Die seltsame Karriere fragwürdiger Vornamenhitlisten

Die seltsame Karriere fragwürdiger Vornamenhitlisten

Wenn ich Ranglisten der beliebtesten Vornamen veröffentliche, dann sind das – streng genommen – Ranglisten der häufigsten Vornamen. „Beliebt“ ist meine Interpretation, die aber bisher nie in Frage gestellt wurde.

Nun gibt es in den entlegeneren Winkeln des Internets auch andere Hitlisten. Dort zählt nicht, wie oft ein Name tatsächlich vergeben wird, sondern wie oft er angeklickt, gesucht oder in irgendeiner Online-Abstimmung nach oben gevotet wurde. Das klingt erstmal nach Schwarmintelligenz, ist aber oft eher Schwarmzufall.

Verzerrungen und Manipulationen

Was genau solche Listen aussagen sollen, bleibt mir ein Rätsel. Die Datengrundlage ist weder repräsentativ noch besonders stabil – dafür aber umso anfälliger für Verzerrungen und Manipulationen. Laut meinen Statistiken sind Beiträge zu den Jungennamen Kevin und Adolf sehr gefragt. Daraus ließe sich vieles ableiten – nur eben nicht, dass es sich um die derzeit beliebtesten Jungennamen handelt.

Kurz gesagt: Diese fragwürdigen Rankings sind sind willkürlich mit mehr oder weniger zufälliger Reihenfolge und im besten Fall unterhaltsam. Sie laden zum Stöbern ein und taugen vielleicht als Inspirationsquelle. Aber wer daraus Trends oder gar belastbare Entwicklungen ableiten möchte, der liest mehr hinein, als drinsteht.

Lassen Eltern sich beeinflussen?

Kürzlich wurde ich gefragt, ob solche Listen Eltern beeinflussen könnten. Also ob ein ungewöhnlicher Name plötzlich attraktiver wirkt, nur weil er irgendwo auf Platz eins steht – ohne dass der wahre Hintergrund dieser Platzierung klar ist. Werden Eltern dadurch angeregt, ihrem Baby so einen Namen zu geben?

Ich halte das für eher unwahrscheinlich. Viele Eltern schauen sich Vornamenhitlisten ja gerade deshalb an, weil sie nicht das wählen möchten, was alle wählen. Ein Spitzenplatz wirkt da eher abschreckend als anziehend.

Plötzlich Modename

Noch unwahrscheinlicher ist es, dass sehr viele Eltern diese seltenen Vornamen dort entdecken und so ganz plötzlich neue Modenamen entstehen. Es hat schließlich seinen Grund, warum seltene Vornamen selten sind: Sie gefallen den meisten Menschen nicht.

12 Kommentare zu „Die seltsame Karriere fragwürdiger Vornamenhitlisten“

  1. „Es hat schließlich seinen Grund, warum seltene Vornamen selten sind: Sie gefallen den meisten Menschen nicht.“

    Oder die Eltern wollen nicht, dass ihr Kind mit seinem vielleicht schönen, aber seltenen Vornamen zum Außenseiter wird? Das dürfte einer der Gründe sein, warum z. B. ausländische Vornamen seltener vergeben werden als die im eigenen Land üblichen Vornamen – sie sind weniger bekannt, man versteht die Bedeutung und den kulturellen Hintergrund nicht auf Anhieb und dem Träger wird unter Umständen ein Migrationshintergrund angedichtet, was im schlimmsten Fall zu Diskriminierung führt. Da können türkische Namen noch so vielen Deutschen gefallen, die meisten trauen sich dann doch nicht, sie dem eigenen Kind ohne Not zu verpassen.

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    • Guter Punkt. Ich denke (natürlich :-)) auch, dass „sie gefallen den meisten nicht“ eine sehr verkürzte Darstellung ist. Es kann durchaus noch andere Gründe als simples Gefällt-nicht geben, warum seltene Namen (zumindest für längere Zeit bzw. in einer bestimmten Zeit) selten bleiben:

      – die Leute trauen sich nicht („Was sollen die Nachbarn/Was soll Tante Gisela sagen“)
      – die Leute wollen nicht aus der Reihe tanzen, nicht auffallen (selbst schon gehört: „Ich wähle nur aus den Top 50 bzw Top 500 aus, alles andere wäre doch komisch“)
      – die Leute haben … hm … vielleicht einfach nicht so viel Phantasie 😉
      – man braucht erst eine andere Person, sei es ein Promi oder jemand im Umfeld, der den Namen vergibt, bevor man ihn selbst in Erwägung zieht
      – bestimmte Namen gefallen grundsätzlich schon, werden aber mit einer anderen Zeit verbunden („So heißen Kinder jetzt nicht“)
      – Eltern haben vielleicht selbst einen in irgendeiner Weise ungewöhnlichen Namen und damit eher negative Erfahrungen gemacht und denken, ihr Kind mag auch nicht (durch den Namen) auffallen

      Da gäbe es sicher noch mehr …

    • Naja, nicht unbedingt, Knud. Je nachdem, wie man „gefallen“ interpretiert. Mir „gefällt“ vielleicht der Klang von Emmelina, er ist mir aber zu unbekannt, um ihn zu vergeben – aus verschiedenen Gründen (Angst vor Stigmatisierung oder anderen Nachteilen etc.). Dennoch kann mir der Name selbst aber gefallen.

