Gute Frage 14: Was soll aus Leandro bloß werden?

Leandro

Eltern wünschen sich eine rosige Zukunft für ihre Kinder. Mancher geht dabei so weit, dass er (oder eher: sie) mit schwangerem Bauch schon an die Karriereaussichten des Sprösslings denkt. So habe ich es neulich in einer Diskussion um den Namen Leandro (Platz 150) aufgeschnappt:

Mutter 1: „Ich habe einen englischen Namen, mein Bruder einen französischen, da hat sich nie jemand gewundert. Warum also nicht Leandro?!“

Mutter 2: „Meine Kinder bekommen deutsche Namen, wir leben schließlich hier. Es gibt bestimmt Lehrer oder Personaler, die jemanden mit deutschen Namen bevorzugen. Menschen sind so! In Italien wird auch eher ein Leandro als ein Peter eingestellt.“

Mutter 3: „Was ist das bitte für ‘ne Gesellschaft, die sich schon über die Arbeitsstelle Gedanken macht, bevor das Kind überhaupt auf der Welt ist? Deshalb werde ich ganz sicher keinen Peter bekommen! Die Chefs werden irgendwann auch tätowiert sein und alles lockerer nehmen, wenn nicht ständig Leute denken, sie müssten sich anpassen. Vielleicht will Leandro ja mal auf den Bau oder an Autos schrauben? Da wird’s auch keinen stören.“

Also wie jetzt: Sollte man bei der Namenswahl spätere Chancen in Schule und Beruf im Blick haben? Und wenn ja, wie weit sollte das gehen? Oder zählt nur das Hier und Jetzt – der weltschönste Name für das allertollste Baby –, weil man ohnehin nicht vorhersagen kann, welcher Name künftig „abrutschen“ könnte? Zumal die Namenslandschaft in zwanzig Jahren, unter Bundeskanzler(in) Kevin/Luca/Mila Sophie, mindestens genauso gemischt sein dürfte wie heute. Wie sehen Sie das?

Ich summe derweil noch ein paar Takte von den Ärzten:

„Junge, warum hast du nichts gelernt?
Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto!
Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt?
Der gibt dir ‘ne Festanstellung, wenn du ihn darum bittest …

Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz!
Es ist noch nicht zu spät, dich an der Uni einzuschreiben.
Du hast dich doch früher so für Tiere interessiert, wäre das nichts für dich?
Eine eigene Praxis? Junge …“

Zitat aus „Junge“. Autor: Farin Urlaub, 2007

Und außerdem …

18 Gedanken zu “Gute Frage 14: Was soll aus Leandro bloß werden?”

  1. Tja, wer weiß, wie es hier in zwanzig Jahren aussehen wird oder auch nur in zehn? Insofern hat Mutter 3 vielleicht recht.

    Nur: Schon in den frühen 70ern waren südländische, islamische oder englische Namen immer auf die eine oder andere Art stigmatisierend, egal ob nun von Ausländern oder von Deutschen vergeben. Die Botschaft war immer klar: Assi oder Ausländer. Das hat sich seither nicht grundlegend geändert – im Gegenteil, die Ressentiments sind summa summarum eher schärfer geworden. Und die 70er sind fast ein halbes Jahrhundert her. Mir scheint daher die Wahrscheinlichkeit, daß da in den nächsten Jahren eine grundlegende Wende eintreten wird, ausgesprochen gering.

    Man denke auch an der Aufschwung des Rechtspopulismus in ganz Europa und explosionsartig seit 2015 auch in Deutschland.

    Und Leandro ist halt fast so eindeutig wie der hier in diesem Blog emblematische Kevin. Ob man das gut findet oder nicht – es ist nun einmal so. Niemand kann freilich bezweifeln, daß viele dieser Namensträgers auch mal „Chefs“ werden werden. Fragt sich nur, was für welche und vor allem wo. Natürlich wandert eine Bewerbung des angerissenen Typus von Namensträger ab einem bestimmten Niveau der Stelle sofort in die Ablage 13.

