Perlen des Mittelalters

Perlen des Mittelalters

Von Elli (Blog-Stammleserin)

Wenn ich mich mit meiner Familiengeschichte beschäftige, begegnen mir natürlich auch viele Vornamen. Die meisten wurden über Jahrhunderte hinweg regelmäßig vergeben und klingen bis heute vertraut.

Mit euch teilen möchte ich nun einen Teil meiner Sammlung ungewöhnlicher Vornamen und Kurzformen. Die Namensträger:innen wurden zwischen 1300 und 1500 in Norddeutschland, vor allem in Niedersachsen, geboren. Da ihre Namen vor allem über Dokumente, wie Stadt- und Familienchroniken, Testamente, Eheverträge, Inschriften zu Stiftungen und nur sehr selten durch alte Kirchenbücher erhalten blieben, gehörten die Träger:innen wohl vor allem finanziell gut situierten Schichten an.

Erstaunlich finde ich, wie viele dieser Vornamen inzwischen als Nachnamen verbreitet sind. Was denkt ihr zu diesen „Perlen des Mittelalters“?

Männernamen:

  • Barthold
  • Berlt
  • Conne
  • Ewerwien
  • Geyer
  • Giseler
  • Gombert
  • Gottschalk
  • Happel
  • Heidenreich
  • Heimbrod
  • Heise
  • Hellemond
  • Henne
  • Heynemann
  • Herbold
  • Job
  • Lippold
  • Ludolf
  • Lutter
  • Rave
  • Rispe
  • Steben
  • Thame
  • Tile
  • Volpracht
  • Wedekind
  • Wilkin
  • Wolf

Frauennamen:

  • Aleke/Aleken
  • Alheit
  • Apollonia
  • Bethe
  • Czie/Cziegen
  • Drudele
  • Edelend
  • Ermingardis
  • Euphemia
  • Frederuna
  • Fyge (Sofia)
  • Gela
  • Gesie
  • Goda
  • Goesta
  • Goswine
  • Heilwig
  • Hilla
  • Hillegund
  • Ilsabe
  • Lessa
  • Metile
  • Metta
  • Nesia (Agnes)
  • Ortia (Ortrud)
  • Regelinde
  • Richildis
  • Walburg
  • Willa

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11 Gedanken zu „Perlen des Mittelalters“

  1. Danke für diese hochinteressante Sammlung! Wünschte, ich hätte mehr Zeit zum kommnetieren.

    Kurz: Gottschalk gehört zu meinen Lieblingsnamen. „Schalk“ bedeutet ja „Diener.“ „Gottes Diener“–finde ich von der Bedeutung her schön, und ich mag den Klang. Die Thomas-Gottschalk-Assoziation wird für die meisten im Vordergrund stehen, aber das würde mich nicht stören.

    Frederuna finde ich wunderschön. Frede=Schutz vor Waffengewalt/Friede/Umfriedung und Runa=Raunen, Geheimnis. Bedeutet so etwas wie „geheimnisvolle Schützerin.“ Mag generell Namen mit Friede oder Frede, und diesen hier kannte ich noch nicht.

    Volpracht–sehr ungewöhnlich, der Namensbestandteil „Pracht“ ist mir bei germanischen Namen noch nicht untergekommen. Vielleicht eine Mutation von „brecht.“ Dann wäre der Name eine regionale Nebenform von Volkbrecht, also, „der im Volk Glänzende,“ („brecht“ ist etymologisch mit englisch „bright“ verwandt), bzw. „der im Volk Berühmte.“ Finde den Namen schön. Klingt auch an „vollbracht“ an, eine weitere positive Assoziation.

    Lutter–Martin Luthers Name leitet sich ja genau wie Lothar ab, von germanisch „liut“ = „laut“ und „heri/hari“ = Heer. „Laut“ im Sinne von weitbekannt, berühmt. Also, „berühmter Krieger.“

    Hillegund–hübsche, flüssiger klingende volkstümliche Version des alten Namens Hildegund.

