Mordsnamen aus dem Norden

Mordsnamen

Was bist du groß geworden, kleiner Kalle! Und mit was für Abgründen du dich herumschlagen musst! Dabei erschien uns deine Welt einmal so idyllisch, voller Walderdbeeren, rot gestrichener Holzhäuser und Elche. Doch damit war es in den 90ern vorbei, zumindest für Erwachsene, als mit Henning Mankell der Boom skandinavischer Krimis und Thriller einsetzte. Natürlich brachten die blutrünstigen Schmöker Namen mit, von denen sich mancher – trotz der meist gebrochenen Charaktere – in den Köpfen festsetzte. Ihre Nachbarn haben ein Kind mit einem seltsamen nordischen Namen? Dann blättern Sie doch mal bei Jussi Adler-Olsen (Dänemark), Unni Lindell (Norwegen) oder Håkan Nesser (Schweden) nach! Jedenfalls sofern es sich bei Ihren Nachbarn nicht bloß um begeisterte Wintersport-Gucker oder Fjord-Touristen handelt.

In der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson, die ab 2005 erschien, ist ein Nachname der Clou: Journalist Mikael Blomkvist wurde nach Lindgrens Meisterdetektiv benannt und hat sogar dessen Spitznamen Kalle geerbt. Dazu soll der Name der stärksten Figur der Reihe, der Hackerin Lisbeth Salander, von Kalles Freundin Eva-Lotte Lisander inspiriert worden sein; ihr Wesen entspricht aber eher dem einer düsteren, feministischen Pippi Langstrumpf. Die Elisabeth-Variante konnte punkten: Dass Lisbeth 2012 in die Top 400 schoss, just nachdem der erste Teil der Trilogie mit Daniel Craig und Rooney Mara in die deutschen Kinos kam, ist bestimmt kein Zufall; zuletzt erreichte Lisbeth Platz 271. Mikael ließ trotz der Nähe zum beliebten Mika länger auf sich warten: 2015 wurde dieser Name erstmals in den deutschen Top 500 gesichtet (2017: Platz 451).

Es gibt etliche Helden in Skandinavien-Krimis, deren Namen wie Lisbeth eher zu unserem Trend der Oma-und-Opa- als dem der Nord-Namen passen: Kurt Wallander von Mankell, Carl Mørck von Adler-Olsen, Dóra Gudmundsdóttir von Yrsa Sigurdardottir (Island). Ja, mitunter fallen die Namen der Autoren und von Nebencharakteren weitaus abgedrehter aus als die der Protagonisten, womöglich mit Blick auf internationalen Erfolg. Ob es nun gerade an Mankells introvertiertem Wallander liegt, ist fraglich; auf jeden Fall aber befindet sich der Name Kurt seit zehn Jahren im Aufwärtstrend (zuletzt Platz 180).

Nord-Krimi-Namen, die noch auf ihre Entdeckung warten, wären zum Beispiel Merete aus dem ersten Carl-Mørck-Band, Arto nach einem Ermittler von Arne Dahl oder auch Kommissar Erlendur von Arnaldur Indriðason (der eigenwillige Charme isländischer Namen kam 2016 in der Fußball-EM voll zur Geltung). Weitere Fundstücke bei Indriðason: Eva Lind, Perla, Halldóra, Sindri. Als eine, die es geschafft hat, trumpft seit einigen Jahren Smilla in den Charts auf (2017 Platz 275). Dieser Name wurde von Peter Høeg für seinen Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1992) erfunden; auch in Dänemark leben also keine älteren Smillas. Da es zur Original-Smilla nur einen einzigen Roman gibt (plus Verfilmung von 1997) und das alles ja schon einige Zeit her ist, dürfte sich Smilla von der Krimi-Assoziation recht gut gelöst haben. Ein Name wie ein Lächeln, die vage Erinnerung an Eiskristalle auf einem Buchcover … da könnte man fast wieder an die heile Welt im Norden glauben.

Dieser Beitrag stammt aus unserem Buch „Von Finn und Finja, Freya und Fritz. Die beliebtesten Vornamen der Norddeutschen“.

PS zur Aussprache:

Falls Sie sich in einen seltenen Krimi-Namen verlieben: Etwas Aussprache-Recherche lohnt sich auf jeden Fall. Sie können im Netz danach suchen, Muttersprachler fragen oder es mit einer Film- oder Hörbuchfassung versuchen. Das Ergebnis weicht stark davon ab, wie Sie den Namen im Geiste gesprochen haben? Dann haben Sie drei Möglichkeiten:

a.) Sie lassen die Finger von dem Namen (vielleicht gefällt er Ihnen jetzt sowieso nicht mehr). Oder Sie nennen nur Ihren Hund oder Ihr Pferd so.

b.) Sie geben Ihrem Kind den Namen trotzdem und versuchen, Ihr Umfeld auf eine möglichst „richtige“ Aussprache einzuschwören. Je mehr diese von der intuitiven Aussprache im Deutschen abweicht, desto aussichtsloser das Vorhaben. Bei wenigstens halbwegs bekannten Namen wie Solveigh klappt es eher, aber längst nicht immer.

c.) Sie vergeben den Namen mit der Aussprache, an die Sie beim Lesen zuerst gedacht haben. Sollte ein Sprachkundiger darüber schmunzeln – so what! Etliche Nordnamen sind in unterschiedlicher Aussprache in mehreren Ländern Skandinaviens verbreitet. Außerdem hören sich bei uns schon länger gebräuchliche Namen wie Lars im hohen Norden oft auch anders an („Lorsch“).

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 10-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

1 Kommentar zu "Mordsnamen aus dem Norden"

  1. Caterina sagt:

    Wegen “Merete” habe ich vor ein paar Jahren mein erstes Jussi Adler-Olsen-Buch gekauft. Der Name ist auch recht schön – es sei denn, der Nachname ist auch sehr e-lastig.

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