Anne mit den roten Haaren

Für Kinder mit roten Haaren findet man schwerer einen Namen – auf diese krause Theorie stieß ich jetzt in einem Forum. Mag ja sein, dass man sich manchen aus dem hohen Norden stammenden Namen eher blond vorstellt und Südländisches logischerweise dunkel. Ich selbst habe kürzlich etwas befremdet auf einen strohblonden Gian Luca geschaut (und zuerst „Jan-Lukas“ verstanden). Doch dass dabei für Rotschöpfe so gar nichts abfiele – sofern die Haarfarbe bei der Namenswahl überhaupt schon als feste Größe gelten kann –, halte ich für Schwarz-Weiß-Malerei.

Lucy Maud Montgomery

Die rote Zora? Zu offensichtlich. Pippi oder Pumuckl? Nicht im Ernst, obwohl es hierzulande mindestens einen Pumuckl gibt, der demnächst schon sein dreißigstes Wiegenfest feiert. In Richtung Großbritannien wird man ganz sicher fündig (Prinz Harry!), wenn es denn überhaupt ein Name mit „Farbassoziation“ sein soll. Oder eben in Kanada: Kennt hier noch jemand „Anne auf Green Gables“? Die Abenteuer der rot bezopften Anne Shirley, von der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery 1908 erfunden, liefen hierzulande zwischen 1986 und 1989 im Fernsehen, später auch als Zeichentrickversion. Meine Freundin J. inspirierten sie tatsächlich dazu, ihre Tochter (unabhängig von der Haarfarbe) nach der Heldin ihrer Jugend zu taufen, wobei Shirley, eigentlich der Nachname, zum Zweitnamen mutierte.

Für Vornamens-Fans hat die der Serie zugrunde liegende Buchreihe auch sonst einiges zu bieten, wie ich bei einem Schmöker-Revival feststellen konnte. Die sehr phantasiebegabte Anne hat ein Faible für stimmige Namen und Bezeichnungen („Immer wenn ein Name genau passt, rieselt mir ein kleiner Schauer den Rücken hinunter“), auf das immer wieder angespielt wird, und hadert nicht nur mit ihren karottenfarbigen Zöpfen, sondern auch mit ihrem Namen. Viel lieber hieße sie Cordelia, „das klingt so elegant“. Nur das im Englischen stumme e in Anne versöhnt sie halbwegs: „Sehen Sie den Namen denn nicht in Gedanken vor sich auf dem Papier? Ich schon. A-n-n sieht einfach furchtbar aus, aber A-n-n-e, das wirkt richtig nobel.“

Noch als fast Erwachsene resümiert Anne: „Mein Name klingt nach Brot und Butter, Flickendecke und täglicher Hausarbeit.“ Ihre treue Freundin Diana widerspricht prompt, gibt aber zu: „Mir würde auch Kerrenhappuch gefallen, falls du zufällig so hießest. Die Leute machen ihre Namen schön oder hässlich, je nachdem wie sie selbst sind.“ Wieder eine Theorie zum Weiterdenken … An dieser Stelle aber nur noch ein paar interessante Namen aus den „Anne“-Büchern: Marilla, Gilbert, Ruby, Lavendar, David und Dora (Zwillinge), Alonzo, Jamesina. Und – kein Wort mehr von roten Haaren!

Und außerdem …

10 Gedanken zu “Anne mit den roten Haaren”

  1. Anne auf Green Gables! Ich liebe die Bücher, das waren als Kind meine Lieblingsbücher (und sin des auch heute irgendwie noch).
    Anne ist so schön inspirierend.
    Nur die Filme habe ich nie gesehen; ich habe Angst, dass mir diese meine Traumwelt zerstören würden.

    • 🙂 Die ersten vier Episoden sind ziemlich nah an den Büchern. Allerdings habe ich auch erst die Serie gesehen und dann nachgelesen, war also diesbezüglich nicht übersensibel. In der fünfteiligen Fortsetzung wurde schon viel herumfabuliert – aber nett, und Anne und Gilbert kriegen sich auch hier recht romantisch. “Gekrönt” wird das Ganze leider von einer eher hanebüchenen 3. Staffel, “Das Leben geht weiter” – was die Drehbuchautoren sich dabei gedacht haben …?!

    • Oh, das passiert ja leider öfter. Da werden Fortsetzungen rausgehauen und fast jeder fragt sich, was fer Quatsch nun sollte.

  2. Ich muss gestehen, dass ich die Bücher nicht kenne, dafür aber die Zeichentrickserie (Anne mit den roten Haaren); diese allerdings auch nur flüchtig.
    Ich fand sie als Kind aber auch nur deswegen interessant, weil ich selbst rote Haare habe : )

    Und um das Thema “Farbassoziation” noch mal aufzugreifen:
    Sicher ist da etwas dran, denn eine Carmen z.B. stellt man sich wahrscheinlich eher dunkelhaarig vor, wohingegen man sich eine Stefanie wahrscheinlch eher blond vorstellt…
    Ausnahmen bestätigen natürlich aber auch hier die Regel und überhaupt sollte mal das alles nicht überstrapazieren.

