Der Friedhof, Namen und ich

Ich spaziere gerne über unseren Waldfriedhof, dort hat die Stille irgendwie einen anderen Klang, heiliger, bedächtiger, was wohl den Vögeln und Eichhörnchen gut gefällt, denn man begegnet oder hört sie bei jedem zweiten Schritt.

Das Grab meiner Uroma Pelagia liegt im älteren Teil des Friedhofes (den Platz im Schatten des alten Baumes hat sie sich übrigens selbst ausgesucht, nicht zu weit vom Eingang entfernt und die Nachbarn sind ruhig). Wenn ich es besuche, laufe ich an jahrhundertalten, beeindruckend gestalteten Gräbern vorbei, da sind wunderschöne Skulpturen von Engeln (und ich meine nicht die kitschigen Putten mit Windeln), Kameen und ein riesiges Grab in Form einer Pforte.

Spaziergang mit Strichlisten

Und während ich an den Gräbern verbeilaufe, bin ich immer wieder überrascht wie viele der Namen ich regelmäßig in den Babynamen der Woche lese. So kam ich zu der Idee, die Sache mal genauer zu untersuchen. Mit Stift und Block bewaffnet machte ich mich am Sonntag also auf den Friedhof und klapperte die alten Gräber ab. (Sie glaube gar nicht, wie merkwürdig man angesehen wird, wenn man sich Notizen vor einem Grab macht, dass dreimal so hoch wie man selbst ist. Dabei hätte ich den Besuchern nur zu gern von diesem Projekt und dem Block erzählt, wenn sich nur jemand getraut hätte mich anzusprechen.) Nach meinem kleinen Spaziergang (4268 Schritte) kann ich nun einiges über die neuen-alten Namen der verstorbenen Bewohner meiner Heimatstadt berichten, die Ende des 18. und im 19. Jahrhundert geboren wurden. Ich habe mir ein paar dieser Name herausgesucht und Strichlisten dazu angefertigt, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben, da ich nur in einem Drittel des Friedhofes war und mir bei den Namen Fritz und Philip/Philipp leider erst am Ende der Runde aufgefallen ist, wie häufig sie doch vergeben wurden (Häufigkeit steht in Klammern).

Die Gewinner-Namen

Die Gewinner meiner Runde sind Karl (27), Jakob (10) und Fritz und Philip/Phillip, die ich in etwa auf 15 Mal pro Namen schätzen würde. Bei den Damen waren Katharina bzw. Katharine/ Katherine sehr beliebt (21). Auch Elisabeth (10) wurde gerne vergeben, ebenso die heute kaum gelesene Nebenform Elisabetha (5) und die Kurzformen Else und Elise (zusammen 10 Mal). Erstaunt hat mich wie selten der Name Margaretha vergeben wurde, da habe ich nur fünf Frauen gefunden und die Häufigkeit des Namens Marie (5) im Vergleich zu Maria (2), sogar eine Marie Magdalene ist mir begegnet. Weitere Namen, die ich in die Kategorie Retronamen einordne, sind Adam (4), Konrad (4), Johann (5), Emil (4) und Ludwig (2) bei den Männern und
Wilhelmine (2), Josephine (1) & Josefine (2), Emilie (4), Johanna (6), Lina (3), Louise & Luise (4), Mina (3), Emma (6) und Antonie (2).

Besonders lustig fand ich das Ehepaar Karl & Eleonore, das es sich bei der Namenswahl ihrer Kinder besonders einfach gemacht hat und kurzerhand ihre eigenen Namen vergeben haben. Erstaunlich ist auch, dass die beiden am frühsten geborenen Frauen (1793 & 1795) den gleichen Vornamen tragen: Dorothea.

Ungewöhnliche Namen

Ungewöhnliche Namen habe ich auch so einige gefunden. Zum einen wären da Namen, die sehr ungewöhnlich für das Geburtsjahrhundert sind: so waren Jans Eltern 1850 ihrer Zeit weit voraus, der Name wurde nämlich erst in den 1920ern vermehrt vergeben und erfreut sich seit den 1980ern großer Beliebtheit. Ebenso verhält es sich mit der im Jahr 1897 geborenen Sonja, deren Name erst dreiundsiebzig Jahre später populär wurde. Ob Sonjas Eltern Fans von Russland waren? Schließlich ist Sonja eine russische Koseform von Sophia. Besonders überrascht hat mich aber Stefanie (1895), der zu den 10 am häufigsten vergebenen Mädchennamen zwischen 1967 und 1989 gehört. Der 1924 geborene Niko darf auch erst ab den 1990ern und die beiden in den 1850ern geborenen Daniels erst ab den 1970ern mit mehr Namensverwandten rechnen.

