Annemarie, der Quallenkönig und was Finn an der Nordsee macht

Wenningstedt auf Sylt
Wenningstedt auf Sylt. Bild von Detmold auf Pixabay

Wer wie ich einen – zumindest in seiner Generation – seltenen Namen hat, versteht vielleicht, weshalb ich mich der ZDF-Weihnachtsserie „Nesthäkchen“ von 1983 so verbunden fühle: Es macht etwas mit einem, wenn man den eigenen Namen so gehäuft und dazu fast nur positiv besetzt hören darf („Ein sehr mutiges und tüchtiges Mädchen, unsere Annemarie!“). Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass damals so manche Annemarie nach dem aus dem Fernsehen bekannten blondhaarigen Töchterchen aus gutem Hause benannt wurde: Zwischen 1984 und den frühen 90ern war mein Vorname deutlich beliebter als in den Jahrzehnten davor und danach.

Besonders die letzten beiden Folgen des Sechsteilers, die an der Nordsee spielen kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, haben sich mir eingeprägt. Annemarie soll sich auf Amrum von einer schweren Krankheit erholen. Heimwehattacken, unbeschwertes Spiel, Sonnenschein und windige Nächte wechseln sich ab. Dazwischen tritt immer wieder eine unheimliche alte Frau auf, ein gewisses Julchen, gespielt von Gerda Gmelin, die vom „Quallenkönig“ erzählt, der über die Gezeiten herrscht und Unvorsichtige in sein feuchtes Reich locken will.

Sylter Sagen

Einen Vornamen hat der nasskalte Monarch, von dem Julchen so eindringlich berichtet, nicht. Trotzdem fielen mir diese Märchenschnipsel gleich wieder ein, als mir bei der Recherche für unser Buch über norddeutsche Kindernamen, das im Mai erscheint, ein Bändchen mit Sylter Sagen in die Hände kam. Ich war neugierig, ob in der Sammlung des Heimatforschers Christian Peter Hansen (1803–1879) überhaupt Namen vorkommen würden, ob die volkstümlichen Erzählungen also eine mögliche Inspiration für Eltern sein könnten. Und um das Fazit vorwegzunehmen: Grundsätzlich ist das schon möglich. Viele meiner Fundstücke sind aber doch eher spezieller Natur. Trotzdem kann die Lektüre dazu beitragen, dass man sich in Namenstraditionen der Region einfühlt und manches mit anderen Augen sieht.

Die alten Friesinnen und Friesen lebten ein hartes Leben. Die Männer fuhren zur See, die Frauen besorgten Haushalt, Kinder und, ach ja, Felder gab’s auch noch. Zum Winter hin wurden die Schweine geschlachtet, man tanzte und heiratete. Neben Fischern und Freibeutern tummeln sich in den Sagen auch Hexen, die sich tagsüber in weiße Katzen verwandeln, Zwerge, die auf lahmen Gänsen reiten, Hausgeister, Riesen und Meermenschen, allen voran der oberste Meermann, Ekke Nekkepenn, eine Art Rumpelstilzchen: Mehrfach versucht er, sich mit Sylter Jungfrauen zu verheiraten, und scheitert daran, dass sie erraten, wie er heißt. Anders als die Müllerstochter im Grimmschen Märchen haben die jungen Damen Namen: Inge und Dorret. An Dorret zeigt sich auch gut, wie flexibel und biegsam die Namensgebung war, sie wird auch Dorte und Djüür genannt.

Überraschender Name

Auf Freiersfüßen deutlich erfolgreicher ist der König der Zwerge, die auch „die Unterirdischen“ heißen. Sein Name hat mich wirklich überrascht: Finn. Dieser kleine König verheiratet sich mit der Sylterin Iis oder Isa, die sein Werben vor allem annimmt, um „jeden Abend tanzen und singen“ zu können.

Weitere Hauptfiguren der Sagen sind Jens Lüng und seine Frau Merret oder Mett, die als einzige eine Sturmflut überleben. Die beiden haben zwei Kinder: den trägen Jakob und die tugendhafte Ellen. Jakob soll sogar eine eigene Redewendung geprägt haben: „Man sagt noch oft von trägen Menschen: Jakob habe ihn ereilt.“ Jakobs Frau Kressen versteht sich auf Hexenkünste, sie ist diejenige, die zeitweilig als Katze auftritt. Beider Sohn ist der einzelgängerische Peter, der auch Pidder und Peetji genannt wird und leider am Galgen endet. Außerdem gibt es noch Atten, Bahne, Boh und Buh, Else, Erk, Fredd oder Frödde, Henning, Jasper, Jeß, Karen und Maren, Nanna, Niß, Ose, den Sylter „Eulenspiegel“ Pua Modders (Pua = friesisch für Paul) und so einige mehr. Und meine – zugegeben eher rhetorische – Frage: Könnte es im alten Nordfriesland wirklich an der Tagesordnung gewesen sein, dass Schwestern Ing und Dung oder Brüder Oow und Kloow hießen?

