Mainzel-Namen

Mainzelmännchen
Mainzelmännchen (Foto: Annemarie Lüning)

Unser Nachbar wollte sie nicht mehr haben, die kleinen Freunde seiner Kindheit, ist das zu fassen? So habe ich die Jungs, die in diesem Jahr ihren 55. Geburtstag feiern konnten, bei uns aufgenommen: Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen. Dass die Heinzelmännchen-Verschnitte, beim ZDF als Werbetrenner tätig, alphabetisch benamst sind, ist mir als Kind nie aufgefallen. Erfinder Wolf Gerlach habe die Namen „spontan“ gewählt, heißt es im Netz. Aha? So was inspiriert mich natürlich, zumal ein Name heute zu den Top 20 zählt. Vielleicht hat der Rest auch Potenzial?

Anton und Berti erinnern schon mal stark an die deutsche Buchstabiertafel („A wie Anton …“), Fritzchen auch. Allerdings war das „F wie Fritz“ nur von 1934 bis 1948 enthalten, davor und danach regierte Friedrich. Cäsar für das C-Männchen scheint Gerlach nicht gefallen zu haben (der „Hase Cäsar“ kam erst kurz danach bei der ARD auf), und zu Dora gibt es kein männliches Gegenstück. Aber Emil …? Hätte eigentlich auch gepasst. Für Kinder waren die Namen der Glotzenkobolde anno ’63 total out, mit einer Ausnahme: Detlef (Det). Er erreichte immerhin Platz 33 – beliebter ist dieser Name kaum jemals gewesen. Ansonsten hätten Andreas, Bernd, Christian oder Frank weit modischer gewirkt. Auch in Gerlachs eigenem Jahrgang, 1928, findet sich mit Fritz nur ein einziger der späteren Mainzel-Namen. Ob er bei Conni womöglich die damals top-angesagte Sängerin Connie Francis im Hinterkopf hatte? Reine Spekulation.

Obwohl die Mainzels mehreren Relaunchs unterzogen wurden – vor 15 Jahren mussten bei Edi und Fritzchen gar die Mützen weichen, das Sextett bekam Low-Hip-Jeans und Smartphones –: Die Namen blieben. Hier noch Stichworte zur heutigen Beliebtheit sowie den vom ZDF vergebenen Attributen:

Anton: Ein echter Überflieger auf Platz 16 – der Name war noch nie so beliebt wie heute (gut, dass „Anton aus Tirol“ etwas in Vergessenheit geraten ist). Der A-Mainzel galt früher als „der Faule“ und „Tolpatsch“. Heute ist er laut ZDF-Website „der Lustbetonte“ und „der bodenständige Lebemann, der den modernen Mainstream verkörpert“.

Bert(i): Sonderlich beliebt ist dieser mich vor allem an die „Sesamstraße“ erinnernde Name nicht: Der früheste Bert-Name in den aktuellen Top 500 ist Robert (206). Berti war einst der lustige Tüftler und tüftelt bis heute, bloß in modern: als „der Kommunikationsprofi, der Webmaster, der Hacker“. Er „kennt sich besonders gut mit Computern und neuen Technologien aus.“

Conni: Wie heißt Conni wohl mit vollem Namen: Constantin (heute auf Platz 62)? Conrad/Konrad (144)? „Neudeutscher“ wäre Connor/Conner (182). Doch Vorsicht: Wer seinen Sohn Conni ruft, erinnert leicht an eine weibliche Kinderbuchfigur, Conni Klawitter „mit der Schleife im Haar“. Connis Mainzel-Attribute: „der Kleine“, „der Junggebliebene“ – und heute „der Innovative“, „der Chaotische“, der „am ehesten als Vertreter der Jugendkultur“ unterwegs ist.

Det(lef): Ein ganz und gar unmoderner Name und quasi der „Papa Schlumpf“ aus Mainz, sehr weise mit seiner Harry-Potter-Brille. An dieser Zuschreibung hat sich auch nie etwas geändert. (Ist in Kinderbüchern eigentlich noch immer der Brillenträger der Schlaue?)

Edi: Noch eine Kurzform, die für Edgar (Platz 213) oder Edwin (371) stehen könnte. Noch beliebter ist heute aber Eddie selbst: Platz 151! In Sachsen hat dieser Name aus unerfindlichen Gründen (?!) gar Platz 30 erobert. Edi galt mal als „der Schelm“. Und heute? Ist er, man höre und staune, zum „Schöngeist“ geworden: „Er genießt mit Körperbewusstsein und Stil das Leben und die Welt.“

Fritz(chen): Der Sechste im Bunde, Fritz, ist wieder in den Top 100 (Platz 97) und als Figur seit jeher „der Sportsfreund“. Klingt heute („der aktive, dynamische Trendsportler“) nur etwas peppiger. „Fast jede neue Sportart samt passender Sportgeräte macht er sich zu eigen.“

Und dann wären da noch zwei Mädchen: In der 2003 bis 2004 im Kinderprogramm ausgestrahlten Zeichentrickserie „Die Mainzels“ tauchten die Zwillinge Zara und Lea auf. Der Name Lea war damals eine ganz sichere Bank. Im Z von Zara eine Anspielung aufs ZDF zu sehen geht vielleicht doch etwas zu weit. Darauf auf jeden Fall ein munter gekrähtes „Gudn Aaaaabnd!!!“.

