Gerlinde, sag doch auch mal was

Meine Liebe zu Namen dürfte inzwischen bekannt sein. Glücklicherweise gibt es in der deutschen Sprache auch viele Redewendungen, in denen Namen auftauchen wie Hinz und Kunz zum Beispiel. Die beiden haben es neben Kaspar, Melchior und Balthasar sogar in das Märchen „Rumpelstilzchen“ geschafft. Der Ausdruck „Hinz und Kunz“, der für „jedermann“ steht, ist bereits im 13. Jahrhundert belegt. Hinz und Kunz sind dabei Kurzformen der damals sehr beliebten Namen Heinrich und Konrad, prominente mittelalterliche Namensvertreter wären die Dichter Heinrich von Morungen und Konrad von Würzburg, wobei letzter auch viele epische Werke verfasst hat. Das englische Pendant zu „Hinz und Kunz“ ist übrigens Tom, Dick und Harry, da gefällt mir unsere Variante irgendwie besser.
Dann wäre da noch Lieschen Müller, eine Umschreibung für eine einfach gestrickte Frau. Ich kenne auch den Ausdruck „Sei nicht so ein Lieschen“ den Nachnamen lässt man dann weg. „Ach du liebes Lieschen“ fällt mir auch noch ein. Eine ehemalige Arbeitskollegien verwendete gerne den Ausspruch: „Ach Gottchen, Charlottchen“, den ich davor noch nie gehört hatte.

Manchmal ist mein namensverliebtes Gehirn aber etwas übereifrig, dann höre ich auch Namen, wo gar keine sind. So dachte ich jahrelang, dass der Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde, Karlfreitag heißt. Ich fragte mich immer, wer dieser Karl eigentlich war und was er mit Jesus zu tun hat, bis ich das Wort mal geschrieben sah: Karfreitag ohne l. Aber das liegt in der Familie; meiner Mutter rutscht ab und zu heute noch ein „Karl-Freitag“ heraus. Es ist, gelinde gesagt, nicht immer einfach, wenn Namen immer und überall zu seinen scheinen. Da ist es auch schon wieder: „gelinde“, klingt doch fast wie Gerlinde. Der Name stammt von dem Althochdeutschen ger (Speer) und linta (Lindenholzschild). „Gerlinde gesagt“ könnte die Antwort eines Kleinkindes sein, auf die Frage, warum es denn mit Fingerfarbe auf die Fenster malt, denn „Tante Gerlinde hat mir in ihrer Herzensgüte erlaubt, ihre Fenster zu bemalen, die sie, anders als du Mama, nicht gleich wieder saubermacht, sondern stolz ihren Freundinnen präsentiert, bis ich etwas Neues male.“ wäre grammatikalisch einfach zu komplex für ein zweijähriges Kind.

Doch es gibt einen Ausdruck, der tatsächlich einen Namen enthält, den ich aber bis vor wenigen Jahren nie herausgehört habe: Otto Normalverbraucher. Ich verstand und sagte stets „Orthonormalverbraucher“. Es liegt vermutlich an Otto, auch wenn der Name sich immer größerer Beliebtheit erfreut (aktuell Platz 243), kann ich ihm überhaupt nichts abgewinnen. Übrigens tauchte Otto Normalverbraucher zum ersten Mal in dem Film „Berliner Ballade“ aus dem Jahr 1948 auf. Otto Normalverbraucher (gespielt von Gerd Fröbe) ist ein Wehrmachtssoldat, der nach Berlin heimkehrt. Normalverbraucher referiert dabei auf die Lebensmittelmarken, die alle Personen bekamen, die keinen zusätzlichen Bedarf an Lebensmittel hatten. In der Zeitung las ich vor ein paar Jahren einen Artikel über Russland, in dem der Begriff Ivan Normalverbraucher auftaucht, das Pendant zu Otto. Doch anscheinend ist Otto Normalverbraucher nicht mehr zeitgemäß und wird nun von Markus Möglich abgelöst. Teenagern und Studenten fallen daneben noch BWL-Justus und Hedgefond-Hennes (die stereotypischen schnöseligen Studenten, von Beruf Sohn) sowie Soja-Sören und Tofu-Thorsten (die stereotypischen Veganer) ein. Ach, immer sind es Männernamen, die verwendet werden – was Gerlinde wohl dazu sagt?

