Der Friedhof, Namen und ich III

Der Friedhof, Namen und ich

In den Osterferien hatte ich endlich Zeit, den Friedhof meiner Stadt zu besuchen, juhu! Ich weiß, andere erkunden nach einem Umzug die Innenstadt, die Sehenswürdigkeiten oder das Nachtleben. Ich wollte mir aber unbedingt den Friedhof ansehen, seit ich das erste Mal daran vorbeigefahren bin. Stammleserinnen und Stammleser dieser Reihe wissen, ich liebe Friedhöfe. Die Ruhe, die verschlungenen Wege und die alten Gräber, neben Babygalerien und Klassenlisten die Quelle, um an Vornamen heranzukommen. Durch den Umzug und die Arbeit musste mein Friedhofsbesuch aber immer wieder verschoben werden, bis zum Beginn der Ferien. Mit meinem treuen Block und einem Stift bewaffnet machte ich mich also auf den Weg. Wie anders dieser Friedhof aussah. Die Anordnung der Gräber, der Stil der Grabsteine, die Vogelarten und sogar die Abfallbehälter waren anders (ich hatte ganz naiv angenommen, dass es genormte Mülleimer für Friedhöfe gibt, es gibt doch für alles eine DIN-Norm). Anstelle von puscheligen Eichhörnchen, die sich um die Bäume jagten, begegnete mir eine kleine Maus, nur die Blicke der anderen Besucher blieben gleich verwirrt-fragend, aber wieder hat sich niemand getraut, nachzuhaken, was ich denn da so mach. Na ja, ich hatte meinen Spaß und die alten, pompösen Gräber hatten so viele Namen zu bieten!

Namenskombinationen sind hier häufig

Ganz anders als in meiner Heimatstadt, in der die Verstorbenen nur einen Namen hatten oder nur der erste Name auf den Grabstein kam, gibt es hier, vor allem bei den Männern, häufig Namenskombination. Während man sich heute vor Zweitnamen wie Maximilian, Alexander oder Elias nicht mehr retten kann, waren im 19. Jahrhundert Kombinationen mit Joseph sehr beliebt: Da gebe es Peter Joseph und Martin Joseph (klassisch), Klaus Josef (heute eine mutige Kombi) oder Johann Josef.

Johann Philip und Hugo Tobias könnte man auch in heutigen Babygalerien finden, deren Namen nach dem Muster Retro-Erstname und Nachbenennung nach dem Vater gestrickt sind. So richtig retro wären auch Johann Carl, Anne Friederike und Anna Clara Lucie. Auch Max-Josef erfüllt den Trend aus frechen Erstnamen und klassischen Zweitnamen, sogar mit dem von mir so verhassten und von anderen geliebten Bindestrich. Neben diesem habe ich nur einen anderen Bindestrichnamen gefunden: Johann-Alois. Bei den Damen waren ganz klassisch Kombinationen wie Anna Katharina, Maria Amalia, Maria Christine und Maria Magdalena beliebt. Susanna Margarethe und Maria Gertrud stechen da schon etwas heraus. Ich war sehr erstaunt, wie häufig Gertrud oder Gertrude vergeben wurde, weil ich ihn in meiner Heimatstadt kaum gelesen habe. Eigentlich ist diese Tatsache verwunderlicher, erfreute sich Gertrud doch bis 1925 großer Beliebtheit. Ob es an der Bedeutung des althochdeutschen Namens liegt: „Speer“ und „Kraft“, wer weiß? Neben der strengen Gertrud begegnete mir aber auch die Koseform Trudel.
Des Weiteren hießen die Damen der Stadt häufig Anna, Maria, Katharina und Elisabeth (auch aktuell sind alle diese Namen unter den Top 100 anzutreffen).

Namenskette zum Schmunzeln

Bei den Herren dominierten Heinrich (2021 immerhin noch Platz 426), Josef (Platz 141), Georg (Platz 223), Johann (Platz 50) und Matthias (Platz 111). Ich beschäftige mich schon so lange mit Vornamen und bin doch immer wieder erstaunt, wie aktuell viele Namen doch klingen. Schmunzeln musste ich über die Brüder Hugo, Bruno und Kuno (gut, dass es nur bei den dreien blieb, lange hätte man diese Namenskette nicht mehr aufrechterhalten können). Über den Namen Thea habe ich mich sehr gefreut, nicht nur, weil ich ihn klanglich ansprechend finde, sondern auch, weil ich hier häufiger lese, dass dies ein neumodischer Trend sei und die Frauen früher höchstens Thea gerufen wurden und eigentlich Theodora oder Dorothea gehießen hätten. Tatsächlich war der Name mit der schönen Bedeutung „Gottesgeschenk“ um 1900 unter den Top 100, erst nach 1942 ging es bergab, inzwischen erfreut sich Thea wieder ziemlicher Beliebtheit (Platz 40). Andere Namen, die ich sonst auch mehr in Geburtsanzeigen, denn auf Friedhöfen lese sind Oscar, Leo und Max.

