Wenn ich mit 26 Mutter geworden wäre, hätte ich heute einen 15-jährigen Teenager im Haus. Und überhaupt ein sehr anderes Leben auf dem Buckel – schwer vorstellbar. Wie mein(e) Halbstarke(r) hieße, davon jedoch habe ich eine recht genaue Vorstellung, seit ich neulich auf ein altes Notizbuch gestoßen bin, in das ich Ende der 90er alles Mögliche eingetragen habe, auch Lieblingsnamen.
Einerseits gefällt mir der Name Minerva. Schöne Bedeutung („Die Kluge“), klare Schreibweise, drei Vokale. Ich mag seltene Dreisilber und außerdem Minerva McGonagall bei „Harry Potter“. Andererseits denke ich bei Minerva aber automatisch „Meine Nerven!“. Ich finde auch Lavinia schön, habe aber mal vom irgendwem gelesen, der damit „Lawine“ verband. So eine Fremd-Assoziation klebt wie alter Kaugummi. Ich zumindest kriege sie nicht aus dem Kopf. Und der romantische Doktor-Schiwago-Name Tonya, für mich viel spannender als Lara? Klingt leider ein wenig nach Tonne.
Assoziationen können einem die schönsten Namen vermiesen. Die Frage ist nur: Wollen wir das zulassen? Irgendwelche Anklänge an Worte oder Personen bringen viele Namen mit sich. Wobei zu unterscheiden wäre zwischen negativen, positiven und neutralen Assoziationen sowie jenen, die nur wenige Eingeweihte oder Um-die-Ecke-Denker haben, und anderen, die sich jeder Nicole Müller/jedem Stefan Meier unweigerlich aufdrängen. Zu Rhea fällt sicher vielen die Reha ein. Doch nur wenige wissen, dass Amelie nicht nur ein Name, sondern auch eine Krankheit – das angeborene Fehlen von Gliedmaßen – ist.
Emmas sind 94 oder 4, aber wohl kaum 44. Jordan-Joelles sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ziemlich minderjährig, ebenso wie Milas und Finns. Was tun, wenn man nicht möchte, dass dem gewählten Namen automatisch ein bestimmtes Alter zugeordnet wird? Wenn man sich den Emilisten (lieben alte Namen) nicht zugehörig fühlt – und den Kevinisten oder Chantalisten (mögen’s neu und nicht deutsch) schon mal gar nicht? Ich sehe da drei Möglichkeiten:
In der letzten Woche schrieb ich an dieser Stelle über den Namen Thusnelda und kam dadurch auf eine neue Fragestellung, die da lautet: Wann gilt ein einer früheren Epoche zugeordneter Name als altbacken – und wann als Avantgarde? Eine Spurensuche im Reich der Retro-Fans …
Als ich zur Schule ging, in den 80ern, wurden Mitschüler namens Hans, Helga oder Herbert eher bedauert. Dagegen würden Kinder mit diesen Namen heute, ein Vierteljahrhundert später, zumindest in den angesagten Eltern-Vierteln deutscher Großstädte nicht sonderlich auffallen. Schließlich sind alte Namen dort – gerade unter später gebärenden Akademikern – längst wieder an der Tagesordnung, und es kann ja nicht jeder Friedrich oder Theodor heißen. Doch waren Eltern, die ihren Sohn in den 70ern Hans nannten, deshalb Trendsetter? Doch wohl eher: ihrer Zeit hinterher.
Alexander Albrecht und Julia Otto: es gibt einige Menschen, die so heißen. Vermutlich erleben es diese Personen nur selten, dass ihr Vorname und ihr Familienname durcheinander gebracht werden. Denn Albrecht und Otto sind zwar weit verbreitete Vornamen, gehören aber gleichzeitig zu Deutschlands häufigsten Familiennamen. Alexander und Julia andererseits sind als Familienname nur selten anzutreffen, als Vorname dagegen sehr populär. Bei Alexander Albrecht und Julia Otto weiß man also normalerweise, was Vor- und was Familienname ist.
Schwerer haben es da Severin Jonas, Jordan Philipp und Levke Moritz. Die Namen Jonas, Philipp und Moritz sind als Vorname gerade sehr in Mode, als Familienname aber nicht so häufig anzutreffen. Auch wenn die Vornamen Severin, Jordan und Levke alle in der aktuellen Top 500-Liste der beliebtesten Vornamen vertreten sind, sind sie doch nicht jedem als Vorname geläufig. Die Folge: In mancher Adressdatenbank landet Severin Jonas als „Herr Severin“ mit dem Vornamen Jonas. Und Levke Moritz ärgert sich ganz besonders über die Anrede „Lieber Moritz“. Und findet sich womöglich als einzige Frau im männlichen Volleyballteam wieder.
Was lernen wir daraus? Eltern mit einem beliebten Vornamen als Familiennamen sollten davon Abstand nehmen, ihrem Kind einen ungewöhnlichen Vornamen zu geben! Diese Regel ist natürlich kein Naturgesetz und es kommt immer auf den Einzelfall an. Die betroffenen Eltern sollten aber zumindest mal darüber nachdenken.