Noch nie gehört

Dann gibt es da noch die ungewöhnlich-seltenen Namen, die ich stellenweise noch nie gehört habe. Da wären die Nachnamen Schnee, Hummel und Honig (sehr niedlich, wie ich finde), passend dazu gibt es eine Dame namens Binchen, die 1889 geboren wurde. Auch eine Lottchen habe ich gefunden, die mit nur 31 Jahren als „geliebte Frau und Mutter“ starb. Neben diesen Namchen gab es auch eine Petronella und sogar eine Petronilla, welche beide auf den lateinischen Namen Petronia zurückgeht (zum Geschlecht der Petronier gehörend) sowie Clothilde (vom althochdeutschen hlut „laut“ und hiltja „Kampf“). In die Kategorie „Wirklich noch nie gehört“ zählen:

Betta, eine Kurzform von Elisabeth, die mich an das englische Wort „better“ erinnert und Hetta. Nach längerer Suche habe ich neben Hetta als Hauptort der Gemeinde Enontekiö in Finnisch-Lappland eine Seite gefunden, die Hetta als Kurzform auf Henriette zurückführt. Eine der vielen Katharinas (Katharinen?) hat auch eine sehr interessanten Zweitnamen: Gertraude.
Wer eher ein Fan von romantisch-verspielten Mädchennamen ist, wie wäre es mit Idy (könnte eventuell von Ida abstammen) oder der niedlichen Emeline?

Gerne hätte ich Ihnen auch außergewöhnliche Jungennamen präsentiert, aber (noch) habe ich keine gefunden, bei Mädchen waren die Leute schon damals kreativer (und ich behaupte mal, sind es heute noch). Aber einen Namen möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil es die einzige Drei-Namen-Kombination ist, die ich gefunden habe und die auch heute vergeben werden könnte, wenngleich sie arg hochgestochen wirkt: August Friedrich Wilhelm.

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25 Gedanken zu „Der Friedhof, Namen und ich“

    • Mich auch, deshalb habe ich den Namen anfangs nicht mitgezählt, auch die Schreibweise Philip war häufig vertreten. Beim nächsten Mal schaue ich da mal genauer hin 🙂

    • Ich bin heute mal einen anderen Weg gelaufen und habe neue alte Gräber betrachtet. Hier habe ich alleine 9 Philipps/Philips gefunden. Nach der Größe und Raffiniertheit der Gräber stelle ich mal die Behauptung auf, dass Philipp ein Name der Oberschicht war.

  1. Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Welche Geburtsjahrgänge sind denn die Philipps?
    Ist es evtl. ein regionales Phänomen, ähnlich wie Kilian in Franken?

    Antworten
    • Die Philipps wurden zwischen 1830-1900 geboren. Häufig gab es auch Nachbenennungen.
      Ein regionales Phänomen? Gute Frage, bis jetzt hätte ich nein gesagt. Ich kenne einige Philipps, aber die sind alle in meinem Alter, stellenweise gibt es auch Kinder, die so heißen.
      In den älteren Generationen ist mir der Name noch gar nicht begegnet.
      Ein Philipp war ein bekannter Unternehmer in RLP, der andere mit einem anderen Unternehmer verwandt – vielleicht liegt es daran? Alle kannten sich und haben den Namen so weitergereicht?

  2. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel Vivi!
    Ich achte auf Friedhöfen auch immer auf Vor- und Nachnamen, weil ich spannend und interessant finde, welche Namen(skombinationen) früher vergeben wurden.
    Auf die Idee, mir Notizen zu machen, wäre ich aber wohl nicht gekommen.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    Antworten
  3. Ich war heute auch auf dem Friedhof und ich staune da auch immer wieder über neue Namen. Heute hab ich gesehen: Nanitta, Milita, Arkadeus, Apollonia (den Namen kannte ich zwar, aber der ist zumindest auch selten). Den Rest habe ich leider vergessen. Muss ich noch mal hin.

    Antworten
    • Milita finde ich spannend. Ist das vielleicht eine abgewandte Form von Melitta?
      Deine Apollonia ist mein Leopold und Luitpold, Namen, die zwar kenne, aber noch nie einen Vertreter getroffen habe.

