Was Vornamen über die Integration von Migranten aussagen

Die Soziologen Jürgen Gerhards und Silke Hans von der Freien Universität Berlin haben anhand der Vergabe von Vornamen untersucht, wie integriert Migranten in Deutschland sind. Hier einige der Erkenntnisse:

  • Eltern mit einem auch deutschen Bekanntenkreis sind deutlich stärker geneigt, ihrem Kind einen deutschen Vornamen zu geben als Eltern, die ausschließlich mit Personen aus ihrem Herkunftsland zu tun haben.
  • Je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto eher wird ein in Deutschland typischer Name bevorzugt.
  • Migranten, die die deutsche Staatsbürgerschaft übernommen haben, orientieren sich auch in der Namensvergabe stärker an deutschen Gewohnheiten.


Türkische Migranten vergeben im Vergleich zu Migranten aus Italien, Spanien, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien seltener in Deutschland gebräuchliche Vornamen. Das muss aber nicht heißen, dass türkische Einwanderer weniger an einer Integration in die deutsche Gesellschaft interessiert sind, berichten die Wissenschaftler im Tagesspiegel:

Einen deutschen Namen zu vergeben oder nicht, ist nicht immer eine klare Alternativentscheidung. So gibt es viele Vornamen, die in mehreren Ländern gebräuchlich sind. […] Während es kaum Namen gibt, die sowohl in der Türkei als auch in Deutschland üblich sind, verhält es sich bei den anderen Gruppen der Einwanderer ganz anders. Fast ein Drittel der „jugoslawischen“ Namen können in gleicher oder ähnlicher Schreibweise auch in Deutschland vergeben werden. Bei den südwesteuropäischen Ländern überschneidet sich sogar etwa jeder zweite Name. Diese Gruppen haben also die Möglichkeit, ihren in Deutschland geborenen Kindern Namen zu geben, die weder für sie selbst noch für Deutsche „fremd“ erscheinen. Für türkische Zuwanderer stellt sich die Lage vollkommen anders dar: Wegen der Zugehörigkeit zu einer anderen Sprachfamilie finden sich hier kaum Namen, die in gleicher oder ähnlicher Weise in beiden Kulturen existieren. Wenn sich türkischstämmige Eltern bei der Namensgebung ihres Kindes an deutsche Gewohnheiten anpassen wollen, haben sie eine relativ harte Schwelle zu ausschließlich deutschen Namen zu überwinden. In diesem Fall aber laufen sie Gefahr, dass ihnen der Name ihres eigenen Kindes phonetisch fremd erscheint. Stellt man diese kulturelle Restriktion in Rechnung, dann ist der Grad der Akkulturation auch der türkischen Einwanderer in der Vornamensvergabe doch beträchtlich.

Thema: Wissenschaft

Autor:

Knud Bielefeld ist Vornamenanalytiker und erstellt Jahr für Jahr eine Auswertung der beliebtesten Vornamen Deutschlands.

7 Kommentare zu "Was Vornamen über die Integration von Migranten aussagen"

  1. Helena sagt:

    Ich bin auch eine Migrantin und viele Namen von Migranten werden „eingedeutscht“. Ich war früher in den Papieren eine „(J)elena“ Das e wurde wie ein „Je“ gesprochen. Ich finde die Änderung nicht schlimm und kann mich mit Helena sogar viel besser anfreunden.
    Außer mir wurde aus meinem Opa und Onkel, die beide Iwan hießen, Johannes -> was so ja auch total richtig ist. Warum sich Irina in Irene umnennnen musste verstehe ich nicht ganz, da der Name ja keine großartige Änderung ist, mein Cousin Artjom wurde zu Tom. Die Namen sind nicht mit einander verwandt, klingen aber ähnlich!

    Allerdings wird manchal auch total sinnfrei
    „eingedeutscht“ Ich kenne einen Fall wo aus einer Frau eine Rita wurde, obwohl ihr richtiger Vorname noch nicht einmal mit einem „r“ begann.

  2. Kimberly sagt:

    Je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto eher wird ein in Deutschland typischer Name bevorzugt.(?)
    Ist das wirklich wissentschaflich bewiesen? Die Namen, die als ,,Prekariats- Namen“ bekannt sind sind zar namen wie Jacqueline, Chantalle, Justin und Mandy, die definitv nicht aus Deutschland kommen, aber ich glaube nicht, dass man das so felsenfest festlegen kann, desto höher das Bildungsniveau der Eltern ist, desto deutscher der Name.

    • Rebecca Sophie sagt:

      Bezogen auf Immigranten, die bei einem höheren Bildungsniveau mit höherer Wahrscheinlichkeit einen in Deutschland üblichen Namen wählen.
      Über „Prekariats-namen“ wird hier gar nicht gesprochen.

  3. Chiocciola sagt:

    Ich kenne eine türkischstämmige Familie, bei der, soweit ich weiß, die Großeltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Deren Kinder – die Eltern meiner Bekannten, kamen als Kinder mit. Die Kinder (meine Bekannte und ihre Geschwister) wurden in Deutschland geboren. Nun kommt in dieser Familie gerade die nächste Generation auf die Welt, d.h. es gibt zwei in diesem Jahrzehnt geborene Kinder.
    Für beide wurden bewusst Namen ausgesucht, die in beiden Kulturkreisen als Vornamen bekannt sind.

    • Jan sagt:

      Na, aber was heißt denn „als Vornamen bekannt“? Ahmet und Mehmet, Can, Cem, Fatima und Aysche sind in Deutschland auch als Vornamen bekannt und können von 99 % der Deutschen dem richtigen Geschlecht zugeordnet werden. Dennoch ist da eben die Botschaft klar: „Wir sind auch in der vierten Generation hier vor allem Türken und Moslems.“

      Das hat einfach eine andere Qualität als ein Ricardo oder ein Francisco.

  4. Chiocciola sagt:

    Ich meinte: von Angehörigen beider Kulturkreise als Vornamen verwendet werden oder zumindest nicht typisch einem Kulturkreis zugeordnet werden können.
    In einem Fall ist es ein in Deutschland bekannter (nicht ausgesprochen häufig, aber durchaus geläufiger) Vorname, beim anderen Kind ist es ein Name, der in der gewählten Form selten und weder typisch deutsch noch typisch türkisch ist.

    • Jan sagt:

      Gut, okay, zur Kenntnis genommen…

      Mir fiele dazu Zinedine Zidane ein: Dessen Söhne heißen Enzo, Luca, Theo und Elyas. Ich finde diese Namen keineswegs gut, sie sind eben im wesentlichen areligiös, jedenfalls nicht stramm religiös besetzt, ein bißchen traditionslos, weder besonders muslimisch, noch besonders christlich, noch besonders arabisch-kabylisch, noch besonders französisch. Und Namen ähnlichen Kalibers findet man zu Dutzenden unter den diesjährigen Top 100 hier. Nicht schön, aber immer noch besser, als gleich die Botschaft rüberwachsen zu lassen: „Wie waren hier fremd, sind hier fremd und wollen, daß es auch unsere Kinder bleiben.“ Leider ist letzteres meines Erachtens der Normalfall. Man soll nicht zuviel an kulturelle Kriecherei erwarten, und ich wünsche mir wirklich keine Türken, die ihre Gören Siegfried, Ragnhild, Lias oder Nele nennen. 😀 Aber bissi mehr dürft’s schon sein. :-/ Ach, wird schon klappen. 🙂 Et hät noch immer jotjejange.

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