Kurzformen werden gerne vergeben

Kurzformen wurden ebenfalls sehr gerne vergeben, für Lalelu-Fans ist einiges dabei: Tilly / Tilli, Lilly / Lilli und Willy. Auch eine Leni und Emmi habe ich gefunden, ebenso Fanny und Anny. Anny wurde zwischen 2011 und 2021 nur etwa 500-mal als erster Vorname vergeben, anders als im 19. Jahrhundert, denn ich habe bestimmt einen Handvoll auf nur einem Friedhof gefunden.
Besonders spannend finde ich aber Änni. Klingt ja so, als hätte man die englische Aussprache von Annie erzwingen wollen, ungewöhnlich. Für Y-Freunde hätte ich auch noch die Version Änny. Dann gab es wohl auch Eltern, die Befürchtungen wegen des Umlautes hatten, denn die Variante Aenny habe ich auch gefunden. Der Variantenreichtum hört hier aber nicht auf, auch Cäcilie / Caecilie / Cecilie dürften ihre Freude beim Buchstabieren gehabt haben.

Während Maria zwar viel häufiger vergeben wurde als Marie, bedeutete dies aber nicht, dass Namen auf -a bevorzugt wurden: Justine, Albertine, Clementine, Grete, Else und Elise wurden ebenfalls vergeben, ebenso Aline. Bei letzterem Namen wurde ich stutzig, Aileen und Alina kenne ich, aber Aline? Der Name kann verschiedene Ursprünge haben. Vielleicht waren die Eltern „meiner“ Aline Fans von Ungarn oder Schweden, denn dort ist Aline die Variante von Helena („der Strahlenden“). Vielleicht hatte es ihnen aber auch Frankreich angetan? Denn dort kann man den Namen von Adeline ableiten („die Vornehme“). Eine weitere Herleitung stammt von dem irischen Namen Eileen.

Weitere seltene Namen

An dieser Stelle dachte ich mir, jetzt setze ich ganz einfach die Bedeutung von Eileen in die Klammer und weiter geht’s. Ach je, falsch gedacht. Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Einige sehen ihn als Variante von Helena. Wieder andere glaube, es handle sich um die anglisierte Form von Eibhlín, was die irische Form von Aveline ist. Aveline wiederum ist die französische Form der germanischen Avelina, dem Diminutiv von Avila, die Bedeutung des germanischen Wortteils „avi“ ist jedoch unbekannt (eventuell „erwünscht“), dafür gibt es die heilige Teresa von Avila (was man durch einen Friedhofsspaziergang alles herausfindet). Neben Aenny und Aline habe ich aber auch noch weitere seltene Namen gefunden. So ist der in den dreißiger Jahren geborene Nico seiner Zeit weit voraus. Caritas dürfte vermutlich auch allein auf weiter Flur gewesen sein. Heute ist der Name wegen der gleichnamigen kirchlichen Organisation wohl eher keine Option, doch hat der aus dem Lateinischen stammende Name einer der schönsten Bedeutungen, die es nur gibt: Liebe (sowie Verehrung, Nächstenliebe und Teuerung, aber letztere Bedeutung können wir ja unterschlagen 😉). Die englische Variante Charity dürfte heutzutage aber geläufiger sein. Neben Caritas habe ich auch noch Virginie gefunden. Der Name stammt von dem lateinischen Begriff „virgo“ ab und bedeutet Jungfrau / junge Frau, auch hier ist die englische Variante Virginia bekannter. Der gleichnamige US-Bundesstaat wurde übrigens nach der jungfräulichen, englischen Königin Elisabeth I benannt.

20 Gedanken zu „Der Friedhof, Namen und ich III“

  1. Wieder sehr spannend! Bei den Brüdern Hugo, Bruno und Kuno hat man fast Eltern von heute vor Augen; mir war bisher nicht bewusst, dass Eltern vor hundert Jahren oder so bei der Suche nach stimmigen Geschwisternamen ähnliche Schemata im Kopf gehabt haben könnten wie wir heute.

    Aveline und Aline (mit gesprochenem e) mag ich sehr gern, Avelina wäre aber evtl. unkomplizierter. Weißt du, ob Caritas ein Mann oder eine Frau war? Oh, und eine (grobe) Ortsangabe wäre noch prima, oder hab ich das überlesen? 🙂

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    • Ja, die Gedanken zu den drei Brüdern hatte ich auch. Die Eltern waren ihrer Zeit voraus.

