Auch an den Nachnamen denken – Vornamen-Interview mit Dieter Richter

Ein schöner Vorname – aber harmoniert er auch wirklich mit dem Nachnamen? Dieter Richter plädiert dafür, diese Frage bei der Namenswahl nicht außer Acht zu lassen. Vielleicht auch deshalb, weil der Bremer mit fränkischen Wurzeln bei seinem eigenen Namen ein gewisses „Klappern“ bemerkt. Was er damit meint, verrät er in unserem Vornamen-Interview. Der Germanist und Autor war auch schon als Namensforscher tätig: in Süditalien, wo er den Trend zum individuelleren Namen bestätigt fand.

Dieter Richter

Wie lautet Ihr vollständiger Vorname?

Dieter.

Wie werden Sie genannt?

Dieter. Die Italiener sagen Di-eter. Jedenfalls diejenigen, die mich nicht näher kennen. Weil man doch im Italienischen „so spricht, wie man schreibt“, also jeden Buchstaben einzeln ausspricht. Außerdem ist ihnen der Name gänzlich fremd, sie verwechseln ihn manchmal mit einem englisch ausgesprochenen Peter. Und immer wieder werde ich gefragt, was dieser Name „bedeute“. Ich gebe dann die halbrichtige Antwort, es sei die deutsche Kurzform von „Teodorico“, also Theoderich. Auf eine andere, typisch (süd-)italienische Frage muss ich allerdings passen: Wann ich Namenstag habe.

Mögen Sie Ihren Vornamen?

Den Gesamtklang von „Dieter Richter“ finde ich nicht so glücklich. Metrisch sind das zwei aufeinanderfolgende Trochäen, also je eine lang und eine kurz gesprochene Silbe im Wechsel. Simpel gesagt: das klappert. Außerdem enthalten die vier Silben auch noch abwechselnd die beiden gleichen Vokale, das verstärkt das Klappern.

Wie würden Sie lieber heißen?

Mein Name, das bin ich.

Wissen Sie, warum Ihre Eltern Sie so genannt haben?

Der Name stand damals auf der Skala der beliebten Vornamen ziemlich weit oben. Es war die Zeit des Nationalsozialismus, und Dieter galt als „germanischer“ Name, ähnlich wie Günther oder Siegfried. Meine Eltern waren zwar keine Nazis, aber natürlich vom Geist der Zeiten und den entsprechenden Namensvorlieben nicht unbeeinflusst. Außerdem gab es in unserer Familie keine „Namenstraditionen“, ich bin familiär der erste Träger des Namens. Dass ich nur einen einzigen Vornamen trage – was ich immer ein bisschen bedauert habe –, verdanke ich einer Marotte meines Großvaters mütterlicherseits. Der war ein Anwalt des „Praktischen“: Mehrere Vornamen seien „unpraktisch“, man könne doch nichts Rechtes damit anfangen und brauche nur länger, wenn man Formulare ausfüllen müsse.

Wie heißen Ihre Kinder?

Nicolas und Pavel.

Wie sind Sie auf die Namen gekommen?

„Nicolas Richter“ ist metrisch ganz anders als mein eigener Name, nämlich ein Daktylus plus ein Trochäus, ergibt also eine schöne, ausschwingende Melodie. Außerdem kommt kein R vor, weil ja der Nachname bereits zwei Rs hat und die sich schlecht sprechen. Pavel hat ebenfalls einen weichen Klang und – eher durch Zufall – einen familiären Bezug: Sein Großvater hieß Paul.

Wann haben Sie sich für die Namen entschieden?

Kurz vor der Geburt der Kinder.

Was interessiert Sie am Thema Namen besonders?

Namen machen mich immer neugierig, denn sie verraten einiges über die räumliche, die zeitliche und die soziale Herkunft eines Menschen. Das war bis vor etwa zwei Generationen eklatant, gilt aber mit Einschränkungen auch im Zeitalter der Globalisierung. Ich habe vor einiger Zeit in einigen Dörfern in Süditalien Namensforschung betrieben, dabei sämtliche Vornamen ab 1900 ausgewertet. Mit dem Ergebnis, dass lokale und familiäre Namenstraditionen mehr und mehr verschwinden und stattdessen die Eltern sich für einen „originellen“ Namen entscheiden wollen. Das spiegelt recht genau den Prozess der Individualisierung in der Moderne. Während Namen in früheren Zeiten Erinnerungen an andere Träger des gleichen Namens auslösen sollten, sollen sie heute das Kind als Individuum charakterisieren, sozusagen einzigartig machen. Dass sich das Kind dann später mit seinem Namen unter irgendwelchen „Top Ten“ wiederfindet, also alles andere als „individuell“ ist, steht auf einem anderen Blatt.

