Die Angst der Mutter vor dem Spitznamen

Ich weiß es nicht, halte es aber für unwahrscheinlich, dass meine Oma sich vor 80 Jahren, als sie ihre erste Tochter bekam, Gedanken über Spitznamen gemacht hat. Meine Tante heißt Waltraud. Ihre Geschwister sprechen sie bis heute mit einer Abwandlung ihres Namens an. Walli, Traudel, Waldi oder gar Walter? Alles falsch, man nennt sie Wallau.

Eingefallen ist mir diese kleine Familiengeschichte, als ich neulich in einer Social-Media-Gruppe den Aufruf einer Schwangeren las: „Wer hat eine Valentina und kann mir berichten, was für Abkürzungen da entstehen? Nur die naheliegenden Tina und Valli oder noch andere/schönere?“ Die Antworten waren indes wenig ermutigend: „Walle wurde die Valentina aus unserer Klasse genannt …“, schrieb da eine (offensichtlich jünger als ich, bei uns gab es keine Valentinas). Übler geht es weiter: „… oder Walli. Aber auch Wal-Ente oder Wal-entina.“ Und eine andere erinnerte sich: „Wir haben eine in der Klasse gehabt und sie immer Walle-Qualle genannt.“ Ui.

Qualle

Wie das Ganze ausgegangen ist, habe ich nicht mehr mitbekommen. Jedenfalls gehört diese Mutter nicht zur Fraktion der Spitznamen-die-uns-nicht-gefallen-werden-wir-unterbinden-Eltern und erst recht nicht zu jenen, die bewusst einen (kurzen) Namen wählen, „den man nicht verhunzen kann“. Sie will einen abkürzbaren Namen, nur eben einen mit einer Kurzform, die ihr gefällt. Finde ich als Kriterium auch legitim. Irgendwie muss man bei der Flut von Namen, die heute zur Wahl stehen – viel mehr als zu Omas Zeiten! –, ja eingrenzen. Ich horche nur auf, wenn ich das Gefühl habe, hier will sich jemand etwas zurechtbiegen wie bei der Frage nach nicht so naheliegenden Spitznamen (die man dann fördern möchte?). Sicher etabliert sich nicht immer die offensichtlichste Kurzform. Sehr oft aber schon, gerade bei Namen, die – und sei es in Teilen (-tina) – gängig sind. Wie sehr können Eltern ihren Einfluss in dieser Frage überhaupt geltend machen?

Wie das manchmal so ist: Nur einen Tag später schlug in derselben Gruppe eine andere Mutter in dieselbe Kerbe. Gesucht waren diesmal „schöne Abkürzungen für den Namen Alessio – außer Ali bitte.“ Schau an, auch der Modename Alessio („Alessio geht’s gut!“) teilt Valentinas „Problem“. Als eine Kommentatorin (italienischer Nachname) die Kurzform „Ale“ vorschlägt, kugelt sich eine andere virtuell vor Lachen: „Klingt türkisch und genauso unschön wie Ali.“ Da nützt auch die Erläuterung nichts, dass der Name in seinem Herkunftsland Italien Ale abgekürzt werde, „wie Valentino, der dann zu Vale (Wale) wird.“

In die Kategorie „Zurechtbiegen“ fällt schließlich noch der Vorschlag, bei Alessio einfach einige Buchstaben zu streichen und ihn Lio zu rufen. Ich weiß ja nicht.

58 Gedanken zu “Die Angst der Mutter vor dem Spitznamen

  1. Während mir jetzt wenig schlimme Spitznamen aus der Schulzeit einfallen (bestenfalls Arne-Banane oder Dani-Sahne), habe ich seitdem “Angst” vor sehr häufigen Namen. Ich hatte eine Recht große Stufe, so dass es jeden Modenamen eben gleich mehrfach gab. Wie viele Julias und Stefanies es nun genau waren, kann ich gar nicht mehr sagen. Wohl aber fallen mir direkt die Beinamen ein. Rückblickend wirklich übel, aber Jugendliche können anscheinend wirklich gemein sein, auch wenn die Betroffenen ihre Beinamen wohl kaum kannten, sie wurden ja nie so angesprochen, sie dienten eher der Unterscheidung, wenn jemand von ihnen sprach. Warum nicht einfach Nachnamen genutzt wurden, ist mir heute auch ein Rätsel. Wenn mir jetzt manchmal ein ziemlich häufiger Name gefällt, denke ich direkt an “die dicke Julia” und “Steffen mit dem großen Kopf” und streiche ihn direkt von der imaginären Liste in meinem Kopf.

    • Warum nicht einfach Nachnamen genutzt wurden, ist mir heute auch ein Rätsel.

      Das ist übrigens eine sehr gute Frage. In meiner Generation (Jg. 1967) und Heimat (Niedersachsen) haben sich zumindest die Jungs untereinander schon im Kindergarten mit Nachnamen angesprochen. „Bähre hat angefangen!“, „Koopmann is ’nen Arschloch.“, „Ey, Wehlers! Kommst Du heute nachmittag mit zum Schwimmen?“, „Mami, ich geh heute nachmittag zu Schulz.“ – usw. usf. Das war halt damals Jungs-Sprache. Bei einigen meiner Kindergarten- und Grundschulkameraden vermag ich mich heute nicht mehr auf die Vornamen zu besinnen, kenne aber ihre Nachnamen noch aus dem Effeff.

      Gerade auch gegenüber den eigenen Eltern war es üblich, Schulkameraden und Freunde nur mit Nachnamen zu bezeichnen, weil das Verwenden des Vornamens zu vertraut, zu weichlich-weiblich geklungen hätte.

      (Der Nachname wurde bei uns dann immer ohne Artikel verwendet – es war also immer „Löhmann“ und nicht „der Löhmann“.)

      Vornamen wurden eigentlich erst in den Pubertät zwischen Liebespärchen oder Möchtegern-Liebespärchen verwendet.

      Erziehung prägt, die Kindheit prägt. Irgendwie stellen sich mir heute immer noch die Nackenborsten hoch, wenn sich Jungs gegenseitig mit „Philipp!“ oder „Samuel!“ ansprechen. Klingt irgendwie schwul.

    • @Jan
      Und schwul ist schlimm und negativ, oder was? Wie mir deine Scheißkommentare einfach immer wieder auf den nicht vorhandenen Sack gehen…

    • Und schwul ist schlimm und negativ, oder was?

      @ Madammchen mit den vielen Nicks

      Nein, das ist nicht schlimm. Schlimm sind die Leute, die einen auf schwul (transgender etc.) machen, weil es gerade schick ist – oder die Hündchen, die darauf lauern, „Homophobe“ ausfindig zu machen. Schlimm ist die Verschwulung der Gesellschaft.

      Einer meiner ältesten Freunde ist homosexuell, und mit dem habe ich das Thema endlos lange diskutiert. Er hat mich davon überzeugt, da es eben auch heute in der deutschen Mehrheitsgesellschaft immer noch das Ideal der Heteronormativität gibt: Seine Oma hat ihn mit 16 halt gefragt, ob er denn schon eine Freundin habe. Schweigen.

      Und der sieht wirklich gut aus: Blond, edles Aristokratengesicht (obwohl er wie ich nicht adlig ist), hochgewachsen, trainierter Adonis-Körper. Wie die meisten Schwulen ein bißchen misogyn. (Auch so ein Weltenrätsel: Warum sehen Schwule meistens sehr gut aus, während Lesben fast immer potthäßlich sind?)

      Der Adel, an dessen Kodex wir uns orientieren sollten, hatte immer weniger Schwierigkeiten mit Homosexualität als das Bürgertum.

      Wenn Du ein wirklich gutes und witziges Buch zu dem Thema lesen willst, empfehle ich Dir „Der Fürst der Phantome“ von Anthony Burgess. Originaltitel: „Earthly Powers“. Meisterlich ins Deutsche übersetzt von Wolfgang Krege, dem unter Tolkien-Fans eher verhaßten Zweit-Übersetzer des „Herrn der Ringe“. Aus diesem Wälzer kannst Du viel über a) Homosexualität und b) den Katholizismus lernen. Für mich einer *der* Romane des 20. Jahrhunderts.

  2. Im Hochadel sind lächerlich klingende Spitznamen völlig normal – Kiki, Butzi, Mimmi, Bubi, Bertie etc. Sie haben manchmal, aber nicht notwendigerweise, etwas mit dem Klarnamen zu tun. Sie sind eher ein Insider-Ausweis: wer sie kennt und benutzen darf, gehört dazu. Fast schon wieder so wie bei den Intern-Namen der Zigeuner. 🙂

    Eine gelungene Biographie des famosen englischen Königs Eduards VII., Sohn von Königin Viktoria, trägt den schlichten und sehr guten Titel „Bertie“. (Autorin: Jane Ridley, erschienen 2012.) So wurde Eduard Zeit seines Lebens von den Seinen genannt.

    Das hat wenig mit dem „gefallen“ oder „nicht gefallen“ der Mittelstandskultur zu tun – es ergibt sich halt jeweils so. Es ist ein interner Adelsausweis. Fast könnte man sagen: je alberner, desto besser. Man will ja um Gottes Willen kein braver Bürger sein, der zu irgendwas und möglichst zu allem „eine Meinung hat“. Herren unter sich haben keine „Meinungen“, sondern einen stilistischen Konsens, einen Kodex.