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28 Gedanken zu „Gerlinde, sag doch auch mal was“

    • Freitag ist ja auch in der Wirklichkeit ein Nachname, ob ein Karl Freitag wohl häufig auf den Feiertag angesprochen wird *grübel, grübel*

  1. „Ach du liebes Lieschen“ kenne ich als „Ach du liebes Lottchen“
    Otto Normalverbrauchers Schwester heisst vielleicht Eva Mustermann,
    Sören, Thorsten und Co sind mir allerdings noch nicht begegnet.
    Eine ehemalige Kollegin beendete Diskussionen gern mit „Nun gut, Knut.“
    Ich denke, die Tussi (bzw. Thusnelda) hat sich ihren schlechten Ruf wahrscheinlich auch hart erarbeitet.

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    • „Nun gut, Knut“ habe ich auch noch nie gehört.

      Max und Erika Mustermann sind ja die Platzhalter auf Dokumenten (Erikas Mädchenname ist Gabler, wenn ich mich richtig erinnere).
      Otto Normalverbrauchers Schwester sollte auch einen Namen aus dem Kaiserreich bekommen . Wie wäre es mit Luise Normalverbraucherin?
      Neben Markus Möglich könnte ich mir Ilsa In-den-Tag-hinein und Linda Legt-alles-in-Bitcoines-an vorstellen 😉

  2. Oh, ich dachte früher auch, es hieße „Orthonormalverbraucher“ und „Otto Normalverbraucher“ sei lediglich eine Verballhornung!

    Sonst fallen mir gerade noch ein:

    – Dummer August
    – Fritzchen-Witze
    – Vollhorst
    – Dietrich (Werkzeug)
    – Klassenkasper, rumkaspern
    – Guter Heinrich (Pflanze)
    – Wackelpeter, Miesepeter,
    Hackepeter, Struwwelpeter
    – Hanswurst, Hanns Guck-in-die-Luft, Hansdampf in allen Gassen, hänseln, Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr
    – Wie die Nase eines Mannes, so sein Johannes
    – Tante-Emma-Laden
    – Klein Erna
    – Erika Mustermann
    – Tussi
    – Heulsuse
    – Funkenmariechen
    – Strickliesel
    – Flotte Lotte (Küchengerät)

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    • Mir fallen noch ein:

      – wilde Hilde für eine sehr sparsame und brave Frau, wenn sie sich dann doch mal eine Kleinigkeit gönnt

      – eine Bekannte reimt oft „Gut nun, Gudrun!“

      – „statt eines großen Publikums waren nur wenige Hanseln da“

      – aus der Generation meiner Uroma: Mörder-Meta für eine boshafte oder kriminelle Frau

      – Puff-Louis (französische Aussprache) für einen zwielichtigen Mann

      – die Zonen-Gabi vom Titanic-Titelblatt 1989

    • Oh, „Hänseln“ kommt gar nicht von Hans, sondern von „in die Hanse aufnehmen“. Tja, wo man nicht überall Namen reininterpretiert…

      Deutscher Michel
      Schwarzer Peter
      Ziegenpeter (Mumps)
      Ungläubiger Thomas
      Hau den Lukas
      Süßer Heinrich (Zuckerstreuer)
      Wissen, wo der Barthel den Most holt
      John & Jane Doe
      Long John (Lange Unterhose)
      He’s such a dick! (-> Richard)
      Jack ‚o‘ Lantern
      Uncle Sam
      Fritz (Deutscher Soldat)
      Tommy (Britischer Soldat)
      Iwan (Russischer Soldat)

      (Und natürlich so Zusammensetzungen wie Johanniskraut, Judasohr (Pilz), Martinshorn, Marienkäfer, …)

    • Pflanzen mit Frauennamen gibt es einige, mir fallen
      Fleißiges Lieschen und
      Flammendes Käthchen ein.
      Außerdem musste ich bei der flotten Lotte an die
      Grüne Minna (Polizeiautos waren fuhrer grün) und die
      Dicke Bertha (Geschütz im 2.WK) denken.