Welche drei Namen aus den aktuellen Top 50 gefallen Ihnen am besten?

Bei den Mädchen Clara, Julia und Emma; bei den Jungen Felix, Leo und Paul. Den Leo würde ich allerdings lieber Leopold nennen, Abkürzungen stellen sich von selber ein.

Was würden Sie Eltern auf Namenssuche raten?

Ich habe den Eindruck, dass sich viele Eltern zu sehr auf den Vornamen des Neugeborenen konzentrieren und wenig darauf achten, ob dieser metrisch und klanglich zum Nachnamen passt. Aber das Kind wird ja schließlich erwachsen und stellt sich dann mit beiden Namen vor, und ein schön klingender Name kann eine gute sonore Visitenkarte sein.

Thema: Interview

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 8-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

9 Kommentare zu "Auch an den Nachnamen denken – Vornamen-Interview mit Dieter Richter"

  1. Kathrin sagt:

    Grundsätzlich stimme ich völlig, auch auf den Rhythmus und Gesamtklang eines Namens zu achten. Ich denke, die meisten Eltern praktizieren es auch so.

    Nur liegt hier der „Teufel“ wie immer im Detail. Es ist schon oft schwer genug, sich auf einen gemeinsamen schönen Vornamen zu einigen. Da müssen andere Kriterien vielleicht auch mal zurückstehen. Denn was dem einen gefällt, gefällt nicht zwangsläufig dem anderen. Mir war z. B. wichtig, auch einen Namen mit familiärem Bezug mitaufzunehmen. Dadurch ist der Gesamtname zwar nicht klanglich perfekt, aber „inhaltlich“.

  2. Jan Wilhelms sagt:

    Also, ich wundere mich schon, daß es hier nicht sofort zu einem Frauen-Aufstand kommt…

    Natürlich ist das klangliche Zusammenspiel Vor- und Nachnamen wichtig: Dieter Richter klingt halt wirklich nicht sooo toll. Was soll’s? Dann klingt es eben nicht so toll.

    Aber:

    1. Jede normale Frau nimmt bei der Eheschließung den Nachnamen ihres Mannes an, wenn er nicht gerade Puhvogel oder Schweinefuß heißt. Obwohl es in der BRD seit vielen Jahren Gott sei Dank rechtlich gesehen viele andere Möglichkeiten gibt… Eine normale Frau nimmt in Deutschland den Nachnamen des Mannes an – und fertig. Ist eben so. In Spanien, es sei konzediert, ist das immer schon anders gewesen, ich weiß, sehr lobenswert. In noch anderen Ländern vielleicht auch. Aber hier eben nicht. Und in den meisten anderen westlichen Ländern auch nicht. Üblicherweise nimmt eine Frau bei der Hochzeit den Nachnamen des Mannes an. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis kein Pärchen, bei dem es anders gewesen wäre, das macht man halt so, auch wenn es nicht mehr rechtlich verpflichtend ist. (Die Zeiten der Doppelnachnamen à la Leuthäuser-Schnarrenbrummer sind Gott sei Dank wohl nun endgültig vorbei.)

    2. Keine Frau sucht sich ihren Mann danach aus, ob sein Nachname zu ihrem Vornamen paßt, also damit akustisch oder semantisch oder sonstwie harmoniert. Sondern danach, wieviel Geld oder Charme etc. pp. er hat.

    Damit hätten also, wenn denn Vorname und Nachname zusammenpassen sollen, Frauen über weite Strecken ihres Lebens grundsätzlich schlechtere Chancen auf einen anständigen Namen. Ist das denn okay?

    • Kathrin sagt:

      Gut zu wissen, dass ich diesem Beitrag nach zu urteilen, keine normale Frau bin.

    • Jan Wilhelms sagt:

      Kathrin, sie sollten stolz darauf sein, nicht normal zu sein. 🙂

      Ich weiß auch nicht, woran es liegt – und ich habe mich schon elend oft gefragt, woran es denn liegt: aber in meinem Umfeld nimmt fast keine Frau die Möglichkeiten des BRD-Namensrechtes wahr. Fast alle wollen einfach ganz brav heißen wie Männe. Und das sind fast alles linksliberale, „irgendwie“ rotgrüne Leute!

      Eine kleine Ausnahme bilden die Frauen, die sich schon „einen Namen gemacht“ haben oder glauben, das getan zu haben: also Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen und ähnliche, die Wert auf eine einheitliche Publikationsliste legen.