    Bin mir gar nicht sicher: Gibt es den Namen Leandro in Italien eigentlich wirklich? Mir fiele niemand ein, der da so hieße… Peter ist nun aber auch nicht gerade so pralle… 😀

    Tätowierte Arme. 😀 Mein von mir sehr geschätzter (!!) Zahnarzt hat welche und behandelt mit schwarzen Gummihandschuhen – wie ein Tätowierer! 😀 Das halte ich eher für ein temporäres Phänomen bzw. für eine vernachlässigbare Unsitte der letzten zwei Jahrzehnte. Finde es aber auch immer wieder erfeulich zu sehen, daß der allseits beliebte Fußballspieler Cristiano Ronaldo – im Gegensatz zu offenbar den meisten seiner Kollegen – seinen schönen Körper *nicht* durch Tätowierungen entstellt hat.

    • Zum Thema “Leandro in Italien”: Eine Leandra habe ich mal getroffen, ein Leandro fällt mir jetzt auch nicht ein, weder eine reale Person noch eine Buchfigur. Keine Ahnung, ob es ein Land gibt, wo der Name verbreitet ist, aber Italien ist es sicherlich nicht (wobei er dort klanglich natürlich gut hinpasst).

    • Leandro: In den “Lola”-Büchern von Isabel Abedi kommt ein kleiner Leandro vor. Der Name sei brasilianisch und bedeute Löwe, wird dort erklärt.
      Viele Grüße

  2. Finde immer, dass reiner Pragmatismus schade ist, dass aber gleichzeitig ein zu absoluter Idealismus auch schädlich sein kann. Man suche ein gewisses Gleichgewicht, wobei der eine eher in Richtung Pragmatismus geht, der andere eher in Richtung Idealismus, was auch okay ist.

    Ich liebe ja die altdeutschen Namen. Wäre meine Frau Deutsche anstatt Rumänin, und wäre sie offen für so was, würde ich durchaus veraltete deutsche Namen vergeben haben, z.B. Konrad, Bernhard, Wilhelm, und dergleichen. Bei Friedhelm wird es schon schwieriger–ist das zu auffallend und ausgefallen? Und dann gar Hunold oder Kunibert–geht das einfach zu weit und bringt diese Benennung dem Kind dann ständig Vorurteile oder Befremden? Bei Mädchennamen sind altdeutsche Namen noch mehr tabubehaftet als bei Jungen. Eine junge Hildegard hat es wahrscheinlich schwerer als ein junger Bernhard. Gertraud, Waltraud, Kunigunde, Gerlinde, Reinhild, Irmgard–alles schwierig. Was geht sind Namen, die auf A enden, wie Emma, Frieda, Irma. Muss gestehen, ich würde tatsächlich etwas wagen. Ja, ich würde ein Mädchen Hildegard oder Gerlinde nennen. Würde aber einen zeitloseren Namen wie Katharina oder Elisabeth als Zweitnamen vergeben. Dann kann sie sich bei Bewerbungen z.B. als H. Katharina bezeichnen, und das Hildegard vorläufig verbergen, wenn sie meint, es bringt ihr Nachteile. Dieser modernere Zweitname wäre dann ein Zugeständnis an den Pragmatismus.

    Aber, wie meine Mutter neulich bemerkte: “Ich kann kaum glauben, wie normal die Namen deiner Kinder sind. Bin ja so erleichtert–von dir hatte ich was ganz schlimmes erwartet.” Das ist jetzt meine Übersetzung, denn wir reden Englisch miteinander. Dabei haben wir bei unseren Kindern aber auch ein wenig gewagt. Timotei ist gleich als nichtdeutsche Namensform erkennbar (ist rumänisch), aber ist dem gängigen und modernen Namen Tim so ähnlich, dass der Name doch nicht als total fremd empfunden wird. Stefan ist inzwischen aus der Mode, aber auch noch nicht ein typischer Opaname, oder so–die meisten Leute scheinen den Namen angenehm zu finden. Aber so gewagt wie Ermentrude oder Ruprecht ist das beides nicht.

    Also, jeder muss eine gewisse Balance finden–aber pauschal rein pragmatisch zu denken, oder das Pragmatische aus lauter Idealismus total außer Acht zu lassen ist beides kein besonders guter Weg, finde ich.

