„Die Gewinnerin hat auch verloren“ – Bielefeld-Interview 2017

Es war eine freudige Überraschung für Namensfans: In diesem Jahr veröffentlichte Knud Bielefeld seine Top 500 der beliebtesten Vornamen Deutschlands zwei Tage früher als erwartet. „Das passte den Journalisten besser“, begründet der Namensforscher ganz pragmatisch. Im Wettlauf um die früheste Präsentation sei er dennoch hoffnungslos abgehängt worden. „Seit dem Frühjahr tauchten fast im Monatstakt irgendwelche Namenhitlisten auf.“ Der 50-jährige Wirtschaftsinformatiker aus Ahrensburg sieht das gelassen. Zu Recht: So wie er 27 Prozent aller 2017 in Deutschland geborenen Babys erfassen, repräsentativ über die Republik verteilt – das muss ihm erst mal jemand nachmachen.

Knud Bielefeld bei der Arbeit an der Vornamenhitliste

Knud Bielefeld bei der Arbeit an der Vornamenhitliste (Foto: NDR Fernsehen)

Annemarie Lüning: Wenn ständig neue Hitlisten in den Medien sind, wird es für die Öffentlichkeit so langsam wirklich richtig verwirrend. Wie erklärst du dir, dass es neben den „üblichen Verdächtigen“ jetzt noch weitere Listen gibt, und was ist deine Konsequenz daraus?

Knud Bielefeld: Vor allem zeigt mir das, wie groß das Interesse an Babynamen ist. Die Medien greifen die Listen ja nur auf, weil das Thema so gut ankommt. Meine Auswertung beeinflusst das nicht, durch die minimal frühere Veröffentlichung habe ich nicht weniger Geburten erfasst. Der Wettbewerb um die erste Hitliste hat mich aber dazu angeregt, eine Prognose für 2027 abzugeben.

AL: Du siehst Leni und Oskar in zehn Jahren an der Spitze der Charts. Wie kommst du darauf?

KB: Ich habe auf der Grundlage meiner Daten der letzten Jahre Trends berechnet. Natürlich kann eine solche Vorhersage nicht berücksichtigen, welche Namen durch die Popkultur nach oben schießen könnten oder welche durch prominente Namensträger plötzlich in Verruf geraten. Das müssen wir abwarten.

AL: Große Überraschungen bescheren uns deine 2027er Top Ten nicht – die diesjährigen aber auch nicht.

KB: Ja, auf den ersten zehn Plätzen finden sich dieselben Namen wie 2016, nur die Reihenfolge ist etwas verändert. Das ist aber ziemlich normal. Man müsste bestimmt dreißig Jahre zurückgehen, um in den Top Ten ganz andere Namen vorzufinden.

AL: Es gibt ja die Theorie, nach der die Retro-Wellen immer schneller aufeinander folgen …?

KB: Das mag in der Mode gelten, bei Namen sehe ich so eine Beschleunigung nicht. Beim Wiederentdecken von Althergebrachtem ist es wichtig, dass es kaum noch lebende Träger dieser Namen gibt. Beim Revival von Emma, Paul und Co. war das so. Für eine neue Generation von Gabys und Manfreds ist die Zeit noch nicht reif, schließlich werden wir ja auch immer älter.

AL: Noch mal zurück zu den quasi im Monatstakt aufploppenden neuen Namensauswertungen in den Medien: Was steckt dahinter?

KB: Es gibt jetzt zum Beispiel Auswertungen, die auf der Statistik von Suchmaschinen basieren. Das ist eine nette Spielerei, aber nicht sehr aussagekräftig. Erfasst werden nämlich nicht alle Namen, nach denen die Leute gesucht haben, sondern nur die, zu denen etwas gefunden wurde. Technische Faktoren verfälschen das Bild, weil einige Namensseiten bei Suchmaschinen besser ankommen als andere.

AL: Du hast vorhin das Stichwort Popkultur erwähnt: Kannst du konkrete Beispiele nennen, die die Namenslandschaft beeinflussen? Spielen zum Beispiel bei den Zwei- und Drittplatzierten bei den Mädchen „Hannah Montana“ und „Mia and me“ noch eine Rolle?

KB: Schon lange nicht mehr, Hannah und Mia sind seit Jahren sehr populär. Anfangs mögen die Serien sie in ein neues Licht gesetzt haben, aber je häufiger ein Name wird, desto mehr löst er sich von Vorbildern. Die Eltern schnappen den Namen dann im Supermarkt oder auf dem Spielplatz auf und kennen die Quelle des Trends vielleicht gar nicht.

AL: Was inspiriert Eltern derzeit ganz besonders?

KB: „Game of Thrones“. Da es in dieser Serie viele Figuren mit neuartigen Namen gibt, kann man die ihrem Ursprung gut zuordnen. In diesem Jahr ist mir hier der Jungenname Tommen aufgefallen, der sicher auch wegen seiner Nähe zu Tom beliebt ist. Der bei uns erfolgreichste Game-of-Thrones-Name ist aber Arya. Außerdem hat der Disney-Weihnachtsfilm von 2016, Vaiana, bei Eltern viel Anklang gefunden.

AL: Was war in diesem Jahr eigentlich mit Mia los – sie stand doch seit Jahren auf Platz eins?

KB: Vielleicht haben die Leute sich sattgehört? Interessant finde ich, dass auch Emma, obwohl sie nun Deutschlands beliebtester Mädchenname ist, seltener vergeben wurde als noch 2016 – die Gewinnerin hat also auch verloren. Von den Mädchen-Top-Ten sind nur Hanna mit und ohne angehängtes -h, Emilia und Lina wirklich im Aufwind. Mal sehen, was sich da im nächsten Jahr tut.

AL: Und bei den Jungen …?

KB: Ben steht unangefochten an der Spitze. Übrigens sind Eltern bei Töchtern tendenziell mutiger und wählen eher ungewöhnliche Namen als bei Söhnen.

AL: Selbst die häufigsten Namen kommen heute ja vergleichsweise selten vor, die Namensvielfalt ist riesig. Könntest du dir vorstellen, dass sich das noch einmal ändert?

KB: Denkbar wäre es. Eltern von heute haben oft die Erfahrung gemacht, nur einer oder eine von vielen mit demselben Namen zu sein, und wollen ihren Kindern dieses Schicksal ersparen. Unsere Kinder werden das vielleicht wieder lockerer sehen und weniger Scheu vor Modenamen haben.

AL: Das wäre doch eine Idee für die nächste Auswertung – die Trendnamen in 20 oder 30 Jahren. Ich wüsste gern, wie meine Enkel heißen werden …

KB: Meine heißen jedenfalls Waldemar oder Christian. In unserer Familie wurden schon öfter die Namen dänischer Könige vergeben. Das war natürlich bloß Zufall. Mein Sohn weiß noch nichts von seinem Glück. (lacht)

Thema: Interview

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

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