      (Zur Orientierung: Ich bin Generation X, aus Norddeutschland. Kann sein, daß es anderswo anders ist.)

    • Annemarie sagt:

      Mal abgesehen davon, dass ich diverse „unnormale“ Frauen kenne: Was soll dieser Einwurf Eltern auf Namenssuche sagen? Dass es egal ist, wie Vor- und Nachname zusammen klingen, weil die Kombination bei vielen angeheirateten Namen ja auch unvorteilhaft ist?!?

    • Jan Wilhelms sagt:

      Bon. Stimmt. Es war das vielleicht ein bißchen zu kurz gedacht. Immerhin müssen ja auch Mädchen mindestens mehrere Jahrzehnte mit der ihnen von ihren Eltern zugedachten Kombination von Vor- und Nachmamen leben. Und sie haben erfreulicherweise heute die Möglichkeit, die schlimmsten Störungen dieses Gleichgewichts dadurch zu vermeiden, daß sie bei der Eheschließung ihren Mädchennamen behalten. Kann mithin sein, daß ich mich geirrt habe. :-/

      Nebenbei: Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Männername (also in der Kombination Vor- uns Nachname) nicht ganz euphon klingt, sondern sozusagen ein bißchen „klappert“ – wie eben, sagen wir mal, Dieter Richter, Horst Meyer oder Roger Hauer. 😉 Es können ja nicht alle Roberto Signorello, Costa Cordalis, Papa Benedetto, Leonardo da Vinci oder Rex Gildo heißen.

      Die deutsche Sprache ist nun einmal sehr konsonantenreich und klingt nicht unbedingt „lieblich“.

      Man könnte hier vielleicht sogar Parallelen zu diesen gequält euphonen Firmennamen der letzten zwanzig Jahre ziehen. „Arcandor“, „Veola“, „Madura“ – das klingt eben nach gar nix, ist aber so allgegenwärtig wie Mia und Leon als Vornamen. Während die völlig uneuphonen „Reiherstieg-Werft“, „Blohm & Voss“, „Ritz“ und „Krupp“ was hermachen.

    • Katharina sagt:

      Ich hätte gerne eine Definition von normaler Frau. Sehr Lustiger Kommentar. Ich habe mit meinem Mann drei Kinder und wir sind nicht verheiratet… mmh ich scheine nicht normal zu sein 😉
      In unserem Freundeskreis gibts es drei Familien mit dem Namen der Frau, und zwei weitere Frauen die ihre Namen beibehalten haben und die Kinder ihren nachnahmen führen.
      Falls wir zum 20 Jährigen heiraten behalten wir unsere namen….die Kinder heißen überings wie die Mama.

  3. Mark sagt:

    Finde es gut, dass Dieter Richter zu seinem vielleicht unvollkommen kombinierten Namen steht. Würde selber auch nur in einem Extremfall den von den Eltern gegebenen Namen ändern. Denn das Besondere am Namen ist ja auch, dass man ihn nicht selbst ausgesucht hat, sondern als Mitgift von den Eltern auf die eigene Lebensreise mitnimmt. Diesen Mitgiftcharakter des eigenen Namens–das möchte ich nicht missen.

    Finde schon, dass Eltern oft zu wenig an die Vereinbarkeit mit dem Nachnamen denken, oder zumindest hin und wieder mal. Das finde ich immer etwas schade. Aber natürlich kann man damit leben. Mein Vorname passt so halbwegs zu meinem Nachnamen–aber wirklich nur so halbwegs. Da finde ich die Namen meiner zwei Söhne viel passender, klanglich. Aber was soll’s–solange ich nicht versuche, Hollywoodstar zu werden, brauche ich mir keine allzu großen Sorgen über die Gesamteuphonie meines Namens zu machen.

    Mark

  4. amk sagt:

    Ich bin auch der Meinung, dass Vor- und Nachname zusammenpassen sollten, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass auch eine perfekte Euphonie vorhanden sein muss.

    Bei manchen Nachnamen ist es auf Grund des Nachnamens selbst schon schwierig eine gute Kombination zu finden.
    Beispielsweise bei Namen wie Klohocker, Bimbo oder Saufaus. Mal ganz abgesehen von den Nachnamen, die im umgangsprachlichen oder vulgären Sprachgebrauch die Geschlechtsteile beschreiben. Da ist es dann auch egal, ob man Anna oder Paul oder eben Chantal oder Justin heißt.

    Vermieden werden sollten meiner Meinung nach aber auf jeden Fall Kombinationen von der Art wie Mira Bellenbaum (von der wohl shcon jeder mal gehört hat ;)) oder Frank Reich.

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