Dschack-Kell-Liene

Schriftsteller machen sich zwangsläufig Gedanken über Vornamen, denn sie müssen ja ihren Romanfiguren Namen geben. Durch die Namen der Protagonisten verraten die Autoren uns Lesern oft viel über ihre Ansichten und Vorurteile zu manchem Namen. Tom Liehr zum Beispiel findet den Namen Korbinian originell, das schreibt er so wörtlich in seinem Roman Leichtmatrosen

Auch zum Vornamen Jacqueline hat er wohl einige Assoziationen, jedenfalls erweckt die folgende Textstelle aus Leichtmatrosen bei mir diesen Eindruck:

„Ich habe mal eine Woche auf Mallorca verbracht“ – Simon sprach den Inselnamen mit zwei l aus – „vor acht oder neun Jahren. Da war ich mit diesem Täubchen aus Marzahn zusammen. Jacqueline.“ Auch hier ließ er nicht einfließen, dass der Name eigentlich kein deutscher war: Dschack-Kell-Liene.

Dietrich oder Frederick – umbenannte Helden

Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen ist – aber ich war mal ein großer Fan von Enid Blytons „Geheimnis um …“-Serie. Geheimnis um ein Haus im Wald, Geheimnis um eine siamesische Katze und so weiter. Die Namen der Kinder, die dem Dorfpolizisten Wegda immer wieder eine lange Nase zeigen, haben sich mir fest eingeprägt: Rolf alias Rudolf, Philipp, der stets Flipp genannt wird, Gina/Regine, Betti/Elisabeth – und allen voran der etwas eingebildete Meister der Maskierung Dietrich Ingbert Carl Kronstein, von seinen Freunden nach seinen Initialen Dicki genannt. Dass die Namen eher ältlich waren – kein Wunder, der erste Band erschien im Original 1943, auf deutsch 1953 –, trübte mein Lesevergnügen in keiner Weise. Ich glaube sogar, es fiel mir gar nicht auf.

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Anne mit den roten Haaren

Für Kinder mit roten Haaren findet man schwerer einen Namen – auf diese krause Theorie stieß ich jetzt in einem Forum. Mag ja sein, dass man sich manchen aus dem hohen Norden stammenden Namen eher blond vorstellt und Südländisches logischerweise dunkel. Ich selbst habe kürzlich etwas befremdet auf einen strohblonden Gian Luca geschaut (und zuerst „Jan-Lukas“ verstanden). Doch dass dabei für Rotschöpfe so gar nichts abfiele – sofern die Haarfarbe bei der Namenswahl überhaupt schon als feste Größe gelten kann –, halte ich für Schwarz-Weiß-Malerei.

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Die graue Maus, die Wiebke hieß …

M. Buddenbohm“Irgendein Name musste es ja sein” kommentierte Maximilian Buddenbohm ein Kapitel seines Buches Marmelade im Zonenrandgebiet. Dort beschreibt er eine Kommilitonin nicht gerade schmeichelhaft:

… fragte mich die graue Maus, die auch noch Wiebke hieß, als wäre sie mit ihrem Aussehen nicht schon gestraft genug.

Ganz zufällig hat Buddenbohm diesen Namen wohl aber doch nicht ausgewählt, denn Ende der 1980er Jahre gab es an den Universitäten durchaus die eine oder andere Stundentin namens Wiebke.

Schon von Kijara und Balmy Gil gehört?

Ihr kennt Kijara und Balmy Gil nicht? Kein Wunder, die gibt es gar nicht wirklich, die kommen nur in Büchern vor!

Kijara heißt eine Soziologiestudentin im Roman Sommerhit. Den Namen hat sich Tom Liehr wohl nur ausgedacht, um seinem Protagonisten eine kleine Lästerei in den Mund zu legen:

Die Menschen im Osten hatten seltsame Dinge mit der Schreibung der Namen ihrer Kinder angestellt, aber der Westen zog nach.

Vom Westen handelt Jeannette Walls Roman Ein ungezähmtes Leben – genau gesagt vom Wilden Westen Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Autorin erzählt von einem Mann mit vier Frauen aus Arizona:

Bei der Geburt eines seiner Kinder hatte der Mann die Bibel wahllos aufgeschlagen und mit geschlossenen Augen auf eine Passage gedeutet, in der die Rede vom Balsam aus Gilead war, und dem Baby prompt den Namen Balmy Gil verpasst.

Deshalb ist es so schlimm, wenn jemand einen häßlichen Namen hat

Ich habe kürzlich ein faszinierendes, aber auch sehr trauriges Buch gelesen: Tage im Juni von Gerbrand Bakker (Amazon-Partnerlink). Und weil es ein niederländisches Buch ist, kommen in dem Buch viele (für uns) ungewöhnliche Vornamen vor.

So gibt es einen Mann namens Teun, der mit seinem Namen allerdings alles andere als glücklich ist, was seine Mutter zum Nachdenken bringt:

Dabei hat man ja nicht zufällig einen bestimmten Namen. Ihr Mann und sie haben sich doch was dabei gedacht, als sie ihn Teun nannten. Namen sind wichtig, deshalb ist es so schlimm, wenn jemand einen häßlichen Namen hat. Dieke? Irgendwie ja auch schrecklich für das Kind.

Im Mittelpunkt des Romans steht aber Familie Kaan: Vater Zeeger, die Söhne Klaas, Jan und Johan, Mutter Anna und Tochter Hanne. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitiere ich zum Schluss noch eine Textstelle, schließlich hat sie etwas mit Namen zu tun. Johan Kaan fragt darin

“Wie heißt Du?”

“Leslie”

“Leslie? Was ist das denn für ein Name? Kommst du aus Afrika?”

Namenstipps für Schriftsteller

Dass Vornamen Vorurteile hervorrufen, haben Psychologen und Soziologen schon nachgewiesen. Dabei kann der Träger eines Namens ja überhaupt nichts dafür, wie er heißt – der Name gibt eher etwas über die Eltern preis, die den Vornamen ausgewählt haben.

Schriftsteller kennen die persönlichen Eigenschaften ihrer Romanfiguren bereits, wenn sie auf Namenssuche gehen. Die Berliner Autorin und Lektorin Jutta Miller-Waldner empfiehlt ihren Kollegen ausdrücklich, sich bei der literarischen Namenswahl von Vorurteilen leiten zu lassen. Hier einige ihrer persönlichen Vorurteile:

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Vornamengeschichte von Maximilian Buddenbohm

Zur Veröffentlichung seines ersten Buches hat uns Maximilian Buddenbohm verraten, wie er auf die Namen seiner Kinder gekommen ist. Inzwischen ist sein drittes Buch erschienen. Ich möchte aber aus seinem zweiten Buch zitieren – da hat er nämlich etwas Vornamenrelevantes geschrieben!

Im Buch Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein erzählt Buddenbohm von seiner Jugendzeit in Travemünde. (Pflichtlektüre für alle, die demnächst dort Urlaub machen!) Um Vornamen geht es erst im Schlusskapitel, wenn der Autor (der jetzt in Hamburg lebt …) nach vielen Jahren seinen besten Kumpel aus der Jugendzeit wiedertrifft:

Er fragte nach meinem Beruf, nach Frau und Kindern. „Zweite Ehe“, sagte ich, „und zwei Söhne. Und du?“

„Erste Ehe und ein Sohn“, sagte er. „Er heißt Maximilian.“

„Oh“, sagte ich.