Namenforschers Lieblingsmärchen

In welchem Märchen spielen Namen eine große Rolle? Rumpelstilzchen! Dann wird Rumpelstilzchen ja wohl das Lieblingsmärchen aller Namenforscher sein. Ich habe den Text der Gebrüder Grimm etwas aktualisiert – hier meine Neufassung:

Es war einmal ein Verfahrenstechnologe in der Mühlenwirtschaft. Er hatte nur ein unterdurchschnittliches Einkommen, aber seine Tochter Gracy-Shanania war schön. Eines Tages hatte er die Gelegenheit, mit dem König zu sprechen: »Ich habe eine Tochter, die kann aus Stroh Gold spinnen.« Das fand der König so interessant, dass er Gracy-Shanania vorladen ließ.

Der König führte sie in einen Raum voller Stroh und stattete sie mit dem zum Spinnen nötigen Werkzeug aus. Er drohte ihr: »Wenn du es nicht schaffst, in dieser Nacht bis morgen früh dieses Stroh zu Gold zu verspinnen, musst du sterben« und sperrte sie dort ein.

Die Inhaftierte fürchtete um ihr Leben und begann aus Verzweiflung zu weinen – sie konnte gar nicht aus Stroh Gold spinnen! Da ging plötzlich die Tür auf und ein kleiner Mann kam herein, der sagte: »Guten Abend, junge Frau, warum weinen sie denn?«
»Ach«, antwortete Gracy-Shanania, »ich soll Stroh zu Gold spinnen, und habe keine Ahnung, wie das gehen soll.«
Sprach der Mann: »Was gibst du mir, wenn ich dir helfe?«
»Meine Halskette«, sagte das Mädchen. Der Mann nahm die Halskette, setzte sich ans Spinnrad und begann mit der Arbeit. Und schnurr, schnurr, schnurr: bis zum Morgen hatte er das ganze Stroh zu Gold gemacht.

Der König freute sich zwar sehr, er hatte aber noch nicht genug. So wurde Gracy-Shanania in ein weiteres, größeres Zimmer eingesperrt. Hier sollte sie noch mehr Stroh zu Gold machen, um ihr Leben zu retten. Erneut kam der kleine Mann zu Hilfe. Das Mädchen gab ihm ihren Fingerring und der Mann sponn alles Stroh zu Gold.

Der König war begeistert, aber seine Gier wurde noch größer. So kam es, dass Gracy-Shanania in der folgenden Nacht eine noch größere Menge Stroh zu Gold spinnen sollte. »Wenn dir das gelingt, werde ich Dich heiraten!« kündigte der König an und träumte von einer Ehefrau, die ihn reich machen würde.

Als das Mädchen allein war, kam der kleine Mann zum dritten mal wieder und fragte: »Was gibst du mir, wenn ich dir noch einmal helfe?«
»Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte«, antwortete Gracy-Shanania.
»Dann versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.«
In der Not wusste das Mädchen sich nicht anders zu helfen und versprach dem Mann was er verlangte; dafür verwandelte er noch einmal das Stroh zu Gold. Der König war sehr erfreut und heiratete wie angekündigt Gracy-Shanania. Diese wurde schon bald schwanger und ein Jahr nach der Hochzeit brachte sie ein Kind zur Welt. An ihr Versprechen, dieses Kind ihrem Lebensretter zu schenken, dachte sie nicht mehr.

Als dieser dann bald auftauchte und das Kind abholen wollte, erschrak Gracy-Shanania und bot dem kleinen Mann anstelle des Kindes das ganze Vermögen des Königreiches an. Der aber sagte: »Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt«. Das Jammern der Königin erweckte dann aber doch sein Mitleid, so dass er sich zu einem Angebot hinreißen ließ: »Wenn du in drei Tagen meinen Namen herausfindest, darfst du dein Kind behalten.«

Die Königin versuchte sich die ganze Nacht an alle Namen zu erinnern, die sie kannte. Außerdem beauftragte sie einen Mitarbeiter damit, sich nach neuen Namen zu erkundigen. Als am nächsten Tag der Mann kam, begann sie, die Namen aufzuzählen »Ben, Leon, Lukas, …« aber bei jedem antwortete der Mann: »So heiß ich nicht.«

Am zweiten Tag ließ sie bei allen Leuten nach unbekannten Namen herumfragen und sagte dem Mann die ungewöhnlichsten und seltsamsten vor, »Guntbert, Fionbarr, Jannik, …«, aber er blieb dabei: »So heiß ich nicht.« Am dritten Tag kam der Mitarbeiter wieder zurück und erzählte: »Ich habe keine einzigen neue Namen finden können, aber am Stadtrand sah ich ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein lächerlicher kleiner Mann, der hüpfte auf einem Bein und schrie:

»Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist daß niemand weiß
dass ich Rumpelstilzchen heiß!«

Der Königin fiel ein Stein vom Herzen, denn jetzt wusste sie den Namen! Als das Ultimatum abgelaufen war, kam der Mann und fragte:»Nun, Frau Königin, wie heiß ich?«
»Heißt du Thomas?« »Nein.« »Heißt du Andreas?« »Nein.« »Heißt du etwa Rumpelstilzchen?«

»Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt«, schrie Rumpelstilzchen und explodierte mit einem großen Knall.

Autor:

Knud Bielefeld ist Vornamenanalytiker und erstellt Jahr für Jahr eine Auswertung der beliebtesten Vornamen Deutschlands.

5 Kommentare zu "Namenforschers Lieblingsmärchen"

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  1. Ein Märchen für Ben: Die sieben Raben | 20. Januar 2013
  1. Anni sagt:

    Haha, hättest du mit der Geschichte nicht ein paar Tage warten können – das wäre das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle deine Leser gewesen 🙂

    • So war das auch gedacht. An den Weihnachtstagen wird dieses Blog erfahrungsgemäß aber eher weniger aufgerufen. Darum bekommt ihr das Geschenk schon etwas eher 😉

  2. kusseline sagt:

    Ooooh, wie schön! Fesche Version – Danke! Man sollte den Kindern echt wieder mehr klassische Märchen vorlesen, kann mich ja kaum noch daran erinnern, aber es gibt eben auch so viele neue Geschichten.
    Aber warum heißt die Frau bloß Gracy-Shanania? Hat das nen besdtimmten Grund?
    Schon mal schöne Weihnachten!

    • Ich halte mich ja normalerweise zurück was die Bewertung von Namen angeht. Aber Gracy und Shanania – die finde ich beide ganz schlimm. Außer im Märchen.

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