
„Da ist mal wieder eine Hildegard vor der Rolltreppe stehen geblieben.“
„So ein Manfred hat mir in den Ausschnitt geguckt.“
Solche Sätze begegnen einem in letzter Zeit immer häufiger. Es scheint fast schon zum guten Ton zu gehören, Menschen mithilfe von Vornamen in bestimmte Schubladen zu stecken. Namen werden zu Platzhaltern für vermeintlich typische Verhaltensweisen – schnell, pointiert und oft ziemlich pauschal.
Erstaunlich ungenau
Ich gebe zu: Mich stört das. Nicht nur, weil es die betroffenen Namensträger:innen unnötig stigmatisiert, sondern auch, weil es oft erstaunlich ungenau ist. Die „Hildegard“, über die man sich da lustig macht, ist in vielen Fällen deutlich jünger als das Bild, das mitschwingt. Der Name wird also weniger als reale Bezeichnung verwendet, sondern vielmehr als Klischee – und das geht häufig an der Wirklichkeit vorbei.
Sprichwörtliche Karen
Seinen Ursprung hat dieser Trend vermutlich in den USA. Dort steht „Karen“ inzwischen sprichwörtlich für ein ganz bestimmtes Verhalten. Anders als bei uns ist der Name dort allerdings tatsächlich eng mit einer bestimmten Generation verbunden und entsprechend verbreitet. In Deutschland funktioniert diese Übertragung nur bedingt: „Karen“ ist hier vergleichsweise selten und wirkt deshalb eher wie ein importiertes Meme als eine treffende Beschreibung.
Wenn man unbedingt deutsche Entsprechungen finden möchte, wären Namen wie Sabine oder Petra zumindest näher an der Generation, die oft gemeint ist. Aber auch das bleibt letztlich eine Vereinfachung – und keine besonders faire.
Ein schneller Lacher
Die eigentliche Frage ist doch: Was gewinnen wir dadurch, Menschen auf Basis eines Vornamens einzuordnen? Ein schneller Lacher vielleicht. Aber eben auch die Fortführung von Klischees, die mit der Realität wenig zu tun haben.
Wie seht ihr das? Nutzt ihr selbst solche Namensklischees – bewusst oder unbewusst? Und welche Beispiele fallen euch ein?
- Berechtigt? Die größten Vornamens-Vorurteile
- Namenslisten: Typische Vornamen der Babyboomer
Ein Beispiel was mir dazu einfällt ist das Lied Thorsten von der Band Blond. Dabei stellt Thorsten einen Mann da, der davon ausgeht, dass nur Männer gut mit Handwerk umgehen können etc. Ansonsten noch Stefan für den männlichen Standarttyp aus der Boomer Generation oder etwas jünger. Ich nutze das selber nicht, sehe es größtenteils aber auch nicht all zu kritisch. Dieses Phänomen von, dass Personen nur durch einen Stigmatischen Namen beschrieben werden, wird ja eher in der jüngeren Generation genutzt, aber über deutlich ältere. Diese kriegen das dann ja gar nicht zwingend mit. Außerdem handelt es sich ja oft um sehr häufige Namen, weshalb es dann so viele Betroffene gibt, dass man das nicht irgendwie persönlich nimmt oder so.
Dass die stigmatisierte ältere Generation das nicht mitkriegt wage ich zu bezweifeln. Ich bin ja selber deutlich über 50 Jahre alt und habe das mitgekriegt.
In Deutschland finde ich das Phänomen noch nicht so schlimm andernorts. In den USA ist der Name Karen ja mittlerweile völlig „verbrannt“ und das finde ich schon schade. Ist ja auch für Frauen und Mädchen, die vor dem Meme so genannt wurden nicht schön, das Gefühl zu haben sich für ihren Namen schämen oder rechtfertigen zu müssen.
Was ich allerdings in Deutschland durchaus beobachtet habe, ist ein gewisses Schubladendenken was soziale Milieus betrifft. Ich hatte mal eine Bewerbung auf dem Schreibtisch, wo der erste Name in einem Bindestrichnamen nur mit einer Initiale angegeben war. Das hatte mich schon verwundert. Später habe ich herausgefunden, dass der so abgekürzte Name ein ausländischer Name war, der hierzulande sehr als Assiname verschrieen ist. Ich finde wir sollten schon genug Toleranz zeigen, dass Menschen nicht das Gefühl haben müssen ihren Vornamen in einer Bewerbung verstecken zu müssen. Das ist doch ein richtig wichtiger Teil der eigenen Identität.