    „Ale“ allerdings würde ich immer mit dem dunklen, obergärigen und ungehopften englischen Bier verbinden. (Also „Äil“ gesprochen.) Ein alter Freund von mir ist ein Nordostengländer mit sehr proletarischen Wurzeln – er hat mich „Newcastle Brown Ale“ schätzen gelehrt.

  3. Jetzt hatte ich gerade selbst noch eine Assoziation, und zwar den “Zauberlehrling”: “Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe …” 🙂

    Ein Vorschlag für Alessio war (natürlich) auch noch “Äl”. Italien meets Al Bundy – aber Hauptsache, nicht türkisch!

  4. Es gibt Namen, da ist die Abkürzung quasi vorgegeben. Wer seinen Sohn Alexander nennt, der sollte die Kurzform Alex mögen.

    Valentina würde ich mit Tina abkürzen. In der Kindergartenzeit läßt sich das beeinflussen, wenn die Eltern ihre Valentina oft Tina rufen. In der Grundschule wird es schwieriger.

    Aber spätestens auf der weiterführenden Schule haben Eltern keinen Einfluss mehr darauf, welchen Spitznamen sich die Mitschüler ausdenken. Ich hatte einen Michael in der Klasse, der Toni gerufen wurde, warum weiß ich bis heute nicht. Aber nicht alle hatten einen Spitznamen, einige behielten immer ihren offiziellen Namen. Dabei fällt mir auf, dass zweisilbige Namen seltener verändert werden.

    Die Anrede nur mit dem Nachnamen kenne ich aber nicht (auch nicht unter den Jungs). Bei häufigen Vornamen wurde der Nachname zusammen mit dem Vornamen genutzt, und zwar dann wenn über jemanden gesprochen wurde, zum Beispiel: Schulzen Michael, Meyers Andreas, Schmidts Matthias …

    • Ich hatte einen Michael in der Klasse, der Toni gerufen wurde, warum weiß ich bis heute nicht.

      Stimmt. Und es gibt ja jede Menge Spitznamen, die gar nichts mit den Vornamen zu tun haben und somit eben auch nicht im mindesten durch die Vornamenswahl der Eltern zu steuern sind.

      Ein Generationsgenossen von mir auf dem Dörpe wurde allgemein „Frosch“ genannt, vermutlich wegen seines eher häßlichen Aussehens. Ein weiterer war bei allen nur „Fatman“ – hier liegen die Gründe wohl klar zutage. In Hannover dann hieß ein Klassenkamerad allgemein „Klose“, teils sogar bei den Lehrern, obwohl der Name nicht das mindeste mit seinem wirklichen Vor- und Nachnamen zu tun hatte. Die Gründe liegen im Dunklen. Den berühmten polnisch-deutschen Fußballer dieses Namens (übrigens ein sehr sympathischer Mann…) gab es noch nicht.

      Alle drei haben das übrigens keineswegs als Hänselei oder Mobbing empfunden – sie haben ihre Spitznamen geradezu mit Stolz getragen. Und es war auch nicht böse gemeint, auch Frosch und Fatman nicht! Wer eines Spitznamens für würdig befunden wurde, den kannte man eben – sein Träger stellte sozusagen etwas dar. Vielleicht ist das gar die Wurzel der früher im Internet typischen Nicks?

      Hingegen hatte ich einen Zivi-Kollegen, der immer schon nur „Zicke“ gerufen worden war, wurde und vermutlich noch wird. Das war von seinem Nachnamen abgeleitet – und der hat darunter wirklich gelitten. Das war eines der bedauerswerten ‚Arschlöcher vom Dienst‘, die nie aus ihrer Outcast-Rolle herauskommen.

      Auch als Studenten haben wir unbeliebten Kommilitonen gerne Spitznamen/Codenamen angehängt. Ein schwerst verhaltensgestörter, unglaublich nervtötender und übergewichtiger Kommilitone namens Westerwelle wurde zu „Frikadelle“. (Den homosexuellen FDP-Politiker Guido Westerwelle, der ja gerne mal als „Schwesterwelle“ veralbert wurde, kannte man noch nicht so sehr.) Und ein besonders eifriger, linksliberaler, beflissener und schleimiger Mitstudent – ein Arschkriecher mit Faconschnitt, wie er im Buche steht – der freilich eine recht starke Akne hatte, hieß bei allen, Rechten wie Linken, nur „Picklus Extremus“. Eine hübsche, aber sehr schweigsame linke Kommilitonin mit türkischen Wurzeln hat uns „Faschos“ nie auch nur eines Wortes gewürdigt, wenn sie im Studentencafé ehrenamtlich hinter dem Tresen gestanden hat – sondern uns nur mit strafendem Blick den Kaffeepott auf die Theke geknallt, wenn überhaupt. Sie hieß bei uns nur „Marmelada“, also wie das schweigsame Serviermädchen in „Asterix auf Korsika“.

      Ich selbst hatte wegen meiner etwas blasierten Art auf dem Gymnasium eine Weile den Spitznamen „Easy“ – von „Ist doch alles ganz easy!“. Und eine polnische Ex-Freundin von mir hat mich immer „Misiu“ (spricht so etwa „MIschu“) genannt. Das ist der polnische Vokativ von Misia = Bärchen. Hängt also auch mit meinem Klar-Nachnamen Bähre zusammen. Beides hat sich aber nicht gehalten, und darüber bin ich auch nicht ganz traurig. Im Internet hingegen war ich jahrelang „Harki“ – wie im Algerienkrieg die einheimischen, muslimischen Hilfssoldaten der Franzosen. (Von arabisch „Haraka“ = Truppe, Bewegung.) Einige Leute nennen mich bis heute Harki, und darauf bin ich auch sehr stolz. (Götz Kubitschek von der Neuen Rechten etwa hat mich stets nur mit Harki angesprochen, ich ihn mit dem von mir gebastelten GöKu; beides jeweils natürlich mit Sie.*) Spitznamen bzw. Nicks können eben auch ein geliebter Teil der eigenen Identität werden.

      Schulzen Michael, Meyers Andreas, Schmidts Matthias

      Diese Namensform gab es bei uns überhaupt nicht. Sie ist sicher regionstypisch. Würde mich interessieren, wo sie noch verwendet wird, also außerhalb Ostwestfalens…

      *) Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza (eine faszinierende, sehr nette und schöne Frau), die immerhin mal schlappe sechs Kinder zusammen haben, siezen sich übrigens untereinander. Das gibt es also auch noch. Bis vor gar nicht sooo langer Zeit gab es übrigens auch noch hochkonservative, altrechte Adelsmilieus, in denen Kinder ihre Eltern zu siezen hatten. In Frankreich kann man rechte und eher linke Katholiken ziemlich sicher daran unterscheiden, ob sie die Mutter Gottes mit „vous“ oder mit „tu“ anbeten.

    • Eine weitere Anekdote, bitte: Eine andere Ex-Freudin von mir hieß/heißt K[…] mit Nachnamen. Ein slawischer Name, ich schreib ihn hier nicht aus, um die Sache nicht googlebar zu machen.

      Natürlich war (und ist) die Frau eine ausgesprochene Schönheit – ansonsten hätte mich ja nicht mit ihr abgegeben. Sie war freilich auch für eine Frau außergewöhnlich muskulös und körperlich stark.

      In ihrer Jugend hat sie viel Sport getrieben, nämlich Leichtathletik und Turnen. So knapp unterhalb des Profi-Niveaus. Ihre Spezialdisziplin war die 4×100-Meter-Staffel. Sie war die Schnellste. Mit Ausdauersport hingegen, meinem Plaisir, konnte sie weniger anfangen.

      Schulkameraden auf dem Gymnasium haben ihr wegen ihrer Muskeln den Spitznamen „Ramba K[…]“ angehängt, also nach den damals enorm populären Rambo-Filmen mit Sylvester Stallone. 😀 Das hat sie so getroffen, daß sie tatsächlich mit dem Sport aufgehört hat. Noch mehr als zwei Jahrzehnte später, als wir uns kannten, hat sie sich, fast mit Tränen in den Augen, über den Spitznamen erzürnen können.

    • Den vorangestellten Nachnamen gibt es doch auch in Bayern, ein berühmtes Beispiel ist der “Maier Sepp”.
      In Ostwestfalen wird aber noch ein s angehängt oder wenn der Nachname auf ein e (Schwa-Laut) endet, ein n angehängt. Beispiel: Maiers Sepp oder Klosen Anton. Das soll ausdrücken, dass er oder sie zu dieser Familie gehört. Es ist auch völlig normal “unser” Omma oder “unser” Melanie bei weiblichen Personen zu sagen, ebenso wie “unser” Michael, wenn man von jemandem aus der Familie erzählt. (Klose ist übrigens ein Familienname aus meinem Heimatdorf.)

      Wenn man aber glaubt kurze Namen würden nicht verändert, dann kann ich sagen, das stimmt nicht. Gerade an diese kurzen nordischen Jungennamen wurde oft noch ein i angehängt, und zwar von der eigenen Familie. Aus Jan wurde “unser” Janni, aus Sven wurde Svenni und Jens/Jensi. Einen Jensi hatte ich sogar noch in der 12. Klasse.
      Wenn die Familie einen Kosenamen fördert, dann bleibt das oft ein Leben lang der Rufname.