      Caritas war eine Frau, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.

      Zum Ort: irgendwo in RLP 🙂

    • Caritas gehört zu den christlichen Tugenden, und die wurden m.W. gern in pietistischen Kreisen an Mädchen vergeben, besonders im englischsprachigen Raum. Besonders häufig findet man sie heute sicher nicht (mehr), ausser bei der Caritas, die diesen Namen für ihre Organisation (nomen est omen) gewählt hat.
      Aber ich kann mich noch an Fides Krause-Brewer erinnern (Journalistin und TV-Kommentatorin), und heisst nicht die TV-Serienheldin „Bones“ eigentlich Temperance Brennan?
      Prudence hat immerhin einen Beatles-Song inspiriert, und
      Justina / Justus / Justinian dürften zusammen mit der Justiz ihren Ursprung in der lateinischen Gerechtigkeit „iustitia“ haben.

  2. Avelina/-e hat was! Ob der Name auch mit Ava verwandt ist?

    Zu Aline kann ich sagen, ich kenne eine unangenehme Aline, bei der das e nicht gesprochen wird – auch ohne diese Dame fände ich den Namen aber nicht berauschend. Ihre Schwester trägt einen sich reimenden Namen…

    – womit wir bei Bruno, Kuno & Hugo wären. Dieser Trend erschließt sich mir nicht. Mir begegnen beruflich immer mehr Geschwisterpaare mit extra ähnlichen Namen: M.ia, T.ia und T.ea,
    A.len und A.nel,
    E.sila und E.lias,
    A.ndreea und A.ndrei,
    L.eon und N.oel,
    A.man und B.iman,
    L.ea und L.eo…
    Und noch Weitere…

    Ich frage mich bei manchen, ob das Absicht war oder „Zufall“ – meist wohl Absicht, aber Leon mit seinem Rückwärts-Namen könnte tatsächlich Zufall sein.

    Ist das wirklich ein neuer Trend oder schon immer so? Ich kenne jedenfalls nur Kinder mit derartigen Geschwisterkombis.

    Oh, und ich muss noch kurz schlau daherreden: Teuerung als Bedeutung von Caritas würde ich als „Zeigen, dass jemand einem teuer/lieb ist“ übersetzen!

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    • – und nein, tatsächlich kenne ich eben doch ein erwachsenes Geschwisterpaar mit Reimnamen: besagte Aline mit ihrer Schwester!

    • Am häufigsten erscheinen mir Alliterationen, die gab und gibt es im Familien- und Freundeskreis reichlich. Den Vogel hat sicher die Familie einer Schufreundin abgeschossen, die alle dieselben Initialen hatten. Eltern Marianne und Manfred, und bei den beiden ersten Kindern sei der Name mit M noch Zufall gewesen. Bei den drei nächsten wurde gezielt unter M gesucht.

    • Ich habe die Punkte gesetzt, damit sich die doch eigenwilligen Kombis nicht so leicht über Google finden lassen, immerhin stammen sie aus meiner Arbeit. 😀 Ich kenne tatsächlich ansonsten kaum extra ähnliche Geschwisterpaare – bei Alliterationen fällt mir ein Ulf ein, dessen zwei Geschwister ebenfalls ein U als Initiale hatten – der letzte Bruder aber nicht mehr, da nichts mehr mit U gefiel.

      Dann kenne ich noch eine Stephanie Manuela, Tochter von Stephan und Manuela, Schwester von Raphael Stephan.

    • Das habe ich auch mal gefragt, und die Antwort war tatsächlich „Oh, das wäre toll gewesen, sind wir gar nicht drauf gekommen!“ Hm… ???

  3. Ach ja, Namenssuche auf Friedhöfen ist auch ein beliebter Zeitvertreib von mir. Hab da auch schon lustige und auch besondere Namen gefunden.

    Bruno und Hugo kenne ich tatsächlich auch als Geschwisterpaar. Finde ich auch zu ähnlich und etwas schade, weil die Namen dadurch fast etwas komisch wirken.

    Ich glaube ja, die Kurzformen auf den Grabsteinen müssen nicht unbedingt bedeuten, dass das deren richtige Namen waren. Die hatten dann oft schon die Langform auf den Geburtsurkunde, aber da sie immer mit Kurzform gerufen wurden, steht’s dann jetzt auch so auf dem Grabstein. Das ist mir mal aufgefallen bei Leuten, von denen ich sogar wusste, dass sie im Grunde anders hießen (z.B. eigentlich Anneliese, aber immer nur Anni genannt wurde).

