Felice ja, Filiz nein?

Der in meinem Umfeld mit Abstand häufigste Frauenname ist Nicole. Auch Damen namens Anja habe ich schon en gros kennengelernt. Der Mann einer Bekannten heißt Marco, zwei Jungs in der Kindergartengruppe meiner Tochter ebenfalls. Die Tochter meiner Freundin J. lässt sich bei ihrem Zweitnamen Shirley rufen: dass all dies keine deutschen Namen sind, muss ich hier wohl keinem erzählen.

Trotzdem stößt eine Nicole Schmidt, die noch nie den Eiffelturm sah, gewiss niemandem auf, und auch nicht eine Anja Maier, deren einzige Verbindung mit dem Herkunftsland ihres Namens in der Kriegsgefangenschaft eines Großonkels besteht. Ich wüsste gerne, ob das anders war, als erste „Vornamens-Pioniere“ sich in den Sechzigern für diese Namen entschieden?! Am schwersten haben es heute wohl die Namen angelsächsischer Herkunft. Da stellt sich bei manchen das Gefühl „Passt nicht zum deutschen Nachnamen“ ein, und Schubladen öffnen sich.

Doch wie dem auch sei, wenn man Namenslisten von Neugeborenen studiert, kommt leicht das Gefühl auf: Heute geht (fast) alles. Wir bedienen uns aus einem weltweiten Fundus, können unseren Sohn Geronimo nennen wie den Apachen-Häuptling (ich kenne einen) oder den japanischen Mädchennamen Mariko auf unsere Favoritenliste setzen. Neulich las ich nun von einer werdenden Mutter in einem Forum, sie überlege, ihre Tochter Filiz zu nennen. Ein hübscher türkischer Name. Das Kind, um das es hier ging, hatte keine entsprechenden Wurzeln.

Geronimo, 1887
Geronimo, 1887

Diese Frage hakte sich in meinem Kopf fest: Filiz Müller, Elif Hansen, Aische Wagner – geht das? Es gibt ja auch weniger eindeutig deutsch klingende Nachnamen. Aber wäre es dann nicht erst recht so, dass das Kind immer wieder als Türkin eingeordnet, darauf angesprochen werden würde? Würde das auf Dauer nicht nerven, zur Herausforderung im Alltag werden, weit eher als ein Name aus Frankreich, Holland, Schweden …? Schwierig. Sollten Filiz-Fans lieber auf die klanglich nahe, mit der aktuellen Mode harmonierende Felice ausweichen (so hieß immerhin die Verlobte von Franz Kafka)? Oder doch mit dem Bekenntnis zu ihrem Lieblingsnamen ein Zeichen setzen? Vielleicht war das bei den Eltern der ersten deutschen Nicoles ja ganz ähnlich …

 

23 Gedanken zu „Felice ja, Filiz nein?“

  1. Ich kenne eine blondgelockte Aicha und auch eine Filiz. Geht alles. Wobei Filiz letzlich aus dem Griechischen (Phyllis) kommt, das klassisch-griechische Original ist auch eine Option.

    Felice sieht eher nach einem italienischen Jungennamen aus.

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  2. Felice ist offenbar unisex, das kann natürlich auch wieder als Problem wahrgenommen werden. Mich erinnert der Name an Alice und an die für mein Gefühl immer häufigere Felicia – ja und eben an die erwähnte „kafkaeske“ Felice Bauer, deshalb ordne ich ihn als weiblich ein.

    Spannend, dass es offenbar doch schon so manches Kind mit türkischem Namen gibt! Mein Mann meinte spontan, „Mehmet Scholl“ ;-), aber der hat einen türkischen Vater.

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  3. An Mehmet Scholl habe ich auch sorort gedacht! Wußte bis dato gar nicht, dass er einen türkischen Vater hat, so lernt man immer wieder was dazu.

    Was türkische Namen für deutsche Kinder angeht, so habe ich mal irgendwo gelesen (möglich, dass es sogar im Vornamensbuch von Duden war), dass rein phonetisch betrachtet arabische oder türkische Namen mehr Ähnlichkeit zu deutschen/germanischen Namen aufweisen und deshalb eigentlich besser mit Nachnamen harmonieren, als Namen aus dem angelsächsischen bzw. amerikanischen Raum.