  5. Die Anrede von Jungs mit dem Nachnamen kenne ich auch (norddeutsches Gymnasium, 80er Jahre, ab der Mittelstufe). Allerdings waren es immer nur einige Jungs, bei denen das so gehalten wurde, nie alle.

    Ich selbst brauche übrigens scheinbar immer etwas länger, bis ich die in unserer Generation naheliegendsten Spitznamen (Andi, Olli, Michi, Flo … oder auch Dani, Jule, Bine, Claudi o.ä.) gebrauche, selbst wen andere denjenigen/diejenige schon so anreden. Ich finde, dazu muss man sich gut kennen.

  6. In meinem (sehr großen) bayerischen Abiturjahrgang war alles mögliche gebräuchlich, übrigens immer mit Artikel, außer natürlich bei der direkten Anrede.

    Für den männlichen Teil:
    Nachname
    Abkürzung des Nachnamen
    Vorname
    Abkürzung des Vornamen bzw. abgeleiteter Spitzname
    Nachname-Vorname
    Vorname Nachname
    Frei etablierter Spitzname

    Nur der Vorname oder eine Abkürzung davon wurde insbesondere dann benutzt, wenn der Vorname in der Umgebung eher selten war und daher sein Träger eindeutig durch ihn identifizierbar. Es gab durchaus auch Leute mit “hohem Standing”, in deren Freundeskreis die meisten mit Nachname genannt wurden, die selbst nur mit dem Vornamen genannt wurden.

    Beim weiblichen Teil war die Nicht-Verwendung des Vornamen (bzw. einer Abkürzung davon) selten, kam aber vor. Teilweise mit Selbstidentifikation, wenn die Verballhornung des Nachnamen nett klang. Als Sondervariante gab es noch das Anhängen von “-in” an der Nachnamen, also bzw. “Müllerin” für Julia Müller.

    • Ja, gibt es dieses [Nachname]-in für Frauen in Bayern wirklich noch?! Wir Norddeutschen kennen es aus in Bayern spielenden Heimatfilmen, so etwa noch bei der „Hoßhauptnerin“ in diesen bairischen Chesterton-Adaptionen von „Vater Braun“ mit Ottfried Fischer in der Hauptrolle.

      Nebenbei: Ich habe gerade eine Reihe von alten Aufnahmen von Maria Callas gehört. Dabei ist mir zu Bewußtsein gekommen, daß dieses „die [Nachname]“ für Frauen (und nur für Frauen!) ein hoher, hoher Ehrentitel sein kann, jedenfalls für Künstlerinnen. Es heißt eben „die Callas“, „die Duse“, „die Melba“ und „die Te Kanawa“.

      Übrigens: Nellie Melba war ein Künstlername. Sie war um 1900 einer der ersten „Popstars“ der Oper. Sie hat sich in australischem Patriotismus nach ihrer Heimatstadt Melbourne so benannt – zu einer Zeit, in der man mit Australien noch mehr als heute vor allem Schafe und entlassene Sträflinge verbundenen hat. Der große Küchenchef Auguste Escoffier – der König der Köche und Koch der Könige – hat ihr den „Pfirsich Melba“ gewidmet. (In Läuterzucker gedünsterer Pfirsich, Vanille-Eis, Himbeer-Sauce, mit Mandelsplittern bestreut.) Die „Birne Helene“ (in Läuterzucker gedünstete, mit Schokoladensauce überzogene Birne an Vanille-Eis) hingegen wurde von Escoffier nach der Oper „La belle Hélène“ von Jacques Offenbach benannt.

      Namen von Gerichten der klassischen französischen Küche wären hier auch noch mal ein Thema! 😀

      Es lebe die Oper!

    • Mit “Gibt es das wirklich noch?!” sind wir gerade dabei, wieder einmal ein ganz großes Fass aufzumachen. Also bezüglich [Nachname]-in ist mein Eindruck, dass die Verwendung flapsig-ironisch war und bewusst anachronistisch, im Gegensatz zu den meisten anderen Namensformen.
      Und an dieser Stelle kann man natürlich darüber diskutieren, warum die Ohren eines bayerischen Gymnasiasten der 2000er “die Müller-Julia” als völlig natürlich empfinden, obwohl auch diese Namensform in den meisten anderen Regionen unüblich ist. Wann fangen Tradition und althergebrachte Sprechweise an, bewusst eingesetzt zu werden? Was unterscheidet das ironische “die Müllerin” in dieser Hinsicht von “der Müller Julia”?

      Bezüglich “die Callas” usw. muss ich zugeben, dass mein Sensorium für die Nuancen von “die/der [Nachname]” bedingt durch meine regionale Herkunft vergleichsweise stumpf ist.

    • @ G. A.

      Eine sehr kluge Bemerkung. Das war hier immer einer meiner Kernpunkte: es ist kaum je möglich, sauber zwischen Tradition, erfundener Tradition („Invention of tradition“), Wiederbelebung von Tradition und Parodie von Tradition zu unterscheiden.

      Wie haben einen Mitschüler namens Heino auch gelegentlich „Hein“ gerufen, obwohl diese norddeutsche Koseform von Heinrich de facto tot war. Es war ironisch gemeint.

      Und heute taucht hier immer wieder der Name Fiete auf – also ehedem die Hamburger Prollo-Koseform für einen Friedrich oder einen Fritz. (Und Fritz ist ja selbst schon eine Koseform.) Herbert Frahm hat sich im Krieg den Kampfnamen Willy Brandt zugelegt, weil er das für besonders urwüchsig-proletarisch hielt. Und damit konnte er dann immerhin Bundeskanzler werden.

      Der Vorname Anna ist uralt – der Name der Mutter der Mutter Gottes. Man denke ferner an die Anna Blume von Kurt Schwitters, an Anne Boleyn, an Anna von Ungarn etc. Dennoch ist zumindest in Norddeutschland klar: Eine lebende Anna ist maximal fünfundzwanzig.

      Ein Hoch den großen Fässern! Immer feste uffen Deckel hauen!

      Jan

  7. Oh, ich bin gerade zufällig hier gelandet und was soll ich sagen? Ich bin tatsächlich auch eine von den zukünftigen Müttern, die über Spitznamen nachdenkt. Bei mir war es vielmehr so dass ich meine Tochter gerne Nala genannt hätte, aber das war meinem Männe zu kindlich …. Und dann wurde mir in einem andren Forum Naliandra vorgeschlagen und ich habe mich so in diesen Namen verliebt … Männe ist leider noch immer nicht vollständig überzeugt … Überlegungen aktuell, ihn als Zweitnamen zu nehmen bzw. einen zweiten Rufnamen hinterzusetzen. Unsere Favoriten (Rufname auf jeden Fall der meines Mannes) sind Naliandra Timea oder Timea Naliandra. Unser Nachname ist übrigens Stern.

    An Naliandra gefällt mir neben den wunderschönen Bedeutungen und dem Klang auch noch, dass es so viele hübsche Spitznamen dafür gibt! Nala, Lia, Nia, Andra …

    Was meint ihr zu dem/den Namen?

    Schönen Abend allen!
    Jara

    • Naliandra an sich wäre mir etwas zu “mächtig”, sowohl vom Klang als auch von dem her, was ich schnell als (verlässliche?) Bedeutung ergoogelt habe. Was Nala zu wenig hat, hat Naliandra gewissermaßen zu viel. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Vielleicht wäre ich dem Namen gewogener, wenn ich das Buch von Barbara Wood kennen würde, in dem er offenbar vorkommt.

      Mein Geschmack ginge jedenfalls eher in Richtung Timea Alexandra, Kendra Timea oder so. Zu Eurem – sehr hübschen! – Nachnamen kann man gut einen längeren Rufnamen kombinieren. Naliandra Stern klingt zusammen allerdings fast ausgedacht, wie ein Künstlername. Timea Naliandra Stern gefällt mir ganz gut. Dennoch einen Spitznamen aus dem Zweitnamen abzuleiten wäre eher ungewöhnlich, geht aber natürlich, zumindest innerhalb der Familie.

    • Der Nachname Stern ist wirklich toll! Die Assoziationen dazu sind fast so zahlreich wie die Sterne selbst:

      Man könnte an Manfred (Moses) Stern denken, alias General Kléber, den Kommandeur der ruhmbedeckten, aus Deutschen gebildeten XI. Brigade im Spanischen Bürgerkrieg.

      An die Michelin-Sterne für große Köche.

      An die Sternschnuppen, die uns Sterblichen das Stellen von stillen Wünschen gestatten und ihre Erfüllung versprechen.

      An den blauen Sternenmantel der Mutter Gottes.

      An die Sterne, die früher den Seeleuten den Weg gewiesen haben. Allen voran der Polarstern.

      An die Seesterne.

      An die Sterne auf der US-Fahne und an den roten Sowjetstern. Überhaupt an die heraldischen Sterne auf so vielen Flaggen und Wappen.

      An das popkulturelle Wort Star.

      An das „Sternenstädtchen“ („Swosdny Gorodok“) bei Moskau, das Quartier der sowjetischen Kosmonauten. An die amerikanischen Astronauten, die „Sternenfahrer“.

      An die ganzen Sternennamen arabischen Ursprungs, die uns daran erinnern, daß uns die Araber die Astronomie (und die Zahlen und die Philosophie und die Medizin…) gebracht haben.

