin führen durfte, hat mich zum Nachdenken gebracht. Ihre Sophie klang nämlich nicht wie meine (auf der zweiten Silbe betont), sondern eher wie ein verniedlichtes Polstermöbel: SOfi.

Irgendwie hatte ich bislang gedacht, der Erfolg von Sophie rühre daher, dass die Aussprache dieses Namens so eindeutig ist und er sich just wegen seiner Betonung so gut als „middle name“ macht. Dass aus Sophie irgendwo angeblich Soffi wird (?!) und dass die Tante meines Mannes ihren Drittnamen Sofi-e spricht mit separatem e (wenn sie ihn denn überhaupt spricht), hatte ich als bloße Kuriositäten abgetan. Aber so einfach ist es wohl doch nicht.

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Joshua (es ist kompliziert)

Den Vornamen Joshua kann man deutsch aussprechen (jo-schu-ah) oder englisch (djo-schwa). Für den Namen gibt es sogar eine deutsche Schreibvariante, Joschua – aber selbst in Deutschland kommt diese Schreibweise nur selten vor. Zumindest die Ausprache dürfte bei Joschua eindeutig sein, die englische Aussprache wäre hier doch sehr seltsam. Seltsam finde ich es auch, den Namen Joshua jos-su-ah auszusprechen, denn da passt die Namensform Josua viel besser. Ich fürchte aber, dass genau das demnächst in Mode kommt, nachdem es der Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich kürzlich ins Gespräch brachte. Sein Vorname wird schon von Geburt an jos-su-ah ausgesprochen, aber offenbar haben sich seine Eltern bei der Schreibweise vertan. Mal sehen, wie viele Nachahmer auftauchen.

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