  4. Daniel – den Namen sehe ich auf einem Grabstein, wenn ich das Grab meiner Großeltern besuche. Dieser Daniel wurde 1920 geboren, ein seltener Name, in dem Jahrgang.

    Einen alten Philipp (Ü 70) kenne ich auch, aber auf dem Friedhof ist mir bisher kein Grab aufgefallen. Beim nächsten Mal achte ich genauer darauf.

    Meiner Tochter sind die Namen Sophie und Sophia aufgefallen. Sie kennt ja nur Mädchen in ihrem Alter, die so heißen und konnte sich nicht vorstellen, das es den Namen früher auch schon gegeben hat.

    Antworten
    • Ich hatte explizit nach Sophie Ausschau gehalten, beim ersten Rundgang aber gar keine gefunden. Letztes Mal gab es einige, aber in einem speziellen Teil des Friedhofes, um dem es in der Fortsetzung gehen wird 🙂

  5. Spannende Expedition. Das werde ich bei mir im Ort demnächst wohl auch machen! Danke für die Inspiration.

    Als Leser gesiezt zu werden, fand ich zwar etwas komisch, aber ansonsten hat mir der Prosa-Schreibstil sehr gut gefallen.

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    • Vielen Dank 🙂

      Im Kommentarbereich duzen wir uns ja alle, aber die Artikel lesen auch „Stille Mitleser“, die nie kommentieren. Da käme ich mir merkwürdig vor, „du“ zu schreiben.

    • Auch als stiller Mitleser würde ich immer ein Du bevorzugen. Das ist aber vermutlich kulturell bedingt. Im Norden siezt man sich einfach nicht. Da braucht man schon schwerwiegende Gründe für. Und in der Schweiz ist man auch sehr schnell beim Du. Hier heisst es immer, dass die Deutschen so auf das ‚Sie‘ bestehen, worauf ich dann immer sorgfältig korrigiere „Nicht die Deutschen, die Süddeutschen machen das“.
      …eine kleine Anekdote.
      Jeder wie er mag 🙂

    • Kleine Anekdote meinerseits. Ich arbeite als Nachhilfelehrerin. Viele Kollegen lassen sich von den Schülern duzen, ich bestehe auf das „Sie“, da die Kinder später durchaus mal meine Schüler werden könnten und die mich schlecht „Vivi“ nenne können. (Ganz niedlich waren zwei Grundschülerinnen, die mich fragten: „Frau X, wie heißt du in Echt?“, also wie ich mit Vornamen heiße).

      Meine Chefin, die alle Kollegen in meinem Alter duzt, siezt mich aus irgendeinem Grund konsequent (da sie die älter ist, muss sie ja das Du anbieten).
      Unter den Kollegen (wir sind alle Anfang bis Mitte Zwanzig) duzen man sich. Allerdings gibt es zwei Kolleginnen, die mich tatsächlich mit „Frau X“‘ ansprechen, obwohl ich sie duze. Ich musste mehrmals erklären, dass sie mich doch bitte duzen sollen, wir sind doch im gleichen Alter und das ist doch schon etwas komisch, bis sie zum Du übergegangen sind.
      Ich habe da den Verdacht, dass sie sich meine Namen nicht merken können oder ich strahle mehr Autorität aus, als ich angenommen habe … ich tippe aber auf das erste.

    • Interessant mit dem Siezen.
      In einer Kinderzeitschrift hab ich mal gelesen, dass in Hamburg das Siezen + Vorname und in München das Duzen + Nachname üblich sei.
      Stimmt das?
      Auch stand dort, dass ab 1000m üdM nur noch geduzt würde.

    • Mit den hamburger Gepflogenheiten hab ich weniger Erfahrung. „Vorname + Sie“ empfinde ich als nicht so ungewöhnlich und passt für mich in einen modernen Grosskonzern, wo man trotzdem noch eine gewisse Distanz oder Professionalität wahren will. Am eigenen Leib habe ich das aber nur in Süddeutschland erlebt, mit dem Hinweis, dass ich jetzt quasi zur Familie gehören würde, dann kann man ja mal den Vorname nutzen. Das fand ich richtig strange, weil „Familie + Sie“ funktioniert für mich gar nicht zusammen. Mein angebotenes „Du“ (nur mir gegenüber: „Sie können mich auch duzen.“) wurde direkt abgeschmettert, mit der Begründung „Sowas machen wir nicht!“ …alles klar!