    • Das ist jetzt aber schon ein kurioser Gegensatz zwischen zwei Gegensätzen:

      1. Konformität versus schlichtes Proletentum. (Wie im Artikel von Annemarie dargelegt.)

      2. Konformität/”Pragmatismus” versus Tradition/”Idealismus”. (Wie von Mark dargelegt.) Und sei die Tradition auch erfunden, darf ich mir einmal erlauben hinzuzusetzen.

      Pragmatismus ist hingegen bekanntlich ein Begriff aus der US-amerikanischen Philosophie, angefangen bei William James.

      Und es wird, wie immer in der Onomastik, noch subtiler: Charlotte ist sowohl höchst pragmatisch als auch traditionell. (Wenn man denn das 18. Jahrhundert als Referenz-Epoche für Tradition nimmt, wofür es m.E. gute Gründe gibt.) Seit etwa zehn Jahren hingegen wird der Name wieder zu einer Lachnummer über die Bionade-Typen. Und vermutlich auch weniger pragmatisch, weil sich mittlerweile bei dem Namen jeder eine verzogene Hubschrauber-Eltern-Tochter vorstellt, mit der man eher nichts zu tun haben möchte.

      Wenn ich in der FAZ oder sonstwo einen Artikel von einer Charlotte, einer Julia, einer Helene oder einer Annalena sehe, blättere ich sofort weiter – weil halt klar ist: irgendeine eitle und käufliche dumme Gans mit Lehrer-Eltern.

      Katharina und Elisabeth sind auch typische Namen der Frühen Neuzeit, während man sich bei den von Mark angeführten altdeutschen Namen nie sicher ist, ob sie nicht historistische Kreationen des 19. oder 20. Jahrhunderts sind.

    • Mark, du hast doch neulich in dem Artikel zu den Namen der Niederlande ein paar Namen genannt. darunter war auch Gertruida.
      man kann also noch ein wenig verändern und dann doch noch einen Namen basteln.
      Gerlinda. Irmaruna. Charmhilda. Salomgarda. Dentagarda. Hildine. Khuna-gundy.

    • Ich glaube, auch Namen wie Leandro, Chantal oder Taylor entspringen einer Art von Idealismus, nur einem, der in eine ganz andere Richtung geht als meiner: mher so nach dem Motto, “Wenn ich einen im Deutschen nicht üblichen (oder schubladigen) Namen toll finde, dann hat mir niemand zu verbieten, den zu vergeben.” Insofern sind Proletentum und Historismus nicht total weit von einander entfernt: beide bestehen auf einem gewissen Recht, sich den Zwängen der Gesellschaft entziehen zu dürfen und rein auf eigenen Werten basierend agieren zu dürfen–das ist die Definition von Idealismus….

      Ich weiß, Du misstraust der Authentizität der germanischen Namen, aber Exkurse in die Geschichte bestätigen eigentlich, dass diese Namen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wirklich existitierten. Man weiß eigentlich auch forschungshalber sehr viel über die altgermanischen Namenstraditionen. Es gibt wissenschaftlich keinen Grund anzuzweifeln, ob Kunibert, Sieglinde und Gerfried nun wirklich in prämodernen Epochen verwendet wurden oder nicht. Es gibt tatsächlich eine germanische Namenstradition, auf die wir uns rückbesinnen könnten; und auch die Wiederbelebung dieser Namen in der deutschen Romantik ist ja Teil unserer kulturgeschichtlichen Tradition. Manche dieser Namen–wie Ludwig u. Friedrich–sind ja auch nie von der Bildfläche verschwunden.

      Was ich mit “pragmatisch” meine ist schlicht dieses: Namen (egal ob traditionell oder nicht), die in der heutigen Gesellschaft offensichtlich keine Nachteile mit sich bringen und als “normal” empfunden werden. Katharina ist so ein Name. Hildegard nicht. Und manche Namen sind weiter von dieser Akzeptanz entfernt als andere–so ist z.B. Kunigunde weiter von solch einer Akzeptanz entfernt als Hildegard.

    • Das sind samt und sonders kluge und stichhaltige Argumente.