    So, ich glaube, ich gehe morgen auch mal wieder über den Friedhof. 😉

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    • „Ich glaube ja, die Kurzformen auf den Grabsteinen müssen nicht unbedingt bedeuten, dass das deren richtige Namen waren. Die hatten dann oft schon die Langform auf den Geburtsurkunde, aber da sie immer mit Kurzform gerufen wurden, steht’s dann jetzt auch so auf dem Grabstein. Das ist mir mal aufgefallen bei Leuten, von denen ich sogar wusste, dass sie im Grunde anders hießen (z.B. eigentlich Anneliese, aber immer nur Anni genannt wurde).“

      Das stimmt. Auf dem Grabstein steht oft der Rufname. Ich kannte z.B. eine Frau, die Trudl gerufen wurde und Trudl steht auch auf ihrem Grabstein. Offiziell hieß sie aber Gertrud.

      Bei meiner Schwiegermutter stand der Rufname gar nicht in den amtlichen Papieren. Es war keine Kurz- oder Koseform des offiziellen Namens, sondern ein komplett anderer Name. In der Todesanzeige und auf dem Grabstein stand/steht selbstverständlich der Rufname. Viele, die sie kannten und eine Beziehung zu ihr hatten, wussten den amtlichen Namen gar nicht.

  4. Ich war letztes Wochenende auch auf einem Friedhof und kann es ebenfalls nicht lassen, nach den Namen auf den Grabsteinen zu schauen.
    So kann ich heute auch 2 Friedhofsfunde beisteuern:
    Ilgamine
    und
    Armella

    Caritas ist definitiv ein Frauenname. Mir ist mal eine Nonne mit diesem (Ordens-)Namen begegnet.

    Aline kannte ich lange vor Alina und Aileen. Zum einen fand ich den Namen in unserem Familienstammbuch (also meiner Herkunftsfamilie), das eine Liste mit Namensvorschlägen enthielt, zum anderen kommt er in den Buddenbrooks vor. Da stolperte ich beim Lesen drüber, weil ich mir unsicher war, ob der Name französisch mit stummem e oder deutsch gesprochen wird.

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    • Hui, Ilgamine ist ein super-Fundstück, wahrscheinlich ein einmaliger oder fast einmaliger Name. Armella lässt sich etwas öfter finden.

    • Wenn man die Buchstaben von Ilgamine umsortiert, erhält man sogar das Wort einmalig 😉

    • Ein toller Fund! Es gibt den Namen Ilga, Kurzform von Ilsegard – und die Endung Mine ist ja sogar recht häufig, hatte ich auch oft bei „meinen“ alten Grabsteinen aus Friesland. Da hat dann jemand beides zusammengefügt.

  5. Zu den kuriosesten Namen auf Grabsteinen zählt für mich GARDINE, so gelesen auf einem nordfriesischen Friedhof. Bei gründlicher Überlegung ganz logisch als weibliche Form zu Gard/Gaard, einer Nebenform von Gerd.
    Konnt‘ ja keiner ahnen, dass Vorhänge einmal so heissen würden;-)

    Ilgamine und Armella klingen in der Tat aussergewöhnlich, aber ich denke, auch dafür gibt es eine Erklärung. Mädchennamen werden ja häufig durch Anhängen von Silben wie LINE, MINE, ELLA und dergleichen aus Jungennamen kreiert. Und mit den Zweiteilern ahd./germ. Ursprungs lässt sich sowieso gut basteln.
    ARM wie in Armgard oder Armin, und ILGA könnte mit Hilga/Helga verwandt sein. Schnell ein weibliches Suffix drangeklebt, und schon hat man einen ziemlich einzigartigen Namen. Wer sagt, dass namenstechnische Bastelfreude ein neumodischen Phänomen ist?

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  6. Zu Caritas: Fides, spes, caritas sind „Glaube, Hoffnung, Liebe“ aus dem neuen Testament. Fides heißt die kleine Tochter der Betreiberinnen des YouTube-Kanals „Anders Amen“, das ist ein Pastorinnenpaar aus Niedersachsen. Ich kannte den Namen schon früher von irgendwo und fand ihn immer ganz schön. Meine Mutter hat letztes Jahr mal eine erwachsene Spes kennengelernt, das finde ich als Namen etwas befremdlich, klingt wie das Waschmittel Spee. Caritas finde ich wegen „der Caritas“ auch schwierig. Von den dreien würde ich am ehesten noch Fides vergeben. Oder Felicitas, wenn es ein lateinisches Abstraktum als Name sein soll. 😉
    Hat Daugava nicht mal was über Vera, Nadezhda und Lubov im Russischen erzählt? Das sind genau die gleichen Bedeutungen.

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