      An die Gleichsetzung der Augen einer schönen Frau mit zwei Sternen.

      Und so weiter, und so fort… 🙂 Die Beispiele ließen sich, je nach Geschmack und Interessengebieten, endlos vermehren.

      Aber zu Deiner Frage: ist Naliandra nicht doch ein bißchen dick aufgetragen, gerade bei einem ohnehin schon sehr breiten und schillernden Nachnamen? Ich fände etwas Schlichteres und Klassischeres besser, bin mir aber nicht sicher…

    • Also ich kann mich Talea nur anschließen! Sehe das ganz genauso! Ein wirklich schöner Name. Nur Nala wäre mir auch zu kindlich und wie du sagst, Naliandra kann man ja super abkürzen, wobei auch die Langform super über die Lippen geht.
      Ich hätte da auch keine Sorgen wegen irgendwelcher Erwartungen. Letztendlich gibt es die doch bei jedem Namen. (Eine Theresa besonders brav, eine Lotta ein blonder Wildfang, eine Elisabeth edel… (meine Assoziationen)). Naliandra ist da für mich viel unbesetzter. Ich finde auch Timea sehr schön und finde, dass Naliandra Timea auch problemlos zum Nachnamen passt.
      (Falls es doch kürzer sein soll mag ich Naira. Aber vielleicht bin ich da auch voreingenommen, da ich so eine süße Naira kenne. )

  8. Ich finde Naliandra wunderhübsch, GERADE wegen des langen, melodischen Klangs und der tollen Bedeutungen (wobei die der Aborigines wohl die einzig belegte ist?)

    Ich kenne eine Naliandra und die bekommt dauernd Komplimente für ihren Namen, habe ich schon ein paar mal mitbekommen. (“Das habe ich ja noch nie gehört, wunderschön!”, “Was für ein klangvoller Name!”, “Sie haben aber einen hübschen Namen!”, …) UND ihr Nachname fällt in dieselbe Kategorie wie Stern, d.h. es gibt da schon Leute, die sagen, sie hätte einen Fantasy-Namen, aber ich habe schon das gehört: “Heißen Sie echt so oder ist das Ihr Künstlername? – Oh, wirklich echt? Das hätte man sich schöner ja nicht ausdenken können!”

    Also ich finde den Namen gerade zum Nachnamen Stern total hübsch, weil es so magisch klingt. Naliandra Timea Stern gefällt mir auch (andersrum finde ich den Klang nicht so fließend), so hätte sie mit Timea einen kürzeren, etwas bekannteren Namen zum Ausweichen. Auch hübsch, finde ich, aber hat für mich nicht die Magie von Naliandra.

    So, genug des Schwärmens. 😉

    Zu der Sache mit Spitznamen allgemein: Ich kann den Gedanken verstehen, würde selbst keinen Namen vergeben, der einen typischen Spitznamen hat, wenn ich diesen nicht mag (Jennifer = Jenny, Stefanie = Steffi, …) Bei Valentina gefiele mir “Tina” auch nicht. Allerdings würde ich deswegen auch den Namen nicht vergeben, wenn mir ein Bestandteil des Namens nicht gefällt!!! Aber es stimmt, was für Spitznamen jemand tatsächlich bekommt, kann man wohl nicht steuern. Ich finde aber Namen schön, zu denen man viele schöne Spitznamen finden kann – siehe Naliandra! (Besagte Naliandra wird übrigens Nala, Lia und Nia genannt, wenn den Leuten Naliandra zu kompliziert ist.)

    • Ich schließe mich dem Schwärmen über den Nachnamen gerne an – siehe bitte oben. Ich meine aber, daß ein schlichter Vorname (Maria? Anna?) besser zu einem blumigen und pathetischen Nachnamen paßt als das etwas exzentrische Naliandra.

      (Saugut finde ich übrigens den Namen des sowjetisch-deutschen Meisterspions Richard Sorge – „Stalins James Bond“, der größte Kundschafter aller Zeiten. Sorge wurde 1944 in Tokio hingerichtet. Der japanische Staatsanwalt hat später gesagt: „Ich habe in meinem ganzen Leben keinen größeren Mann getroffen als ihn.“ Herren unter sich. Ritter. Samurai.)

      Ferner finde ich es echt mal entspannend, daß hier eine Vornamens-Sucherin ihren Nachnamen nennt! Hier wird endlos lang über „Kombis“ diskutiert – obwohl der Zweit- oder Drittname eh nach der Geburt so gut wie niemanden mehr interessieren. Während der Zusammenklang von Rufname und Nachname vielleicht ein Leben lang wichtig bleibt.

      Die Leute stopfen Daten-Kraken und erklärten Verbündeten ausländischer Geheimdienste wie Google, facebook und Twitter privateste Details in den Arsch. In einem mittelgroßen Blog wie hier aber weigern sie sich, ihren Klarnamen zu nennen – wegen des „Datenschutzes“ und der „Privatsphäre“. Kurios.

      Alles Gute, Jara, und Horrido rundrum! Guten Start in die neue Woche.

      Jan Klaas Wilhelm Bähre

    • Mein Problem: Wenn jemand hier so viele persönliche Daten postet, dass man daraus auf eine bestimmte Person schließen kann, dann müsste ich einen Identitätsnachweis (z. B. eine gescannte Ausweiskopie) anfordern. Es könnte ja irgendjemand diese Daten posten und vortäuschen, jemand anderes zu sein. Das ist unrealistisch, darum lösche oder anonymisiere ich solche Kommentare.

    • Aber weckt so ein magisch und künstlerisch klingender Name nicht bestimmte Erwartungen? Ich stelle mir da ein anmutiges, verträumtes Geschöpf mit wilden Locken vor … 😉 Was, wenn die Namensträgerin diesem Bild nicht entspricht/nicht entsprechen möchte? Oder wenn sie so viel Aufmerksamkeit wie beschrieben gar nicht erregen mag? Wie sind da die Erfahrungen “deiner” Naliandra, Talea?

    • Jäp, ist schon klar, was Du meinst, Knud.

      Das strukturelle Problem scheint mir aber, daß die undurchschaubaren Verästelungen des von Lobbyisten ausgeknobelten und von braven Parlamentarier-Hündchen in Brüssel und Berlin abgenickten EU-BRD-Datenschutzrechts so gut wie ausschließlich private Site-Betreiber treffen. (Ich weiß, wovon ich rede.) Firmen haben ihre Justiziare – und die vor mir oben namhaft gemachten US-Social-Media-Hechte lachen ohnehin darüber.

  9. Oh danke euch allen für die ehrlichen, schönen und nachdenkenden Kommentare!!! 🙂 Sehr spannend, dass tatsächlich jemand eine echte Naliandra kennt! Wie ist das denn, Talea, ist die mit ihrem Namen zufrieden? Würde mich auch sehr interessieren! Auch das mit den Erwartungen!

    Also zur Identität kann ich vielleicht beruhigen, dass der Nachname zwar echt ist, aber Jara ist ein Pseudonym. Ich dachte, das reicht als Anonymisierung und für die Namenssuche finde ich den echten Nachnamen jetzt wichtiger als meinen echten Vornamen! 😉 Stern ist zwar nicht so häufig, aber es gibt ja noch mehr Namensträger als unsere Family von daher ….

    Liebe Grüße
    “Jara”

    P.S.: Ich würd mich sehr über noch mehr Meinungen freuen! 🙂

    • Daß Jara stark an dem chilenischen Sänger Víctor Jara (sprich /CHAra/) anklingt, weißt du aber? 😉 Der wurde beim „chilenischen 9/11“, dem Putsch von 11. September 1973, vom Militär an die Wand gestellt. Was ihn freilich ehrt. Wie soll man denn Deinen Nick aussprechen?

      Nach nochmaligem Nachdenken bliebe ich dabei: Man sollte einen wunderschönen Nachnamen wie den Euren nicht durch einen zu blumigen Vornamen gleichsam erdrücken. Naliandra ist sicher kein Katastrophen-Vorname, aber ich fände was Schlichteres, Traditionelleres hier ehrlich gesagt besser.

      Viel Erfolg – und es lebe Chile!

      Jan

  10. Also “meine” Naliandra liebt ihren Namen sehr und würde ihn mit keinem anderen Namen tauschen wollen, vor allem nicht mit gewöhnlicheren. Ob es Erwartungen an sie wegen ihres Namens gibt und gab, weiß ich nicht. Aber der Name passt auch hervorragend zu ihr oder sie zu ihm, sie sieht aus, wie ich mir eine Naliandra vorstellen würde (groß, schlank, zart, langhaarig, hübsch) und ist auch vom Charakter her eine Naliandra (sehr kreativ, Mischung zwischen ruhig und selbstbewusst, hilfsbereit, intelligent, stark). Aber das weiß man vorher bei einem Kind natürlich nicht, ob der Name passt, aber auch wenn man sich unter dem Namen jemanden mit speziellen Attributen vorstellen würde, kann ein Kind ja auch in den Namen reinwachsen bzw. ihn noch mal ganz anders prägen – das ist ja mit jedem anderen Namen ganz genauso!

    Was mir gerade noch einfällt: Sie hat mal erzählt, bei einer Versicherung oder so angerufen zu haben und als sie ihren Namen sagte, wurde sie gefragt, ob das tatsächlich ihr Ernst sei – fand sie aber lustig!

