Es war einmal ein Name

Es war einmal ein Name

Die Weihnachtszeit ist für mich nicht nur mit Tannenzweigen, Punsch und Plätzchenduft verbunden, sondern auch mit Märchen. Seit ich ein kleines Mädchen war, bin ich fasziniert von den Geschichten, die häufig mit „Es war einmal“ beginnen. Ich lese gerne von mutigen Kindern, klugen Frauen und tapferen Prinzen. Egal vor welchen Herausforderungen sie stehen, am Ende geht alles gut aus und die Heldinnen und Helden sind an ihren Aufgaben gewachsen (und ja, manchmal verhalten sich die Protagonisten für unser Verständnis naiv, aber das ist auch der Zeit geschuldet, in der sie geschrieben wurden und dem Zweck, den die Grimms damit verfolgten).


Nur wenige Figuren haben einen Namen

Die Geschichten von Aschenputtel, Brüderchen und Schwesterchen, Schneewittchen und Co haben auch als Erwachsene für mich nicht ihren Zauber verloren. Ich lese sie auch heute noch gerne und suche in Antiquitätenläden nach schönen Ausgaben und ganz besonders nach der einen, die ich als Kind bei meiner Oma hatte. Ein blauer Einband mit Figuren im Rokokostil. Mal sehen, ob ich sie eines Tages wiederfinde. Bis dahin trösten mich Märchenadaptionen in der Bücher- und Filmwelt darüber hinweg. Über 200 Märchen haben die Grimms geschrieben (na ja, sich von gebildeten Frauen erzählen lassen und meistens umgeschrieben), erstaunlich ist, dass die wenigsten der Figuren aber einen Namen haben. Na ja, nicht wirklich erstaunlich, denn die Märchen sollen zeitlos sein, ortlos. Die meisten Namen sind daher „sprechende“ Namen wie Dornröschen, Schneewittchen, Schneeweißchen und Rosenrot. Wobei Schneewittchen und Schneeweißchen Varianten des gleichen Namens sind. Rotkäppchen wird von allen Leuten wegen ihrer roten Kappe so genannt, heißt aber nicht wirklich so. Rapunzel ist nach dem Rapunzel (Feldsalat) benannt, auf die ihre Mutter während der Schwangerschaft unglaublichen Appetit hat. Wenn man das auf die Schwangerschaften meiner Mutter anwenden würde, würde ich Weißes-Schokoladeneis und meine Geschwister Salami und Apfelsaft heißen. Na ja, das sind eben Märchennamen, werden viele jetzt denken, genauso wie Rumpelstilzchen und Blaubart. In Echt werden die ja nicht vergeben, aber über Rosenrot und Schneewittchen habe ich schon in meinen Farbartikeln gesprochen, man kann seine Töchter so nennen, wenn man möchte, ebenso Cinderella, wenn man ein Aschenputtelfan ist. Rosenrot finde ich ja nach wie vor schön.
Dornröschen und Rapunzel wiederum konnte Knud in seiner Datenbank nicht finden.

Hans und Grete tauchen häufig auf

Märchen können aber auch förmlicher sein, wenn wir an Frau Holle denken. Eventuell stammt ihr Name von dem Holunderstrauch, der auch Holler genannt wird, und eng mit der Sagengestallt verbunden ist. Sie weist auch Parallelen zur germanischen Göttin Hel auf, die Herrin über das Totenreich. Neben der Schneebringerin tauchen auch zwei Maries in der Geschichte auf, die Goldmarie und Pechmarie, wieder sprechende Namen. Marie (aktuell auf Platz 10) war damals wie heute ein beliebter Name und kann für eine jede Frau stehen. Deshalb tauchen in den Märchen auch häufig die Namen Hänsel und Gretel oder Hans und Grete auf. Sie existieren nicht nur in dem Pfefferkuchen-Märchen, sondern auch in „Hans im Glück“ oder in dem Schwank „Die kluge Gretel“, auch Else (Die kluge Else) ist so ein Name.

Hänsel und Gretel sind mir einmal in einer Geburtsanzeige für siebzigjährige Zwillinge begegnet, die jetzt über achtzig sein müssten. Ansonsten sieht es für die Kurzformen von Johannes und Margareta eher mau in der Babynamenwelt aus. Gretel wurde in den letzten elf Jahren nur hundert Mal als erster Vorname vergeben, Hänsel dagegen konnte Knud gar nicht finden und das ist eigentlich nicht schlimm, die Nähe zum „Hänselns“ ist da einfach zu groß. Mein Fall sind beide Namen nicht, andere Varianten sagen mir da mehr zu und Eltern ebenfalls. So sind Johannes (79) Johann (50), Hannes (46) und Hanno (220) sowie Greta (200) alle in den Top 500, lediglich Margareta/Margaretha (griechisch: Perle) dümpelt mit insgesamt 300 Vergaben zwischen 2010 und 2021 neben Gretel her.

