Wo sind sie nur geblieben?

Manchmal verschwinden Dinge, die uns lange begleitet haben, so heimlich, still und leise, dass man es erst nach einer ganzen Weile merkt. Telefonzellen, Fernsehansagerinnen, Brieffreundschaften und Heckscheibenaufkleber mit Kindernamen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich auf jeder Autobahnfahrt mit schöner Gewissheit an den – mitunter recht wunderlichen – Namen der Kinder der anderen erfreuen konnte.

An mangelnder Verfügbarkeit kann es nicht liegen. Der „Hipp Babyclub“ bewirbt seine Gratis-Aufkleber – vielleicht die Urform des Phänomens – zwar nicht mehr (weiß jemand, ob sie trotzdem noch verschickt werden?), im Netz gibt‘s aber diverse individualisierbare Varianten „für mehr Sweetness im Straßenverkehr!“. Die Aufkleber, auf denen etwa „Kleiner Teufel Thabea an Bord“ steht oder „Luca made with love“ (grusel!), dürften in der Realität aber kein Renner sein. Ich habe jedenfalls schon länger kein Kindernamensaufkleberauto mehr gesehen. Stattdessen fährt hier im Ort eines mit einem Hundenamen drauf herum.

Mia Autoaufkleber

Vor sieben Jahren sorgte der Blog chantalismus.tumblr.com (Untertitel: „ACHTUNG – Kinder mit schlimmen Namen an Bord“) mit Fotos von Autoaufklebern für Furore und schaffte es mit seinen Perlen des Chantalismus und Kevinismus bis in die „Bild“. Sogar ein eigenes Büchlein kam heraus, laut Amazon-Beschreibung „ein Panorama des Schreckens, aber auch eines, das von Elternstolz und der Sehnsucht nach der großen weiten Welt erzählt.“ Die letzten Einträge im Blog stammen vom Sommer 2016, was begründet wird mit „So langsam glauben wir nicht mehr daran, dass uns noch irgendein Name überraschen kann“. Das mag sein, vermutlich ging aber auch das Futter in Form von Aufkleberfotos rapide zurück. Weil den Eltern über all der Lästerei der Spaß an diesem – auf den deutschen Sprachraum begrenzten – Trend vergangen war? Oder weil öfter geäußerte Sicherheitsbedenken („Fremde sollen unser Kind nicht mit Namen ansprechen können“) schließlich doch gefruchtet hatten?

In einem Online-Forum meines Vertrauens habe ich gute drei Dutzend Mütter nach ihrer Haltung zu den Aufklebern befragt. Nur eine davon outete sich als noch aktiver Fan, und das so richtig (drei Kinder sind mit je drei Vornamen auf ihrem Auto vertreten, obwohl das älteste schon Teenager ist). Die meisten anderen fanden den Trend schon immer doof. Einige waren sich nicht mehr sicher, ob sie mal einen Aufkleber hatten, oder würden sich jedenfalls für ein hypothetisches neues Baby keinen mehr holen.

Dafür fand eine andere Mode in meiner nicht repräsentativen Umfrage zumindest den Zuspruch mehrerer Damen: tätowierte Kindernamen. „Das hat für mich eine Symbolkraft“, begründete eine Mutter. „Egal was ist und wird, ich hab dich immer lieb, du gehörst zu mir und ich halte zu dir.“ Hervorgehoben wurde auch, dass ja nicht jeder das Tattoo sehen könne. Sind Unterarm oder Schulterblatt jetzt also die neue Heckscheibe? Wir werden es beobachten …

“Baby an Bord” dokumentiert Familie als Sonderfall
Balg an Bord
Immer im Dienst?!

12 Gedanken zu „Wo sind sie nur geblieben?“

  1. Stimmt, die „Baby an Bord“ Aufkleber werden immer seltener, wobei ich hier in RLP immer noch welche sehen. Mit ganz normalen Namen (Tessa & Tim) und ungewöhnlichen (Kairo). Die Aufkleber mit Hunden sehe ich auch immer öfter (tatsächlich auch mit dem Namen Mia). Ich habe mal gelesen, dass man heute den Haustieren eher Namen vergibt, die man auch seinen Kindern geben würde bzw. gegebenen hätte, wenn es noch ein Junge/ Mädchen geworden wäre.

