
Kommt eine Mutter ins Standesamt, um die Geburtsurkunde für ihr Baby ausstellen zu lassen. So beginnt „Die Namen“, der erste Roman der Britin Florence Knapp (ins Deutsche übersetzt von Lisa Kögeböhn). Nur wie soll der Junge heißen? Die Mutter, Cora, ist unsicher. Für ihren herrschsüchtigen und – wie wir bald erfahren – ihr gegenüber gewalttätigen Mann ist die Sache klar: Gordon. Er selbst und sein Vater heißen auch so. Bloß:
„Cora mochte den Namen Gordon noch nie. Weder das Krachen am Anfang, das sie an Bonbons beim Zerkauen erinnert, noch den dumpfen Ton am Ende. Als würde man eine Sporttasche hinpfeffern. Gordon. Doch noch mehr stört sie, dass sie alles Gute und Weiche ihres Sohnes in diese Form gießen und hoffen muss, dass er stark genug ist, darin eine eigene Gestalt anzunehmen.“
Drei Lebenswege
Cora würde es besser gefallen, wenn ihr Sohn seinen eigenen Namen hätte. Sie mag Julian, der ihrem Namensbuch zufolge „Himmelsvater“ bedeuten soll. (Eine reichlich freie Herleitung, dies träfe wohl eher auf Jupiter zu.) Coras neunjährige Tochter Maia, deren Namen Cora mit „Mutter“ übersetzt (als verlässliches Namensbuch taugt „Die Namen“ eher nicht), Maia also hat einen anderen Favoriten für den kleinen Bruder: Bear. Sie verknüpft damit die Eigenschaften „weich“, „kuschelig“, „mutig“ und „stark“. Und jetzt der Kunstgriff die Autorin: Sie erzählt die – im Jahr 1987 beginnende – Handlung etappenweise in drei Varianten weiter: einmal hat Cora wie ihr geheißen Gordon in die Geburtsurkunde eintragen lassen, einmal Julian, einmal Bear.
Achtung, Spoiler!
Wie man sich denken kann, entwickelt sich Coras Sohn auf unterschiedliche Weise. Das zu lesen und zu vergleichen ist ziemlich spannend, zumal sich auch die Schicksale weiterer Figuren bis hin zu Sidekicks unterschiedlich gestalten. Allerdings liegt das nur zum kleineren Teil daran, dass der eher dumpf klingende Gordon und die Familientradition eine andere „Gussform“ vorgeben als Julian oder der unkonventionelle Bear.
Wie Reaktionen in England auf diesen „tierischen“ Namen tatsächlich gewesen sein könnten, kann ich schlecht einschätzen. Allerdings galt der Name noch 2013, als Schauspielerin Kate Winslet ihren Sohn „Bear Blaze“, „Bär Flamme“ taufte, als sehr eigenwillig. Viel prägender für das Leben der Figuren sind die Umstände, in denen Gordon/Julian/Bear aufwächst und die unmittelbar mit dem Tag im Standesamt zusammenhängen.
Jugend ohne Vater
Coras Impuls, ihr Kind Bear zu nennen, sorgt für eine sofortige Eskalation, die noch am selben Tag im Tod einer Person gipfelt und dazu führt, dass Bear als Sohn einer alleinerziehenden Mutter aufwächst. Er entwickelt zu einem sonnigen, unbekümmerten Charakter, dem es später gefällt, mehrere Jahre „wild und frei“ im Ausland zu leben. Als er selbst Vater wird, wählt er den gleichfalls sprechenden Namen Pearl.
In der Julian-Variante verliert er mit fünf seine Mutter und wird von seiner Großmutter mütterlicherseits in Irland aufgezogen. Wie die Großmutter, Sílbhe, tragen auch die beiden Töchter, die der als künstlerisch begabte und zaghaft charakterisierte Julian später bekommt, irische Namen: Aoife und Niamh.
Gewalt in der Familie
Gordon Junior hingegen verlebt seine komplette Jugend in seiner Kernfamilie. Dass der Vater, nach außen hin ein erfolgreicher und beliebter Arzt, die Mutter weiterhin massiv unterdrückt und misshandelt, scheint ihn nicht zu kümmern, er liefert seinem Erzeuger sogar bereitwillig Munition gegen Cora. Arroganz ist eine hervorstechende Eigenschaft des jungen Gordon. Als eine Art Empfehlung, statt eines Namens aus der Familie besser einen anderen zu vergeben, kann man den Roman dennoch nicht lesen, dafür ist die Familienkonstellation hier viel zu speziell. Ein gewalttätiger Vater dürfte für kaum einen Lebenslauf ohne Folgen bleiben, egal wie man heißt.
