Lilian, Willy und Zarah grüßen aus goldenen Zeiten

Es muss damals gewesen sein, als der „Comedian Harmonists“-Film in den Kinos lief. 1997. Um die Zeit fand eine zwanzig (!) CDs umfassende Box namens „Die goldene Zeit der deutschen Schlager und Filmmusik“ Eingang in meine Sammlung. Schon die Optik der Leute auf dem Cover (Wasserwellen, schwermütige bis verschmitzte Blicke, Schiebermützen, Fedora-Filzhüte) macht klar: „Golden“ meint die 20er, 30er und frühen 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Als mir die Kollektion kürzlich in die Hände fiel (und erst mal gründlich abgestaubt werden musste), fand ich die Vornamen der Interpretinnen und Interpreten sehr interessant. Hier kommen sie also, in alphabetical order – und wo Zweitnamen mitgenannt wurden, habe ich das auch so notiert:

Adolf * Anny * Ari * Armin * Austin * Benjamino * Betja * Brigitte * Bruno * Carl * Charles * Charlie * Dajos * Dolf * Elena * Elfie * Erhard * Eric * Erich * Ernst * Erwin * Eugen * Evelyn * Franz * Franz-Otto * Fred * Freddie * Friedrich * Fritz * Fud * Gitta * Gloria * Grethe * Gretl * Guido * Gustav * Hans * Hans-Georg * Harry * Heinz * Helmut * Herbert Ernst * Hermann * Herta * Hilde * Horst * Ida * Ilse * James * Jan * Jean (m) * Joe * Johannes * John * Josef * Joseph * Juan * Karl * Kary (f) * Käthe * Kathi * Kirsten * Kurt * Lale * Leo * Lewis * Liesl * Lilian * Lizzi * Lotte * Ludwig * Ludwig Manfred * Lutz * Magda * Marek * Maria * Marika * Marlene * Marta * Martha * Max * Meg (m) * Michael * Oscar * Otto * Paul * Peter * Pola * Ralph Maria * Renate * Robert * Roman * Rosita * Rudi * Rudolf * Siegfried * Sven Olof * Teddy * Theo * Walter * Wilhelm * Wilfried * Will * Willi * Willy * Zarah

Und hier noch Namen, die in den Schlagern besungen wurden:

Carmen * Clara * Dolores * Elisabeth * Gerda * Hein * Hella * Jacob * Johanna * Johnny * Jonathan * Käthchen * Kathrein * Lili Marleen * Lola * Luise * Marie-Luise * Marita * Ninon * Oswin * Rosamunde * Sonja * Theodor * Theresa * Veronika * Vilja * Waldemar

Smalltalk-Munition

Die Recherche für diesen Beitrag erbrachte etwas Smalltalk-Munition. So weiß ich jetzt, dass der Vater des allseits bekannten ESC-Urgesteins Ralph Siegel, Ralph Maria Siegel, ebenfalls Komponist (und Sänger) war – und dessen Vater Rudolf Siegel auch schon (ein Vorfahr dieser erstaunlichen Familie war Ägyptologe, doch das nur nebenbei). Aufgeschnappt habe ich ferner, dass Johannes „Jopie“ Heesters bei der Gründung der „Comedian Harmonists“ vorsang (jedoch nicht beitrat, weil er sofort Gage beziehen wollte) und dass Zarah Leander zwar wirklich (durch Ehe) den schmucken Nachnamen Leander trug, aber – ausgerechnet, als Star der NS-Zeit – mit dem Vornamen Sara geboren wurde.

Meine musikalische Retronamensliste enthält natürlich viel Erwartbares, Namen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig vergeben wurden, daneben aber ganz gleichberechtigt manchen internationalen Einschlag. Plus: etliche Spitz- und Künstlernamen, Neu- und Umbildungen von vor knapp hundert Jahren. So hieß Sängerin Kary Barnet (1923–1972, „Warum ist die Banane gelb?“), die in Prag aufwuchs, eigentlich Charlotte Elisabeth Treml bzw. Charlotte Alžběta Tremlová. Oder der österreichische Pianist und Sänger Austin Egen (1897–1941): Sein Geburtsname war Augustus Guido Maria Meyer-Eigen.

