Im Interesse der Kinder

Bei der Auswahl eines Babynamens darf man in Deutschland ja viel, aber längst nicht alles. In einer Diskussion störte sich neulich jemand an den Grenzen, schließlich habe jeder – siehe Art. 2 Abs. 1 des Grundgesetzes – „das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“; da dürfe man doch nicht bei der Namenswahl eingeschränkt werden.

Tatsächlich gibt es dazu schon eine richterliche Entscheidung. Bereits 2004 verkündete das Bundesverfassungsgericht:

Das Recht zur Namensbestimmung ist Eltern grundrechtlich nicht im Interesse eigener Persönlichkeitsentfaltung, sondern allein im Rahmen ihrer Sorgeverantwortung im Interesse ihrer Kinder eingeräumt.


Der Zweck der Namensfindung ist nicht, Eltern eine Möglichkeit zu eröffnen, ihre Kreativität auszudrücken. Der Zweck ist, dem neugeborenen Menschen einen guten Vornamen zu geben, der ihn durch sein Leben begleitet.

Bundesverfassungsgericht Karlsruhe © Klaus Eppele - fotolia.com
Bundesverfassungsgericht Karlsruhe © Klaus Eppele – fotolia.com

Im dieser Entscheidung zugrunde liegenden Rechtsstreit ging es darum, dass eine Mutter ihren Sohn Chenekwahow Tecumseh Migiskau Kioma Ernesto Inti Prithibi Pathar Chajara Majim Henriko Alessandro nennen wollte (das sind zwölf Namen) und das Amt das nicht zuließ. Erlaubt wurden zunächst vier, im Verlauf der Gerichtsverfahren schließlich fünf Namen: Chenekwahow Tecumseh Migiskau Kioma Ernesto.

In der Urteilsbegründung betonte das Bundesverfassungsgericht vor allem diese Aspekte:

  • Einerseits darf die Namenswahl nicht dem Kindeswohl widersprechen. Andererseits haben zwölf Vornamen aber einen erheblich belästigenden Charakter für das Kind.
  • Die Selbstidentifikation des Kindes ist mit zunehmender Zahl seiner Vornamen nicht mehr gewährleistet.

Referenz: Zur Anzahl der Vornamen eines Kindes, Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Februar 2004

Falls der von diesem Urteil persönlich betroffene (inzwischen) Jugendliche zufällig mitliest: Magst Du Deinen Vornamen? Hättest Du lieber alle zwölf Namen bekommen?

Und außerdem …

3 Gedanken zu “Im Interesse der Kinder”

  1. Tecumseh ist interessant. Einerseits der hochachtbare indianische Freiheitsheld Tecumseh. Anderereits der wirklich hochintelligente und interessante, aber auch extrem grausame Nordstaaten-General William Tecumseh Sherman aus dem Bürgerkrieg. (Sherman war im Krieg ein Schlächter und Zerstörungs-General, auf seine alten Tage hingegen ein Warner vor Militarismus avant la lettre. Eine geistige Beweglichkeit, die bei alten Soldaten nicht selbstverständlich ist.)

    Ansonsten wollte Muddern offenbar möglichst viele Kulturen und/oder bereiste oder zu bereisende Länder abfrühstücken. Oder sie konnte sich nicht mehr so genau erinnern, aus welcher Kultur denn nun der Kindsvater stammte, und hat daher zur onomastischen Schrotflinte gegriffen. 😀

    Und: 90 % der Menschen sind Langweiler – da lohnt sich die „Entfaltung der Persönlichkeit“ eh nicht.

  2. Stimme zwar mit dem Grundsatz “im Interesse der Kinder” überein, aber was meistens als “im Interesse der Kinder” definiert wird ist: möglichst unauffällig und irgendwie mit der gerade vorherrschenden Mode im Einklang.

    Das ist für mich aber nicht das non plus ultra. Was meine Frau und mich bei unserer Namenswahl motiviert hat, war, unseren Kindern ein bedeutungsvolles Erbe mitzugeben und sie an ihre Herkunft und Familie zu binden. Das muss auch nicht das non plus ultra sein. Allerdings lehne ich es ab, wenn der Gedanke vom “Kindeswohl” zu sehr durch eine Denkweise geprägt wird, und nicht andere Ansätze als legitim sieht.

    • Sehr interessante, bündige Überlegungen. Praktisch jeder Vorname ist mit irgendwelchen Klischees behaftet, die sich als „gegen das Kindeswohl“ interpretieren ließen.

      Das von Knud angeführte 12er-Beispiel stellt (auch in der abgespeckten 5er-Version) ist nun ein krasses Beispiel: „Aha, gelangweilte, spätgebärende Psycho-Schrappe mit zuviel Zeit und zuviel Geld, so einen Quatsch durchzuklagen“.

      Aber fast jeder Vorname sortiert ein und kann bei irgendwem irgendwo irgendwann Nachteile mit sich bringen.

      Englische oder anglisierende Vornamen lassen eben jeden denken: „Aha, Eltern sind Assis“. Das ist geradezu eine Existenzgrundlage dieses Blogs: eben die Kevinismen.

      Man hört sogar von Leuten, die sich bei pseudoklassischen Vornamen (Philipp Alexander, Julius, Hubertus…), den pseudo-friesischen Namen (Buffo, Ufze, Omme, Bollo, Trollo), den „neo-alttestamentarischen“ Vornamen oder den Bullerbü-Namen sofort denken: „Aha, Bionade-Eltern. Kindi ist schlecht erzogen, ferner entweder ‚hochbegabt‘ oder wegen ‚ADHS‘ auf Ritalin.“

      Eine Annalena oder eine Nele wird sofort als dumme, verzogene Pute um die dreißig mit Auslandssemester in den USA einsortiert – sehr oft zu Recht.

      Jeder Muslim kann ein Lied davon singen, daß Namen wie Ali oder Mustafa, Aischa oder Fatima in Deutschland Nachteile mit sich bringen.

      Bei den Hochsicherheits-Kombis (ein „kreativer“ und ein „klassischer“) ist eigentlich auch klar: Eltern sind Selbstoptimierer. Muddern wälzt Namenslexika und Ratgeber-Literatur aus der Stadtteilbibliothek, während Vaddern den Schotter ranschafft und nach Feierabend für den Berlin-Marathon trainiert. Muddern engagiert sich „für ein buntes Bad Bramfeld“ und „gegen rechts“. Hauskatze wird vegan ernährt.

      In den USA ist bei bestimmten Vornamen (Tyron, Porissa…) sofort klar: „Aha, Schwarze(r)“. In Deutschland gibt es seit den Ereignissen von 2015 ff. das gleiche Phänomen. Woher stammen wohl die Eltern einer Melody?

      Bei den Weichteilnamen (Liam, Lias…) oder unsortierbaren Unisexnamen denkt sich eigentlich auch jeder: Muddern hätte lieber ein transsexuelles Kind gehabt als einen Jungen. Das ist ja im Moment sooo schick. Aber ach, das Schicksal war ungerecht.

      Thomas, Jörg, Thorsten, Sabine und Claudia sind in den Wechseljahren.

      Und so weiter, und so fort.

      Nochmals: Es gibt da keinen Königsweg. Fast jeder Vorname sortiert und kann sich gegen die „Interessen der Kinder“ wenden. Sei es immanent, sei es wegen eines nicht vorherzusehenden Unglücksfalls wie bei Alexa. Außer absoluter Langweilerei – und die ist das Schlimmste von allem.

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