Murat und Mandy können nichts dafür

Was denken andere über mich, wenn sie nur meinen Namen hören? Landet mein Kind aufgrund seines Namens in irgendeiner Schublade? Fragen, die viele (Sie natürlich besonders!) brennend interessieren. Tatsächlich gibt es einen Weg, dazu interessante Fingerzeige zu erhalten – durch das Vornamen-Experiment des Onomastik-Portals. Seit Februar 2007 werden dafür Votings zu zufällig aus dem eigenen Lexikon herausgepickten Namen gesammelt, auch auf beliebte-Vornamen.de: Wie wohlklingend ist Elena? Assoziiert man mit Hiltrud eher eine Sportskanone oder ein Couchpotato? Jede einzelne Einschätzung ist natürlich extrem subjektiv. Doch wo mehrere hundert Menschen abstimmen und ein Name trotzdem klare Tendenzen aufweist, kann einem das zumindest zu denken geben.

Onogramm zum Vornamen AnnemarieAlso auf ins Namenslexikon von Onomastik.com und den eigenen Namen gesucht: Zu Annemarie haben immerhin 339 Menschen abgestimmt – die Zahl findet sich jeweils unten rechts unter der grafischen Darstellung der Ergebnisse, dem „Onogramm“, übrigens einer Begriffs-Kreation von Betreiber Thomas Liebecke. Eindeutige Ausschläge gibt es etwa beim Gegensatzpaar jung und alt: Wer Annemarie heißt, wird als alt wahrgenommen, wusste ich schon. Außerdem bin ich lieb und sehr zuverlässig. Daran, ob ich auch intelligent oder attraktiv bin, scheiden sich die Geister, es gibt aber eine Tendenz zur Unsportlichkeit (erwischt!).

Seit bei den Votings vor kurzem die 500.000er-Marke geknackt wurde, bietet die Site noch ein weiteres Feature: Top-50-Listen der Namen mit den jeweils extremsten Ergebnissen, die mindestens 50 Stimmen erhalten haben. Hier geht es nun wirklich ans Eingemachte. So sind Kevin, Murat, Ali, aber auch Ricky und Mandy bei den „unzuverlässigen“ Namen Spitzenreiter. Thomas Liebecke war darüber schon etwas schockiert, auch darüber, „wie undifferenziert Namen mit Migrationshintergrund als ‚arm‘ und ’nicht intelligent‘ bewertet wurden. Ebenso Peggy, Jacqueline und so weiter.“ Liebecke wuchs in Ostdeutschland auf und sieht typische „Ostnamen“ deshalb recht wertfrei.

Auch sonst bieten die Listen manches Aha-Erlebnis. Zum Beispiel dass Moritz noch frecher ist als Max. Oder dass mit „intelligent“ oft Namen assoziiert werden, die griechischen oder lateinischen Ursprungs sind: Gewinner bei den Jungen ist der seltene Cornelius. Bei den Mädchen allerdings die althochdeutsch verwurzelte Hermine; kein Kunststück, wenn man als geistige Überfliegerin mit Hexenkräften etabliert wird. Bei Namen, die als wohlklingend empfunden werden, wird dem Träger häufig Attraktivität unterstellt – und umgekehrt. Die arme Dörte möchte man glatt in den Arm nehmen: überhaupt nicht wohlklingend, extrem unsportlich und unattraktiv – was denn noch alles?!

Ein Manko hat das Experiment allerdings, das für Eltern auf Namenssuche ins Gewicht fällt: Überhaupt erst in die Auswahl der zu bewertenden Namen kamen nur solche, die am häufigsten im deutschen Telefonbuch stehen, sowie deren verwandte Formen. Da Träger neuer Modenamen wie etwa Linus oder Ruben noch längst keinen eigenen Anschluss haben, müssen sie leider draußen bleiben. Stattdessen finden sich Friedbert oder Gerwald. Hinzu kommt, dass manche Namen offenbar viel stärker zu einer Meinungsäußerung anregen als andere. Das hat nicht zwingend mit Häufigkeit oder gar Beliebtheit zu tun: Die allermeisten Stimmen (aktuell 556) entfielen auf Adolf.

Thema: Wissenschaft

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

10 Kommentare zu "Murat und Mandy können nichts dafür"

  1. Annemarie sagt:

    Wie mir heute morgen beim Zeitunglesen aufging, bin ich bei der Titelgebung haarscharf an einem realen Paar vorbeigeschrammt: Mandy Capristo (Sängerin) und Mesut Özil (Nationalspieler).