Was wäre, wenn …
Nichtsdestotrotz regt mich das Buch zu einem Gedankenspiel an: Ich trage tatsächlich einen Namen aus meiner Familie (von meinen Eltern aus freien Stücken gewählt). Zum Glück war meine Oma zu hundert Prozent eine Frau zum Gernhaben.
Ob ich wohl anders wäre, wenn ich einen „normalen“ 70er-Jahre-Vornamen wie Tanja oder (mochten meine Eltern auch) Meike hätte? Wäre mein Meike-Ich, statt Antikpuppen zu sammeln und Familienforschung zu betreiben, ein „Pferdemädchen“ geworden oder hätte für Morten Harket geschwärmt? Und wäre ich, mal angenommen, meine Eltern hätten sich stattdessen für den seltenen Namen Kitty entschieden, zwar kuschelig und süß, aber auch krallenbewehrt geworden?
Und bei euch so?
- Interview mit der Übersetzerin: Lisa Kögeböhn und die Namen
- Ratgeber: Wenn er nicht will wie sie
- Hitlisten: Irische Vornamen
Sehr bewegend finde ich dieses Buch und sehr inspirierend.
Sehr fantasievoll finde ich das kleine Namenslexikon, dass die Autorin im Anhang aufführt, denn die Deutungen entsprechen zum größten Teil nicht den Erkenntnissen der renommierten Namenforschung.
Das ist sehr schade, weil das Buch viel gelesen wird und darum viele Menschen diese Fantasiebedeutungen weitertragen werden. Die Autorin erklärt sogar, dass sie viele Namen ausdrücklich wegen dieser Bedeutungen gewählt hat. Aber egal wie falsch die Erklärung ist, bei der Namensbedeutung kommt es darauf an, was sich die Eltern dabei gedacht haben – oder die Autorin.
Aber was macht es mit einem, wenn man weiß, was sich die Eltern bei der Namenswahl gedacht haben?
Aus eigener Erfahrung kann ich nicht berichten, denn meine Eltern haben sich nichts bei Knud gedacht. Ich kann mir aber vorstellen, dass es sowohl belastend als auch motivierend sein kann. Gerade eine Nachbenennung, zum Beispiel nach einer verwandten oder prominenten Person, führt doch wahrscheinlich dazu, dass man sich ab und zu mit dem Namensvorbild vergleicht.
Dieses Buch möchte ich auf jeden Fall lesen (trotz Spoiler), es klingt wirklich spannend.
Zu der Frage, was die bewusste Namenswahl der Eltern mit einem macht: Ich persönlich finde es schön, dass sich meine Eltern Gedanken gemacht und mir später auch von der Namensfindung erzählt haben. Es gibt mir das Gefühl, dass wir Kinder ihnen wichtig waren (und sind), weil sie sich bemüht haben, möglichst schöne Namen für mich und meinen Bruder auszuwählen und auch heute noch mit ihrer Namenswahl zufrieden sind. Meine Mutter kann sich allerdings nicht mehr erinnern, warum sie den Zweitnamen gewählt hat, den ich trage. Das wiederum finde ich schade, offenbar war er ihr eben nicht wichtig genug, um das in Erinnerung zu behalten.
Meine Eltern wollten einen Namen, der nicht so wie alle Namen klingt und trotzdem schön und irgendwie bekannt ist. Bei der Wahl zu Lotta hat dann natürlich auch Astrid Lindgren eine Große Rolle gespielt. Namensstatistiken haben sich meine Eltern allerdings nicht so genau angeguckt, da sie dachten, der Name wäre sehr selten, was er zu meinem Geburtsjahr nicht war. Ansonsten stand wohl noch Hanna im Raum, was ich auch einen sehr hübschen Namen finde, der war meinen Eltern allerdings zu häufig.
Als Junge hätte ich Pius geheißen, nach einer Straße in der nähe von unserer damiligen Wohnung. Dass das mit Papst verknüpft werden könnte, haben meine Eltern nicht bedacht. Da wäre die Zweitwahl übrigens Birk gewesen- auch Astrid Lindgren- aber der wird schnell mal zu Börg, deshalb viel der Name weg. Hätte ich aber schöner gefunden als Pius.
Alles in Allem bin ich aber sehr froh mit der Namenswahl, auch wenn ich einen Zweitnamen nicht schlecht gefunden hätte.
Also ja, es gibt zwar keine direkte Bedeutung, die sie mir mitgeben wollten, aber eben bestimmte Assoziationen und eine gewisse Individualität. Das finde ich gut so.