Frech wie Oskar

„Wir hätten gern was Freches“, so oder ähnlich lese ich es immer mal wieder, wenn im Netz nach dem einzig wahren Kindernamen geforscht wird. Finde ich sehr interessant. Ob man wohl feststellen könnte, wann der Wunsch nach frechen Namen – die schon damals so empfunden wurden – aufgekommen ist? In den antiautoritären 70ern vielleicht? Und ebbt der Wunsch womöglich je nach weltpolitischer Lage mal wieder ab? Jedenfalls: Heute behauptet er sich wacker zwischen „Wir suchen was Traditionelles“, „Wir suchen was Individuelles“ und „Hauptsache Englisch!“.

Mir scheint die Suche nach dem frechen Namen viel über die Eltern in spe und das Kind, das sie sich erträumen, auszusagen: Sie wollen keinen angepassten kleinen Alexander, keinen Cello spielenden Constantin, keine emsig über ihre Englischnoten wachende Elisabeth und auch keine romantisch-verträumte Rosalie. Stattdessen gewünscht: Kinder, die sich nicht die Butter vom Brot (oder den letzten Luftballon bei McDonalds) wegschnappen lassen, für die das ganze Jahr 1. April ist, die sich einen Sport daraus machen, Lehrern zu widersprechen, und die später mal mehr oder minder erfolgreiche Comedians werden. Okay, das Letzte war jetzt etwas übertrieben.

Frecher Junge © grafikplusfoto - Fotolia

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Doch was macht einen „frechen Namen“ frech? Auf jeden Fall ist er nicht vielsilbig: Fritzi ist für ein Mädchen um ein Vielfaches frecher als Friederike und Maximilian deutlich gesetzter als sein (Fast-)Namensvetter Max. Kurzformen passen ziemlich gut ins Schema (Pepe, Fiete, Tom, Nick, Jette, Pippa), Skandinavisches und Lindgren-Namen auch: Mats, Lasse, Michel, Ronja, Lotta, Madita. Oder: Luzie wie in „Luzie, der Schrecken der Straße“, Zora wie in „Die rote Zora“ und natürlich Moritz wie in „Max und Moritz“. In dem Fall sind es auch die prominenten Vorbilder aus Kinderbüchern und -filmen, die den Namen ihr besonderes Flair verleihen. Noch mehr freche Namen bietet ein spezielles Ranking auf onomastik.com. Auf der Gegenseite, bei den „lieben“ Namen, steht dort übrigens nur Weibliches. Einzige Ausnahme: der biedere Berndt.

Oskar gehört auf jeden Fall in die Riege der Frechlinge. Laut dem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ ist ungeklärt, woher die Wendung „Frech wie Oskar“ stammt. Ein Quell könnte die Umgangssprache Berlins sein und ein mögliches Vorbild der Kritiker Oskar Blumenthal (1852-1917), aber auch ein Leipziger Jahrmarktsverkäufer namens Oskar Seifert. Vielleicht aber auch einfach das jiddische Wort für frech: „ossik“. Fest steht: Seit Mitte der 90er Jahre findet der Name Oskar laufend mehr Freunde. Zuletzt erreichte er in den deutschlandweiten Charts Platz 24 und schaffte es in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen sogar in die Top-Fünf.

Thema: Namensgebung

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

16 Kommentare zu "Frech wie Oskar"

  1. Kathrin sagt:

    Sehr schön! Ein wunderbarer Artikel, richtig für mich, die die „frecheren “ Namen bevorzugt. Und aus eben diesen Gründen, wie genannt 😉
    Eine Ausnahme bildet für mich Constantin, der für mich nicht angepasst und brav klingt, sondern eben auch unangepasst und sich selbst treu. Ich habe aber auch ein solches Namensvorbild, das prägt dann doch mehr . Ich denke, die Mehrheit sieht das wahrscheinlich anders.

    Habe ich Eltern aus den antiautoritären 70ern? Ja, ich bin in diesem Jahrzehnt geboren. Hat das meine Namensvorliebe geprägt? Keine Ahnung. Vielleicht. Negativ angepasstes Verhalten und Menschen ohne Rückgrad sind mir unangenehm. Und die prominenten genannten Namensvorbilder stehen ja für das Gegenteil!

    Weitere freche Namen, die ich toll finde sind Frederik (der wäre 3-silbig) und Caspar. Gerade die Kombination aus traditionell und „aufgeweckt“ (klingt etwas besser als frech, finde ich) hat es mit besonders angetan.

