Mein seltener Name und ich: Elvira

Mein seltener Name und ich

Kommt ein Mann ins Standesamt, um sein neugeborenes Töchterchen anzumelden. „Wie soll die Kleine denn heißen?“ Ja, wie nur? Der Name, von dem die Frau des Mannes immer geredet hatte, will ihm partout nicht einfallen. (Spoiler: Es war Tamara.) Oder doch? „Elvira!“, sagt der Mann erleichtert (denn so ähnlich klang das doch …?). Und weil er gerade in Fahrt ist, fügt er noch einen Zweitnamen an: Anneliese – so heißt seine Mutter.

Diese Geschichte hat sich wirklich zugetragen: im Jahr 1968 in Köln. Leider ist der nachfolgende Dialog der jungen Eltern nicht überliefert und auch nicht, ob Elviras Vater wirklich so vergesslich war oder bloß seinen heimlichen Favoriten durchsetzen wollte. „Es gab tatsächlich eine Zeit, da hätte ich lieber Tamara geheißen“, sagt Elvira, die mir die Geschichte rund um ihren Namen erzählt hat. „Aber vielleicht wäre das auch nicht so gut gewesen. Viele meiner Freunde meinten, das klinge eher nach russischer Turnerin.“ Elvira wuchs an der Nordsee auf, sie hat eine Schwester namens Monika. Interessant dazu ihr Kommentar: „Ehrlich, da heiße ich doch lieber Elvira.“ Schon in jungen Jahren kannte sie trotz seiner Seltenheit zwei andere Trägerinnen ihres Namens: eine viel ältere Nachbarin – und das Mädchen, das gleich am ersten Tag in der Grundschule neben ihr saß. Was für ein Zufall!

Elviras Verhältnis zu ihrem Namen ist zwiegespalten: „Einerseits ist er ja sehr selten und ungewöhnlich, andererseits aber oft negativ besetzt. In Witzen wird er gern für alte, dicke Frauen mit Damenbart verwendet. Als Erwachsene hat sich meine ‚Beziehung‘ zu meinem Namen entspannt, als Kind und Teenager fand ich ihn schrecklich.“ Bis heute wissen Freunde, Freundinnen und Bekannte teilweise nicht, wie sie wirklich heißt, weil sie sie unter einem ihrer vielen Spitznamen kennengelernt haben: „Im normalen Freundeskreis heiße ich Elli, im Studium war ich Ella und beim Sport kennt man mich als Elfi oder auch als Miss Ellie.“ Elvira hat außerdem mit Anne geliebäugelt, als Kurzform ihres Zweitnamens, und ärgert sich fast ein wenig, „dass ich das nicht in jungen Jahren eingeführt habe: Moin, ich bin Anne!“.

Laut der Hochrechnung aus dem Horstomat ist ihr Name in den letzten Jahren tendenziell ein wenig häufiger … oder eher: weniger selten geworden: Pro Jahr werden bis zu dreißig Kinder in Deutschland so genannt. Ob hier wohl Eltern eine Alternative zu Elisa (bis zu 2.000 Kinder) oder Elsa (bis zu 600) gesucht und gefunden haben? Es könnte sich aber auch um Familien mit spanischen Wurzeln handeln. Dorther stammt der Name nämlich. „Spanische Bekannte sprechen ihn meist mit einem angedeuteten b als v aus: Elbira“, so meine Interviewpartnerin. Über die genaue Herleitung und Bedeutung gibt es verschiedene Theorien. Eine führt über den spanischen Männernamen Alvaro zum altgermanischen Alwart (Bedeutung: „all“ und „Hüter“).

Opern-Fans dürfte Elvira aus Mozarts „Don Giovanni“ vertraut sein, eine verlassene Geliebte der Titelfigur. 1981 gab es von den Oak Ridge Boys einen populären Country-Song namens „Elvira“. Eine weitere, sehr schräge Facette entsteht durch einen US-amerikanischen Horrorfilm aus dem Jahr 1988, „Elvira – Herrscherin der Dunkelheit“. Zu der Geschichte eines Gothic-Vamps entstand sogar ein Computerspiel. Vor allem in Bosnien-Herzegowina kennt man auch eine männliche Variante des Namens. Ist es etwa Elvis? Fast: Elvir.