Abgesehen von Karen ist mir das noch überhaupt nicht begegnet, glaube ich und bei Hildegard denke ich an Hildegard von Bingen und an die Szene aus Die Eiskönigin 2 „Hildegard? Haha! Ich kenne überhaupt keine Hildegard“, sagt Schneemann Olaf.
Wenn ich mich aufrege, sage ich manchmal: „Trulla“, gemeint ist dann eine Frau die extrem lahm unterwegs ist (oder denkt). Meine Mutter verwendet das immer, ist aber, denke ich etwas aus der Familie, ich kenne sonst niemanden, der das benutzt (Männer sind dann Idioten), aber ich entgegne das nicht direkt den Menschen, sondern, wenn ich das später erzähle oder während ich Auto fahre (meine Fluchzone, sonst vermeide ich das).
Dass Namen verwendet werden, ist ja aber an sich nichts Neues, einer meiner ersten Artikel drehte sich darum 🙂 https://blog.beliebte-vornamen.de/2021/09/sag-doch-auch-mal-was/
In den Kommentaren geht die Liste noch weiter.
Hier ist das Wort Trulla auch bekannt. Es wird ungefähr äquivalent zum Begriff „Typ“ für einen Mann verwendet. Oft gemeinsam mit Adjektiven wie blöd oder komisch.
Also Trulla für Frauen und Typ für Männer.
Kommt die Tussi nicht auch ursprünglich von einem Namen (Tusnelda)?
Ich finde es nicht so schlimm, wenn Leute Namen als humorvoll-genervte Bezeichnung für einen Typ Mensch verwenden. Vermutlich ist das ein Trend, der sowieso in ein paar Jahren wieder verschwindet. Es ist ja gerade das Spielen mit „Allerweltsnamen“ der jeweiligen Generation und Region, das diesen Bezeichnungen eine (scheinbare) Allgemeingültigkeit verleiht. Ich finde „Sekt-Gertis“ (für in öffentlichen Verkehrsmitteln Sekt trinkende und laut lachende Damen über 50) harmloser als „anstrengende + [eventuelles Schimpfwort]“.
Übrigens würde ich z.B. nie jemanden als „…-Sören“ bezeichnen, weil in Österreich schlichtweg niemand so heißt… Universell gültig sind diese Bezeichnungen also sowieso nicht.
Ich würde auch nie jemanden als -Gerti bezeichnen, weil in Schleswig-Holstein niemand so heißt.
Mir fällt noch Else ein: „So eine Else hat sich aufgeregt …“ Wenn ich es recht bedenken, sind es nur einzelne Freund*innen oder Bekannte von mir, die sich darauf eingeschossen haben, die immer gleichen Namen öfter mal auf diese Weise zu nutzen. Andere tun das nie, ich selbst – denke ich – auch nicht (aber wer weiß schon, was einem rausrutscht, wenn man wirklich aufgeregt ist 😉 ).
Für mein Gefühl sind es eher altbackene Namen aus der Oma- oder Uropafraktion, die so genutzt werden. „So eine Anja/Claudia/Nicole …: [ja, Knud, ich weiß, viele Trägerinnen dieser Namen sind längst Oma ] hab ich noch nie gehört.
Fredo hätte ich noch zu bieten, gern auch mit „So ein …“ davor. Eine als Vorname doch eher ungewöhnliche Form von Manfred
Otto und Horst nicht zu vergessen.
mit der STeigerung „Voll-Horst“
ich finde den Trend nicht schön – man stelle sich vor, man heißt selbst so und wird ständig gebasht, das will man doch nicht
hey M.Th. Servus! 😀
dann zurück sagen: du Halb-Denise oder wie die Person heißt.
Horst ist das Nest von einem Adler, eigentlich lustig, dass man auf die Idee kam das als Namen bekannt zu machen. Wolfhöhle gibts nicht und Schlangennest auch nicht und Fuchsbau.