  2. elbowin sagt:

    Solche Listen können natürlich nur der Spiegel gängiger Vorurteile sein, dennoch sehr interessant.

    Am spannendsten fand ich die Liste attraktiv — nichtattraktiv: Das Klischee der attraktiven Französin scheint immer noch sehr stark zu sein, denn die TOP-Liste enthält auffallend viele französische Formen:

    Amélie, Julienne, Catherine, Veronique, Isabelle, Monique, Claire, Madeleine, …

    P.S. Alt ist das neue jung, wie man an Namen wie Frieda und Greta sehen kann.

  3. manda sagt:

    Wenn Namen mit lateinischem Hintergrund auf Intelligenz schließen lassen, so bemitleide ich all jene, welche aufgrund ihrer fehlenden Lateinkenntnisse den Namen „Mandy“ ablehnen. Die Ursprungsform dieses Namens ist noch immer „Amanda“, das weibliche Gerundivum zu „amare“, welches übersetzt besagt, wir haben es mit einer Frau zu tun, die man lieben muß.
    Insofern sind meine Assoziationen zu meinem Namen intelligent, erotisch, wortgewandt und präsent. Und ich erfülle dies mit Freude und dem 80er-Jahre-Charme, der diesem Namen anhängt.

  4. kathrin sagt:

    Mich würde interessieren, ob es sich vor allem um eine „weibliche“ Sichtweise auf Vornamen generell handelt. Ich habe nämlich das Gefühl, dass hier männliche und weibliche Empfindungen ziemlich auseinander gehen. Geben in solchen Portalen vor allem Frauen ihre Stimmen ab? Männer sind nach meiner Erfahrung viel unkritischer mit Namen.

    • Knud sagt:

      Interessanter Gedanke, da könnte was dran sein. Die Leserschaft von beliebte-Vornamen.de ist zu 80% weiblich, möglicherweise sieht es bei onomastik.com ähnlich aus.

      Dass Männer unkritisch mit Namen sind kann ich allerdings nicht bestätigen 😉

    • kathrin sagt:

      Unkritisch ist wahrscheinlich das falsche Wort. Ich habe das Gefühl, dass sie nicht so sehr in „Schubladen“ denken. Und dass es Namen gibt, die typischerweise eher Frauen, oder Männern gefallen.

    • Jia sagt:

      Nicht nur „nicht so sehr in Schubladen“.
      Meiner Erfahrung nach denken Männer allgemein weniger über Namen nach. Ein Name klingt schön, dann nimmt man den. Bedeutung, Herkunft, Häufigkeit, mögliche Assoziationen usw. erstmal egal. Das kann man natürlich icht pauschal sagen, aber das sind tatsächlich so meine Erfahrungen. Was auch für 80% weibliche Besucher auf dieser Seite spricht. Ich vermute fast, wenn nur Männer ihren Kindern Namen geben dürften, dass die Vielfalt nachlassen würde, weil sie lieber auf altbewährtes zurückgreifen würden, wenn die Frauen keine interessanteren Vorschläge von Namensseiten oder ähnlichem machen würden. Die natürlich erstmal alle „doof“ sind. Ein Mann, der wirklich interessiert ist an Namen, ist mir noch nie begegnet. Bis auf Knud! 😉

    • Jia sagt:

      Zu viel „würde“ in einem Satz. Besser nochmal nachlesen, bevor man abschickt 😉

  5. thomas sagt:

    Danke für den tollen Artikel! Deine Anregung, doch auch weitere moderne Namen mit aufzunehmen, hab ich direkt einmal aufgegriffen: Linus und Ruben sind nun im Voting mit dabei. Wenn ich im Januar noch die Zeit finde, werde ich noch weitere moderne Namen mit aufnehmen.

    Guten Rutsch
    Thomas
    http://www.onomastik.com

  6. Ein Mann... sagt:

    … der sich für Namen interessiert. Manche gefallen mir besser als andere. Grundsätzlich mag ich klassische deutsche Namen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert, aber auch dort gibt es Unterschiede. Übrigens ist die Namenswahl der Eltern ist nicht zufällig, also haben Kinder auch nicht „zufällig“ irgendwelche Namen. Ob das den Namensträgern gefällt oder nicht…

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