    • groß, schlank, zart, langhaarig, hübsch

      So würde ich mir eine Naliandra auch vorstellen! Mit dem kleinen Zusatz, daß sie dunkelhaarig zu sein hätte.

      Hier hingegen…

      sehr kreativ, Mischung zwischen ruhig und selbstbewusst, hilfsbereit, intelligent, stark

      … fehlt mir der leicht neurotisch-depressive und melancholische Zug, der in dem Namen eben auch mitschwingt.

      Irgendwie ist Naliandra gleichsam ein präraffaelitischer Name…

      Und Talea deutet es ja selbst an: Was ist, wenn es dann ein kurzbeiniger, straßenköterblonder Mops mit eher beschränktem Charisma und Mondgesicht wird? Ich hatte eine Schulkameradin dieser Anmutung namens Carmen. Das bzw. die wurde von uns als „die feurige Carmen“ veralbert. 😀 Hat sie aber nicht übel genommen, war ein sehr nettes Mädchen – nur eben keine „Carmen“.

      Nochmals und ohne insistieren zu wollen: Ich meine, daß der Nachname Stern schon drastisch und flamboyant genug ist. Und daß daher ein schlichterer Vornamen besser wäre.

  11. Ach so, noch vergessen: Sie wird schon oft aufgefordert, was über den Namen zu erzählen, wo er herkommt, was er bedeutet, aber das stört sie nicht. Und er ist manchen halt erst mal zu kompliziert, aber die können dann auf Spitznamen ausweichen.

  12. Ich versuche mal, Spitznamen provisorisch zu kategorisieren:

    1. Vom Vornamen abgeleitete Spitznamen – also das Thema des Artikels von Annemarie. Oft auch in Gestalt von „standardisierten“ Kosenamen. Also Alex für Alexander, Berti für Berthold, Toni für Anton etc. (Darauf hatte u.a. Mareike hingewiesen.) Bei unseriösen Berufsgruppen (Sportler) können sie bis ins hohe Alter verwendet werden. Im Russischen gehören sie geradezu zur Sprachstruktur. Und im Hebräischen etwa sind sie gerade bei alten Soldaten sehr beliebt: Zachi für einen Jitzchak, Uzi für einen Uriel, Arik für einen Ariel – es hat da so einen leicht kumpelhaften Tonfall von „alte Kämpfer unter sich“.

    2. Vom Nachnamen abgeleitete Spitznamen.

    3. Von bestimmten körperlichen oder geistigen Eigenschaften abgeleitete Spitznamen – wie Fatman, Ramba, Marmelada oder Picklus. „Eiserner“ für Hermann Göring in seiner Jagdfliegerzeit im Ersten Weltkrieg. In Hannover bis heute „der Lange“ für den Halb-Volkshelden Frank Hanebuth von den Hells Angels.

    4. Spitznamen völlig rätselhafter Herkunft – wie das von Mareike erwähnte Toni für einen Michael.

    5. Selbstgewählte Spitznamen – wie also etwa Namen, die auf Internet-Nicks zurückgehen. Vorgänger dieser Namen wären übrigens die Kampfnamen von politischen Aktivisten: Lenin (=Mann von der Lena – es geht um den sibirischen Fluß Lena, in dessen Gegend er unter dem Zaren verbannt war, nicht um eine Frau namens Lena…), Stalin (=Mann aus Stahl). Auch an Künstlernamen könnte man hier denken: Bono, Heintje, Dalida, Docteur Merlin, Melanie, Milva… Ein weiterer Zusammenhang bestände zu den Künstlernamen der Populärkultur, bei denen einfach der Nachname weggelassen wird: Donovan Leitch wird zu Donovan, Madonna Ciccone wird zu Madonna, Gitte Hænning zu Gitte. Auch Ordensnamen kommen uns hier in den Sinn. Vielleicht ist dies die komplizierteste und vielschichtigste Kategorie dieses kleinen Kategorisierungsversuchs…

    6. „Intern-Namen“ wie im Hochadel, in bestimmten Ganoven-Milieus oder bei den Zigeunern. Wer sie kennt und benutzen darf, gehört dazu. Diese Spitznamen sagen also im Grunde mehr über den Sprecher als über den Träger aus.

    7. Ausgesprochene Tarnnamen und Pseudonyme, die wie echte Namen klingen sollen: Willy Brandt für Herbert Frahm. George Orwell für Eric Blair. Die Legionärs-Namen in der französischen Fremdenlegion. Jan Wilhelms. 😀

    Noch komplizierter wird es, wenn mehrere Sprachen ins Spiel kommen. Aus einem deutschen Bähre wird kein deutsches Bärchen (so noch notorisch bei meiner Mutter), sondern ein polnischer Misia. :o) Ha, Markus Wolf von der HVA des MfS wurde ja auch Mischa genannt! Und natürlich gibt es Überschneidungen zwischen diesen Kategorien…

    Alle Spitznamen aus den Kategorien 1 bis 4 können sowohl als ehrend als auch als diffamierend empfunden werden.

    Nur die Spitznamen aus Kategorie 1 und einige aus Kategorie 5 sind durch die Vornamenswahl der Eltern überhaupt beeinflußbar.

    Kurzum: Ich lache auch hier über den Anspruch der neudeutschen Hubschraubereltern, „alles für ihre Kinder“ zu tun – oder überhaupt tun zu können. Ich warne vor Panikmache und Übereifer, vor Selbstoptimierung und vor versuchter Kinds-Optimierung. Das geht auch sehr oft nach hinten los. Die armen Würmchen, die Eltern haben, die möglichst „viel Zeit mit ihren Kindern verbringen“ wollen. Eltern, die permanent schweißgebadete Angst davor haben, sich „nicht genug um ihre Kinder zu kümmern“. Gerade bei Vätern gibt das ein äußerst lächerliches, weichliches Bild. Jedes normale, nicht degenerierte Kind ist froh, wenn es seine Eltern auch mal gelegentlich alleine lassen. Übereifer schadet immer.

    Und es ist sooo widerlich, wenn alte Jungfern, Blaustrümpfe, „Neue Väter“ oder auch alte Glucken mit halbverblödeten ADHS-Kindern versuchen, im Internet jungen, werdenden Müttern Angst zu machen! („Kinder können grausam sein.“) *kotz* Sollen sich ein Beispiel am Islam nehmen: da kriegen Frauen ihre Kinder, wenn sie 20 sind, und da wird dann auch weniger Gedöns und Panik darum gemacht.

  13. Haben auch ne Valentina, sie wird Vale oder Valen genannt. Ansonsten sprechen wir uns alle meist mit Nachnamen an, und benutzt die auch, wenn man über andere redet. Besser als immer fragen zu müssen, welche Annika oder welchen Jan man jetzt meint

  14. Haben auch ne Valentina, sie wird Vale oder Valen genannt. Ansonsten sprechen wir uns alle meist mit Nachnamen an, und benutzen die auch, wenn man über andere redet. Besser als immer fragen zu müssen, welche Annika oder welchen Jan man jetzt meint

  15. Also…wenn man den “Bähre”-Schrott hier über Islam und Hochadel samt Schwule einfach löschte….dann wäre das lesbar.
    Wie krank muss eine Gesellschaft eigentlich sein, die die Anrede eines Jungen mit “Samuel” mit sich aufstellenden Nackenhaaren und “klingt irgendwie schwul” in Verbindung bringt. Aber man kann sich beruhigen: diese Gesellschaft existierte so nie in Niedersachsen, auch nicht 1975. Diese Vorstellungen sind nur im Kopf eines Bähre.

    • TMJ, bitte: bleib Dame! 🙂

      Auch von islamophoben Kommentaren bäte ich freundlichst absehen zu wollen. Man kann vom Islam, gerade auch von dem in jeder Hinsicht vorbildlichen Lebenswandel des Propheten Mohammed, einiges lernen – auch wenn man den Islam nicht annehmen will oder kann. Gerade auch zur Rolle der Geschlechter und zu Stilfragen. Das war schon Nietzsche klar.

      Mit dem Hochadel ist das so eine Sache… Ich gehöre ganz gewiß nicht dazu (ich bin Unterschicht) – aber er bleibt eben stilistisches Vorbild. Im Grunde ist das die letzte Aufgabe, die der Adel heute realiter noch hat. Da heißt dann auch keiner Samuel, Elias, David oder Noah. Es werden vor der Hochzeit Polterabende gefeiert und keine „Jungesellenabschiede“. Die Sprache ist hart und schroff, auf keinen Fall bürgerlich-gemäßigt, „gegendert“ oder tuntenhaft. Ein alter Freund von mir hat vom Hochadel gerne als „Restadel“ gesprochen – aber das stimmt so auch nicht ganz. Wie schon gesagt: Der Adel versteht das Volk, das Volk achtet den Adel.

    • Wasser predigen, aber Wein saufen… Solche Heuchler fand ich schon immer ekelhaft.
      TMJ: Erfreulicherweise gibt’s aber auch in diesem Forum noch ein paar Leute mit Gehirn zwischen den Ohren. “Schrott” trifft es sehr genau, ist aber eine noch ziemlich milde Umschreibung dessen, was momentan sehr umfangreich hier abgesondert wird. Hat wohl sonst nichts zu tun.
      Und dann dies Geschwurbele über angebliche Rittertugenden, Adel und echte Männer… Sextanergewäsch!
      Sich selbst zu überhöhen soll wohl als Rechtfertigung für misogynes Geschwafel dienen. “Alles Schlampen ausser Mutti!”, nicht wahr?
      Bei meinem Onkel hiess das schlicht: “Dumm geboren und nichts dazugelernt.”