      Ich selbst fabuliere ja immer von einem Bündnis zwischen Unten und Oben gegen die Mitte – also sozusagen zwischen zwei Individualismen gegen die Konformität. Wobei ich mir bewußt bin, daß ich ein „bunter Hund“ bin und daß die Klassengegensätze heute so unscharf geworden sind wie die politischen Bezeichnungen (bzw. Stigmen) „rechts“ und „links“. Nur haben Namen wie Leandro und Chantal halt schon einen erheblich anderen Klang als Richard oder Friedrich, das ist wohl klar. Rein pragmatisch gedacht…

      Das mit dem kleinen Diss gegen William James und Nachfolger war nicht böse und erst recht nicht „antiamerikanisch“ gemeint. Nichts nervtötender als der Bierdimpfl-Antiamerikanismus vieler deutscher Rechter und Linker… Ich hätte, wenn ich Amerikaner wäre, ganz sicher Trump gewählt – schon um die entsetzliche Hillary C. zu verhindern. Ohne Begeisterung, aber mit Überzeugung – so, wie ich im Herbst 2017 (Bundestag und nieders. Landtag) als Deutscher und als Linker halt die AfD gewählt habe. Ich mag halt einfach die Philosophie des Pragmatismus nicht. Bin wohl auch eher Idealist. Ein Anhänger des Don Quixote, ein Bewunderer Spaniens und Rußland ist ein Gläubiger und ein Spinner, aber jedenfalls kein Pragmatiker.

      Und Du hast recht: Auch der Historismus und die Romantik (zwei m.E. eng verwandte geistige Strömungen) gehören zur deutschen Tradition und Identität! Und beide liegen in ihren Ursprüngen zeitlich gar nicht so weit weg vom 18. Jahrhundert entfernt – sie sind von diesem freilich durch die geistigen, politischen und militärischen Erdbeben der Französischen Revolution und der Napoleonischen Ära geschieden. Nur mag ich beide halt nicht besonders – sie sind mir kurz gesagt zu pathetisch, zu „schwiemelig“, „zu deutsch“. Ich bin vermutlich einfach ein schlechterer Deutscher als Du. Das sage ich mit nur minimalen Spuren von Ironie – ich habe genug „Leute zwischen den Welten“ (mit den unterschiedlichsten „Migrationshintergründen“ und aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus) kennengelernt, die im Grunde deutscher waren als die Ethno-Deutschen und denen das auch selbst klar war.

      (Rate mal, wer nach den Rußlanddeutschen am schärften gegen Merkels Entscheidung vom Herbst 2015 war. Richtig, die integrierten Deutschtürken. Die konnten das halt auch immer offen sagen, ohne daß man sie sofort als „Nazis“ einsortieren konnte.)

      Übrigens hatte ich im Studium jeweils eine Kunigunde und eine Hildegard als Kommilitoninnen. Beide waren aber mit ihren Vornamen nicht glücklich. Beide Namen sind halt nicht nur altertümlich, sondern auch extrem geprägt: Kunigunde als „das Burgfräulein“, Hildegard wegen des Nudel-Sketches von Loriot. Und dazu hatten beide dann noch ziemlich schmucklose bis prollige Nachnamen. Die einzige Katharina, die ich im Studium kannte, war hingegen eine damals 60-jährige Akademische Oberrätin. Kathrins gab gab es in Schule und Studium zuhauf. Das mit den ganzen Neo-Katharinas ging dann so ca. zehn Jahre nach meiner Geburt los.

    • Jan Wilhelms, Deine Beiträge sind zum Teil so frauenverachtend, dass sie mir das Stöbern in diesem sonst so interessanten und seriösen Blog fast vermiesen können.

      “Wenn ich in der FAZ oder sonstwo einen Artikel von einer Charlotte, einer Julia, einer Helene oder einer Annalena sehe, blättere ich sofort weiter – weil halt klar ist: irgendeine eitle und käufliche dumme Gans mit Lehrer-Eltern.”