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    • Das ist mir auch schon aufgefallen, dass Tiere heute oft Namen tragen, die die Besitzer auch gut ihren Kindern hätten geben können, wie Lilly, Ella oder Neo.
      Früher war es gefühlt verbreiteter, die Haustiere mal Kleopatra, Rocky, Chopin oder Whiskey zu nennen 😉

    • Tatsächlich muss ich gestehen, das meine Katze auch Lily hieß, da ich, als wir sie bekamen, eine großer „Hexe Lilli“-Fan war. Mir gefiel die Schreibweise Lily aber besser, meiner Mutter Lilli, sodass wir sie unterschiedlich schrieben^^

      Anja ist mir auch schon als Hundename begegnet, aber auch ganz klassisch Bella und bei einer Katze lustigerweise Miez.

      Ich habe mal gelese, dass Lily und Luna die beliebtesten Katzenamen sind.
      Meine nächste Katze bekommt aber eine kreativeren Namen,obwohl mir Lily für die Katze wie für
      ein Mädchen immer noch gut gefällt (wenn man sich namenstechnisch austoben kann, dann bei der Katze).

    • Nachtrag

      Eine Kater namens Neo kenne ich auch (hier muss ich aber sagen, dass der Name mir besser bei der Katze als bei einem Menschen gefällt).

  2. Ich hatte auch die Namen meiner Kinder auf dem Auto. Keinen Hipp-Aufkleber, sondern einzelne gelbe Buchstaben und auch nur den Rufnamen ohne den Zusatz „an Bord“ oder ähnliches. Aber beim nächsten Auto fand ich das nicht mehr so toll. Die Kinder waren schon größer und die gelben Buchstaben gab es in einem Babyausstattungsgeschäft, wo ich logischerweise nicht mehr eingekauft habe. Die beiden würden das inzwischen auch peinlich finden (geb. Mitte und Ende der Nullerjahre).

    Ja, man sieht Aufkleber mit Kindernamen seltener, als noch vor einigen Jahren, ist vielleicht aus der Mode gekommen. Dafür lese ich manchmal Tiernamen, die auch Kindernamen sein könnten (Mia, Luna, Pepe habe ich schon gesehen).

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  3. „Baby an Bord“ Aufkleber hat ursprünglich andere Bedeutung, damit Menschen, die neben geparktes Auto vorbeilaufen, kurz schauen, ob Eltern Kind dort nicht vergessen und vielleicht retten. Wegen Klimaänderung finde ich es in Deutschland sehr notwendig, mit Namen oder ohne, egal.

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    • Ich habe aber tatsächlich mal als Rat gelesen, auf den Rücksitz etwas Wichtiges wie das Handy zu legen, damit man die Kinder an heißen Tagen nicht vergisst! Als wären die Kinder weniger wichtig als das Handy (gedanklich schlage ich mit der flachen Hand gegen die Stirn).

  4. Wow, Miez, dieser Ratschlag toppt tatsächlich alles aus diesem Strang von bescheuerten Aufklebern bis hin zu Tattoos, falls man die Namen seiner Kinder vergessen sollte?! Zum letzten Phänomen gibt es einen schönen Nachrichtenbeitrag des Postillons.

    Ich fand Namensaufkleber auf Heckscheiben genauso wie Tattoos schon immer stillos.

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  5. Die Hipp-Kindernamen-Aufkleber sind meiner Erinnerung nach die „Nachfolger“ der Ein-Herz-für-Kinder-Aufkleber. Und ich finde die alle auch nach wie vor gut, als Eine Art Bitte um Rücksicht. Es gibt nun mal viele Raser und Drängler, die die Lichthupe anwerfen und immer wieder ganz dicht auffahren, als wollten sie ihren „Vordermann“ virtuell anschieben, wenn ihnen dessen Geschwindigkeit nicht passt. Klar, Raser und Drängler lassen sich vermutlich nicht durch die Aufkleber beeindrucken, aber wenn sie den Eltern dabei helfen, sich nicht zum Rasen drängen zu lassen, als Psychokrücke quasi, dann finde ich solche Aufkleber gut.
    Wobei es ja auch diese Friss-meinen-Sternenstaub-du-Schleicher-Aufkleber und ähnliches gibt. Die finde ich ja auch ganz niedlich, obwohl ich sie niemals auf mein Auto bappen würde.

    Was ich allerdings nicht gut finde sind die Autos, deren Windschutzscheiben mit unzähligen alten Maut-Aufklebern zugepflastert sind. Das schränkt doch garantiert die Sicht ein und ist meiner Meinung nach ein Sicherheitsrisiko.

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  6. Vor Kurzem habe ich tatsächlich einen Hipp-Aufkleber gesehen (der sehr neu aussah). Das war an sich schon recht besonders, wenn ich Namenssticker sehe, dann nur als gelbe oder blaue Buchstaben wie sie Mareike erwähnt hat. Aber auch der Name des Mädchens war angewöhnlich: Arina.

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