Auch ungewöhnlichere Namen

Tatsächlich gibt es in Märchen aber auch ungewöhnlichere Namen wie die „Jungfrau Maleen“, deren Märchen stellenweise im Dialekt verfasst ist (eine klassische Verwechslungsgeschichte mit Happy End). Maleen ist eine Variante von Marlene, was wiederum ein Zusammenschluss von Maria Magdalena ist. Tatsächlich habe ich den Namen einige Mal Knuds Datenbank gefunden: Theresa Maleen, Vivienne Maleen, Julia Maleen und Lisa Maleen. Dann wäre da noch das wenig bekannte Märchen „Fundevogel“. Fundevogel wächst zusammen mit Lenchen auf, die beiden verlieben sich ineinander, doch die böse alte Sanne hat was dagegen und will Fundevogel zur Suppe verarbeiten (ein normales Mädchen also). Lenchen reit sich gut neben den anderen Deminuativnamen ein. Fundevogel läuft natürlich außer Konkurrenz, Sanne hingegen gefällt mir ganz gut (der Name, nicht die kannibalistische Köchin), die Kurzform von Susanne (Hebräisch: Lilie) wurde in den letzten elf Jahren lediglich 60-mal vergeben. Für a-Freunde gibt es auch Sanna.

Allerleirauh wiederum ist nur ein halber Märchenname, denn die Prinzessin, die der inzestuösen Verheiratung mit ihrem Vater entflieht, wird nur im Titel so genannt, sonst wird über sie als „Rautierchen“ gesprochen, da sie einen Mantel aus Fellstücken trägt (und darunter natürlich ein Sternschimmerkleid).

Weitere Märchennamen, die mir fern ab von den Grimms einfallen, sind Kay und Gerda (Die Schneekönigin), Peter und Lisbeth (Das kalte Herz), Marie (Nussknacker und Mäusekönig), aus der in der Ballettversion Clara wird, sowie Sindbad, Aladin, Ali Baba und Scheherazade (Tausend und eine Nacht).

Märchen, die für Filme adaptiert werden

Spannend finde ich es auch immer dann, wenn die Märchen für Filme adaptiert werden und dort dann Namen bekommen. So kam mir auch die Idee für diesen Artikel. Im dritten Programm liefen den ganzen Tag Märchen und ich sah eine Version von „Die Schöne und das Biest“, nicht die Disneyversionen, in denen die Protagonisten Belle und Adam heißen, sondern eine schlichtere, aber sehr liebevoll gestaltete deutsche Version. Die Schöne hieß Elsa. Ganz bestimmt von der Eiskönigin inspiriert, dachte ich, zumal die Heldin blond ist. Aber nein. Diese Verfilmung kam 2012 raus, „Die Eiskönigin“ 2013. Elsas Prinz heißt Arbo. Arbo, den Namen hatte ich noch nie gehört. Ich dachte an das lateinische Wort arbor (Baum), aber damit hat er nichts zu tun. Arbo ist eine Kurzform des althochdeutschen Namens Arbogast (althochdeutsch „arbi”: Erbe und „gast” = Fremder/Gast). Der fremde Erbe passt gut zu diesem geheimnisvollen Prinzen. Nach „Die Schöne und das Biest“ folgte „Die sechs Schwäne“, dort heißt die Heldin Constanze, „die Standhafte“. Ein Name, der garantiert mit Bedacht gewählt wurde, da die mutige kleine Schwester der Brüder Wilhelm, Michael, Tilmann, Peter Alfons und Benjamin (da hat jemand mitgedacht!) sieben Jahre nicht sprechen darf und aus Brennnesseln Hemden für ihre verwunschen Brüder webt, während sie ihrer bösen Schwiegermutter Sieglinde trotzt.

Und wie sieht es in anderen Märchen aus? Dornröschen, die Prinzessin, die eigentlich einen Namen hat, bekommt in Märchenverfilmungen gerne einen anderen, rosigen angedichtet: Rosalinde, Myrose, Aurora oder Anastasia. Die Prinzessin aus „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ (Heinrich ist der alte Diener des Froschkönigs) heißt in der Disneyverfilmung Tiana, genannt Tia und in der deutschen Verfilmung von 2008 Sophie. Spannender sind da die Namen des Prinzen Floris (vielleicht wegen der Nähe zu dem Wort Frosch gewählt) und des Vaters König Carlasto und der Prinzessin Gustava.
Wenn die nicht märchenhaft klingen.

Ich wünsche euch allen märchenhaft wundervolle Weihnachten.

5 Gedanken zu „Es war einmal ein Name“

    • Stimmt 🙂
      Jorinde und Joringel ist ein typisches „Schulmärchen“. Und „Der treue Johannes“ ist sogar für ein Märchen verstörend.

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