Servus mgl, wie gehts dir immer? und Maie? 🙂
Dieser Trend ist mir tatsächlich bei Instagram und Tiktok vermehrt aufgefallen. Entweder als „Boomer-Bashing“, dh es wird eine vermeintlich typische Aussage dieser Generation zitiert und dann folgt „ja genau Sabine/ Gabi/ Manfred/ Brigitte.. das hast du aber „toll“ erklärt/ zusammengefasst… nur weil du..“ etc. Oder „white- privelige- middleclass- bashing: „ja genau Charlotte/ Jonas/ Johanna.. nur weil du..“. Alt ist das herumhacken auf Kindern namens Kevin/ Mandy/ Cindy als synonym für bildungsfern- dabei heissen unterdessen eher die Eltern der gemeinten Kinder so.
Ich bin ja froh, dass ich doch nicht der einzige bin, dem das aufgefallen ist.
Jana ist auch schlimm.
Janatürlich, Janasicher, janaklar.
einen zweiten Vornamen gabe ich nicht.
Mir fällt das auch (negativ) auf, finde es auch sehr abwertend und stigmatisierend. Sabine, Manfred, Claudia usw. sind davon betroffen, auf der anderen Seite Lisa für eine verwöhnte privilegierte Studentin Anfang 20, jedoch hab ich das eher früher auf Jodel gelesen (vor ca. 10 Jahren).
Kein schöner Trend jedenfalls.
BWL-Justus fällt mir dazu auch noch ein. Da denke ich leider direkt dran, wenn ich den Namen höre oder lese.
Für neu halte ich dieses Phänomen weniger. Ausdrücke wie bspw. Max Mustermann, Otto Normalverbraucher/Normalbürger od. Lieschen Müller findet man bereits in manchen Wörterbüchern. Und gab es nicht schon vor hunderten von Jahren diese typischen Namen, mit denen man Knechte u. Mägde („Johann“, „Minna“, …) bezeichnet hat?
Das Neue daran scheint mir eher das Medium zu sein, über welches es sich verbreitet.
Einem Cliché einen Namen zu geben, finde ich deutlich weniger problematisch, als einem Namensträger (od. dessen Eltern) ein Cliché zuzuschreiben.
Vornamen sind in erster Linie Allgemeingut, u. man kann damit benennen, was man möchte – seine Kinder, Charaktere eines literarischen bzw. künstlerischen Werkes, sich als Künstler selbst, Tiere, Gegenstände aller Art inkl. Produktnamen, technische Entwicklungen, Toponyme, Substanzen, Körperteile, Wetterphänomene, … und eben auch Clichés od. Memes (was man durchaus als Unterkategorie von „Charaktere eines literarischen bzw. künstlerischen Werkes“ sehen könnte).
Dass noch andere(s) so heißt, wie man selbst, damit musste man als Namensträger schon immer leben.
Und diese Stereotypisierung in Memes u. ähnlichem wird ja nicht nur mit Namen getrieben, sondern auch Kleidung uvm.
Da kann man sich natürlich fragen, was darf Humor (u. was fällt überhaupt unter Humor) – eine allgemeingültige Antwort darauf werden wir wohl nie erhalten.
Als Bsp. kann ich noch die Alman-Familie ergänzen: Achim, Anette, Annika, Andi.
Die Autoren haben sich in einem Interview sogar mal zu diesem Namensthema geäußert.
Ja, das ist ein schönes Beispiel, weil Andi nicht in das Klischee passt. Andi ist kein typischer Name für die Sohn-von-Achim-und-Anette-Generation.
Vielleicht kam das in meinem Beitrag nicht so rüber: Ich wollte vor allem anprangern, dass so oft unpassende Namen genommen werden, die gar nicht wirklich typisch für die gemeinten Personen sind. Hildegard ist kein typischer Oma-Name – so heißen heute die Ururomas der Kinder.
Danke für den Beitrag, du sprichst mir aus der Seele! Dieses Schubladendenken missfällt mir sehr, wird aber leider ständig im Comedybereich im Schema F verwendet.
Brigitte, Sabine, Matthias, Jürgen usw.