      Zwei Klicks innerhalb dieses Blogs und Du siehst, dass Julia einer der am häufigsten vergebenen Frauennamen zwischen 1970 und 2000 war. Er belegte sogar Platz 1 in den Jahren 1980, 1984 – 1987, 1990 und 1994. Alle diese Frauen beschimpfst Du als “dumme G[ä]ns[e]”. Die Mutmaßung, sie hätten alle Lehrer als Eltern, ist ja wohl kompletter Unfug. Bei den vielen Berufen, die es so gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternteil einer der tausenden Julias gerade Lehrer(in) ist, ja wohl sehr gering.

      Warum spielt es bei einer Autorin einer seriösen Zeitung überhaupt eine Rolle, welchen Beruf wohl ihre Eltern gehabt haben mögen? Dass Frauen in Deinem Weltbild nur durch ihre Herkunft definiert werden, führst Du ja auch weiter aus:

      “wenn ich Amerikaner wäre, ganz sicher Trump gewählt – schon um die entsetzliche Hillary C. zu verhindern.”

      Klar, über Frau Clinton ist schon alles gesagt, weil sie als Rodham zur Welt kam und mit Herrn Clinton verheiratet ist. Dass Donald reich geerbt hat und bei jeder Gelegenheit zeigt, dass er von nichts eine Ahnung hat, tut für Dich nichts zur Sache. Auf dem Blog, das unter Deinem Namen verlinkt ist, schreibst Du von “dem Merkel-Wesen”. Du bist links? Auf mich macht Deine Gesinnung einen ganz anderen Eindruck.

      Du liest also generell keine Artikel von Frauen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit um die dreißig Jahre alt sind. Das ist nämlich ein Rückschluss, der statistisch durch die Hitlisten von Knud Bielefeld sinnvoll ist. Damit erfüllst Du das perfekte Klischee vom ängstlichen AfD-Wähler oder auch Trump-Anhänger: Weiße Männer, die fürchten, wenn die Diskriminierung von Frauen und Menschen mit anderer Hautfarbe aufhört, könnten diese ihnen ja Arbeitsplätze, Güter, Prestige etc. wegnehmen. Komm im 21. Jahrhundert an.

  3. Zur Vergabe von altdeutschen und besonders altmodischen Namen kann ich etwas erzählen. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, kamen altmodische Namen in meiner Generation schon ab und zu vor.
    Da ist ein Franz-Josef, der älteste Sohn eines Landwirtes, der Vater heißt Franz. Zur besseren Unterscheidung wurde der Hoferbe Franz-Josef genannt. Er ist damit immer recht selbstbewusst umgegangen.
    Dann ein Willi (Wilhelm), der Vater heißt natürlich auch Wilhelm. Die Familie hat alles in allem eine recht altmodische Lebenseinstellung, wohnt weit außerhalb des Dorfes. Willi könnte in einer Comedy-Show mitmachen, er würde das Klischee des hinterwäldlerischen “Dorftrottel” voll erfüllen.
    Eine junge Gertrud gab es auch. Sie hat ihren Namen gehasst und hat sich immer und überall Gerti nennen lassen.

    Deshalb ist es ein Gradwanderung, so einen altmodischen Namen zu vergeben. Ein Name wie Hildegard kann gut gehen, wenn das Mädchen selbstbewusst damit umgeht. Und wenn Hildegard ein eher ängstliches Kind ist? Ich würde deshalb Marks Vorschlag umdrehen und Katharina Hildegard daraus machen.

    Ich habe bei der Namenswahl für meine Kinder nicht an irgendwelche beruflichen Perspektiven gedacht. Für mich war die Frage wichtig, ob ich mir selbst vorstellen könnte, so zu heißen. Ich mag eher die Namen der jungen Erwachsenen, die werden als “normal” empfunden und sind zeitloser als die alten und neuen Modenamen.

    • Hm. Willy Brandt war bekanntlich der Kampfname eines in Lübeck geborenen, nennenswerten Politikers, der als Herbert Frahm geboren wurde. (Sein leiblicher Vater hieß übrigens John Möller.) Brandt hat sich angeblich bewußt Willy genannt, weil er heißen wollte wie jedermann – nicht nur wegen der Opportunität in Zeiten der Verfolgung, sondern vor allem aus einem inneren Bedürfnis heraus. (So als würde man sich heute etwa Kevin Schulz nennen…)

      Ich habe meinen Nachbenennnungsnamen Wilhelm immer mit großem Stolz getragen, obwohl ich meinen Namenspaten nie kennengelernt habe. (Es war mein Großonkel väterlicherseits, und meine Eltern haben sich sehr früh scheiden lassen.) Wilhelm, das ist auch so ein „Name des Abendlandes“ wie Richard.