    • Ich denke, es könnte sich auch einfach um ein „nicht kennen“ handeln. Man stößt ja erst auf seltene (schöne) Namen, wenn man auch nach welchen sucht. Sonst ist der Name ja schon so häufig, dass man irgendwem mit dem Namen kennt.

    • Viele Gründe, weshalb Eltern sich eher für einen (in der entspr. Generation) geläufigen, als einen seltenen Namen entscheiden, die über bloßes „Gefallen“ vs „Nichtgefallen“ hinausgehen, wurden ja schon zusammengetragen.
      Ergänzen würde ich zudem noch psychologische Phänomene wie bspw. den Mere-Exposure-Effekt, Social-Proof-Effekt, Bandwagon-Effekt usw. „Gefallen“ ist mitunter erstaunlich beeinflussbar.

    • Liebe*r Minus aka Bindestrich
      Vielen Dank für den Input mit den drei psychologischen Effekten. Die habe ich direkt nachgeschlagen.
      Also ist es insgesamt wohl auch eine Art Typfrage: Wo bewegen sich die Eltern gemeinsam auf der Skala von Individualität bis zu Konformität?
      Das lässt sich sicher auch auf andere Lebensbereiche übertragen.
      Ich bin auf dem Land aufgewachsen, soweit ausserhalb, dass es praktisch niemanden interessiert hat, was die Nachbarn sagen. Meinen eigenen Vornamen musste ich als Kind bereits mehrfach wiederholen, weil ihn keiner kannte. Konformität hingegen in jedweder Form schreckt mich regelrecht ab. Auch als erwachsene Person lebe ich nun abgeschieden, weil ich das in meiner Freizeit einfach brauche. Ich habe keinerlei soziale Phobien, aber meinen Urlaub möchte ich trotzdem nicht an einem vollen Strand oder in New York verbringen.
      Jetzt in den Frühlingsferien habe ich meinen Urlaub hier rund um die Schweiz mit entfernen Verwandten aus Südamerika gemacht. Die Geschwister heissen Cristian und Daniela, sind Anfang/Mitte 30 und kommen aus einer Grossstadt. Sie legen grossen Wert auf ihr Äusseres, da darf auch das Schuhputzset nicht fehlen, und sie lassen nirgendwo einen Souvenirshop aus, wo praktisch alles made in China ist. Mich hat dort nicht einmal das Schaufenster interessiert. Dem gegenüber habe ich ein kleines gemaltes Bild von einem unauffälligen Künstler auf einer Bank gekauft, den ich zufällig im Park gesehen hatte.
      Sie waren meine Gäste. Beide super entspannt und sehr anpassungsfähig, denn jeder meiner Vorschläge zur Urlaubsgestaltung hat für sie völlig gestimmt. Die geschossenen Fotos haben sie praktisch unmittelbar auf sämtlichen Plattformen geteilt. Sie sind sozial viel stärker gebunden als ich es bin und auch deutlich anders geprägt.
      Sind sie so, weil sie so heissen? Bin ich so, weil ich so heisse? Oder weil wir so aufgewachsen sind, wie wir sind? Die unterschiedlichen Bereiche der Prägung beeinflussen sich sicher gegenseitig.

      Ich tendiere ganz klar zur individuellen Richtung dieser Skala, aber nicht so sehr, dass ich soziale Aspekte völlig aus den Augen verliere wie Schreibbarkeit oder „Aussprechbarkeit“. Aber man kann es eh nie allen Recht machen und das ist ja auch gar nicht das Ziel.

  2. Ungewohnte Aussprache und Schreibweise habe ich noch vergessen. Auch ein Grund, warum manche Namen, insbesondere ausländische, ungern vergeben werden.
    Manche ausländischen Namen schaffen natürlich trotzdem irgendwann den Sprung, werden bekannter und landen am Ende sogar in Knuds Hitlisten. Sonst fänden sich da ja nur Namen germanischer Herkunft. Aber das hängt natürlich auch sehr davon ab, wie nah oder fern uns die jeweilige Sprache und Kultur derzeit ist.

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  3. Zu „nicht kennen“:
    In der Klasse meiner Tochter war mal eine Nalani. Diesen Namen kannte ich vorher nicht und fand ihn richtig toll.
    (Bei uns hätte er allerdings nicht zum Nachnamen gepasst.)

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