Wiederentdeckungs-Potenzial

Namen wie Ida, Lilian und Theo finden wir ja schon länger wieder in den Babynamensgalerien, auch Willy ist (besonders in Ostdeutschland) wieder da. Ich sehe aber noch mehr Wiederentdeckungs-Potenzial in den aufgelisteten Namen und finde auch, dass der Kontext – umschwärmte junge Stars von einst – helfen könnte, Namen, die man sonst eher im Seniorenstift verortet hätte, in neuem Licht zu sehen. Meine Schlagersammlung kann ich in diesem Sinne nur weiterempfehlen, nicht bloß wegen der oft witzigen Texte. Last but not least konnte ich feststellen, dass man auch mit einem Normalonamen, wie Schauspielerin und Sängerin Renate Müller (1906–1937, laut Wikipedia der „Inbegriff des sauberen jungen Mädchens“) einen trug, zumindest zeitweilig zum gefeierten Idol avancieren kann.

Renate Müller
Renate Müller

13 Gedanken zu „Lilian, Willy und Zarah grüßen aus goldenen Zeiten“

  1. Wow, eine wilde Mischung, alles von Ari bis James bis Rosita bis Vilja! Da erschließt sich mir gar kein genaues Muster, es ist recht bunt, aber tendenziell natürlich mit vielen altmodischeren Namen wie Renate und Helmut.

    Ich finde, Rosamunde hätte Retro-Potenzial, vielleicht auch Gerda und Erwin. Bei den härteren Namen wie Heinz, Horst, Ernst und Herta sehe ich (leider) keine Rückkehr in den nächsten Jahrzehnten–das sind dann Härtefälle/Hertafälle.

    Mir gefallen viele dieser Namen, wobei ich aus irgendeinem Grund eine Abneigung gegen den Namen Ralph/Ralf hege, ich weiß auch nicht wieso (also nichts für ungut, Ralphs der Welt).

    In meinem Umkreis wurde in den letzten Monaten eine Gloria geboren. Finde ich hübsch.

    Die Schlagersammlung hört sich nach Spaß an. Liebe alte Schlager, besonders die humorvollen mit witzigen Texten.

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    • Gerda liest man ja schon ab und zu wieder. Erwin ist für mich auch ein möglicher Rückkehr-Kandidat. Und warum eigentlich nicht auch Herta/Hertha? Wegen Fußball? Oder wegen der Nähe zu „härter“? Immerhin geht Martha ja auch und kleine Ernas wurden ebenfalls schon gesichtet.

    • Hertha kommt sehr auffällig selten vor, vermutlich wird der Name wirklich von dem Fußball-Verein aus Berlin überstrahlt. Ein weiterer Eintrag für die Liste der „verdorbenen“ Namen.

    • Mir gefällt Gerda immer besser. Vor ein paar Jahren war ich gar keine Freundin des Namens, aber jetzt finde ich, hat er was.

    • Gerda ist stark im Kommen (bei uns), kenne mehrere Kleine.
      Schöner Name.
      Herta habe ich noch nicht gehört, aber kenne Bertha und Erna.

  2. Eine mittlerweile knapp 3-jährige Gerda kenne ich auch, bin aber trotzdem kein Freund des Namens geworden. Jetzt heisst ihr kleiner Bruder Rudolf, das finde ich noch schlimmer…

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  3. Über Zarah Leander kenne ich die (wahr?unwahr?) Anekdote, dass Joseph Goebbels ihr gegenüber geäussert habe, „Zarah“ sei doch ein sehr jüdischer Name.
    Ihre Replik: „Joseph“ sei ja auch ein sehr jüdischer Name.

    Wenn’s stimmt, war sie zumindest schlagfertig.

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  4. In meiner Gegend höre ich überall den Namen Kurt. Ich kenne mittlerweile 7 Kurts die unter 6 Jahre alt sind.
    Eine kleine Gerda und einen Willi kenne ich auch. Beide Namen finde ich schön (Kurt mag ich auch, wäre mir hier aber zu häufig.)

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