      „Nachname + Du“ kenne ich aus eigener Erfahrung sehr gut. So war es nämlich in meiner gesamten Grundschulzeit. „Du Frau X, kommst du mal?“ Das war von der Schule tatsächlich so vorgesehen, weil man bei uns aufm Dorf nur Platt spricht und das kennt gar kein „Sie“. Daher ist es in der Region mit dem Siezen unüblich und die Kinder wollte auch keiner schocken. Als ich in die 5. Klasse kam, hab ich das erste mal in meinem Leben jemand anderes gesiezt.
      (Die Anrede im Kindergarten war übrigens „Vorname + Du“ in beide Richtungen. Das finde ich auch gut so. Meine Kindergärtnerin hiess Elisabeth.)
      Diesbezüglich hat diese Form „Nachname + Du“ für mich eher etwas Kindisches. Obwohl es sich um Grunde um die gleiche Verwurschtelung handelt wie oben genannt auch.

      Und ab 1000m Du, stimmt. Das ist vermutlich sogar länderübergreifend im deutschen Alpenraum. Das war eine der ersten Informationen, die ich bekam als ich in die Berge zog. Das misst natürlich kein Mensch ab. Jedenfalls sind Wanderer in den Bergen unter sich bzw. unter Gleichgesinnten. In der Schweiz macht man daher schnell mal duzis, wie man hier so schön sagt.

    • Auch in Norddeutschland wird ab 1000m üdM ausschließlich geduzt 😉

      Ernsthaft: Das sogenannte Hamburger Sie (Sie + Vorname) kommt vor, der Standard ist es aber auch in Hamburg nicht. Tendenziell wird immer mehr geduzt und in Blogs und anderen Social Media-Kanälen sowieso, darum duze ich hier auch alle!

    • Hier im Süden wird klassisch gesiezt (also Frau X, Sie), Vorname und Sie gibt es auch manchmal. Nachname und Du gibt es im Kindergarten und an Grundschulen durch die Kinder sowie in der Nachhilfe (wobei die Fünftklässler die Kleinen immer verbessern und sagen, „Du musst Frau X Sie sagen“) Eine Grundschülerin sagt drolligerweise immer „Frau X, Ihr“, dann komme ich mir immer wie eine Adlige vor.
      Von Erwachsenen kenne ich Nachname und Du nur von Grund- und Förderschulen, wenn die Lehrer vor den Kindern sprechen.

      An der Uni werden wir alle gesiezt, Ausnahme in Latein, da kommen zwei Dozentinnen aus Griechenland. Bei der einen duzen man sich gegenseitig, bei der anderen werden wir geduzt, sie wurde aber gesiezt (Warum wir sie nicht duzen durften, ist mir ein Rätsel).

    • Jetzt muss ich aber nochmal was Süddeutsches wissen. Dort hängt man ja wie in der Schweiz gerne ein „gell“ ans Satzende, hier auch an den Satzanfang. Nun hab ich aber vor kurzem gehört, dass man das nur in dieser Form verwendet, wenn man per du ist. Sollte man jemanden siezen heisst es „gellet Sie“. Zuerst dachte ich, nein, dass klingt so bescheuert, das ist bestimmt veraltet. Jetzt fällt es mir erst auf. Das macht man wirklich. Und ich hör es immer öfter.
      Ist das in Deutschland auch so??

    • Gellet habe ich nich nie gehört.
      „Gell, wir gehen heute ins Kino?“ und „Du kommst mit, gell?“ ja. Sofern gell beim Siezen vorkommt (was sehr selten ist) dann bleibt es gell: „Sie wollten zwei Stück Zucker, gell?“

    • So, jetzt wirds mal wieder höchste Zeit für ein Buddenbrooks-Zitat: 🙂
      Als Herr Permaneder aus München zu Besuch kommt, fragt ihn die Konsulin, wie er denn nach Lübeck gekommen sei?
      „Geltn S‘, da schaun S‘!“ antwortet der dann. Wobei man ja schon sagen muss, dass die Figur von Herrn Permaneder wirklich die gröbste Karikatur eines Bayern ist, so plump sind wir nicht, wenn auch:
      „Und vielleicht ein wenig zuviel Nonchalance im Benehmen, Tom, wie?“ und Tom antwortet: „Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!“

      zurück zum „gellnS“ (was Thomas Mann mit „Geltn S'“ meinte) – das hört man schon noch, ist aber selten geworden, meistens sagt man auch beim Siezen „gell“

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