    • Wackelpeter für Wackelpudding! Diesen Ausdruck hatte ich wohl das letzte mal als kleines Kind gehört und schon fast wieder vergessen. Den gab’s auch nur zu Kindergeburtstagen. Eine schöne Erinnerung. Vielen Dank!
      Mir wird grad ganz nostalgisch zumute…

  3. Der BWL-Justus ist mir durch die Studentenapp Jodel bekannt. Dort gibt es noch mehr solcher Namen:

    Manni ist ein Busfahrer
    Lisa ist eine typische Abiturientin/Maturantin, die dann nach Australien geht und bei ihrer Rückkehr kaum mehr Deutsch kann (oder so tut, um cool zu wirken)
    Und natürlich Karen, die Frau ab 40, die sich über alles aufregt und Probleme macht

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  4. Mir fällt noch ein:

    Neugierige Eve
    Schorsch mei Tropfn
    Veronika der Lenz ist da

    Mein Vater nannte den großen Zeh Heinerich – diese Assoziation verbinde ich immer noch mit dem Namen Heinrich

    Wurde der Tante-Emma-Laden schon genannt?
    Meine Großtante Emma mochte diese Bezeichnung übrigens nicht und sagte statt dessen Pfefferladen.

    Hatten wir schon die Struwwelpeter-Namen?
    Struwwelpeter
    Suppenkaspar
    Zappelphilipp
    Hans Guckindieluft

    Namen hören, wo keiner ist:
    Da darf der lachende Owi (Stille Nacht) nicht fehlen.

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    • Ich kenne „Karl, mei Troppe“. Und natürlich „Heinrich, mir graut vor Dir“ (Faust-Zitat)

      Und „Gute Nacht Gretchen, auf der Fensterbank liegt das Geld“

  5. Die „Karen“ (Frau um die 50, die sich gerne beschwert) ist meines Wissens nach US-amerikanisch.
    Das Prinzip, einen häufigen Namen zu nehmen, um eine Kritik an der Dominanzgesellschaft zu äußern, wird meiner Beobachtung nach auch gerne in linken/feministischen/antirassitischen Kreisen benutzt:
    „und dann kommt so ein Stefan und kriegt sofort was er will“, „so ne Annika denkt dann, sie repostet eine change.org Petition auf instagram und dann ist die Welt gerettet“, „Im Café hat so eine Annette den Kellner zusammengefaltet“…

    Sonst fällt mir noch ein:
    Körperklaus=jemand, der eine schlechte Koordination hat
    du Horst = du Depp
    den Herrmann machen/das Herrmännle machen=aus der Mücke einen Elefanten machen
    Herrmann = Sauerteigstarter (woraufhin viele ihren Sauerteigstartern andere Namen geben)
    „Frech wie Oskar“
    „dummer August“ (ob August wohl häufiger wäre, wenn es „frech wie August“ hieße?)
    „alles Klärchen“ (wobei ich bei „ist das jetzt klarer geworden?“ auch gerne die Klara raushöre)
    dicke Bertha (Kriegsgeschütze)

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    • Ja, das Karen-Klischee passt für Deutschland nicht, weil der Name hier nie so häufig vorkam. Das müsste man eher mit Sabine oder Susanne lokalisieren.

  6. Den Hermann-Kuchenteig kenne ich aus meiner Schulzeit in den 80er Jahren.
    Den gibt es inzwischen auch in der feministischen Version als Hermine.

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    • Das ist schon erstaunlich wie lange sich dieser Teig mitsamt seinem Namen gehalten hat, denn den Hermann-Teig gibt es immer noch.

    • Mit elf oder zwölf hätte ich auch einen Hermanteig, meiner Mutter ging das Hegen und Pflegen auf den Keks, mir hat’s Spaß gemacht.

  7. Tolle Sammlung! Mir fallen spontan noch ein:
    die Strick-Liesl bzw. Strick-Sus(e)l, mit der man Schnüre aus Wolle anfertigen kann – Liesl = Elisabeth, Susl = Susanne
    Reklame- oder Werbe- oder Fernseh-Fritze bzw. -Fuzzi
    Hans Dampf (in allen Gassen)
    Prinz-Heinrich-Mütze, Sepplhut, Kasperlmütze
    neugierige Urschel und Ratschkathl – Urschl = Ursula, Kathl = Katharina
    böse Jezebel
    Manni mit dem (Opel) Manta
    Hemadlenz, d.h. ein kleiner Bub im Hemd oder Nachthemd, Lenz = Lorenz
    in englischen Romanen heißen die Diener und Butler häufig James oder John, im ddeutschen Sprachraum Johann

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