Hansa-Park und wilde Hühner

Eine Sache, die mir am Hobby Vornamen so gut gefällt, ist, dass man quasi überall auf Überraschungen und Anlässe zum Nachdenken trifft. Neulich zum Beispiel, im Hansa-Park. Plötzlich stand ich vor einer Reihe nostalgischer Mini-Schiffsschaukeln, und jede trug – in verschnörkelten Lettern – einen alten Frauennamen: Flora, Gerda, Hanne, Anna, Dora, Emmy, Berta. Gerda und Berta wären heute für Kinder noch eher innovativ, würden aber ins Bild passen. Der Rest sowieso. Nur der Name ganz links sticht hervor wie eine Lakritzschnecke in einer Tüte Gummibärchen: Cindy.

Hansa Park Schiffsschaukeln

Cindy – da assoziiere ich 70er Jahre (Cindy & Bert) sowie die ostdeutsche Namensriege Mandy, Sandy und Candy (gibt’s wirklich). Außerdem den süßlichen Aschenputtel-Neuaufguss „Cinderella ’80“ mit Bonnie Bianco, den ich als Teenager unverzeihlicherweise toll fand. Ach und – fast vergessen – Cindy aus Marzahn. Was hat Cindy hier bloß zu suchen?! Immerhin komme ich darauf, dass die Namen das Alphabet von A bis H abbilden, nur ungeordnet. Doch warum heißt Schaukel Cindy dann nicht eher Clara? Persönliche Präferenz des Schildermalers?

Zweite Überraschung: Mit meiner Tochter entdecke ich gerade die „Wilde Hühner“-Bücher von Cornelia Funke. Darin geht es um die Eskapaden einer Bande von Mädchen, die zu Beginn etwa acht Jahre alt sind: Charlotte – genannt Sprotte –, Frieda, Trude (eigentlich Trudhild), Melanie und das später noch aufgenommene Bandenmitglied Wilma.

Auch hier kann ich nur staunen: Band eins erschien zuerst 1993, demnach sollten die Mädchen 1985 geboren sein, als Namen wie Charlotte und Frieda (heute wieder fest in den Top-Forty verankert) alles andere als angesagt waren, von Trude und Wilma ganz zu schweigen. Nur Melanie – 1985 auf Platz 16, mittlerweile abgestiegen auf Platz 208 – passt in die Zeit. Schlechte Recherche einer Bestsellerautorin? Oder wurden bewusst Namen gewählt, die im Umfeld der Leserinnen nicht besetzt waren (höchstens von alten Tanten)? Lustig jedenfalls, dass das Alte-Namen-Revival hier so selbstverständlich vorweggenommen wird. Ohne Frau Funke für den Charlotte-Boom verantwortlich machen zu wollen: den Geschmack ihrer mittlerweile erwachsenen Fans hat sie sicher mit beeinflusst. Tatsächlich habe ich sogar schon mal eine kleine Wilma getroffen. Zum Namen Trude sind mir mehrfach Diskussionen in Onlineforen aufgefallen – meist ging es um die verniedlichte Trudi. Schauen wir mal!

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

4 Kommentare zu "Hansa-Park und wilde Hühner"

  1. Schtroumpfette sagt:

    Hehe, ich find’s voll klasse, dass die Mini-Schiffsschaukeln Namen tragen. Ich hätte wohl davor gestanden und mir die gleichen Gedanken gemacht.

    Mmh, eine Schiffsschaukel muss ja aus der Reihe tanzen bzw. „schaukeln“, sonst wär’s ja langweilig, und man könnte sich keine bzw. nicht so viele Gedanken machen. Ich find’s putzig, dass eine Schiffsschaukel Cindy heißt – wirkt wie ein kleiner Frechdachs.

    Ich wäre als Kind wohl am liebsten bei Hanne eingestiegen, aber nicht des Namens wegen, sondern weil sie blau ist. Heute würde ich (wenn ich eine Schiffsschaukel wählen müsste) wohl bei Emmy (zu dem schönen Namen habe ich durch eine Großtante die stärkste Bindung) einsteigen – oder doch bei der „frechen“ Cindy oder bei Dora oder doch Flora. Wer weiß….

    Das nächste Mal, wenn ich irgendwo auf der Kirmes o.ä. bin, werde ich auch mal drauf achten, ob die Mini-Schiffsschaukeln Namen tragen. 😉

  2. elbowin sagt:

    Bei den Namen in den wilden Hühnern staune ich auch … aber Cornelia Funke ist eine sehr gewiefte Namensgeberin, das ist mir schon in anderen Büchern von ihr aufgefallen.

    Zu Trude fällt mir nur Trude Unruh (Politikerin der Alten-Partei „Die Grauen“) ein …

  3. constanze sagt:

    Zu Trude fällt mir spontan „Trudy Campbell“ aus der Serie Mad Men ein.

  4. Xenia sagt:

    In deutschen Fernsehserien heißen mittelalte weibliche Figuren gemessen am ungefähren Geburtsjahr der Figur erstaunlich oft Anna, Charlotte oder Emily. Namen, die in dem Jahrgang eher selten und altmodisch waren, aber heute modern sind. Namen, die damals tatsächlich ungeheuer beliebt waren, sind seltener bzw. tauchen dann eher bei Nebenfiguren auf. Sabrina, Nadine, Stefanie, Katrin, womöglich gar noch Petra, Michaela oder Andrea sind da eher selten…

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