    So würde beispielsweise eine Fatima Becker oder ein Tolga Schneider besser mit dem deutschen Ohr harmonieren als eine Shirin Becker oder ein Ryan Schneider.

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  4. Danke für diesen Artikel! Er bestätigt ein wenig unsere Entscheidung: Ich wollte meine Tochter eigentlich, seit ich darüber nachdachte Kinder zu bekommen, schon immer Emine nennen! Irgendwie mag ich diesen Namen. Einen deutschen Allerweltsnachnamen haben wir auch nicht! Allerdings haben wir uns dann doch für Tilda entschieden, genau aus dem Grund, dass sie immer erklären müsste keine Türkin zu sein. Wobei es sicherlich ein Unterschied ist, wo das Kind aufwächst. Hier bei uns auf dem Land, wüssten viele sicherlich noch nicht mal, dass der Name Emine türkisch ist bzw. würden nicht nachfragen, weil es hier so wenige gibt.

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    • Durch die Endung -mine klingt der Name ja auch recht vertäut, man vergleiche ihn z.B. mit dem aktuell doch recht beliebten Hermine oder dem klassischen Namen Wilhelmine.

      Wenn also noch mal eine Tochter kommen sollte, warum dann nicht wirklich Emine nehmen? :o)

  5. Meine Cousine – ein Kind der 70er – heißt Nicole und das kam bei der Großelterngeneration damals wohl nicht so gut an obwohl der Name damals schon Top 10 war und sie später mit zwei Namenskolleginnen in die Klasse ging.

    Mir gefällt Emine auch sehr sehr gut aber der Name ist hier in Wien bei türkischen Mädchen sehr beliebt. Ich hatte Bedenken den Namen zu vergeben weil ich dachte das würde vielleicht komisch kommen bei TürkInnen wenn wir einen türkischen Namen einfach so vergeben ohne auch nur die Sprache zu sprechen.

    Andererseits trägt nun meine Tochter einen eigentlich französischen Namen der im 19. Jahrhundert mit deutscher Aussprache importiert wurde 🙂 Kevin meets Emil sozusagen. Ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung.

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    • Ach ja und der Name meiner Tochter unterscheidet sich nur um einen Buchstaben von einem türkischen Mädchennamen. Und da ihr Name sehr selten und alt ist wird oft – vor allem von Leuten mit türkischer Muttersprache – dieser andere Name verstanden. Also … is eigentlich wurscht. Wenn man einen seltenen Namen wählt gibts eh immer was zu erklären 😀

      Wegen Felice: Wie würdest du den aussprechen Annemarie? Analog zu Alice?

    • Genau, ich würde „Feließ“ sagen – ich sage auch „Aließ“ (wie bei Frau Schwarzer). Aber – alle Angaben ohne Gewähr! 😉

  6. Also mein Sohn heisst Julian Jeronimo Wagner, er findet seinen Namen ganz cool auch wenn sein 2.Name kaum benutzt wird, aber er ist schon auffällig! Sein Vater liebt eben den Film „Geronimo der letzte Häuptling“! aber da das mit dem „G“ nicht passte nahmen wir den Namen mit „J2 da gibt es einen coolen Laden auf Fehmarn der so heißt!!

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  7. Meiner Meinung nach kann man nicht pauschal sagen „passt oder passt nicht“, z.B. bei englischen Vornamen zu deutschen Nachnamen.
    Dass Justin Müller komisch klingt, mag sein.
    Aber es gibt ja auch durchaus „neutralere“ deutsche Nachnamen, zu denen sicherlich auch ein Justin gut funktioniert.
    Genauso wird es deutsche Namen geben, die nicht zu ihrem ebenfalls deutschen Nachnamen passen.
    Und so zieht es sich sicherlich durch alle Sprachen…

    Felice spreche ich übrigens französisch und kenne ihn auch nur als solchen.