„Im Prinzip sind Namen ja Schall und Rauch“, resümiert Elvira. „Leider führen sie trotzdem oft zu Vorurteilen. Einen Lebensnamen finden, der einem kleinen Kind steht und dann im Erwachsenenalter seriös klingt, das wird immer schwieriger.“ Sie selbst hat sich zweimal daran versucht, ihre erwachsenen Töchter heißen Johanna Henriette und Marlene Elisabeth. Und immerhin – sie erinnert sich spontan an eine Situation, in der ihr Name ihr sogar einen Vorteil verschafft hat:

„Ich habe auf Hawaii in einer Autovermietung eine Dame kennengelernt, die hieß Cinderella. Folgende Konversation (auf Englisch) entstand:
Ich: Hallo, Sie haben einen tollen Namen, sehr ungewöhnlich.
Sie: Ja, mein Bruder durfte aussuchen, er wollte Cinderella.
Ich: Mit diesem Namen können Sie sicher aus einem Kürbis ein tolles Auto für uns zaubern. Aber das hören Sie vermutlich hundertmal am Tag.
Sie: Nein, das habe ich noch nie gehört, wirklich. (Sie hat total gelacht, und es war ihr Ernst, das hatte noch nie jemand zu ihr gesagt.)
Ich: Oh, das ist ungewöhnlich, bei Cinderella denke ich immer an den Kürbis.
Sie: Und ich bei Ihrem Namen immer an die Queen of Darkness, aber die ist ja nicht blond, so wie Sie, sondern dunkelhaarig, so wie ich.
Wir haben noch ’ne ganze Zeit gesabbelt, es war echt toll. Tatsächlich hat sie unseren bestellten Mietwagen (Pumpkin) in einen größeren (Kutsche) getauscht.“


15 Gedanken zu „Mein seltener Name und ich: Elvira“

  1. Also ich finde Elvira gar nicht mal schlecht, der Name hat was. Den Spitznamen Elli(e) finde ich auch sehr hübsch, während ich Tamara furchtbar finde – müsste ich wählen, würde ich definitiv Elvira heißen (ebenso ohne zu überlegen bei der Wahl zwischen Elvira und Monika). Nein, irgendwie mag ich Elvira!

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  2. Ich empfinde Elvira als „Geheimtipp“. Er war nie weit oben in den Hitlisten, aber jeder kennt den Namen und kann ihn problemlos aussprechen und schreiben.

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  3. Bei Elvira ist meine erste Assoziation aus der Kindersendung Kli-Kla-Witter (70er Jahre).
    Die zweite Assoziation ist ein Nilpferdbaby, das in der Folge „Pumuckl und das Telefon“ in der Fernsehserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ (80er Jahre).

    Im realen Leben begegnet ist mir bisher eine Elvira, ebenfalls ca. 1968 geboren.

    In der Buchreihe „Schule der magischen Tiere “ heißt die Mutter von Ida, einer der Hauptfiguren, Elvira Kronenberg.

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    • Danke! Ich kam einfach nicht drauf, warum ich bei Elvira an zwei Frauen denken muss.
      Eine reale „kenne“ ich vom Hörensagen und die andere aus der Buchreihe.

  4. Da fällt mir doch glatt noch eine (fiktive) Elvira ein: Elvira Tepes, die mit einem Vampir verheiratete Mutter in der Mädchenbuchreihe „Die Vampirschwestern“ (verfilmt mit Christiane Paul als Elvira).

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  5. Ich hab mal einige Wochen für ein Praktikum bei einer Elvira gewohnt. Da hat der Name für mich eine Assoziation von etwas in die Jahre gekommener Eleganz ausgelöst. Fand ihn aber schön.

    Btw, ich würde mich als Interviewpartnerin für diese Reihe anbieten, sollte Interesse bestehen 🙂

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    • Von mir aus sehr gern 🙂 Schreib am besten kurz Knud an (siehe Impressum), der leitet das dann an mich weiter.

  6. Ich kenne Elvira vor allem aus der älteren Generation russlanddeutscher Frauen.
    Meine Oma namens Elvira, jetzt 84, hat vier Schwestern: Berta, Erna, Valentina und Irma.

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  7. Ich kenne Elvira auch aus einem Kinderhörspiel 🙂 Die Ärztin in der Folge „Benjamin Blümchen im Krankenhaus“ heißt so.

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  8. Elvira finde ich wirklich schön.

    Persönliche Assoziation: als Kind war ich vor allem mit Jungen befreundet, aber es gab ein Mädchen in meiner Klasse, mit dem ich manchmal gespielt habe. Ihr Vater war Egerlanddeutscher, der als Kind als Flüchtling in unser hessischer Dorf kam. Die Mutter war Ur-Hessin; sie hieß Elvira, die einzige dieses Namens, die ich bis heute kennen gelernt habe. Fand den Namen damals schon interessant und hübsch.

    Die drei verschiedenen Vokale, das liquide L, das weiche V und das rollende R machen diesen Namen klanglich sehr bunt und ansprechend. Das R gibt dem Namen etwas Peps, sonst ist er ja ganz weich. Auch Goethe fühlte sich von dem Namen angesprochen und verwendete ihn in einer Dichtung–„Erwin und Elvira,“ igendwas in der Art. Würde eine eigene Tochter ohne Weiteres Elvira nennen.

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  9. Meine Oma heißt Elvira!
    Fand den Namen deswegen immer schlimm, aber mittlerweile finde ich ihn eigentlich ganz hübsch und würde auch meine Tochter so nennen!

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    • Hallo Ida …so wie es dir mit den Namen Elvira ergeht …so gehts mir mit den Namen meiner Oma auch …sie hieß Gerdtrud

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