      Franz-Josefs gab es in unserer evangelischen Gegend hingegen überhaupt nicht. Da hat dann die konfessionelle Tradition die Erinnerung an die gemeinsame Niederlage von Welfen und Habsburgern gegen die Preußen im Deutschen Krieg von 1866 deutlich überwogen. (Also auch an das großzügige Asyl, das die Habsburger unter Kaiser Franz Joseph unserem vertriebenen König Georg V. gegeben haben.) Hinzu kam natürlich Franz Josef Strauß – der Vorname wäre ziemlich unmöglich gewesen…

    • In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Familie, wo alle alte deutsche Namen bekommen haben z.B. Reinhild, Luitgard, Wilhelm. Die haben alle keine Probleme mit ihren Namen, könnte aber auch damit zusammenhängen, dass sie selber alle eher traditionell sind.

  4. zu Wilhelm
    Eine Nachbenennung, an dritter Stelle, hat aber eine ganz andere Wirkung. Vor allem, wenn zwei junge Namen wie Jan und Klaas davor stehen. Willy Brandt gehört zu einer anderen Generation, zum ihm passt der Name.

    Mal sehen, ob Wilhelm bei Kindern wieder häufiger wird. Da es andere alte Namen schon geschafft haben (wie z. B. Paul, Anton oder Friedrich) hat es ein kleiner Wilhelm heute einfacher als vor 40 Jahren.

  5. Ich habe das Gefühl, Wilhelms gibt es auch schon wieder reichlich, was ich nie begreifen werde, weil ich weder Bedeutung noch Klang besonders gelungen finde und mir nur Negativbeispiele für Namensträger einfallen.
    Aber der Fundus für Namen germanischen Ursprungs ist so gross und bietet so viele Kombinationsmöglichkeiten, dass eigentlich für jeden etwas dabeisein müsste.

    Bei den Mädchenname könnte ich mir vorstellen, dass sie über die zur Zeit so beliebten Kurzformen wieder Einzug halten. Wenn “Hilde” und “Gerda” geläufig genug sind, ist der Weg zu Hildegard und Gertraude auch nicht mehr weit. Hedwig und Hermine haben’s ja schon geschafft, und Gislind und Gunhild klingen doch allemal spannender als Ayehlina (oder was immer manche sonst so zusammenbasteln).

  6. Ich habe das Gefühl, Wilhelms gibt es auch schon wieder reichlich, was ich nie begreifen werde, weil ich weder Bedeutung noch Klang besonders gelungen finde und mir nur Negativbeispiele für Namensträger einfallen.

    Doch, es gibt ein paar.

    – Wilhelm der Eroberer (Guillaume le Conquérant), der 1066 in der Schlacht bei Hastings dafür gesorgt hat, daß der englische Adel mindestens 300 Jahre französisch gesprochen hat. Einer der Helden Kontinental-Europas.

    – Wilhelm Tell, Mythos der Schweizer.

    – Wilhelm von Oranien, Namensgeber der holländischen Nationalhymne.

    – Wilhelm von Humboldt, Begründer des ehedem ruhmbedeckten deutschen Universitätssystems, der „Einheit von Forschung und Lehre“.

    – Wilhelm Liebknecht, einer der Väter der Sozialdemokratie.

    – Wilhelm Pieck.

    Aber das sind zugegebenermaßen Männer, von denen Du, Barbara, vermutlich noch nie gehört hast. Vielleicht kennst Du ja Wilhelm Busch?

    • Fuck, Fehler in der Eile und im Zorn – ich korrigiere das hier, um Mißverständnisse zu vermeiden:

      Doch, es gibt ein paar.

      „Es gibt ein paar positive / sympathische Wilhelms:“, sollte das heißen. 🙄

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