    Goesta–muss an den schwedischen Namen Gösta denken.

    Ewerwien–charmante niederdeutsche Form des Namen Eberwin, was bedeutet: „ein Freund, der so stark wie ein Eber ist.“

    Drudele–alte Form von Traudel (Trudel-Trudele–Drudele).

    Richildis–ich mag die alten weiblichen Namen Richlind und Richardis. Richilde und Richildis sagen mir etwas weniger zu.

    Würde gerne weiter kommentieren, muss mich aber jetzt anderen Aufgaben zuwenden. Danke nochmal für die tolle, interessante Liste!

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    • liud ist verwandt mit neuhochdeutsch „Leute“ und hat nichts mit „laut“ zu tun. Laut ist mittelhochdeutsch „lut“ oder „luit“ und hatte in altgermanischer Zeit noch ein h- am Anfang also, *hlud- oder chlod- (wie in Chlodwig).

      Mit Luthers Namen ist es eine komplzierte Geschichte, denn Martin Luther hat seinen Nachnamen bewusst umgeformt, von Luder zu Luther, und Rückgriff auf den Alemannenherzog Leuthari II und auch auf das griechische eleutheros „frei“.

    • Danke, Elbowin.

      Ich hatte bei meinem Kommentar, keine Zeit, etwas nachzuschlagen.

      Bei Lutter würde ich die erste Silbe entweder als hlud–laut, oder als Liut–Leute interpretieren. Also entweder Luither (Leute–Heer), oder Hludher–Laut-Heer (hier mit „laut“ im Sinne von weitbekannt).

  2. Danke, da sind ein paar schöne Fundstücke dabei. Mit einigen Namen kann ich auch mit großem Nachschlagen nichts anfangen:

    Czie/Cziegen * Cziegen ist offensichtlich eine Verkleinerung zu Czie, aber woher kommt das?
    Lessa * Ich finde nur Lesser als jüdischen Männernamen (von Lazarus oder Elieser)
    Geyer * Gaiko, Geike, etc. sind gängige Namen in Ostfriesland, aber Geyer?
    Rispe * Mit etwas Mut als friesische Form zu Richbert deutbar
    Steben * zu Stefan/Steven?

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  3. Aleke=niederdeutscher Diminutiv zu Namen, die mit „Al“, zurückgehend auf adal=edel beginnen, z.B. Adelheid oder Adeltraud.

    Aleit–Zusammenziehung des Namens Adelheid.

    Euphemia–eine uralte Heilige aus den ersten Tagen der Christenheit, die sowohl von Ostkirche als auch Westkirche traditionell verehrt wird. In Osteuropa kommt ihr Name heutzutage noch eher vor als in Westeuropa, wohl auch wegen der dortigen Affinität für griechische Namen. In Rumänien gibt es die Formen Eufimia und Eufemia.

    Goda–niederdeutsche Kurzform von Namen, die mit „God“ beginnen, so Godelinde und Godeleva (letzteres ist die niederdeutsche weibliche Form von Gottlieb).

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  4. Und wieder zieht es mich zu den mittelalterlichen Namen.

    Hellemond–
    Wage die Hypothese, dass hier die typische Namenssilbe „Hel“ (wie in Helmuth) verbunden wird mit der ebenfalls typischen Namenssilbe -mund (wie in Raimund). Also Helmund. Der Name würde „heiler/unversehrter Schützer“ oder „Unversehrtheit und Schutz Gewährender“ bedeuten. Der Name klingt natürlich nach hellem Mond, enthält aber mit recht großer Sicherheit nicht diese Bedeutung, sondern eher die hier dargelegte.