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  8. ich finde, der türkische Name, der in meinen Augen gut zu einem deutschen Nachnamen passt, ist Yunus. Nur das Schriftbild verrät, dass es ein türkischer Name ist. Deniz ist auch gut geeignet für beide Sprachen. Man kann diesen Namen aussprechen, wie Dennis oder wie Denise. Ich kenne beide Varianten in meinem Umfeld. Bei den Mädchen wirds schon schwieriger. Ich kenne eine Selma, die eienen türkische Vater und eine deutsche Mutter hat. Aber ich sehe auch das Problem, dass türkische Namen eine Bedeutung haben, die viele Deutsche nicht kennen. Ich glaube auch, dass einige Türken es nicht so doll finden, wenn deutsche Eltern einen Namen aus ihrem Kulturkreis vergeben.

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    • Mir ist noch ein Mädchenname eingefallen, der gut in Deutschland passt: Aleyna. Ist türkisch, hört sich aber deutsch an.

    • Samira, Selin oder Ela finde ich passend, ich kenne aber auchnnicht viele. Und Namen mit griechischem Ursprung. Sonst fallen mir noch ein paar arabische Namen ein.
      Interessanterweise gibt es im arabischen Raum einige Namen die auch beinuns auftauchen. Fatima heißt zum Beispiel ein recht bedeutender Ort in Portugal, der für eine Marienerscheinung bekannt ist. Allerdings könnte dieser Ort seinen Namen auch von den Mauren bekommen haben, die ja teilweise sogar in Südfrankreich waren.
      Ich habe sonst auch nichts gegen ausländische Namen, wenn sie nach den Regeln der deutschen Sprache gesprochen werden.

  9. Dazu fällt mir noch Jasmin ein. Der Name kommt meines Wissens aus dem Persischen, ist aber mittlerweile ein in Deutschland häufig vergebener Vorname.
    Auch Samira wird meines Wissens auch ohne türkischen Hintergrund vergeben.

    Das „Passen zum Nachnamen“ ist für mich kein entscheidendes Kriterium, wem ein exotischer Name sehr gut gefällt, darf ihn m.E. auch wählen, wenn er/sie einen deutschen Nachnamen hat.
    Eher schon das Argument, dass eine Filiz oder Emine häufig für eine Türkin gehalten werden wird.

    Manche in Deutschland lebende Türken geben ihren Kindern bewusst Namen, die zwar als türkische Vornamen gebräuchlich, aber nicht zwingend als türkisch erkennbar sind.

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    • Ey, kenn isch eine deutsche Jasmin, die gibt Dir auf Fresse, wenn Du sagst, ihr Name is türkisch oder farsi oder so – isch schwör Dir…

      Borges (immerhin mal so der Lieblingsdichter des gegenwärtigen Katholen-Papstes) sagt:

      für den Mut und das Glück der anderen,
      für das Vaterland, gespürt im Jasmin
      oder in einem alten Degen,
      für Whitman und Franz von Assisi, die das Gedicht längst geschrieben haben,

      Jasmin ist einfach ein schöner Name. 🙂

    • Sehe ich so ähnlich, ich finde aber Vor- und Nachname sollten man zusammen gut aussprechen können, ohne sich die Zunge zu verknoten. Außerdem finde ich Namen mit mehr oder weniger intuitiver Aussprache sehr ratsam, es erleichtert das Leben.
      Jasmin mag ich auch – ebenso wie Jasmina, die aber fast nich ein bisschen östlicher klingt, viele arabische Namen sind mMn aber auch sehr schön, ob ich sie vergeben würde steht auf einem anderen Blatt.

    • So, Chiocciola, um Pardon für den groben Kalauer gestern abend – ich hoffe, er ist halbwegs als das rübergekommen, was er sein sollte, eben ein dummer Witz…

      Manche in Deutschland lebende Türken geben ihren Kindern bewusst Namen, die zwar als türkische Vornamen gebräuchlich, aber nicht zwingend als türkisch erkennbar sind.