  2. Jan Wilhelms sagt:

    Na, der Mustername für die Forderung „Unsere Tochter soll ein Alpha-Weibchen werden, und das ohne Psychopharmaka!“ wäre in meinen Ohren das schauderhafte „Nele“. Kann aber sein, daß das auch schon wieder veraltet ist. (Hoffentlich ist es das.)

    Ronja ist ein Hundename, bei „Fritzi“ denkt man an eine Wiener Nutte aus den 50ern.

    Bei Oskar kriege ich einfach nicht die Sesamstraßen-Figur aus den 70ern aus dem Kopf…

    Tom klingt m.E. nicht „frech“ – es ist (neben vielleicht John und Henry) einer der wenigen auch bei uns halbwegs akzeptablen englischen Vornamen. (Im Gegensatz zu Tim, der ein Unding ist.)

    • Mark sagt:

      Mich würde mal der Hintergrund Deiner Meinung zu Tim interessieren, falls Du den auszulegen bereit wärest. Warum ist der Name ein Unding?

    • Jan Wilhelms sagt:

      Weil angelsächsische Namen halt generell nicht angängig sind – und zwar aus der Perspektive recht verschiedener sozialer Milieus. Das ist wirklich mehr als mein Privatgeschmack.

      Während es aber (und das ist vielleicht meine Privatmeinung) einen gewissen Bestand von traditionsreichen hanseatischen, englischen Namen gibt, zum dem eben Tom gehört – und sei es wieder mal durch die „Buddenbrooks“.

      Also: Tom geht, Tim nicht. Komisch, wa?

      „Unding“ war vielleicht zu kraß, zugegeben. Aber um Pardon, ein erwachsener Mann heißt einfach nicht offiziell „Tim“, das ist albern. Das ist Maximal ein Spitzname. Und sogar Tom Buddenbrook war, wenn ich mich recht erinnere (es ist 15 Jahre her, daß ich das gelesen habe) ein Spitzname für Thomas. Warum müssen heute permanent Spitznamen zu offiziellen Formen gemacht werden? Das macht man nicht. Und von was soll „Tim“ stammen? Von Timothy? Den ham wa nich in Deutschland.

      Daß es hingegen bei Manieren-Fragen, solange es bei Ihnen um Abgrenzung geht (und das ist nicht ihr edelster Sinn), keine ewigen Wahrheiten gibt, braucht nicht betont zu werden.

      Genau genug, die Erläuterungen?

    • In Schleswig-Holstein ist der Familienname Timm gar nicht so selten. Vermutlich ist der Vorname (besonders in dieser Schreibweise) hier deshalb schon lange etabliert und seit Generationen bekannt.

      Warum müssen heute permanent Spitznamen zu offiziellen Formen gemacht werden? Das macht man nicht.

      Das macht man doch, das ist gerade mächtig angesagt!

    • Mark sagt:

      Jan,

      Danke, hat mich mal interessiert wie Du zwischen Tom und Tim unterscheidest.

      Allgemein bevorzuge ich auch Vollformen gegenüber Spitznamen, lehne Spitznamen jedoch nicht ganz so stark ab wie Du.

      Habe vor ein paar Monaten einen Timotheus getroffen. Das hat mich gefreut–gefällt mir viel besser als Tim. Das friesische Timm ist ja auch etwas anderes als Tim–Timm kommt doch eher von Namen wie Dietmar her, glaube ich, während Tim die angelsächsische Kurzform für Timothy ist. In den USA heißen übrigens praktisch alle Tims eigentlich Timothy, genau wie dort alle Bens eigentlich Benjamin heißen, und alle Toms Thomas. Hierzulande macht man dann aber die amerikanische Ruf-Form zur Vollform, was in den USA so meist nicht gemacht werden würde. Großbritannien ist wieder was anderes–da ist jetzt Charlie beliebter als Charles, und Alfie usw. werden auch als Vollformen eingetragen. Das gibt es in den USA eher wenig.

      Mein Bruder heißt Tim. Meine Mutter ist Amerikanerin, mein Vater Deutscher. Sie wollten einen Namen der in beiden Sprachen ging. Timothy ging nicht, Timotheus auch nicht, also nannten sie ihn einfach Tim.

      Unser ältester Sohn ist nach meinem Bruder (seinem Patenonkel) benannt. Allerdings, da meine Frau Rumänin ist, wählten wir die rumänische Vollform Timotei, und wir rufen ihn auch mit dieser Vollform.

      Nun, nochmals danke für die Antwort.

      Mark

    • Jan Wilhelms sagt:

      Mark und Knud,

      meinerseits Dank für die Denkanstöße.