    • Barbara,

      falsch, ich predige Wein und saufe Wasser.

      Was die Rolle des Adels und der Ritterschaft angeht: Ihr werdet sie nie ganz aus der Welt schaffen können. Es gibt sehr kluge Äußerungen von Ernst Jünger (auch ein „selbsternannter Aristokrat“), von Borges (das Urbild des Dichters) und von Huizinga (das Urbild des Gelehrten) dazu.

      Kleist singt in seiner Ode „Germania an ihre Kinder”:

      „Gott und seine Stellvertreter
      Und Dein Nam’, o Vaterland!“

      Und ein wunderbarer burgundischer Schlachtruf war „Chevallerie“! – „Ritterschaft!“

      Schlampen: Ich wünschte, es gäbe in Deutschland mehr Schlampen – und weniger neopuritanische Blaustrümpfe, versäuerte alte Jungfern mit Germanistik-Studium und verkniffene Spätgebärerinnen.

      Sextaner: Ich geb mir Mühe, einer zu sein! 🙂

      Bussi und nette Grüße an den Herren Onkel

      Jan

  16. Noch kurz zu Ali. Daß ein Alessio zu einem Ali werden kann, ist eine typische Ausgeburt der doch arg phantasielosen deutschen Standard-Spitznamensbildung aus Vornamen: Erste Silbe mit einem angehängten -i. (Als die kluge Kommentatorin Rebecca Sophie hier mal den sehr hübschen Spitznamen Becky empört abgelehnt, das langweilige Rebi hingegen für akzeptabel erklärt hat, fand ich das geradezu skandalös.)

    Ali ist auch nicht „typisch türkisch“, obwohl das viele Deutsche so empfinden.

    Ali ibn Abi Talib war der Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Ali war der Mann von Fatima, der Tochter Mohammeds aus dessen erster Ehe mit Chadidscha bint Chuwailid.

    Chadischa war übrigens fünfzehn Jahre älter als Mohammed. Und Chadischa hat als Erbin einer Karawanserei das Geld mit in die Ehe gebracht. In seinem ersten Beruf war der Prophet als junger Mann „angestellter Geschäftsführer einer Im- und Exportfirma, die seiner Frau Chadidscha gehörte“ (Murat Hofmann). Chadidscha war zuvor schon zweimal verheiratet gewesen und hat dann ihren gutaussehenden, jungen und klugen Geschäftsführer Mohammed geheiratet. Völlig akzeptables Verhalten für einen jungen Mann. Ich war als junger Mann auch mal mit einer sechzehn Jahre älteren Frau zusammen. Auf alten Pferden lernt man das Reiten.

    Die Schiiten berufen sich auf Ali (also halt den Mann von Mohammeds und Chadidschas Tochter Fatima): Schia, das ist die „Schiat Ali“, die „Partei Alis“. Aber auch im sunnitischen Islam gilt er als rechtgeleiteter Kalif.

    Alis Hauptgegnerin in den Nachfolgestreitigkeiten nach dem Tod des Propheten war Aischa bint Abi Bakr, die jüngste, hübscheste und energischste Frau des Propheten – seine Lieblingsfrau, die ihn um vier Jahrzehnte überlebt hat. Insofern sie auch mal schlappe viereinhalb Jahrzehnte jünger war als Mohammed 😀 . Männer fortgerückteren Alters sollten sich immer wesentlich jüngere Frauen zulegen – auch hier kann der Prophet Mohammed als Vorbild gelten. Aischas Vater, eben Abu Bakr, wird in der Sunna für den ersten der vier rechtgeleiteten Kalifen angesehen.

    Aus der Ehe zwischen Ali und Fatima bint Muhammad hingegen ist unter anderem Hussain ibn Ali hervorgegangen, also der Ekel des Propheten, eine ganz wichtige Gestalt im schiitischen Islam. Auch Fatima wird gerade im Schiitismus in hohen Ehren gehalten. Während Aischa im sunnitischen Islam den Ehrentitel „Mutter der Gläubigen“ trägt.

    Aischa und Fatima sind beides wunderschöne Vornamen! 🙂 Ein türkischer Schulkamerad und Freund hat mir allerdings mal erzählt, daß die türkeitürkischen Formen – also Ayse, Fatma und Hadice – heute in der Türkei ungefähr so klängen wie im Deutschen Elfriede oder Gerda. Aber das ist dreißig Jahre her, vielleicht hat sich das mittlerweile, gerade unter Erdogan, auch wieder geändert? Ich finde gerade Aischa hinreißend – also mit einem Ain vor den A- und einem Alif dahinter. Klingt wunderbar kehlig. So heißt wirklich kein Puttchen Brammel aus Gelsenkirchen und kein Mäuschen mit zu kurzen O-Beinen.

    Der Brauch der Verschleierung der Frauen (den ich nicht gut finde!), konnte nur im Islam aufkommen – wegen der Schönheit arabischer Frauen. Für Bauerntrampel aus Niedersachsen, Schwaben, Berlin oder Iowa lohnt sich da der Aufwand einfach nicht.

    Tja, islamische Frühgeschichte ist fast so spannend und unübersichtlich wie die Klatschblättchen, die hier heute so beim Friseur rumliegen. Die frühen Muslime haben ja alle Frauen und Kinder ohne Ende gehabt – im Gegensatz zu den keuschen (und damit leider oft auch langweiligen) christlichen Heiligen.

  17. Danke für eure Kommentare! Spannend mit deiner Naliandra, Talea! 🙂 Klingt, als ob der Name echt gut zu ihr passt!

    Also von meinen und Männes Genen besteht ziemliche Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kleine mal schlank, eher groß/normal und brünett wird! Mal sehen …. Entschieden haben wir uns immer noch nicht, aber eure Kommentare machen schon Mut zum Namen Naliandra. 🙂

    Jara spreche ich übrigens aus wie man es schreibt mit dem deutschen J und wäre nie auf die Idee gekommen, das anders zu sprechen …….

    Ach, Talea, noch ne neugierige Frage, ist deine Naliandra dieselbe Naliandra die auf einer Plattform für Kreativanregungen unterwegs ist? Ich hoffe, ich darf das hier fragen! 😉 Bin immer noch begeistert von deren Seite und finde, alles da passt so vorzüglich zum Namen Naliandra!

    LG 🙂

    • Liebe Jara,

      was mir nicht so klar geworden ist, ob ihr Naliandra nun als Rufname nehmen möchtet oder nicht. Erst dachte ich, dass ihr ihn nehmen wollt und euch deswegen Gedanken um einen Spitznamen macht, dann schriebst du aber, dass den Rufnamen dein Mann aussucht, der Naliandra nur als Beiname mag.

      Ich finde die Kombination von Naliandra und Timea zu exotisch, sie würde hier in den Babynamen der Woche wahrscheinlich den Kommentar „mit entsprechendem Hintergrund in Ordnung“ bekommen. Das würde sich abschwächen, wenn wenigstens einer der Namen hierzulande geläufiger wäre. Es muss ja kein superhäufiger sein, schon mit Linnea Naliandra würde man glaube ich eher in die IKEA-Kreativeltern-Ecke gesteckt werden als dass jemand darüber nachdenkt, welchem Migrationshintergrund das Kind denn zuzuordnen ist. Das muss einem nicht weiter stören, aber sollte m.E. bei der Entscheidung für eine so ungewöhnliche Kombination bedacht werden.

      Timea finde ich aufgrund dessen, dass du dir so über mögliche Spitznamen Gedanken machst, nicht so passend. Dafür klingt er tatsächlich gut zu eurem Nachnamen – dem stehen vor allem Namen mit langem E ausgezeichnet.

      Mein erster Gedanke zu Naliandra war: warum nicht Alexandra oder Leandra. Wenn du dich aber so in den Namen und dessen Bedeutung verliebt hast (wie ist diese eigentlich?) und du diese Begeisterung dann auf deine Tochter übertragen kannst, dann wird es schon passten. Zu eurem Nachnamen würde von den dreien Leandra am besten klingen – wieder wegen dem langen E.

    • Jara,

      neuhiers Erwägungen sind auch sehr klug. Und die ist hier *die* Expertin für Euphonie! 🙂

      Ich muß zugeben, den Namen Naliandra hier zum erstenmal gehört zu haben – nämlich von Dir. (Auf Pinterest bin ich – natürlich – nicht…) Meine Bedenken hatte ich ja schon mehrfach geltend gemacht. Und ich bin eben ein alter, grummeliger Kultur-Konservativer und Knötterpott und werde es bleiben – mir geht es kaum je um den Klang oder die philologische Bedeutung eines Vornamens, umso mehr aber um die Tradition.

      Aber wenn sich Frauen was in den Kopf gesetzt habe, ist es ohnehin vergebliche Liebensmüh’, ihnen das ausreden zu wollen. 😀 („Frauen regieren die Welt“.) Und Naliandra klingt immerhin wirklich hübsch!