      Ich habe mal gehört, daß es seit der Reform des Familien-Namensrechtes (vor zwanzig Jahren?) gar nicht so selten vorkommen soll, daß türkische/türkischstämmige Männer den Nachnamen ihrer deutschen Ehefrauen annehmen. Aber wirklich keine Ahnung, wie häufig das vorkommt…

  10. Als Bezeichnung für den echten Jasmin wurde im Verlaufe des 16. Jahrhunderts aus dem Lateinischen das Wort „Jasmin“ in verschiedenen Varianten ins Deutsche übernommen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Jasmin

    Ob das Wort wirklich ursprünglich arabisch oder persisch ist, geht daraus freilich nicht hervor…

    Ich meine in jedem Fall, daß der Name als eingebürgert galten kann. Es gibt ja einen Haufen wissenschaftlich-technischer Begriffe, die ursprünglich aus dem Arabischen stammen: Chemie, (kurioserweise) Alkohol, Algorithmus etc. Und ungezählte Sternennamen: Algol, Altair, Algenib, Aldebaran, Rigel, Saif, Mintaka, Deneb, Kochab etc. Es gab eben wirklich mal eine Zeit, in der die islamische Welt der christlichen kulturell haushoch überlegen gewesen ist. (Warum sie das dann irgendwann nicht mehr war und ab wann sie es nicht mehr war, ist eine spannende Frage, über die sich schon viele Kluge Leute den Kopf zerbrochen haben.)

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  11. Es ist doch eine Frage des Prestiges der Kultur des entsprechenden Namens.
    Fremdländische Namen, die unter Deutschen ohne Migrationshintergrund schon lange etablierte sind, zähle ich da nicht zu. Kaum jemand würde hinter einer Sophie griechische Wurzeln vermuten.

    Da aber einem türkischen oder arabischen Hintergrund bis heute noch ein rassistisch geprägtes niedriges Prestige anhaftet, sehen manche Eltern wohl von einer Namenswahl ab, denn andere könnten entsprechende Wurzeln vermuten oder gar befürchten. Ja, was sollen denn die Leute denken?!
    Die Idee, dass sich Deutsche aus türkischen und arabischen Kulturkreisen empören würden, wenn sich Deutsche ohne Migrationshintergrund in deren Sprachlandschaft bedienen, halte ich für dermassen absurd. Menschen die in vierter Generation immer noch als Ausländer wahrgenommen werden, sehnen sich danach, ein gleichbehandelter Teil der Gesellschaft sein zu dürfen. Wenn ein Stück ihrer Herkunftskultur in der Mitte der Gesellschaft ankommt, ist das doch ein grossartiges Zeichen der Integration – für alle.

    Vorname, Zweitname und Nachname müssen (ethymologisch) „zusammenpassen“ – solche Aussagen befremden mich ebenfalls sehr. Das hat so einen derben Beigeschmack von Apartheid.
    Was zusammenpasst und was nicht ist sehr subjektiv.
    Wie oben bereits klug angemerkt, klingt auch nicht jeder „deutsche“ Vorname zu jedem deutschen Nachnamen gut.
    Und türkische wie arabische Namen seien den deutschen phonetisch betrachtet sehr ähnlich und würden aus diesem Grund auch gut mit deutschen Nachnamen harmonieren.

    Man sollte als werdende Eltern keine Angst davor haben, dass Tochter Emine vielleicht mal gefragt wird, ob sie Türkin ist.
    Ich wurde in der 2. oder 3. Klasse mal von einer Mitschülerin gefragt, ob meine Mutter Türkin sei. Daran erinnere ich mich noch, denn ich wusste gar nicht, was das ist. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter keine Türkin ist. Aber ich habe mich gewundert warum die Mitschülerin das gefragt hat?? Wir hatten nichts miteinander zu tun. Was interessiert sie die Nationalität meiner Eltern? Das ist in dem Alter schon ein sehr spezielles Interessengebiet.
    Die Frage nach der Herkunft kann ich nachvollziehen, wenn man die gleichen Wurzeln wie die eigenen bei jemandanderem vermutet oder Herkunft von klein auf Thema war, weil man entsprechenden Hintergrund hat.
    Fragt jemand dich oder deine Kinder nach der Herkunft, sagt das viel mehr über die andere Person aus, als über dich oder deine Kinder.

    Wenn man dennoch unsicher ist, beispielsweise weil das Kind dadurch bei Bewerbungen oder Wohnungssuche benachteiligt werden könnte. Dann kann man einen unverfänglichen Zweitnamen dazu geben, der die Kinder für solch besondere Fälle absichert.

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