Und außerdem …

5 Gedanken zu “Mainzel-Namen

  1. Die Det-Figur habe ich als Kind auch gehabt! Haargenau die gleiche Pose, Hartgummi, sicher die gleiche Produktionsreihe… Diese Beute vom Nachbarn hätte ich mir auch nicht entgehen lassen.

    Daß die Benennung alphabetisch ist, war mir auch nie aufgefallen.

    Tja, warum wird eine Brille mit Intelligenz/Klugheit assoziiert? (Und das wird sie meines Erachtens heute noch.) Gute Frage. Lesen macht jedenfalls nicht kurzsichtig. Vermutlich ein Volks-Aberglaube.

    Die modernen ZDF-Beschreibungen der Männchen sind sowas von schauderhaft. Uah! „Genießer“, „Kommunikationsprofi“, „der innovative Spontane“, „Jugendkultur“*, „Körperbewusstsein“, „dynamisch“, „Trendsportler“. Und, und, und. Samt und sonders Horror-Worte der heutigen Werbe-Hanseln-Sprache. *kotz*

    Der gebührenfinanzierte ÖRR sollte so einen Scheiß eigentlich nicht nötig haben, auch wenn es sich um den CDU-Funk (vulgo ZDF) handelt.

    *) Eines der grauenhaftesten und peinlichsten Medienereignisse des Jahres ist übrigens jedesmal die Kür des „Jugendworts des Jahres“. Omma und Oppa erkunden, wie die lieben Kleinen heute so reden – und greifen schon durch diesen Plan und sozusagen systemimmanent todsicher ins Klo.

    • Tja, warum wird eine Brille mit Intelligenz/Klugheit assoziiert?

      War eine Lesebrille vielleicht früher ein Luxusartikel, den sich nur kluge Menschen leisten wollten? Die Dummen fanden sich damit ab, dass die Sehschärfe im Alter nachließ (reine Spekulation, ich weiß es nicht wirklich).

    • Ja, das hat wohl dazu beigetragen…

      Aber Zahnersatz konnte sich früher auch kaum jemand leisten. Und gefärbte Haare, Haarersatz oder ähnliches gab es noch nicht (oder kaum). Kontaktlinsen sowieso nicht. Dennoch hat das bis heute nicht im mindesten die Aura einer Brille.

      Gerade bei einer schönen, jungen Frau mit Brille steht bis heute sofort so etwa dieses Bild im Raum: „Hat was auf dem Kasten, ist aber, nun ja, etwas komplizierter“.

      Und auch ein dummes Gesicht (beiderlei Geschlechts) wirkt durch eine Brille sofort klüger.* Ich weiß auch nicht, warum das so ist.

      *) Sofern es nicht diese ebenso notorischen wie lächerlichen schwarzen Hornbrillen sind, die durch diese Hipster-Typen in den letzten fünfzehn Jahren völlig diskreditiert wurden wie zuvor schon die randlosen Brillen durch gealterte CDU-„Junge Wilde“. Wulff-Brillen halt.

    • Lesen gefährdet die Dummheit.

      Aber es gefährdet eben auch nicht die Sehschärfe. 🙂 Gut, bevor es elektrisches Licht gab und man bei der Petroleum-Funzel, der Gaslampe oder gar der Kerze lesen mußte, mag das anders gewesen sein. Und durchgängig Strom gibt es auf dem Lande auch in der BRD erst seit den frühen 1950ern. Das ist aber nun aber auch schon wieder eine gute Weile her…

      Nachdem ich das gestern geschrieben hatte, habe ich übrigens auf „Hallo Niedersachsen“ (der hiesigen Landesschau des NDR) die Berichterstattung über den Moorbrand im Emsland gesehen. Jede Menge Bilder von Helfern (Feuerwehren, THW, BW, Polizei) und Anwohnern. Meine These, daß eine Brille aus einem Dussel-Gesicht ein kluges Gesicht mache, muß ich auch daher leicht relativieren. 😉

      Und dennoch: Eine Brille steht eben immer für Intelligenz, gerade bei jungen Frauen, aber auch bei jungen Männern. (Also bevor sich alterbedingte Sehstörungen merklich machen.) Siehe eben den Det oder, Gott steh uns bei, diesen Harry Potter. Und ich frage mich halt, warum das so ist.

      Und es gäbe heute keine Kontaktlinsen als Massenware, wenn nicht zahlreiche Leute versuchten, ihre Fehlsichtigkeit (meistens Kurzsichtigkeit) zu kaschieren.

      (Um das klarzustellen: Ich muß selbst seit ca. 45 Jahren eine Kurzsichtigen-Brille tragen, weiß also hier ausnahmsweise mal so halbwegs, wovon ich rede. Es ist erblich bedingt.)

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