    Was die Benennung von rothaarigen Kindern angeht:
    Ich finde, man kann Kindern, die rote Haare haben, jeden Namen geben, den man auch blonden oder dunkelhaarigen Kindern geben würde.
    Denn schließlich weiß man ja vorher nie, welche Haarfarbe das Kind einmal haben wird.

    • Witzig, ich habe als Kind eine Carmen mit krausen roten Locken kennengelernt (und hatte damals keine Ahnung, dass das unpassend sein könnte) Daher kann ich mir eine Carmen heute nur noch rothaarig vorstellen.

  3. Volle Zustimmung – das ist eine echt merkwürdige Theorie, die besagt, dass es schwerer sei, für rothaarige Kinder einen Namen zu finden. Ich bin zwar kein Genetiker und habe von Vererbungslehre vor vielen Jahren im Bio-Unterricht gehört, aber ich denke mal, dass man vornweg nie weiß, welche Haarfarbe das Kind bekommt. Vielleicht ist bei zwei rothaarigen Eltern die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Kind ebenfalls rothaarig, aber wie gesagt, ich heiße nicht Mendel und ich glaube kaum, dass die Eltern dies bei der Namenswahl beeinflussen wird.
    Mein Sohn hätte auch mit roten Haaren den gleichen Namen erhalten, wie er jetzt, als semmelblonder Lausbub, trägt. Und ich gehe davon aus, dass sich seine Haarfarbe noch nachdunkeln wird – dann kann er ja auf seinen Zweinamen “switchen” 😉

  4. Sehr witzig.
    Mein Mann und ich sind beide mit klassisch braunen Haaren bestückt und wir haben nicht schlecht gestaunt, als im Kreis Saal ein kleiner rothaariger Knabe zur Welt kam…. Die Namenswahl stand da schon längst fest. Noah. Und unser zweiter heißt Philipp.
    Das waren unsere Favorieten, egal wie sie aussehen.
    Und, mal ehrlich, die Namen suchen sich die wenigsten NACH der Geburt aus…..

  5. als ich die bücher gelesen habe, war mir klar, meine tochter heißt anne. leider konnte ich meinen mann nicht davon überzeugen…. jetzt haben wir eine rotblonde lilly, die anne sherly manchmal wirklich ähnlich ist 😀

    trotzdem lasse ich von dem namen anne nicht ab, unser zweites kind wird auch ein mädchen und ich stehe kurz vor dem durchbruch, den namen “genemigt” zu bekommen 😀

  6. Manches geht für mich bei einem rothaarigen Kind nicht, aber genauso ist es auch bei blonden oder dunkelhaarigen und dann gibt es natürlich den Bereich dazwischen, der bei allen Haarfarben geht.
    Denn mal erlich, was würdet ihr zu einem rothaarigen oder blonden Emilio sagen? Der muss doch einfach südländisch ausehen. Und ein Dunkelhaariger Sverre geht doch irgendwie auch nicht.

    Bei Rothaarigen Kindern kenne ich die Namen Ella, Lia, Lotte, Meike, Jule und ich finde die Funktionieren doch super!

  7. Ich habe mich immer schon gefragt, woher der Name Shirley eigentlich kommt. Shirley hießen nämlich oft die Girls in den Englischbüchern in der Schule.
    Auf beliebte-vornamen.de findet man nur, dass Shirley angloamerikanisch und ursprünglich ein Familienname nach einer Ortsbezeichnung sei (analog zu Chelsea heutzutage bzw. vor einigen Jahren, vgl. Clinton?!)
    Wikipedia meint:
    Shirley ist ursprünglich der Titel eines Romanes von Charlotte Brontë aus dem Jahre 1849. Darin gibt ein Vater seiner Tochter diesen Namen, den er eigentlich für einen Sohn vorgesehen hatte. Seit dieser Zeit ist der Name populär. Vor der Veröffentlichung dieses Romans war dieser Name männlich und eher selten.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Shirley_(Name)
    Nachdem ich eine einschlägige Graphik über die Häufigkeit des Namens in USA gefunden habe, nämlich hier:
    http://www.nancy.cc/baby-name/shirley/
    kann ich die wikipedische Shirley-Popularität seit 1849 nicht ganz nachvollziehen und stelle daher nun folgende These zur Diskussion:
    Der Name Shirley kommt aus den ab Beginn des 20. Jh. offenbar sehr beliebten Kinderbüchern von Anne auf Green Gables (hab ich leider nie gelesen) und wurde aufgrund dieser Beliebtheit ab ca. 1910, aber deutlich ansteigend ab ca. 1920 bis in die 60er Jahre hinein viel vergeben. Das würde genau passen, dass die damaligen kindlichen Leserinnen ihre Buch-Heldin Anne Shirley im Erwachsenenalter in ihren eigenen Kindern verewigt haben.
    Ja, und dann gäbe es an bekannten Namensträgerinnen noch die süße Shirley Temple, das Filmwunderkind aus den USA (geb. 1928) sowie Shirley MacLaine (US-Schauspielerin, geb. 1934) und Shirley Bassey (brit. Sängerin, zB. “Goldfinger”, geb. 1937); passt alles vom Jahrgang her genau ins Bild.

Schreibe einen Kommentar