      Das „Mischehen“-Problem hatte ich in diesem Zusammenhang natürlich überhaupt nicht bedacht, und das mit der englisch-deutsch-rumänischen Generationenfolge, in der auch noch der Patenonkel eine Rolle spielt, ist wirklich eine sehr amüsante Geschichte, die wohl auch überzeugend gelöst wurde.

      Ich bliebe dabei, daß da ein Unterschied ist zwischen dem, was gerade mal so gemacht wird, und dem, was man macht. Freilich ist mir aber auch klar, daß man vor allem nicht insistiert und daß man vor allen Dingen Sachen nicht zu verbissen sieht. Womit wir fast schon bei dem Grundproblem aller Manieren wären: äußerste Pingeligkeit und Aufmerksamkeit mit äußerster Unbeteiligtheit und Lässigkeit zu verbinden – und das wohlgemerkt, ohne einen „Kompromiß“ zwischen beidem zu finden, sondern eben beides gleichzeitig. Aber das führt hier vielleicht wirklich zu weit.

      Daß mittlerweile in England Charlie/Charly als Vollnamen durchgeht, war mir neu. Sehr interessant, danke für die Information. Das bestätigt mich in meiner Einschätzung, daß England seit spätestens 1980 oder 1990 aufgehört hat, stilbildend zu sein. (Vgl. Karl Heinz Bohrer im „Merkur“, Nr. 500)

      Denn was neu ist, wird alt,
      Und was gestern noch galt,
      Gilt schon heut oder morgen nicht mehr.

      Aber auch das gilt eben nicht immer…

      Horrido und haut rein, Grüße zur Mitternacht – und ein Hoch allen Timotheus-Derivaten und ihren Trägern!

      Jan

    • Kathrin sagt:

      So richtig kann ich der Tom-Tim-Argumentation nicht folgen. Ab wann ist denn ein Name traditionsreich genug, um als „vollwertig“ zu gelten? Sobald er in den Buddenbrooks auftaucht? Kann der angelsächsische Tim auf Rehabilitation in ca. 100 Jahren hoffen, idealerweise wenn der Name in einem Weltbestseller eines natürlich deutschstämmigen Literaturnobelpreisträgers auftaucht?

      Wenn man dieser Argumentation folgt, dürften sich die Namen in den vergangenen Jahrtausenden nicht fortentwickelt haben.

      Ich bin jedenfalls froh, dass Sitten, Bräuche und auch die Einschätzung was „man“ tut sich fortentwickeln, das gilt auch für Namen. So sehr ich Traditionen schätze. Auch Otto ist schließlich eine Kurzform.

    • Jan Wilhelms sagt:

      @kathrin

      Erstens ist Mann nicht nicht „deutschstämmig“, sondern Deutscher.

      Zweitens würde ich mich dann auf der Suche nach den verlorenen Vornamen eher unter den Nicht-Literaturnobelpreis-Trägern und ihren Werken umschauen, egal wie alt: Jorge Luis Borges, James Joyce, Ezra Pound, Heimito von Doderer, Tomasi di Lampedusa, Julien Green, Antoine de Saint-Exupéry, Berthold Brecht, E.M. Remarque, Max Frisch, Amos Oz… Und Stephen King! :mrgreen: Alle ohne Nobelpreis – aber dennoch findest Du da viele hübsche Vornamen, von denen viele, wenn nicht die meisten, keine Spitznamen sind. 😉

      Drittens ist mir gerade (wirklich) nicht klar, von was Otto die Kurzform sein soll? Kathrin und Jan, das mögen regionsgebundene Kurzformen (was aber etwas anderes ist als ein Spitzname) sein, aber bestimmt nicht Otto. Wer einmal eine mit „Otto“ signierte Urkunde der Sachsen-Kaiser in der Hand gehabt hat, der weiß das.

    • Jan Wilhelms sagt:

      Sorry, Nachträge in Blog-Kommentaren sind noch blöder als es Blog-Kommentare ohnehin schon sind, aber das muß ich jetzt einfach nachschieben: Auch J.R.R. Tolkien hat nicht den Literaturnobelpreis bekommen. Dennoch ist dringend davon abzuraten, sich von seinem Opus zur Namens-Vergabe inspirieren zu lassen. Gleiches gilt für die Autorin dieser populären „Henry-Potter“-Romane, deren Name mir gerade entfallen ist.

      🙂

    • Kathrin sagt:

      Erstens hat niemand behauptet, dass Mann „deutschstämmig“ ist.

