Die Vornamengebung des Mansfelder Landes – Tradition ist Trend (1)

Die Zeitungsrubrik -Das Baby des Tages- im Mansfelder Land bietet eine gute Grundlage, die Namenmoden der vergangenen Zeit zu beobachten. In der erstellten Hitliste der Jahre 2006-2010, die den bundesweiten sehr ähnlich sieht, dominieren zwar Namen, deren Siegeszug sich bereits seit den 90er Jahren vollzieht wie Lea und Felix, doch die hinteren Ränge weisen mit Anna, Hannah und Paul darauf hin, dass sich eine Vorliebe für ältere oder älter klingende Namen verbreitet hat.

Der Trend zur Tradition war eigentlich immer durch Adelshäuser und vermögendere Schichten geläufig, in denen vorrangig Söhne nach Vätern oder Vorfahren benannt wurden und sich Namen letztlich sogar im Allgemeinwissen mit bestimmten Familien verknüpfen ließen. Im Falle von Königs- oder Herrschernamen zeigte das Volk seine Zugehörigkeit gern damit, seine Kinder nach den jeweiligen Landesoberhäuptern zu benennen, womit in deutschen Gebieten nicht zufällig Karl, Friedrich, Heinrich und Wilhelm zusammen ganze Jahrhunderte regierten.

Im Laufe der Zeit ist aus Ehrerbietung gegenüber den oberen Klassen ein munteres und offenes Interesse geworden, das man mit Hilfe der Presse irgendwann leicht verfolgen konnte. Der Adel, den wir heute in jeder Klatschspalte unter den Royals finden können, wird genauso eifrig beobachtet wie Prominente aus der Unterhaltungsbranche und Politik. Daher wundert es nicht, dass sich die traditionelle Nachbenennung als Mode in alle Schichten eingeschlichen hat. Ihre unbewusste Vorbildfunktion für den Nicht-Blaublüter ist ungebrochen.

Nun muss allerdings festgestellt werden, dass der Namenschatz, der durch die Beziehung auf Vorfahren unzeitgemäß klingt, in der Masse der Bevölkerung meistens nicht als Nachbenennung erkannt wird und deshalb der Eindruck entsteht, man orientiere sich an älteren Namen, damit man sich von den Unterschichten und ihren neumodischen Vorlieben abgrenzen kann. Kinder, die Richard Joseph oder Antonia Carlotta heißen, verbinden wir in unserem kollektiven Namenempfinden viel eher mit guter Bildung und Erziehung als Stefan und Sandy, die uns zudem so alltäglich vorkommen, dass sie auch nicht mehr den Hauch des Besonderen versprühen.

Wenn man sich näher mit den Namen beschäftigt, die ich als Trend zur Tradition zusammengefasst habe, entstehen 3 Untergruppen, die ihrem Ursprung nach altdeutsch/germanisch, biblisch/latein und Väternamen sind.

Eine Auflistung der altdeutsch/germanischen Namen, bei denen auch die parallelen Formen und veränderten Kurzvarianten dazugerechnet wurden, die in anderen Ländern davon existieren, sieht für beide Geschlechter so aus:

Jungen Mädchen
Erstnamen Zweitnamen Erstnamen Zweitnamen
Arved, Arne, Alfred Adolf, Bernd Adela, Alina, Amelie Alina
Bruno, Eric / Erik / Eirik Eitel, Erik Charlene, Charlotte Charlize, Charlett / Charlott / Charlotte, Carlotta
Ferdinand, Fernando, Gero Frederik, Fritz, Gustav Emma, Friederike / Frieda Erika
Henrik / Hendrik, Konrad / Kurt Henry, Herbert, Karl Henrijette, Ingrid, Jorid Heike, Hjördis, Ida
Leon / Leonhard / Lennert Leonard / Lennart, Leon / Lion Luise / Luisa, Runa Liv, Louise / Luis/ Luise
Louis / Luis, Manfred, Ole Luis, Lothar, Odin, Olaf, Ole
Oskar, Ramon, Richard, Robert Otto, Rainer / Reiner, Richard,Till
Willi/Wilhelm Werner, William, Willi

Es erschienen bei den Jungennamen auch Tristan, Arthur und Edgar, die aus dem Keltischen und Altenglischen stammen. Da sie durch die Sagen um König Artus und seine Ritter der Tafelrunde sowie die tragische Liebesgeschichte um Tristan und Isolde schon seit dem Mittelalter bekannt sind und später im 19. Jahrhundert durch Richard Wagners Oper zum Beispiel eine Neubelebung erfuhren, haben wir sie quasi eingebürgert. Sie fallen deshalb nicht als fremde Namen auf, während im Umkehrschluss die romanischen Varianten unserer einheimischen Namen uns nicht so vertraut sind, als dass wir sie bewusst mit vergangenen Zeiten in Verbindung bringen. Louis finden wir vielleicht noch frischer als Ludwig, obwohl schon die berühmtesten Könige Frankreichs so hießen und Ramon hat etwas südländisch Feuriges, während er als Raimund irgendwie langweilig anmutet.

Man sollte somit vorsichtig sein, diese Kindernamen allein dem Traditionstrend zuzuschreiben, weil ohne eine Befragung der Eltern nicht geklärt werden kann, wie „modern“ sie jene einschätzen und ob die Namengebung außerhalb Deutschlands eine Rolle bei der Namenfindung gespielt hat.

Autorin: Yvonne Thormann hat an der Universität Leipzig Kulturwissenschaften, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Namenkunde studiert. Sie arbeitet als frei schaffende Autorin und Geisteswissenschaftlerin in Leipzig. (Kontakt: thormanns.post@googlemail.com)

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