Nöstlinger-Namen

Tatsächlich habe ich mit meiner Tochter gerade ein Nöstlinger-Buch gelesen – „Man nennt mich Ameisenbär“, empfehle ich gerne! –, als neulich der Tod von Christine Nöstlinger (geboren 1936) durch die Medien ging. An Bücher der österreichischen Kinderbuchautorin erinnere ich mich gerne. Sie war so schön auf Seiten der Außenseiter, der Aufmüpfigen und der Mütter, die ob ihrer gedankenlosen Familie in den Haushaltsstreik traten. Mich brachte sie zuerst in Kontakt mit spannenden Wendungen und Vokabeln: heuer, Paradeiser oder Fuzerl („ein kleines Stück“). Auch der bestimmte Artikel vor Namen begegnete mir Nordlicht erstmals in ihren Büchern.

Die Nöstlinger-Lektüre hat den Boden dafür bereitet, dass ich mich heute nicht darüber wundere, dass Österreicher namensmäßig ein bisschen anders ticken. Gut, mein Kollege aus Wien hat seine Töchter und den „Buben“ Leni, Charlotte und Oskar getauft. Damit ginge er auch als Hamburger durch. Umgekehrt reagieren Österreicher aber oft sehr verwundert, wenn über ungewöhnliche Serien- und/oder Aminamen debattiert wird („Schon ein Noah fällt bei uns auf“). Nordisches wie Malte sorgt ebenfalls für Befremden, auch wenn Finn es in die AT-Topliste geschafft hat. Es dauere „immer eine Zeit, bis Trends aus Deutschland zu uns kommen“, so eine Mutter aus Österreichs Hauptstadt.

Christine Nöstlinger

Doch zurück zu den lieben Nöstlinger-Figuren: Die allererste Heldin der Autorin war ein Rotschopf namens Friederike (1970) – ein normaler Name in meiner Generation. Ganz anders sieht es mit Ilse aus („Die Ilse ist weg“, 1974). Die einzige Ilse, die mir jemals begegnet ist, war in der Mittelstufe meine Englischlehrerin. Einen für mein Gefühl sehr passenden, weil brav klingenden Namen trägt Konrad („Das Kind aus der Konservenbüchse”, 1975), ein etwas groß geratenes Retortenbaby, das erst lernen muss, nicht so schrecklich angepasst zu sein. Konrad schneidet heute mit Platz 144 sicherlich besser ab als in den 70ern oder 80ern, wo der Name (zumindest bei uns) eher als Bürde empfunden worden wäre.

Das pummelige Gretchen Sackmeier (1981), eigentlich Margarethe Maria, hat ganz Hänsel-und-Gretel-mäßig einen Bruder namens Hänschen sowie eine kleine Schwester, die Mädi (?) gerufen wird. Herzensangelegenheiten gibt es in ihrem jungen Leben auch, mit dem smarten Florian und dem punkigen Hinzel (Heinrich). Unbedingt genannt werden muss auch der Franz Fröstl („Geschichten vom Franz“, ab 1984), ein zu klein geratener Bub mit goldenen Ringellocken, „Herzkirschenmund“ und Piepsstimme, dessen beste Freunde die dominante Gabi und der Ex-Mobber Eberhard sind – allesamt noch mal reichlich „alte“ Namen für ihre Zeit und meine Begriffe (Ausnahme: Florian). Franz erlebt erst im 21. Jahrhundert eine Renaissance in Deutschland. Sehr Maria-lastig wird es beim erwähnten „Ameisenbären“ (1986): Die Titelheldin, die mit „Riesenzinken, eng stehenden Mausaugen und Fliehkinn“ geschlagen ist, heißt Maria-Theresia, kurz Thesi, die Jungs in ihrem Leben sind Josef-Maria und Friedrich. Thesis (leider hübsche) Schwester heißt, heute auch weit gewöhnlicher als einst, Sophie. Tja, und wenn ich mir das so ansehe mit Franz, Friedrich, Sophie oder auch Greta/Gretchen – vielleicht sind nicht nur immer wir die Vorreiter?!

Und außerdem …

6 Gedanken zu “Nöstlinger-Namen”

  1. Oh, da gab es aber noch ein Buch namens Luki-Live – da heißen die Nachbarskinder Lukas und Markus. Bei der dritten Schwangerschaft der Nachbarin wird gewettet, ob es ein Johannes oder ein Matthias wird – heraus kommt eine Kahtarina. Die Namen würden heute alle nicht auffallen.
    Und Olfi Obermeier und der Ödipus (Olfi ist eine Verkosung von Wolfgang…) – leider weiß ich nicht mehr, wie seine ganzen Schwestern hießen.

  2. zu Sophie
    Sophie kann man ja schon als Klassiker bezeichnen. Sophie kommt in vielen Königs- und Fürstenhäusern vor.
    In der Generation meiner Großeltern gab es ein paar wenige Sophies (Aussprache: Soffie). Bekannter war mir der Name aber durch die “kalte Soffie” am 15. Mai. Die ersten jungen Sophies und Sophias gab es aber erst in den 90ern. Ich kenne eine 22jährige Sophia. Dann kenne ich mehrere Sophies, die so alt sind wie meine Tochter. Einzeln mag ich den Namen. Ich mag nur nicht diese vielen Doppelnamen mit Sophie, die manchmal sehr kitschig klingen.

  3. Mir fällt noch “Mini” ein, die eigentlich Hermine heisst und überdurchschnittlich gross ist. Ihr Bruder hat mit “Moritz” einen wesentlich geläufigeren Namen. Konnte ja keiner wissen, dass mal eine Hermine durch Hogwarts laufen und den Namen populär machen würde.
    Insgesamt fand ich die Auswahl der Nöstlinger-Namen als Kind ziemlich altmodisch, vielleicht haben sie sich in Österreich länger gehalten.
    Die Schwester von Ilse (ich kannte nur eine Ilse aus den 1920ern) hiess Erika, wenn ich mich recht erinnere, und auch das fand ich verstaubt. Die Halbgeschwister der beiden Mädchen klangen dagegen moderner, aber dafür auch so wenig einprägsam, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann.

  4. Ich habe als Kind gerne die Geschichten vom Franz gelesen. Die altmodischen Namen sind mir damals auch aufgefallen. Franz’ Bruder heißt Josef. In einem der Bücher bekommt Gaby eine Schwester, die Sofie genannt wird. Dabei wird die Schreibweise Sophie/Sofie thematisiert. Ein ungewöhnlicher Name, der in einem weiteren Buch auftaucht, lautet Elfe.

  5. Ich habe ja mal zwei Jahre in Österreich gelebt und fand die Namen auch sehr hintendran. (Mal abgesehen von den Klassikern).
    Das ist ja schon in Baden-Württemberg zu spüren, wenn ich das mit Norddeutschland vergleiche.
    Manchmal habe ich mich schon gewundert: Wolfgang und Petra in meiner Generation … das kannte ich bis dahin nicht.
    Wie gesagt, in Ba-Wü kenne ich auch Harald und Jochen in meiner Generation. Im Norden sind das Namen unserer Väter.
    Das war hier ja schon öfter Thema ….

    Ein Name arbeitet sich aus dem Norden vor und kommt 15 Jahre später im Süden an. 🙂

  6. Über die höhere kulturelle und gerade auch alltagskulturelle Beharrungskraft Österreichs im Vergleich zu BRD-Deutschland habe ich mir in sinnendem Gespräche oft mit Freunden und Bekannten Gedanken gemacht. Auch auf das hier interessierende Thema mit den altmodischen Vornamen sind wir dabei natürlich zu sprechen gekommen. Ferner auf die Tatsache, daß sich Österreicher im Durchschnitt immer noch besser anziehen können als Kleindeutsche – angesichts des allgegenwärtigen Badelatschen- und Bermudashorts-Horrors, dem man in diesen heißen Tagen wieder überall im nichtösterreichischen Deutschland ausgesetzt ist, sicher ein besonders aktuelles Thema. Oder man denke an die Wiener Taxifahrer, die teils bis heute Wert darauf legen, daß ihre Fahrgäste im Fond Platz nehmen – und eben nicht auf dem Beifahrersitz, als ob sie selbst Droschkenkutscher wären. Und, und, und.

    Das ist natürlich einfach tiefeingewurzelter kultureller Konservativismus. Ob dann freilich Vornamen wie Harald oder Jochen den Konservativismus lohnen, ist wohl eine andere Frage. Jedenfalls arbeiten sich mit den „modernen“ Vornamen ja keine gesellschaftlichen oder kulturellen Verbesserungen von Norden nach Süden durch, sondern fast durchweg stilistische Entgleisungen.

    Wichtiger aber wäre, daß es auf diesem Gebiet schlicht auch Details gibt, die viel krasser und überhaupt nicht mehr ins Bild passen.

    Warum ist zum Beispiel diese alberne „geschlechtergerechte Sprache“ in Österreich gar noch beliebter als in Norddeutschland? In den letzten Jahren ist sie auch in der BRD wieder im Kommen, aber zum Zeitpunkt der erwähnten Gespräche wirkte das „große I“ in der BRD opahaft, wie eine Hinterlassenschaft von damals schon leicht ergrauten 80er-Jahre-Grünen – in Österreich hingegen war es in den entsprechenden soziopolitischen Milieus furchtbar angesagt. Meine Gesprächspartner (mehrenteils inkorporierte, FPÖ-nahe Studenten) wußten darauf auch keine ganz überzeugende Antwort zu geben. Wir waren uns nur halbwegs sicher, hier sozusagen bei einem Mirakel der Zweiten Republik angekommen zu sein. Meine österreichischen Bekannten legten mithin Wert auf die Feststellung, daß die strikte Teilung der Gesellschaft in Rot und Schwarz, die Aufteilung des kompletten Staatswesens in rote und schwarze Einflußzonen, die Schaffung gleichsam von zwei Parallelwelten, eben in beiden Lagern auch ziemlich viele Proleten habe aufsteigen lassen. (Von denen man sich selbst als Erben des Dritten Lagers natürlich nach Kräften abzugrenzen müssen meinte.)

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