Als Howard einen Spitznamen wollte

Als Howard einen Spitznamen wollte

Howard,  ein etwas klein geratener, schmächtiger Ingenieur mit enger Bindung an seine Mutter, ist für eine NASA-Mission ausgewählt worden. Um einen Astronauten-Spitznamen nach seinem Geschmack zu bekommen, versucht er seine künftigen Kollegen während eines Videotelefonats mit einem „zufällig“ ertönenden Klingelton zu manipulieren („Rocket Man“). Leider plärrt in dem Moment seine Mutter dazwischen, „Howard, dein Fruchtzwerg wird warm …“. So wird er dann auch genannt: Fruchtzwerg. (aus „The Big Bang Theory“, Staffel 5, Folge 15, deutsche Erstausstrahlung 11.9.2012)

Diese Episode fiel mir gleich ein, als ich das Buch von Guido Fuchs über Spitznamen in der Literatur las. Der „Fruchtzwerg“ gefällt mir sogar noch besser als „Froot Loops“: In der Originalversion warnt Howards Mutter ihn vor dem Durchweichen seiner Frühstückscerealien. So oder so sieht man hier schön, wie widerborstig sich Spitznamen der Kontrolle entziehen.

Faszinierend auch, was alles – ob in einer Sitcom, in Romanen oder im echten Leben – zum Spitznamen werden kann. Ich habe Guido Fuchs nach Favoriten aus seiner Kollektion gefragt, die er über einen Zeitraum von zwei Jahren zusammengetragen hat („Mittlerweile könnte ich schon einen Folgeband füllen“). Seine Wahl fiel auf „Die Bierschaumgeborene“ – eine Wirtstochter aus einer Erzählung von Carl Zuckmayer, deren pompöser Taufname Aphrodite Braumüller lautet. Sodann auf „Spalttablette“: „So wird in Walter Kempowskis Roman ‚Ein Kapitel für sich‘ ein Gefangener im Zuchthaus Bautzen gerufen, weil er in der Mitte des Kopfes eine Kerbe hat.“ Als Nummer drei darf „Der Nichtraucher“ aus Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ nicht fehlen, ein in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon mit „Nichtraucher“-Schild hausender Mann, der Fuchs „schon als Kind imponiert hat, weil er abends in der Stadt in Kneipen Klavier spielte.“

Eine Assoziation zum Namen (plus Beruf des Vaters), ein auffälliges Merkmal in der äußeren Erscheinung, ein ungewöhnliches Domizil – nur drei Beispiele für die Keimzellen von Spitznamen; unzählige weitere sind denkbar. Bloße Kurzformen von Namen, wie sie heute oft schon bei der Namenssuche mit erwogen werden, sind übrigens keine Spitznamen im eigentlichen Sinne. „Big Bang“-Howard wird von seiner Freundin und späteren Ehefrau mit dem naheliegenden „Howie“ gerufen – kein Spitzname. Guido Fuchs und ich haben das am Beispiel eines fiktiven kurzsichtigen Mannes namens Andreas Schmidt noch mal auseinanderklamüsert: Wird Andreas wegen seiner den Blick vergrößernden Brille Glotzkowski gerufen, ist das ohne Zweifel ein Spitzname. Nennt ihn seine Partnerin Bärchen, ist das – natürlich – ein Kosename. Schmiddo und Andi dagegen, auf die er im Freundes- und Kollegenkreis hört, sind „langweilige Namenskürzel, aber keine Spitznamen.“

Wegen solcher Eventualitäten sollten Eltern sich möglichst „nicht schon vorher verrückt machen“, findet Fuchs. Denn siehe oben: Spitznamen kommen und gehen sowieso, ohne dass man das groß beeinflussen könnte. „Sie sind Produkt der Sichtweise anderer Menschen. Das kann schonungslos sein wie eine Karikatur, die ja auch etwas Markantes einer Person überzeichnet und sie damit unverwechselbar macht.“ Meiner Vermutung, solche Spitznamen könnten aus der Mode gekommen sein, weil ich im „echten Leben“ lange nichts so Phantasievolles gehört habe wie bei Kästner, stimmt er nicht zu, meint aber, dass sie in bestimmten „Biotopen“ besser gediehen als anderswo: „in Gruppen vor allem, aber auch in kleineren Gemeinschaften wie Dörfern, Vereinen, Schulen. Neben tollen Namen wird es dort auch weniger tolle geben. Die Literatur, zum Beispiel auch der Roman ‚Tschick‘ von Wolfgang Herrndorf, spiegelt das nur wider.“

Frage an den Experten: Wie gehe ich mit einem ungeliebten Spitznamen am besten um? „Einfach ignorieren. Verbieten lässt er sich nicht. Im Übrigen ist ein Spitzname auch eine Art Auszeichnung. Man wird wahrgenommen. Wer keinen hat, kommt sich vielleicht nicht dazugehörig vor.“ In „Tschick“ heißt die Hauptfigur Maik kurzzeitig „Psycho“, wegen eines Aufsatzes über seine alkoholkranke Mutter. Bis eines Tages ein cooler Neuer in die Klasse kommt, der fragt, „Wieso heißt der eigentlich Psycho? Der ist doch total langweilig“, und Maik wieder nur Maik genannt wird. Das ist dann „noch schlimmer als vorher“.


