Bingo und der Junge Leni

Bingo © Sherry - fotolia.com
Bingo © Sherry – fotolia.com

Ein paar Jahre sind es mittlerweile schon, die ich Namensdiskussionen im Netz teilnehmend beobachte. Mit der Zeit habe ich angefangen, Bingo zu spielen. Auf Normalo-Plattformen (die von Nischen-Foren mit eingeschworenen Onomastikern zu unterscheiden sind) dauert es nämlich bei lebhaftem Austausch nie besonders lange, bis man Häkchen hinter mehrere der folgenden Wendungen machen kann:

  • Das ist doch ein Hundename! (Irgendwer scheint immer einen Hund mit dem diskutierten Namen zu kennen, vielleicht aufgrund der Beliebtheit von melodischen Zweisilbern für Hunde und Kinder gleichermaßen.)
  • Kinder können grausam sein. (Als ob jegliche Namensidee jenseits der Top-100 DIE Steilvorlage für Mobbing wäre.)
  • Matteo/Henry/Mila … heißt bei uns jedes zweite Kind. (Wenn das mal nicht ein kleines bisschen übertrieben ist …)
  • Wie wäre es Sophie/Marie/Alexander als Zweitname? (Wie kreativ das ist, sehen Sie hier.)
  • Wie wäre es mit Mia/Lia? (Wenn die große Schwester Pia heißt. Bei Jungs wird zu Neo gern Leo/Theo/Meo vorgeschlagen – für Freunde von Reimereien beliebig fortzusetzen.)
  • Niemals auf andere hören – EUCH muss der Name gefallen! (Ganz schöne Kampfansage! Ich plädiere trotzdem für Feedback, damit’s hoffentlich DEM KIND gefällt.)

Hin und wieder warten besagte Diskussionen aber noch mit Überraschungen auf. Zum Beispiel neulich, als eine werdende Mutter in die Runde fragte: „Ich möchte meine Tochter Leni oder Jonna nennen. Wie findet Ihr die Namen?“ Worauf unter anderem die Antwort kam, mit diesen Namen würde das Kind sicher öfter für einen Jungen gehalten werden. Bitte?!

Ich musste einen Moment überlegen, bis der Groschen fiel. Offenbar hatte die Kommentatorin Leni mit Lenni/Lenny und Jonna mit Jona/Jonah verwechselt. Was so ein gedoppelter Konsonant doch ausmacht! Zwar wusste ich schon, dass es das „Doppelkonsonant macht den vorhergehenden Vokal kurz“ in anderen Sprachräumen so nicht gibt und dass Violeta beispielsweise ebenso klingen kann wie Violetta. Trotzdem hätte ich bei einer deutsch schreibenden Kommentatorin nie damit gerechnet, dass der Name Leni (Platz 11! Heidi Klum!) nicht bekannt ist. Bei Jonna sieht es schon ein bisschen anders aus, diese Kurzform von Johanna ist in den norddeutschen Bundesländern deutlich beliebter als andernorts (bundesweit Platz 190). Zudem ist der geschlechtsneutrale Name Jona für Jungen gerade sehr in Mode (Platz 42) und nur äußerst selten bei Mädchen anzutreffen (Platz 482).

Jedenfalls wundere ich mich nun nicht mehr so sehr darüber, dass so viele Leute die einstige Heldin ihrer Jugend Pipi Langstrumpf schreiben.

Und außerdem …

10 Gedanken zu “Bingo und der Junge Leni”

  1. Auch beliebt „furchtbar“ ohne jegliche weitere Ausführung. Bei einem völlig normalen Namen. Super hilfreiche Kritik.

    • Ja.

      Um es in einen weiteren Kontext zu stellen: Es gibt seit mindestens 2000 diesen infamen Internet-Schreib-Stil des deutschen Kleinbürgers… Man wird nie offen grob oder höhnisch – das könnte ja als „Beleidigung“ aufgefaßt werden und sanktionierbar sein. Gleichzeitig geht es aber um maximale Verletzung des Angesprochenen.

      Man möchte verletzten, ohne selbst angreifbar zu sein.