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10 Gedanken zu „Annemarie, der Quallenkönig und was Finn an der Nordsee macht“

  1. „Es macht etwas mit einem, wenn man den eigenen Namen so gehäuft und dazu fast nur positiv besetzt hören darf“- ich verstehe dich gut. Ich habe einen selten Namen und bin erst vor ein oder zwei Jahren in einem Buch endlich mal eine Figur gestoßen, die meinen Namen trug. Einerseits war das wirklich schön, andererseits etwas irritierend, wenn jemand „meinen“ Namen rief und (logischerweise, war ja ein Buch) nicht ich gemeint war. Fühlen sich Leute, deren Namen häufiger in Büchern auftauchen, auch so?

    Zu den Namen (für mich als Südkind sind einige doch sehr ungewöhnlich). Über Finn bin ich auch sehr erstaunt. Der ältesten Fynn, den ich kenne, ist etwa vierzehn Jahre alt.

    Einige Namen würden heute für viel Gelächter oder ungläubige Blicke sorgen:

    Buh (wie Hui Bu, das Schlossgespenst)
    Niß (Gesundheit!)
    Bahne (da muss ich an Züge und Schwimmbäder denken)
    Atten (falsch ausgesprochenes Athen)
    Mett (wurst)
    Kressen (Kresse)

    Boh finde ich als Bo gut, mit h sieht der Name irgendwie falsch aus. Meret finde ich ganz hübsch, könnte aber eventuell für ein Jungenname (Mehmet) gehalten werden, Merete wäre da eindeutiger.

    Für Inge habe ich eine kleine Schwäche. Ich würde ihn jetzt nicht selbst vergeben, aber er hat was Liebes und Süßes an sich. Ich mag Mädchennamen auf I aber allgemein gerne: Isabella, Ingrid, Isadora, Isalie… Deshalb gefällt mir auch Isa gut, nur in arabischen Ländern könnte der Name doch verwirrend sein, da Isa dort der Name für Jesus ist.

    Namen, die ich heute problemlos vergebbar finde und die ich mag:
    Jasper
    Jakob
    Ellen

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    • Find ich auch. Kressen hat was.

      Außerdem fiel mir noch Dorret und Merret ins Auge. Speziell und sympathisch, die Namen

  2. Über den Namen Merret bin ich erst kürzlich im letzten Roman von Dörte Hansen gestolpert. Der spielt im ländlichen Nordfriesland, daher passt der Name wohl. Ich finde ihn auch irgendwie sympathisch. Meret gefiele mir aber noch ein Stückchen besser.

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    • Ich meine mich zu erinnern, dass die Schauspielerin Meret Becker Wert daruf legte, nicht „Mehred“, sondern eben „Merret“ ausgesprochen zu werden.

  3. @Annemarie
    Ich finde deinen Namen überhaupt nicht altmodisch, da gab es noch ganz andere altbackene Namen. Ich bin ja auch von Anfang der 70er Jahre und hatte in meiner Klasse Doris, Irmgard und Franz-Josef. Das finde ich altmodischer als Annemarie, zumal es den Namen Anne auch gab. Eine Anne war in meiner Klasse auch vertreten.

    Else – ein typischer Großtanten-Name im Alter meiner Oma (geb. 1920). Else würde ich auch als westfälischen Namen bezeichnen.

    Maren – gibt es auch in Ostwestfalen, etwa in meinem Alter oder jünger. Maren finde ich schön, schlicht und zeitlos.

    Karen – da ist Karin häufiger in OWL

    Jasper – gibt es erst seit den 2000er Jahren

    Niß bzw. Nis – so hieß der Vermieter unserer Ferienwohnung, bei unserem Urlaub in Schleswig-Holstein. (Habe ich erst mit Nils verwechselt.)

    Merret bzw. Merrit – ist selten, aber von zwei Mädels, die so heißen weiß ich, ich kenne sie aber nicht näher.

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    • Doris, Irmgard und Franz-Josef in unserem Alter sind wirklich allerhand. Wo bist du denn zur Schule gegangen? Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei uns in der Schule (Schleswig-Holstein) damals Leute mit diesen Namen gegeben hätte. Claudia, Sabine, Susanne, Stefanie, Katrin, Beate, Christina, Daniela, Andrea, Nicole, Tanja, auch Maren oder Anne, Annette, das war so das Übliche.

    • Ich habe mal vor ein paar Jahren ein Praktikum gemacht, da saßen in einer Oberstufenklasse: Manfred, Thomas und Andreas.

      In meinem Abi-Jahrgang gab es gleich zwei Mal den Namen Marion, finde ich immer noch erstaunlich.

    • @Annemarie
      Ich bin in Ostwestfalen-Lippe aufgewachsen. In einem Dorf in der Nähe einer größeren Stadt. Die Grundschule war im Dorf und es gab tatsächlich einen Franz-Josef (Vater heißt Franz, der Sohn eines Bauern). Doris und Irmgard habe ich auf der weiterführenden Schule in der Stadt kennengelernt. Die beiden stammen aus einem anderen Dorf im Umfeld der Stadt. In ländlichen Regionen halten sich alte Namen scheinbar länger und Nachbenennungen waren auch noch üblich. Aber es gab auch normale Modenamen während meiner Schulzeit: Nicole, Stefanie, Michaela, Simone, Sabine, Silke, Anja, Anne, Christina …

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