Die Namenswahl bei Madame Bovary

Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert hat mit seinem 1856 veröffentlichten Roman „Madame Bovary – Ein Sittenbild aus der Provinz“ ein bedeutendes Werk der Weltliteratur geschaffen. Bedeutend auch für Vornameninteressierte, denn Flaubert beschreibt darin, wie die Hauptfigur Emma Bovary auf den Namen ihrer Tochter gekommen ist:

An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als die Sonne aufging.

»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.

Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.

Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.

»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia (zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.

Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise« angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade und sechs Päckchen Malzbonbons.

Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Dúpuis eine Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine »Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß. Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse.

Allerdings heißt das Kind nur in dieser Übersetzung „Berta-Luise“, „Berthe“ dagegen in Flauberts französischem Originalmanuskript. Auch die anderen Namensideen wurden sehr frei übersetzt, statt „Zunächst dachte sie an einen italienisch klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde.“ heißt es ursprünglich „D’abord, elle passa en revue tous ceux qui avaient des terminaisons italiennes, tels que Clara, Louisa, Amanda, Atala ; elle aimait assez Galsuinde, plus encore Yseult ou Léocadie.“ Und anstelle von Magdalena war wohl eher der Vorname Madeleine in Mode.

Weitere Vornamen aus „Madame Bovary“ sind Théodore, Charles und Charles-Denis-Bartholomé (Emmas Vater, Ehemann und Schwiegervater) sowie Léon und Rodolphe (Emmas Liebhaber).

Und außerdem …

9 Gedanken zu “Die Namenswahl bei Madame Bovary

  1. Emma, Clara, Louisa, Amanda, Léocadie und Madeleine finde ich ja viel schöner als “Berthe” – aber sehr interessant zu wissen, dass sich auch Flaubert mit der Namenswahl auseinandergesetzt hat.

  2. 1. warum macht der Übersetzer sein eigenes Spiel? Gerade Namen würde ich nur in Ausnahmefällen übersetzen.(ein sprechender Nachname oder Name einer fantastischen Figur)
    2. was ist denn Kraftmehl?
    3. Joconda ist auch ganz eine Überlegung wert

    • Zu 1.: Ich verstehe das hier ad hoc auch nicht, zumal man zum mutmaßlichen Zeitpunkt der Entstehung der Übersetzung (also um 1900) in Deutschland ja noch näher zum Französischen war als heute, somit kaum jemand eine Berthe mit einem Bert verwechselt hätte… Vielleicht wirklich Wichtigtuerei des Übersetzers? Man sagt literarischen Übersetzern ja nach, daß sie darunter litten, nicht selbst Schriftsteller zu sein… Oder (freundlicher spekuliert) man hatte ein etwas lässigeres Verhältnis zur „Werktreue“ einer Übersetzung.

      Zu 3.: Joconda. „La Gioconda“ ist doch der italienische Name der Mona Lisa, nicht?

  3. noch näher zum Französischen war als heute

    Trotzdem hatten vermutlich die wenigsten Deutschen überhaupt Fremdsprachenkenntnisse, weder Französisch noch andere Sprachen.

    • Wahrscheinlich nicht,
      Man muss aber auch sagen, dass Madeleine in Frankreich anders wirkt als bei uns. Und Léocadie wirkt auch nicht italienisch sonders französisch.

    • Maria Th., mgl, Knud,

      es gab um 1900 und noch bis etwa 1945 nicht eine internationale Sprache (wie heute Englisch), sondern derer zwei:

      Französisch für die „Schöne Welt“ und die Diplomatie (seit der FNZ) – Deutsch für die Gelehrten (seit etwa 1800).

      Darum kapiere ich auch die Kapriolen des Flaubert-Übersetzers weiterhin nicht. Warum macht er das? Jeder, der seine Übersetzung gelesen hat, konnte zumindest ein bißchen Französisch.

      Vielleicht, weil das Italienische in der Populärkultur (Musik, Kulinaria) noch gar nicht präsent war?

      Natürlich haben damals weniger Leute überhaupt Fremdsprachen gelernt, aber die haben eben auch keine angesagten Romane gelesen.

    • @ R.S.

      Zu den Madeleines gibt es, wenn ich mich recht erinnere, irgendwo was bei Marcel Proust. 🙂

      Für mich ist und bleibt das so eine komische Franzosen-Süßgkeit. 😉

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