      Naliandra [Euer Nachname] – das ist aber schon ein hoher Anspruch an die Deern…

      „Wenn du dich aber so in den Namen und dessen Bedeutung verliebt hast, […] dann wird es schon passen.“

      Exakt. Auf den Punkt!

      Und dann solltest Du ihn eben auch nehmen.

      Vsego dobrogo!*

      Jan

      „Alles Gute!“ auf russisch. Aussprache: /vsjiiVO DObreve/. Auch im Sinne von „Auf Wiedersehen“ zu gebrauchen.

  18. Ich warte immer darauf, dass irgendjemand anfängt, unsern Timotei “Tim” zu rufen–passiert aber nicht, erstaunlicherweise. Frage mich, ob das anders gelaufen wäre, wenn wir in den USA geblieben wären.

    Oft gefallen mir traditionelle Spitznamen. Z.B. Fritz für Friedrich, Kalle für Karl, Alex für Alexander, Tina für Christina, Minna für Wilhelmina, Michel für Michael und Sepp für Joseph. Auch Steffi für Stefanie finde ich ganz gut. Was mir weniger zusagt sind anglisierende Spitznamen im Deutschen: am schlimmsten finde ich da Chris für Christian oder Christoph. Das mag ich irgendwie überhaupt nicht. Auch weniger gefallen tun mir Charlie für Charlotte, Ben für Benjamin und Phil für Philipp. Auch von Tom für Thomas bin ich nicht begeistert.

    An unserer christlichen Schule gibt es ausgesprochen viele Jonathans und Samuels. Genannt Joni und Samu. Das finde ich wiederum nicht schlecht.

    Wie findet Ihr Michi für Michael? Mir graut es irgendwie davor….

    • Eine kurzfristige Ex-Freundin von mir hieß Michaela, wurde aber allgemein Michi genannt und hat sich auch selbst immer so vorgestellt. Werde ich nie vergessen: am Telefon hat die sich immer mit flötender Stimme so gemeldet: „Michi [Nachname], halloooho?“ Zu süß! 🙂

      Kalle klingt mir zu prollig.

      Minna ist schwieriger: einerseits heute extrem omahaft, andererseits aber auch von Lessings Minna von Barnhelm besetzt. Und man denke an die „Grüne Minna“ für einen Gefangenentransporter der Polizei. Im Zweifelsfall würde ich sagen: lieber nicht.

      Chris wird ein alter Freund von mir genannt – der leicht misogyne Homosexuelle, den ich vorgestern erwähnt habe. Ferner heißt ein Nachbar von mir so. Beide nennen sich auch selbst so. Ich mag den Spitznamen irgendwie.

      Ansonsten: Zustimmung zu Marks Ausführungen.

    • Michi ist hier meistens eine Michaela.
      Und Micha ist eine typische Kurzform für Michael oder Michaela. Ich kenne da einen Michael, der sich sogar im Berufsleben Micha rufen läßt. (Michael ist in Ostwestfalen einer der häufigsten männlichen Vornamen, von den 50er bis in die 70er Jahre.) Ich kenne wirklich viele, aber keinen einzigen, der Michel gerufen wird. Einer wird “Mikey” gerufen, dann der schon erwähnte Toni.

      Mark
      Das der Name deines Sohnes Timotei nicht abgekürzt wird, liegt vor allem daran, dass du und deine Frau ihn nicht abkürzt. Solange dein Sohn noch klein ist, habt ihr Einfluss darauf. Aber Tim oder Timo als Abkürzung sind ja keine Katastrophe. Die deutsche Vollform Timotheus ist als Name sowieso in keiner Altersklasse vertreten, nur Timo trifft man gelegentlich auch unter den Erwachsenen.

      Nochmal etwas zum Einfluss der Eltern:
      Wenn die Eltern ihre Charlotte immer und überall Lotti rufen, dann tun es auch alle anderen, auch die Lehrer.
      Wenn die Eltern ihre Felicitas immer auch so nennen, dann tun es auch die Lehrer und die anderen Eltern. Aber die anderen Kinder sagen “Feli”.

    • Michael ist in Ostwestfalen einer der häufigsten männlichen Vornamen, von den 50er bis in die 70er Jahre.

      Weiß Gott nicht nur in Ostwestfalen! In meiner Generation und sowohl auf dem Lande als auch in der Stadt war/ist das neben Jörg und Stefan einer der häufigsten Vornamen. Ich hatte das, glaube ich, schonmal erzählt: Ich hatte mal einen Studentenjob, bei dem in unserer Abteilung (dem Magazin einer Bibliothek) von 12 männlichen Mitarbeitern sage und schreibe 7 Michael hießen. Mit unterschiedlichstem sozialen Hintergrund. Komischerweise kam es deshalb fast nie zu Mißverständnissen, obwohl dort der Brauch herrschte, sich zu duzen. (Bibliotheks-Magaziner ist halt ein anspruchsloser proletarischer Hilfsarbeiter- und Studentenjob. Man muß nur Lesen und Schreiben, Schleppen und Laufen können.)

      Genau, ein Michael wurde (wenn überhaupt) fast immer zu einem Micha – Michi hingegen (ich sagte es bereits) war der Standard-Kosename für eine Michaela. Mag sein, daß das in anderen Regionen unseres Landes und in anderen Generationen anders aussieht.

      Michel gab es überhaupt nicht als Kosenamen. Ich hatte allerdings später einen in Südniedersachsen geborenen Michel als Kollegen – bei dem war das aber der Vollname. Etwa meine Generation. Er legte Wert darauf, entweder französisch (/miSCHELL/) ausgesprochen zu werden oder eben wie der „deutsche Michel“ (/MIchel/). Jedenfalls nicht als Michael. Nur als Spitznamen habe ich das noch nie gehört…

      Die ihrerseits typisch deutsche Redewendung vom „deutschen Michel“ geht übrigens auf Hans Michael von Obentraut zurück – tapferer protestantischer Reiteroffizier im Dreißigjährigen Krieg. Gefallen in Seelze bei Hannover, bestattet in die hiesigen Marktkirche.*

      In der Levante ist Michel (natürlich in frz. Aussprache) unter den Christen sehr beliebt. Vgl. Michel Aoun (Milizführer im libanesischen Bürgerkrieg der 80er) und Michel Aflaq (ein syrischer Vordenker des Panarabismus).

      Eine Feli hatte ich als Kommilitonin – die hieß mit vollem Namen Felicia.

      *) Die Marktkirche ist die „Hauptkirche“ von Hannover, in der etwa traditionell die Chefs des Welfenhauses heiraten. So im letzten Jahr SKH Ernst August VI. und IKH Jekaterina von Hannover. Architektonisch nicht sooo imposant, eher mickerig – aber das südlichste Zeugnis der norddeutschen Backsteingotik.

      Übrigens: Die schöne Jekaterina von Hannover ist wieder schwanger! Wenn man der Klatschpresse trauen darf, wird es ein Junge werden! Natürlich wird der dann Ernst August heißen. So Gott will, wird das dann eines Tages unser Herzog Ernst August VII. sein! 🙂 🙂

    • zu Michel
      Unter Kindern gibt es ab und zu mal einen Michel (deutsche Aussprache). Ich kenne einen 11jährigen Michel, er ist genauso hellblond wie der aus Lönneberga, sein Bruder heißt Mattis. “Schlimm” finde ich beide Kurzformen nicht, sie können sicherlich gut damit leben. Aber früher hätte man sie Michael und Matthias genannt. (Matthias ist ähnlich häufig wie Michael.)

  19. Um noch mal auf Alessio zurückzukommen: Ich habe jetzt eine Kollegin befragt, deren Sohn seit über 18 Jahren so heißt (der Vater ist Italiener). Er hat gar keinen Spitznamen, schon gar nicht Ali, sie meint, der Unterschied zwischen italienischer und türkischer Kultur sei wohl zu groß, als dass darauf jemand gekommen wäre. Immerhin ist es natürlich möglich, dass für heutige kleine Mode-Alessios ohne Italo-Nachnamen etwas anderes gilt – ein “Restrisiko” bleibt. Da ich selbst nie im Leben mit dem doofen Spitznamen meiner Tochter (“Auau”) gerechnet hätte, finde ich aber, dass man da als Mutter (oder Vater!) locker bleiben sollte 🙂

    Ach ja, die italienische Verwandtschaft sagt “Ale” zu Alessio (sprich “Aale”), in Italien werden wohl Namen generell mit den ersten drei Buchstaben abgekürzt.

    Ciao, Ann

    • So kenne ich es aus Italien auch – Ale kann für Alessandro, Alessandra, Alessio oder Alessia stehen. Wenn ich weiter nachdenke, ist an der “Drei-Buchstaben-Regel” was dran – ich kenne Fra für Francesco / Francesca und Cri für Cristina. Manuela wurde Manu genannt, da waren es immerhin vier Buchstaben. Filomena war allgemein als Nuccia bekannt (von Filomenuccia), das war allerdings auch eine andere Generation. Mit Iri hätte ich leben können, wobei mir da die russische Kurzform Ira doch noch besser gefällt.

    • Na, ich würde eher sagen, daß es zwei Silben aus der Vollform sind, die da genommen werden…

      Vgl. Gianni für Giovanni oder Peppe für Giuseppe…

      Und da Italienisch nun einmal eine sehr vokalreiche Sprache ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß dann nur drei Buchstaben dabei herauskommen.

