Ungewöhnlich ist normal – oder?

Namens-Freaks tun seltsame Dinge. Ich beispielweise lese Konfirmanden- und Abiturientenlisten, auch wenn ich sicher keinen der Genannten kenne, und studiere die kleine Zeitungsspalte, in der Bewohnern von Seniorenresidenzen zum Geburtstag gratuliert wird. Bei den Familienanzeigen ziehen auch jene mit schwarzem Rand meinen Blick auf sich. Besonders wenn reichlich Nachkommenschaft aufgelistet wird (schöne Schwesternkombination neulich: Helene und Merethe). Immerhin surfe ich in meinen Mußestunden nicht noch durch Geburtsgalerien von Krankenhäusern und schicke auch keine Handyfotos von Namens-Autoaufklebern an Chantalismus-Websites.

Auf einer Party traf ich kürzlich eine nette Frau, die mir auf meine (obligatorische) Frage hin die Namen ihrer Söhne nannte: Jumar und Alban. Ausländische Wurzeln hat die Familie (natürlich) nicht. Kohlrabi © silencefoto - Fotolia.comDer Klang der Namen gefiel einfach, und irgendwelche Probleme gab es mit der Benennung nie: „Heute fallen ungewöhnliche Namen doch gar nicht mehr groß auf.“ Hört sich gut an – aber stimmt das wirklich? Gewiss nicht in jedem Provinznest und nicht in allen Altersgruppen. Kinder akzeptieren Seltenes viel selbstverständlicher als etwa Großeltern oder gar enkellose Freunde der Großeltern. Die Kleinsten haben ja auch noch gar kein Gefühl für Häufigkeiten und dafür, was Namen ausmacht.

Ich erinnere mich allerdings schamerfüllt daran, dass ich im Grundschulalter einmal einen Knaben namens Corrado als “Kohlrabi” verulkt habe. Ha ha. Aber das war ja damals, als alle Jungs Thomas, Thorsten oder Michael hießen. Heute sind selbst Top-Ten-Namen um einiges seltener als ihre Pendants von einst. Globalisierung, das Streben nach Individualität sowie von Prominenten vorgelebte Kreativität sorgen für frisches Blut. Wer sich über alle „komischen“ Namen echauffieren wollte, hätte viel zu tun.

Auf die Konfirmandenlisten in zehn Jahren freue ich mich jetzt schon.

Und außerdem …

9 Gedanken zu “Ungewöhnlich ist normal – oder?

  1. Das ausgefallene Namen häufiger werden bzw. sind als vor etwa noch 20, 30 Jahren oder noch älteren Generationen, daran hat man sich mittlerweile ja fast schon gewöhnt, doch kommt es auch immer auf die Zusammenhänge an, finde ich.

    Ich wohne in einer mittelgroßen Stadt in der der Migrantenanteil relativ hoch ist; besonders wenn man sich die Grundschulen in bestimmten Stadtteilen ansieht, fällt das auf. Muslimische, arabische oder slawische Namen sind von daher schon nichts Ungewöhnliches mehr.

    Bei deutschen Kindern mit (besonders) ausgefallenen Namen -besonders wenn sie klanglich an das Amerikanische angelehnt sind- hört man dann aber doch schon eher hin. Und wundert sich gelegentlich.

    “Ausgefallen” kann es aber auch werden, wenn sich Eltern für einen Namen entscheiden, der absolut gegen den Trend geht. So ist mir ein Mädchen bekannt (etwa 9, 10 Jahre alt), dass Bettina heißt.
    Auch so kann man heutzutage seinem Kind Individualität verleihen ;o)

  2. Ja, das stimmt. Ich bin Jahrgang 1980 und hatte in der Grundschule einen Mitschüler namens „Hans Joachim”. Das fand ich damals schon merkwürdig.

  3. „Kinder akzeptieren Seltenes viel selbstverständlicher als etwa Großeltern oder gar enkellose Freunde der Großeltern. Die Kleinsten haben ja auch noch gar kein Gefühl für Häufigkeiten und dafür, was Namen ausmacht.“

    Das stimmt allerdings. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein Kind in meiner Kindergarten- oder Grundschulzeit wegen seines Namens gehänselt wurde. Ein Mädchen in meiner Grundschulklasse hieß mit Erstnamen Arzo. Eigentlich spricht man diesen afghanischen Namen A(r)isu aus, aber die Kinder sagten „Also“. Erst fand ich das ungewöhnlich, dass meine Freundin quasi wie das Wort „also“ heißt, aber schließlich hießen Jungen auch Markus, wo Mark (die gute alte deutsche Währung) und der Kuss drinsteckte. Ich fand das interessant, und schnell wurde der Name Arzo für mich so gewöhnlich wie Stephanie. Ich kann mich jedoch daran erinnern, dass dieser Name bei den Erwachsenen für Gesprächsstoff sorgte.

  4. Es ist schon wirklich krass, wie sich die Namensmode verändert. Vor ca. 40 Jahren gab es Sabines, Andreas, Monikas, Birgits, Angelikas etc. in rauen Mengen. Kein Kind heisst heute noch so…

    • doch unser Sohn heißt Andreas und ist 13 Jahre alt.Ich glaube er ist auch der einzige an seiner Schule.Ich finde den Namen schön und zeitlos.

  5. Ja, Kinder sind da total offen und da hätten viele Erwachsene eine Scheibe abzuschneiden! Unsere Kinder tragen seltene Namen (zwei davon solche, die normalerweise keiner kennt) und bisher haben sie noch nie etwas negatives darüber gehört (der älsteste ist knapp 9). Und dass sie ihren Namen laut und deutlich sagen und gelegentlich wiederholen müssen, haben sie auch gelernt.

    Ich bin gespannt auf die Gespräche, wenn sie Teenager sind!

  6. Alban ist zwar sehr ausgefallen, aber doch nicht völlig unbekannt: z.B. trug der österreichische Komponist Alban Berg (geb. gegen Ende des 19. Jahrhunderts, z.B. Opern Wozzek und Lulu)diesen Namen.
    Seine Schwester hieß übrigens Smaragda, auch nett, gell. Da brauchen wir uns gar nicht über heutzutage übliche ausgefallene Namen aufzuregen, auch früher gab’s schon so abgefahrenes Zeug! 😀

    • Also, von Alban würde ich in der Tat ausschließlich zu Alban Berg durchschalten – und wie wir damals im Musik-Unterricht mit dem gepiesackt worden sind. 😀 Für mich als völlig Unmusikalischem eine besondere Tortur.

      Die Assoziation zu dem nicht sehr gut beleumundeten Staat Albanien ist eigentlich naheliegend, will sich aber komischerweise nicht recht einstellen.

      Vielleicht noch zu den Albaner Bergen bei Rom…

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