      So kommen dann Floskeln wie „XY ist doch ein Hundename“ oder das allerwegen notorische „*gähn*“ zustande. Früher in den Foren konnte man auch viel Vernichtungs-Energie mit Smilies austoben, ohne je von den Mods angreifbar zu sein. Ein „Arschloch!“ führt(e) zur Sperrung, ein u.U. viel verletzenderer Zwinker-Smilie natürlich nicht – und das weiß der Mob haargenau.

      Überdurchschnittlich gut im Netz und im RL klarkommen läßt sich übrigens nach meiner Erfahrung mit Ösis. Die haben halt im Durchschnitt noch ein besseres Stilgefühl als die eigentlichen Deutschen. Österreicher sind oft höhnischer, gröber, hinterfurziger und natürlich ironischer als die Kleindeutschen – aber eben seltener so plump und abgedroschen…

  2. “Pippi ist kein Name und auch kein Getränk. Und mancher muss schon rennen, wenn er nur an Pipi denkt.” (Marius Müller-Westernhagen) 🙂

    Ich muss gestehen, mir ist glaub’ ich hier bei den Babynamen der Woche auch schon mal ein “Gähn” rausgerutscht. Allerdings holt man mit dem gefühlt zwanzigtausendsten Milan Leon auch wirklich keinen mehr hinter dem Ofen hervor…
    Was das “Kinder können grausam sein” angeht: Ich hatte irgendwann schon mal geschrieben, dass keiner von uns die Zukunft kennt und weiß, welche Namen in 6 Jahren in den Medien in welcher Weise präsent sein werden.
    Vielleicht ist genau der Name, den jetzt alle toll und innovativ fanden, dann der Name einer nervigen Werbefigur oder der jetzt geschmähte Opa-/Zuhälter-/Hundename der coolste Actionheld, den die Leinwand je sah. Weiß man’s?
    Außerdem kann man auch im Erwachsenenalter plötzlich und unabsichtlich mit seinem Namen im Mittelpunkt stehen.
    Ich bin z.B. 21 Jahre lang problemlos durchs Leben gekommen (auch wenn Monika in meinem Geburtsjahr auch schon nicht mehr ganz taufrisch war), bis dann Mr. Clinton was mit Ms. Lewinski anfing. Schwupp waren da die hochgezogenen Augenbrauen.

    Umgekehrt traf ich als Fan der Serie “Firefly” auf einer Convention eine junge Dame namens Serenity, die selbst im namenstoleranten Amerika immer etwas merkwürdig angeguckt worden war. Auf der Convention war sie plötzlich der beneidete Star, denn das Raumschiff in der Serie heißt genauso wie sie…

    • Das ist sehr interessant, aber genau das ist doch ein Argument für „traditionelle“ und „klassische“ Namen! Sie können nicht so ohne weiteres durch einen Pop-Kultur-Sternchen „verbrannt“ werden.

      Ich selbst heiße nun Klaas – und habe auch schon mokante Bemerkungen von irgendwelchen Proleten-TV-Serien-Glotzern über „Klaas und Yono“ (oder so ähnlich) zu hören bekommen. Es gibt da wohl auch einen Fernseh-Unterhalter namens Klaas Heuer-Umlaub, hat man mir erzählt, und einen im Volk beliebten holländischen Fußballspieler in D namens Klaas Jan.

      Was soll’s? Herrschaften interessiert so etwas nicht.

  3. Noch so ein Bingo-Spruch ist in etwa …

    “Milayn/Amylia/Tanayra … (hier einen möglichst ausgefallenen Bastelnamen, gern mit y, einsetzen) gibt es nicht an jeder Ecke, das mag ich.” Stimmt wohl, kommt mir aber doch ein bisschen unreflektiert vor 😉

  4. Was ich nicht mag:

    für den Namen X ist es noch nicht wieder Zeit.

    Als ob Modewellen ein unbedingtes Gesetz wären, dem alle Eltern folgen müssten.

  5. Über solche Kommentare (auch: “hat seine Zeit gehabt” , “ist altbacken, ausgelutscht o.ä.”) ärgere ich mich auch.

    Wenn mir ein Name gefällt, ist es mir egal, ob oder wann er “in Mode” ist oder war.

  6. Sicher? Ich hatte es so verstanden, dass der Name vom Namen der Großmutter abgeleitet worden ist, das Kind aber Leni (mit “vollem Namen”) heißt.

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