      Fra wäre ein Sonderfall, weil es die quasi-religiöse Nebenbedeutung von „Bruder“ hat. Cri hingegen spräche eindeutig gegen diese Hypothese – man könnte maximal noch mit dem französischen „dernier cri“ argumentieren.

      Bin aber kein Romanist, und cassis wird es besser wissen…

      Ira finde ich nicht gut, weil es sofort an das lateinische Ira anklingt, also an den Zorn: „Dies irae, dies illa“ = „Tag des Zorns, jener Tag“, das Jüngste Gericht. Und Tacitus fordert uns Historiker auf, unserem Beruf „Sine ira et studio“ nachzugehen – „ohne Zorn und Eifer“. (Übrigens eine ganz schöne Heavy-Hammer-Forderung, mit der ich nie ganz klargekommen bin.)

      One, two, three, four,
      Every night we pray for war.
      Five, six, seven, eight –
      Rape, kill, mutilate!*

      Juan

      *) Damit (es ist ein Marsch-Gebrüll der US-amerikanischen Marines) habe ich mal eine E-Mail an meinen Lehrer unterschrieben. Er hat mich dann gebeten, in Zukunft doch bitte von „weiteren postmodernen Atavismen“ absehen zu wollen. 😀

  20. Also ICH würde Naliandra am liebsten als Rufnamen nehmen und mit Nala kosen. Dafür ist meinem Mann der Name aber zu exotisch, sodass er ihn als Zweitnamen vergeben würde und einen anderen Rufnamen nehmen würde (wie Timea, das ist unser gemeinsamer Favorit). Finden mehrere, dass Timea Naliandra oder Naliandra Timea nach Migrationshintergrund klingt? Für mich klingt es nur nach kreativer, außergewöhnlicher Mischung …

    Ich würde am allerliebsten Naliandra vergeben, aber natürlich hat mein Bester da auch noch ein Wörtchen mitzureden. 😉 Er hat etwas Angst davor, dass unsere Tochter damit als Exotin angeguckt wird und den Namen hassen würde, Daher auch die Überlegung, noch einen zweiten Namen zu nehmen, dann könnte sie später entscheiden und gerade nach dem neuen Gesetz aus Timea Naliandra eine Naliandra Timea machen, wenn sie möchte.

    Wir sind noch nicht sicher. Für mich ist Naliandra magisch. Ach ja Bedeutungen:

    Sicher mit Quelle gefunden: Schmetterling (Aborigine-Name).
    Dann aus starkem Herzen und tapferer Seele oder es gibt noch eine albanische Ableitung (Unser geborener Traum) oder von Nala: Löwin, Geschenk, Königin.

    Alleine Schmetterling fände ich toll, weil es die Entwicklung zeigt, wie sich die hoffentlich entwickeln wird und irgendwann ein fröhlicher Schmetterling werden kann. 🙂

    LG Jara

    • Liebe Jara,

      ich bin in diesem Blog doch schon etwas länger unterwegs und mir sind eure beiden Namensfavoriten soweit ich mich erinnern kann noch nicht begegnet. Ohne deine weiteren Ausführungen hätte ich wirklich auf Migrationshintergrund getippt – die Namen vieler anderer Regionen der Welt kenne ich nämlich nicht. So langweilig wie gerade sehr kreativen Eltern vielleicht ein konservativerer Zweitname vorkommen mag, so sehr hilft er anderen aber auch bei der Einordnung des Erstnamens. Kombinationen wie z.B. Timea Charlotte sind für mich Eltern der Kreativfraktion mit Sicherungsleine, die quasi Angst vor dem eigenen Mut haben (Nachbenennungen ausgenommen) – gerne in den Babynamen der Woche auch mit Nummer-Sicher-Name-Hintendran kommentiert. Bei Timea Naliandra wäre mein erster Tipp allerdings, dass mindestens ein Elternkreis aus einer anderen Region kommt, wo diese Namen völlig gewöhnlich sind. Zwischen diesen beiden Extremen wird es einige rundum gelungene Kombinationen geben.

    • Ich kenne eine ca. 20-jährige Timea, die in der Nähe wohnt! Naliandra ist mir auch noch nie begegnet als Name.

    • Ich denke bei Timea Naliandra nicht an Migrationshintergrund, aber ich da bin natürlich kein Maßstab 🙂 Mir fiele spontan gar kein Land ein, dem ich diese Namen (oder nur einen) fix zuordne.

      Für mich klingt die Kombination, zumal mit dem Nachnamen, einfach etwas überladen, die Namen stechen einander quasi gegenseitig aus. Etwas hippiehaft ist das Ganze auch, auch mit dem Bild des Schmetterlings, eine ähnliche Schiene wären für mich z.B. hawaiianische Namen wie Leilani. Ein etwas gängigerer Erst- oder Zweitname würde mehr Ruhe ins Bild bringen – es muss ja nicht gerade ein Nummer-sicher-Name wie Charlotte sein …

      Doch wie schon gesagt wurde, für Eure Tochter mag es so auch genau richtig sein.

    • Absolute Zustimmung von A bis Z, Anne!

      Kein Verständiger käme bei Naliandra Timea (oder umgekehrt) auf den Gedanken an einen Migri-Hintergrund. Das ist 1a deutsch. Aber es hat eben schon was Hippiehaftes. Bin eigentlich kein Freund von Zweitnamen, aber das blumige Naliandra mit einem sehr starken Nachnamen (also Stern), würde ich doch und sozusagen vorsichtshalber mit einem „klassischen“, jedenfalls schlichten Zweitnamen ergänzen. Genau: Es brächte „Ruhe ins Bild“ – und wäre ferner eine Ausweichmöglichkeit für die Demoiselle, wenn sie denn ihren seltenen und schillernden Vornamen Naliandra überhaupt nicht mag.

      Grüßle rundrum

      Janek

  21. Ich hätte keine Angst vor Kosenamen und Spitznamen, es ist doch was individuelles. Selber hätte ich verschiedene Kosenamen, aus dem Namen hergeleitet und es hat mich nie gestört. Die Kinder meiner Tochter werden immer mit vollem Namen genannt und andere Kinder machen es genauso.Unser Sohn, Seinerzeit in der Schule der einzige Valentin weit und breit wurde von uns Tino genannt, als er klein war, in der Schule war er immer Valentin…Der Sohn einer Freundin heißt Emmanuel, er ist Handballer und was brüllen die Fans: Emma! Es kommt wie es kommt… und wenn nix Böses dahinter steckt, macht es doch nichts oder?

    • Ich stimme diesen Erwägungen absolut zu. Es gibt Spitznamen, die extrem fies gemeint sind („Zicke“), und solche, die sehr liebevoll gemeint sind („Mischa“ 🙂 ). Siehe oben. Und vor allem und noch viel wichtiger: es gibt ein extrem breites, kaum zu definierendes Überschneidungsfeld zwischen beiden Varianten. Oft eine Mischung aus Ruppigkeit und Freundlichkeit, gerade im Sport.

      Also eben etwa Emma für einen Handballspieler namens Emmanuel. Es gibt kaum einen maskulineren Sport als Handball, den „Kampfsport mit Ball“. Dennoch ist das tuntige Emma für einen Mann hier offensichtlich freundlich gemeint.

      Oder man denke hinsichtlich des Fußballs an das „Tante Käthe“ für Rudi Völler (wegen seiner albernen Minipli-Frisur). An „Quälix“ für den wegen seiner Härte und Drill-Methoden gefürchteten Trainer Felix Magath. Aber auch da schwang eben noch Respekt mit! Und wie soll man nun Jogi für Joachim Löw verstehen? Man denke auch an die ganzen halb-albernen Künstlernamen brasilianischer Fußballer…

      Als ich Zivi bei den Johannitern war, wurde ein hochgeachteter hauptamtlicher Kollege von allen „Hubsi“ genannt, eine Verballhornung seines Nachnamens. Es war dieser Hubsi, der durch eine Heldentat bei einer Rettungsaktion auf dem zugefrorenen Steinhuder Meer dann Reinhard Mey zu dem Lied „Golf November“ inspiriert hat. Mey läßt den Helden einen Notarzt sein, aber es war in Wirklichkeit ein Johanniter-Sani. (Vom Christoph IV, dem an der Medizinischen Hochschule Hannover [MHH] stationierten Hannoveraner Rettungshubschrauber.) Hubsi klingt extrem albern, aber es war ein Ehrenname.

      Es kommt bei Spitznamen sooo viel zusammen: Haß, Liebe, Ironie, Bewunderung, Abneigung, Freundschaft, Verachtung. Zärtlichkeit und Grobheit. Oft auch schlichte Gewohnheit. Und eben oft alles zugleich.

      Das alles entzieht sich völlig der Steuerbarkeit durch die Vornamensgebung der Eltern. Es kommt auf die Person an, nicht auf den Namen.

      — —

      Als ich studiert habe, gab es noch keine Bionade. Ansonsten hätte man sicher auch den Spitznamen Bionada an mehrere Kommilitoninnen vergeben können. Auch Unterschichta hätte sich für nicht eben wenige Mit-Studentinnen angeboten. 😀

  22. Man kann es vermutlich nicht vermeiden, Spitznamen entstehen oder nicht, wir haben einen Freund, er heißt Dietrich, alle nennen ihn Billy.

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