12 Gedanken zu „Als Howard einen Spitznamen wollte“

  1. In einigen Pfadfinder Verbänden ist es üblich dass die Mitglieder einen Spitznamen erhalten mit dem sie dann dort gerufen werden. Das sind manchmal Namen die spontan entstehen und manchmal auch Namen über die sich vorher jemand richtig Gedanken gemacht hat. Manchmal entstehen sie aus Eigenschaften, optischen Merkmalen oder bestimmten Interessen.

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    • Oh ja, meine Tochter ist Pfadfinderin, ich kenne das Thema 🙂 Interessant auch, dass die Pfadis, die ich kenne, ihre Namen konsequent klein schreiben. Fast alle sind Insider, also Anspielungen auf Situationen bei den Fahrten, Frotzeleien, Versprecher o.ä.

    • Ich bin auch Pfadfinderin!
      Und ich muss dir, Annemarie, Recht geben, die meisten Fahrtennamen die ich kenne, werden tatsächlich auch klein geschrieben!

    • Also bei uns im Stamm gibt es nur zwei die einen Fahrtennamen haben: rosi und Monty, aber ich kenne z.B. noch Kipari, tarmo, totsch, Bärchen, Banane,… und natürlich fallen mir jetzt wo es draufankommt nicht mehr ein… Und die dir mir einfallen, davon werden die meisten auch noch großgeschrieben, super *Augen zuhalt*

    • Flip kenne ich auch einen. Der heißt so weil er das genaue Gegenteil von flippig ist. Sehr in sich gekehrt. Toggepi finde ich super! Sehr niedlich und explodiert wenn es sich ärgert. Ich kenne jemanden namens Pikachu

    • Wir wollen für unsere Gruppenkinder auch mal ein paar Fahrtennamen raussuchen. Mal gucken was dabei rauskommt^^

  2. Man kann auch nicht immer vorhersehen, welcher Kurzname sich durchsetzt, da sich mehrere Kurzformen anbieten wie z. B. Elisabeth oder Theresa.

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  3. Die Spitznamen-Episode aus Big Bang Theory hab ich nicht gesehen, aber bei Seinfeld hat die Folge „The Maid“ einen ähnlichen Subplot, wo George versucht, sich von Kollegen T-Bone nennen zu lassen, indem er bei einem Arbeitsessen ein T-Bone-Steak bestellt, dummerweise bestellt ein Kollege das gleiche und greift dann den begehrten Spitznamen ab. George möchte den Kollegen überzeugen, den Spitznamen abzutreten, wedelt dabei aber affenähnlich mit den Armen, so dass er ab sofort Koko gerufen wird.
    Die Folge hat einen Wikipedia-Eintrag, wo auch noch auf die ursprüngliche Fassung des Witzes eingegangen wird, den ich noch lustiger finde als den, den sie am Ende genommen haben. Also ich denke, diese Rocket Man Episode ist wahrscheinlich ein bisschen eine Hommage an Seinfeld.

    Dass Spitznamen seltener werden, könnte dem Umstand geschuldet sein, dass Namen vielfältiger werden. Wenn in einer Klasse die Hälfte aller Jungen Michael oder Thomas hießen, machte es absolut Sinn, Spitznamen zu verwenden.

    Genauso, wie es auf dem Dorf Hausnamen gibt oder gab, um die vielen gleichen Nachnamen auseinanderhalten zu können.

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  4. Ein früherer Kollege, heute im Ruhestand, war etwas kleiner und rundlicher. Er wurde von den meisten Kollegen „Olio“ genannt. Irgendwann erzählte er mir, wie er zu dem Namen kam: Er machte als Jugendlicher mit einer Jugendgruppe eine Reise durch Italien. Plötzlich rief einer (ich glaube, als sie an einem Werbeplakat vorbeikamen): „Mensch, Alfred, du bist ja so fett wie das Öl!“ Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen diese Behauptung. Ein Fehler – denn seither wurde er Olio genannt. Als ich ihn vor über 25 Jahren kennenlernte, nutzte er dann auch selbst diesen Namen.

    Ansonsten kenne ich „Unnamen“ eher aus der Altersgruppe von meinem Vater (so ca. Jahrgänge 1936-40):

    Horst-Horst: Nur auf den einfachen Namen Horst getauft, aber er stotterte halt… Manchmal wird bei seinem Sohn das Prinzip Doppelnennung auch angewendet, dann weiß jeder sofort, wer gemeint ist. (Aber nur beim Sohn mit dem einsilbigen Vornamen, nicht beim Sohn mit dem zweisilbigen).

    Fidde-Fidde: Konnte wohl als Bub das R nicht richtig aussprechen. Nach dem Geburtsdatum gefragt, kam dann: „Fidde fidde nainadeißig“.

    In der Jugendclique meines Vaters wurden irgendwann einmal bewusst Spitznamen vergeben, davon sind bei 2-3 die Namen hängen geblieben, die anderen gingen wieder verloren. Den von meinem Vater wissen wahrscheinlich keine fünf Leute mehr. Mag vielleicht auch daran liegen, dass sein Vorname (zweisilbig) deutlich schneller auszusprechen ist als der dreisilbige Spitzname.

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