    Heidenreich–dass es den als Vornamen gab, hätte ich nicht vermutet. Aber nun gut, die „Heid“-Silbe bedeutet meistens „Art/Abstammung/Geschlecht“ und die „reich“-Silbe leitet sich vom älteren „rich“ ab, was mit herrschen assoziiert ist. Also, „aus herrschaftlichem Geschlecht.“ Eine andere Variante dieses Namens könnte Hedrich lauten (den kenne ich auch als Nachnamen).

    Heimbrod–die erste Silbe ist ja klar, was „brod“ bedeutet, weiß ich nicht sicher, würde auf eine alte Form von „breit“ tippen (verwandt mit englisch „broad“). Also, „breites Heim“? Schon ein etwas seltsamer Name. Aber ich mag ihn. Heimbrod klingt tatsächlich sehr anheimelnd und traulich, finde ich. Den Namen würde ich sogar selbst vergeben–im Ernst.

    Henne–mein altes deutsches Namensbuch enthält diesen Namen als Nebenform von Henno. Henno soll eine Koseform von niederdeutsch Henrik oder Henrich sein. Zuweilen wurden in Norddeutschland wohl auch Männer mit Namen Johannes Henne gerufen. Seltsam ist natürlich, dass wir bei Henne an ein weibliches Tier denken.

    Job–dies ist die alte deutsche Form des Namens Hiob. Im Englischen heißt die biblische Figur ja immer noch Job (aber anders gesprochen als das Wort für Arbeitststelle, mit einem O wie in „slow“). Neulich fand ich heraus, dass im Mittelalter der Name Jobst sehr beliebt war–eine Vermischung der Namen Job und Jost. Job und Jost waren ebenfalls unheimlich beliebte Namen, die dann aber teilweise von der Mischform Jobst verdrängt wurden.

    Wilkin–hier bemerke ich einfach Mal, wie auffällig nah am Englischen viele niederdeutsche Namen sind, in diesem Fall am häufigen englischen Familiennamen Wilkins. Bei Wilkin handelt es sich wahrscheinlich um eine Koseform von Namen, die mit Wil beginnen (wie Wilhelm, Wilbrand, Willibert, usw.). Oder die „kin“-Silbe bezieht sich auf Sippschaft, wie das heutige englische Wort „kin“ und die „kuni“-Silbe in Namen wie Kunibert. Aber ich tippe eher auf eine Koseform, wie das auch beim Namen Jan typisch war (Jannikins, wurde zu Jackins, wude zu Jack).

    Nesia–finde ich eine sehr hübsche Koseform von Agnes. Nesia würde sich doch glatt für die heutige hiatliebende Mode eignen, oder?

    Goswine–mag den Namen Goswin, und Goswine ist auch sehr hübsch. Ja, würde ich auch vergeben. Goswin bedeutet laut meinem Namensbuch „Freund der Goten.“

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  5. Ich muss erstmal noch darüber lachen, dass die Namensträger ihre Namen draußen scheinbar ablegten, oder eben nicht alle drinnen unter einem Dach geboren wurden. Wusste ich noch nicht.

    Freue mich auf die weitere Auswertung derjenigen Namensträger mit einem äußeren Schicksal.

    LG

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  6. Die Jungennamen sind sehr gewöhnungsbedürftig. Unter den Mädchennamen sind aber einige dabei, die mir gut gefalleN:
    Gesie
    Hilla
    Nesia
    Willa

    Für Hilla habe ich ja eine Schwäche. Willa kenne ich durch die Schauspielerin Will Holland. Nesia fügt sich gut in die Hiat-Mode ein, wie Mark schon sagt. Gesie könnte Freunden von Kurznamen wie Emmi, Lily, Hanni und Henni gefallen.

    Alheit
    Apollonia
    Euphemia
    All diese Namen habe ich, meist als extravaganterer Zweitname schon gelesen. Alheit würde ich Aleid schreiben, wobei mir Aleida besser gefällt.

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    • Alheit
      ich könnte mir vorstellen, dass das eine Verballhornung von Adelheid ist, vielleicht vom Dorfschreiber so geschrieben, wie er es halt gehört hat

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