Mein seltener Name und ich

Mein seltener Name und ich: Thordis

Frauen mit seltenen Namen, die eine untypische Endung haben (also fast alles außer -a), können ein Lied davon singen: Immer mal wieder wird ihr Name als männlich interpretiert. Damit muss auch Thordis, Jahrgang 1971, aus dem Schleswig-Holsteinischen Bad Schwartau klarkommen und findet es „nicht immer so angenehm“.

Erschwerend wirkt bei ihr noch, dass auch die ersten Buchstaben ihres Namens in den 70ern und 80ern und eigentlich bis heute scheinbar eindeutig in die Jungsecke weisen: Der Name Thorsten verpasste 1971 mit Platz 11 nur knapp die Top Ten, Thorben gehörte im selben Jahr immerhin erstmals zu den hundert am häufigsten vergebenen Jungennamen in Deutschland. Und dann war da noch Dauerbrenner Thomas, in dem Jahr auf Platz 2 der Charts.

Mein seltener Name und ich: Delf

Den Namen Detlef kennt jeder, obwohl man ihn weder bei den derzeit beliebtesten ersten noch bei den etwas traditioneller ausfallenden zweiten Vornamen finden wird. Weit gefehlt! Detlef hat das eine oder andere Problemchen: Man kann ihn „Dettlef“ sprechen, aber auch „Dehtlef“. Gerade in letzterer Form wird er manchmal als abwertende Bezeichnung für schwule Männer benutzt. Laut Wikipedia nahm das bereits Mitte der 60er Jahre im Bundeswehr-Slang seinen Anfang. In der Neuen Deutschen Welle gab es dann die gesäuselte Songzeile „Detlev, ich bitte dich, geh doch für mich auf den Strich“.

Mein seltener Name und ich: Marbod

Wie alt ist jemand, der Marbod heißt? Woher stammt er? Hat er kreative Eltern, die ein Namensunikat zusammengebastelt haben? Und: Ist es überhaupt ein Er (immerhin gibt es ja den Frauennamen Margot)? Wenn ich Marbod nicht interviewt hätte, ich hätte keinen blassen Schimmer.

Der Name gehört zu jenen Raritäten, die zwar im Vornamens-Duden Eingang gefunden haben, die man aber nicht mal in den eigenwilligsten Neugeborenen-Galerien findet. Dabei klingt „alter deutscher männlicher Vorname“ absolut solide. Der Duden leitet den Namen von den althochdeutschen Begriffen für Pferd (marah) und Gebieter (bodo) ab. Auch von berühmt (mari) und Bote (boto) könnte Marbod stammen. Gebieter der Pferde oder berühmter Bote?! An Bodo musste ich tatsächlich denken. „Der Name ist bekannt durch den Markomannenkönig Marbod.“ Ah ja.

Mein seltener Name und ich

Marbods Eltern sind weder Geschichtslehrer noch Archäologen. Seinen Namen fanden sie einfach in einem Namensbuch. Martin, Marcel, Markus, Marc: Sie alle standen in Marbods Geburtsjahr 1986 in den Top-25. Schon komisch, dass die (zugegeben: unübliche) Endung -bod statt -tin, -cel oder -kus einen Eindruck von solcher Exotik hervorrufen kann. Marbod wuchs in Krefeld auf, er hat noch einen zweiten Vornamen: Frederick. Bei seinem Bruder ruderten die Eltern in puncto Seltenheit ein ganzes Stück zurück, die Wahl fiel auf Malte.

Mein seltener Name und ich: Jasna

Wie sehr es bei Namen auf jeden einzelnen Buchstaben ankommt, fasziniert mich immer wieder. Ein Buchstabe kann aus einem Mädchen einen Jungen machen (von Mila zu Milan) – oder umgekehrt, siehe Julian und Juliana. Erinnert fast etwas an die Sache mit den X- und Y-Chromosomen. Ein (schicker?!) Buchstabe kann einen einfachen, klaren Namen wie Emilia in eine schreibtechnische Herausforderung verwandeln (Emylia, Emilya), und ein grundsolider, vielleicht etwas langweiliger Klassiker wie Michael wird nach der Subtraktion nur eines Buchstabens zur frechen Namensoption für Skandinavien- und Lindgren-Freunde: Michel.

Mein seltener Name und ich: Amrei

Dass Amrei (knapp 20) aus München mir von den Erfahrungen mit ihrem Namen berichtet, freut mich ganz besonders. Echte Namensfreaks können sich schon denken, weshalb, allen anderen sei verraten: Amrei ist eine eher in Süddeutschland sowie in der Schweiz gebräuchliche Kurzform meines Vornamens, Annemarie, und passt somit eigentlich sehr gut in den aktuellen Trend, Koseformen als eigenständige Namen zu vergeben – siehe etwa Leni.

Mein seltener Name und ich: Merlin

Unisex-Namen, die Mädchen ebenso tragen können wie Jungen, haben ihre eigene Fangemeinde, aber auch ihre Tücken. Noch kniffeliger wird es eigentlich nur, wenn man einen Unisex-Namen trägt, bei dem alle Welt überzeugt ist, ihn eindeutig zuordnen zu können. So wie die 22-jährige Merlin aus München. „Jeder, der meinen Namen liest, geht davon aus, dass ich ein Mann bin. Es gab schon mal überraschte Blicke bei einer Bewerbung, und ich werde regelmäßig als ‚Herr‘ angeschrieben. Auch in der Schule haben neue Lehrer erst mal gefragt: ‚Wer von euch ist denn der Merlin?’“

Mein seltener Name und ich: Wynona

So viel lässt sich über die Zukunft schon sagen: Wenn unsere Kinder zwanzig, dreißig Jahre alt sind, werden sie häufiger auf Menschen mit seltenen Namen treffen – und seltener auf Menschen mit häufigen – als wir seinerzeit. Das dürfte auch die Reaktion auf seltene Namen verändern. Fragt sich nur, wie sehr. So oder so finde ich es immer wieder interessant, mit Trägern ungewöhnlicher Namen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Wynona konnte ich mir da keinesfalls entgehen lassen.

Mein seltener Name und ich: Reingard

Bei Schwangeren in meinem Umfeld kann ich nicht an mich halten. Kürzlich habe ich wieder einer werdenden Mutter das Beliebte Vornamen Jahrbuch in die Hand gedrückt. Dieses wurde auch gern genommen, mein Angebot, weitere Namen vorzuschlagen, jedoch mit Erstaunen quittiert. Denn: Ein Name, der nicht in den Top 500 steht, sei ohnehin zu ausgefallen.

Nun finde ich es ja schon toll, wenn jemand sich mit den Hitlisten auseinandersetzt und die Top 20 nicht als alleingültige Auswahlliste (miss-)versteht. Aber es fasziniert mich immer wieder, dass so ein breiter Konsens darüber besteht, wie Kinder heute eigentlich nicht heißen sollten. Dabei gibt es immer wieder Menschen, die berichten, sie hätten letztens ein süßes Baby namens Barbara oder einen Windelträger mit Namen Winfried kennengelernt und würden den Namen jetzt mit ganz anderen Augen sehen. Geht doch!