      Zweitens lässt sich trefflich darüber streiten, wann etwas ein Spitzname und wann eine Kurzform ist. Es wäre wohl eine fruchtlose Debatte.

      Drittens habe ich – auch hier – gelesen, dass es sich bei Otto um eine Kurzform handelt. Ich gebe zu, dass ich dies einfach glaubwürdig fand.

      Aber was genau in dieser Urkunde stand, würde mich doch interessieren. Inwiefern lässt das Rückschlüsse auf die Frage zu, ob es sich bei Otto um eine Kurzform oder nicht handelt? Stand wohl kaum in Klammern daneben.

    • Jan Wilhelms sagt:

      Aber was genau in dieser Urkunde stand, würde mich doch interessieren. Inwiefern lässt das Rückschlüsse auf die Frage zu, ob es sich bei Otto um eine Kurzform oder nicht handelt? Stand wohl kaum in Klammern daneben.

      Relevant ist nicht, was drinsteht (es geht fast immer um Belehnungen von irgendwem mit irgendwas), sondern wie der Kaiser genannt wird und wie er „unterschreibt“ – und das ist „Otto“. Weder wird der Name latinisiert (wie auch?), noch gibt es da eine „Langform“. „Otto Dei gratias imperator romanorum ac francorum…“ Das kannst Du so oder ähnlich hundertfach in der Diplomata-Serie der MGH nachlesen. Noch älter kann die schriftliche Tradition eigentlich kaum sein.

      Wenn ein Name seit mindestens 1100 Jahren als Vollform verwendet wird, ist das etwas anderes, als wenn ein englischer Timothy Tim genannt wird oder wenn Tom oder „Fritzi“ von deutschen Standesämtern als Vollformen akzeptiert werden. Ob es da mal in vorschriftlichen Zeiten längere Formen gegeben hat, ist dann auch wirklich irrelevant – wenn’s denn überhaupt stimmt.

      Jedenfalls ist Otto so wenig ein Spitzname oder eine Kurzform, wie es die ostfriesischen Namen auf -o (Immo, Onno, Wilko…) sind.

      Und in Gottes Namens nochmals zu Tim: es kann in der Tat durchaus sein, daß der Name in hundert Jahren eine Tradition haben wird, er hat sie aber eben noch nicht, und das ist der Punkt.

  3. Violet sagt:

    Berndt mit dt? Noch nie gesehn!

    • Jan Wilhelms sagt:

      Na. Berndt, Bernd, Berend – das dürfte sich nicht sooo viel nehmen, es klingt halt heute alles ziemlich hausbacken. Alters-Assoziation: 50 bis 60.

      In traditionaleren Milieus Nordwestdeutschands denkt man bei „Bernd“ heute freilich immer noch an den „Bomben-Bernd“, also an den furiosen Christoph Bernhard von Galen, Fürstbischof von Münster in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

      (Nicht zu verwechseln mit Clemens August von Galen, den gab es in der gleichen Funktion auch, aber knapp 300 Jahre später – und dessen Vornamen und Ausstrahlung sind wieder ein anderes Thema… Gleiche Familie, anderes Thema – andere Zeiten, andere Sitten.)

  4. Annemarie sagt:

    Witzig, weder Frederik noch Nele ordne ich unter frech ein. Caspar schon, besonders mit K. Piet und Tomek sind mir noch eingefallen. Bei Mädchen wirken Namen, die auch männliche Kurzformen sein könnten, auf mich eher frech, neben der schon genannten Fritzi etwa Toni.

    Manchmal begegnet einem auch die bewusste Kombination eines frechen Erst- mit einem eher gesetzt-traditionellen Zweitnamen quasi als Ausgleich oder auch je nach Lebenslage einsetzbar.

  5. lenchen sagt:

    Also, Otto kenne ich als Abkürzung für Ottokar. War es nicht früher üblich, dass wenn Vater und Sohn die gleichen Namen hatten, dass einer von beiden abgekürzt wurde? Daraus entstanden neue Namen, genauso wie jetzt auch.
    Sprache ist nunmal ständig im Wandel. Wenn die soziale Schicht, die derzeit auf Keanu, Cheyenne und Chiara steht, dann wechselt zu Charlotte, Maria und Hubertus, wird sich auch die jetztige Bevölkerung neue „alte“ Namen überlegen. Wenn man hier etwas schelmisch denken möchte, so wären diese Namen dann die heutigen modernen. Und dann haben wir unseren Kontrabass-spielenden Keanu-Devin bei den Philharmonikern.

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