Das Hitlisten-Interview: „Ich staune über Kinder, die Knut heißen“

Knud Bielefeld im Dezember 2020

Im Corona-Jahr war es lange fraglich, ob es überhaupt klappen würde. Dann konnte Vornamenexperte Knud Bielefeld aus Ahrensburg aber doch wie gewohnt zum Jahresende die 1.000 beliebtesten Babyvornamen des Jahres liefern – und dabei sogar zwei neue Spitzenreiter verkünden. Bielefelds repräsentative Stichprobe umfasst die Vornamen von knapp 180.000 Babys aus 465 Städten. Das sind ungefähr 23 Prozent aller 2020 in Deutschland geborenen Kinder.

AL: Machen sich im Corona-Jahr bei beliebte-vornamen.de Einflüsse der Pandemie bemerkbar?

KB: Ja, tatsächlich, allerdings anders, als man vielleicht meinen würde. Besondere Effekte auf den Namensgeschmack konnte ich nicht beobachten. Das in Indien geborene Zwillingspaar namens Corona und Covid, das im Frühjahr durch die Medien ging, bleibt eine Kuriosität – glücklicherweise. Es hat sich aber gleich im März schlagartig bemerkbar gemacht, dass sich die Kliniken abgeschottet haben und auf Geburtsstationen keine Babyfotografen mehr unterwegs waren. Die Babygalerien der Krankenhäuser, die für meine Arbeit eine wichtige Quelle sind, fielen über etliche Wochen aus. Ab November wiederholte sich das Ganze.

AL: Wie bist du damit umgegangen?

KB: Nach dem ersten Schreck habe ich mich darauf eingestellt, dass es die Hitlisten 2020 nur in abgespeckter Form geben würde. Für eine Top-100 hätte es gereicht. Anfang Dezember habe ich dann etliche Standesämter angeschrieben und um Unterstützung gebeten und dabei besonders auf Bundesländer und Regionen abgezielt, in denen meine Daten sehr lückenhaft waren.

AL: Wie waren die Reaktionen?

KB: Ganz verschieden. