Mein seltener Name und ich: Amrei

Dass Amrei (knapp 20) aus München mir von den Erfahrungen mit ihrem Namen berichtet, freut mich ganz besonders. Echte Namensfreaks können sich schon denken, weshalb, allen anderen sei verraten: Amrei ist eine eher in Süddeutschland sowie in der Schweiz gebräuchliche Kurzform meines Vornamens, Annemarie, und passt somit eigentlich sehr gut in den aktuellen Trend, Koseformen als eigenständige Namen zu vergeben – siehe etwa Leni.

Obwohl sie ja im Süden lebt, trifft Amrei häufig auf Menschen, die ihren Namen überhaupt nicht einordnen können. „Ich werde immer mal wieder gefragt, ob ich Türkin bin oder aus Skandinavien stamme.“ Wenn sie dann erklärt, wie sich ihr Name ableitet, gibt es verblüffte Gesichter: Ach so! Der ungewöhnliche Klang, die seltene Endung, die man sonst fast nur vom Namen Marei kennen könnte, prägen sich schwer ein: „Egal, wie oft ich ihn schon gesagt habe, ich werde doch immer wieder mit ‘Ambrei’ oder ‘Amrhein’ angesprochen. Im Ausland tut man sich auch schwer mit meinem Namen.“ Zum Glück gibt es aber auch Leute, die verstehend nicken, wenn sie sich vorstellt. Amrei hat auch selbst schon einige Amreis getroffen. „Ein paar heißen sogar nach mir – Töchter von Bekannten meiner Eltern.“

Mein seltener Name und ich

Amreis Nachname ist ein sehr gängiger männlicher Vorname. „Das führt öfter dazu, dass man Amrei für meinen Nachnamen hält und ich als Herr angeschrieben werde.“ Sie hat noch einen zweiten Vornamen, Johanna, den ihre Eltern ihrem Rufnamen vorangestellt haben, weil ihnen der Klang so besser gefiel. Lustigerweise kennt sie sogar ein Mädchen, das umgekehrt Amrei Johanna heißt. Amrei wuchs als „Sandwichkind“ mit zwei Schwestern auf: Louisa und Marie. Dass sie mit Abstand den seltensten Namen trägt, war nie ein besonderes Thema. „Wir haben das einfach so hingenommen.“

Amrei ist zufrieden mit ihrem Namen: „Ein bisschen speziell, aber ich mag ihn.“ Insbesondere ist sie froh, dass er nicht so häufig vorkommt wie in ihrer Generation etwa Lara, Lisa oder Julia. Im Netz fand ich den Kommentar, Eltern aus Kiel mit sehr norddeutschem Nachnamen (was wäre das überhaupt?) sollten besser die Finger vom Namen Amrei lassen: „Passt einfach nicht“. Wirklich nicht? Für mich steckt im Namen Amrei – der auch als Amrai oder Amrey vorkommt – nichts, was ihn auf den Süden festlegt, rein klanglich gesehen. Auch wenn es in Bayern vermutlich ein paar mehr Menschen gibt, die von irgendwelchen Cousinen zweiten Grades oder Urgroßtanten alte Annemarie-Varianten wie Anmie, Annemirl oder Amrei kennen.

Und außerdem …

31 Gedanken zu “Mein seltener Name und ich: Amrei

  1. Tolle neue Blogreihe “Mein seltener Vorname und ich” …. find ich gut! Wird ja hoffentlich eine neue dauerhafte Rubrik, oder?

    Ich finde Amrei toll, speziell, aber toll! Den Laut “ei” empfinde ich als sehr wohlklingend und er ist nicht gerade häufig. Deswegen mag ich auch Marei und Eileen sehr. Als Geschwisternamen Marie zu wählen ist aber auch so eine Sache – ob den Eltern bewusst war dass Marie ein Anagramm von Amrei ist?

  2. Amrei ist ein wirklich wunderschöner Name! Ich hätte ihn auch eher nordisch verortet.
    Diese Blogreihe finde ich auch sehr toll, weiter so! Ich habe einfach ein Faible für seltene Namen.
    Viele liebe Grüße, Dörthe

  3. Wenn denn süddeutsche Kurz- und Koseformen von Standardnamen en vogue kommen oder schon sind: Wie wär’s mit „gKall“ (von Katharina – nach Carl Amerys „An den Feuern der Leyermark“) als eingetragenem, offiziellen Vornamen?

    • Das fällt mir kurioserweise erst jetzt auf: „Amery“ ist, soweit ich weiß, keine weitere Variante von Amrei/Annemarie…

      Hö, aber Amrei könnte auch eine Verwürfelung von “Maier” sein…

    • Habe Carl Amery gekannt

      Echt?! 🙂 Dann freu Dich, einen klugen Kopf kennengelernt zu haben. (Der übrigens uns Halb-Nordlichtern viel über Bayern beigebracht hat. Mehr als Karl Fallentin. 😉 )

      „An den Feuern der Leyermark“ war in einem Studentenzirkel von mir so eine Art Geheimtip! Das Buch stand in so hoher Schätzung wie Heimito von Doderers „Merowinger“…

  4. Ich bin mit einer Amrei im Bekanntenkreis aufgewachsen, daher war es für mich immer ein ganz normaler, wenn auch seltener Name. Kinder stellen ja Namen zunächst überhaupt nicht in Frage. Ich mag den Namen sehr, sehr gerne. Ungewöhnlich aber wohlklingend!

  5. Amrei und Marie? Naja 😀
    Zu dem Artikel kann ich nur sagen, dass mir der Name Amrei eigentlich sehr geläufig ist und ich ihn nicht direkt in die Kategorie “selten” einordnen würde, allerdings kann man das ja sowieso nicht genau definieren und der Artikel ist natürlich wie immer sehr gut gelungen 🙂

  6. Amrei kommt mir schon sehr süddeutsch vor, wohl auch, weil mich diese Namensform an das süddeutsche Kathrein erinnert. Irgendwie wird im Süden doch ein langes I manchmal zum “ei.”

    Kathrein finde ich übrigens auch sehr schön–Amrei auch.

    • Almut ist ein schöner Name und ich finde den nicht so selten. Im Bildungsbürgertum ist der sehr verbreitet, ich bin wirklich vielen, vielen Almut(h)s begegnet. Die Geschwister hatten meist auch sehr interessante und schöne Namen (Friedemann, Reinhild, Amadeus, Hans-Christian, Magdalena, Marie-Luise,Benno, Cordula, Deborah, Erdmann ….). Oft heißen Pastorentöchter so und/oder Mädchen aus Großfamilien.
      Und Erdmuthe …. selten, kenne aber auch zwei. Genauso wie einige Mechthilds. Interessanterweise sind die Almuths, Mechthilds und Erdmuthes in jedem Alter anzutreffen, die Namen scheinen zeitlos zu sein in gewissen Kreisen.

      Wenke

    • Na, die „Kreise“, in denen Namen wie Mechthild, Almut, Reinhild, „Friedemann“, „Erdmann“, Folkert oder „Erdmute“ üblich sind oder sein sollen, möchte man dann doch eher nicht bei Tageslicht sehen…

      Und natürlich ist das kein „Bildungsbürgertum“ – in den Restbeständen des Bildungsbürgertums, falls es das überhaupt noch gibt, heißt garantiert niemand nun ausgerechnet so.

      Mein Lehrer (und das ist zwanzig Jahre her) hat immer gerne die „Pastorentöchter“ verulkt – und das war damals schon ein Retro-Witz, den nicht mehr jeder verstanden hat.

    • Mir sind die Namen auch NIE begegnet, bis ich eben weitverzweigte “kirchliche” und/oder “gebildete” Familien kennenlernte. Und dort häuften sich “diese Namen” wirklich extrem. Und auch nur dort, das ist wirklich eine eigene kleine Welt für sich. Und obwohl in Norddeutschland heimisch, hatten die besagten Almuths, usw. (durchaus ja auch Dorothea oder Johannes) meinen Namen Wenke noch NIE gehört. DAS fand ich ICh dann widerum sehr komisch, ist der Name Wenke dort eigentlich recht üblich. Aber der berühmte Tellerrand … 😉

      Wenke

    • Also, das mit dem Tellerrand (Talleyrand?) stimmt ohne jeden Zweifel. 🙂

      Ich meine auch zu erahnen, um welches Milieu es geht – eben um welche „kleine Welt für sich“. Es gibt dieser kleinen Welten mehrere in unserem lieben Land, aber Deine Namensliste war doch zu deutlich: irgendwie politisch heute heimatlose christliche Rechte, (frei)kirchlich-protestantisch grundiert, finanziell-sozial eher gutgestellt, fleißig, arbeitsam, eher mehr Kinder als der Durchschnitt. (Dieses Milieu gab es sogar in der DDR, und es ist heute in Sachsen sogar politisch relevant.)

      Freilich bliebe ich dabei, daß das kein „Bildungsbürgertum“ ist, jedenfalls nicht in der Wortes üblicher Bedeutung. Obwohl deren Gören natürlich besser lesen und schreiben können als meine Mit-Unterschichtler aus Norddeutschland und erst recht als ihre Migri-Klassenkameraden. Und obwohl ihre Kinder dann alle brave und fleißige Studenten werden. Ein „Homeschooler“ ist kein Bildungsbürger – „Ein Baptist kann kein Gentleman sein“.

      Wenke kennt jeder meiner Generation wegen der skandinavischen Schlagersängerin dieses Namens…

      Den Vornamen „Erdmann“ kaufe ich Dir aber weiterhin nicht ab – das gibt’s doch nichtmal bei denen! 😀

      Grüßchen

      Jan

    • Haha, treffend beschrieben …. 😉 Allerdings finanziell oft nicht so gut gestellt bzw. “normal”, eher landeskirchlich (aber klar freikirchlich beeinflusst) und ja, rechts-konservativ.
      Und doch – einen Erdmann lernte ich kennen. Aber es geht noch besser: ich traf auf einen Leberecht, einen Lebefromm (!) und auf einen Traugott. Immerhin nicht Fürchtegott, DAS wäre wirklich gemein.
      Ach und es gab noch Christfried und Christhard. Ach, ich könnte ewig diese Namen niederschreiben ….

      Wenke

    • In der Zwischenzeit hatte ich denn doch mal nachgegoogelt. Du hattest recht, ich hatte unrecht – es gibt den Namen Erdmann tatsächlich. 🙂 Immerhin war das der dritte Vorname Adolph von Menzels… War mir neu. Ob man seinem Blag mit dem Vornamen einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. 😉 (Also auch wegen dieser possierlichen Viecher, die man mittlerweile schon als Plastikfiguren in den Balkonkästen von einfachen Leuten sieht.)

      Leberecht kenne ich wirklich nur als Zweitnamen vom ollen Blücher, Fürchtegott als den von Gellert.

      Auch mein Hochzischen wegen des Begriffs „Bildungsbürgertum“ war wohl nicht ganz angemessen, insofern das als historisch-soziologische Kategorie ein ziemlich schwammiger Begriff ist. Schon das Wort „Bildung“ ist eine deutsche Spezialität und „notorisch unübersetzbar“ (Osterhammel: Verwandlung der Welt, S. xy). Dennoch läßt er m.E. eher an großbürgerlichere, grandseigneuralere und vor allem religionsferne Milieus denken.

      Jan

  7. Interessant, was Ihr so über mich zu wissen meint… Unglaublich aufgeblasenes Geschreibe.

    Aber schön, dass Herr Wilhelms so klug ist.

    • Kurzum: Es tut mir leid. Ich hätte in die erzürnte Antwort nicht den offensichtlichen Klar-Vornamen einer Kommentatorin einfließen lassen sollen und bitte um Entschuldigung.

  8. Ich bin immer noch sehr dankbar, dass mich eine liebe Bloggerin überzeugt hat, genau diesen Namen auszuwählen, ich könnte mir keinen anderen Namen mehr für sie vorstellen, oder um es mit den Worten meiner Nachbarin zu sagen: Der Name war ein Volltreffer, er passt 100%ig.
    Danke, Annemarie, ich denke immer wieder gern an die Zeit zurück 😉
    Wir haben in den letzten drei Jahren auch noch keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht, eher im Gegenteil.

  9. Amrei hätte ich nun so gar nicht als “selten” empfunden. Ich habe in Oberschwaben, Oberbayern und dem Chiemgau mehrere “Amrei”s und “Marei” kennengelernt.

  10. Ich muss mal ganz deutlich darauf hinweisen, dass „Amrei“ ein Anagramm von „Marie“ ist, möglicherweise auch eine Kurzform von Annemarie, aber primär eben das Anagramm. Unsere Tochter heißt daher Amrei Lisa nach meiner Mutter Elisabeth und meinen beiden Großmüttern, die beide Marie hießen.

  11. Auch ich habe AMREI als familiäre Koseform von Annemarie kennengelernt, im Süddeutschen natürlich. In Westfalen und weiter nördlich ist er mir noch nicht untergekommen.
    Einen ERDMANN habe ich auch kennengelernt, allerdings nur als Zweitnamen, und vom ersten weiss ich nur noch, dass ich ihn noch schlimmer fand. Also wahrscheinlich Philipp oder Christoph.
    Ich habe Erdmann immer für die Übersetzung von ADAM gehalten, entstanden im 17./18. Jahrhundert wie Leberecht, Fürchtegott und all dies Zeugs.

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