
Mit einem Namen, der nicht nur selten ist, sondern auch relativ exotisch klingt, sorgt man immer mal wieder für Irritationen. Meine heutige Interviewpartnerin hat dafür ein schönes Beispiel: „Ich war mal bei einer beruflichen Veranstaltung, bei der eine Kollegin anhand der Namensliste eher eine Inderin oder so etwas erwartet hatte, vielleicht mit einem Deutschen verheiratet.“ Da stand nämlich ein ganz unauffälliger Nachname gepaart mit einem Zweimal-Hingucker-Vornamen: Ghislaina.
Eine deutsche Kartoffel
„Dabei sehe ich eher aus wie eine Johanna, Emilia oder Elisa. Ich bin eine einfache ‚deutsche Kartoffel‘, blond und groß. Wir haben sehr über den Irrtum gelacht“, erinnert sich Ghislaina. Nix Indien: Sie wurde 1999 in Köln geboren, ihre Eltern sind Deutsche. Ihren Vornamen spricht die Familie allerdings englisch aus, „Dschislejna“ in etwa. „Meine Eltern haben vor meiner Geburt eine Zeitlang auf Sardinien gelebt und ein Faible für außergewöhnliche Namen entwickelt.“ Auf die älteste Schwester, die ganz unaufgeregt Vanessa heißt, folgten Graziano, Marzellina und dann eben Ghislaina.
Wer kennt Gislinde?
Der Ursprung des Namens Ghislaina ist allerdings doch irgendwie deutsch: „Meine Mutter hatte den Namen Ghislaine aufgeschnappt und hat nur die Endung gewechselt.“ Dieser Name, der zuletzt durch eine in den Epstein-Skandal verwickelte Trägerin traurige Bekanntheit erlangte, ist die französische Form eines althochdeutschen Namens, den ich vorher auch noch nie gehört habe: Gislinde. Die Namensglieder bedeuten „Pfand“ und „Lindenholzschild“. Dass Ghislaina manchmal scherzhaft Gisela gerufen wird, passt da sogar ganz gut: Auch dieser Name bedeutet „Pfand“, „Geisel“ oder „Bürge“.
Eine Herausforderung
Nur in der Familie hört Ghislaina auch auf den Spitznamen „Ghisy“, den sie sonst zu kindlich findet. Daran, dass ihr Vorname andere Menschen vor gewisse Herausforderungen stellt, hat sie sich längst gewöhnt. Sie kennt zahllose falsch geschriebene Varianten: „Das h fällt weg oder das a am Ende. Auch zu Ghislena oder Ghislana werde ich öfter. Beim Feiern kann ich es gleich aufgeben, mich mit meinem richtigen Namen vorzustellen, den versteht dann sowieso keiner.“ Christina? Jessica? Das sind „Verhörer“, die ihr immer wieder begegnen. Bei Starbucks bestellt sie deshalb lieber gleich als Jessy oder Lilly.
Wiedererkennungswert
Lilly? Dieser Spitzname stammt aus ihrer Kindheit, als sie Fan von „Prinzessin Lillifee“ war, der kleinen Blumenfee mit rosa Kleid und Zauberstab. Und ist – natürlich – einfacher im Umgang als Ghislaina. Menschen, die „resistent sind“, wie sie sagt, gar nicht erst versuchen, sich ihren Namen zu merken, hat sie öfter getroffen, „sogar Lehrer“. In der Schule und auch in Arztpraxen kam es vor, dass sie nur mit dem Nachnamen aufgerufen wurde. Abgesehen davon – und von einer kurzen Episode in der weiterführenden Schule, als herauskam, dass der Klang eines englischen Slangbegriffs für Sperma an ihren Namen erinnert – ist Ghislaina aber zufrieden mit ihrem Namen. Es stört sie nicht, dass sie damit überall ein bisschen auffällt: „Mein Name hat eben einen hohen Wiedererkennungswert.“
… Namen wecken Erwartungen: Sheherazade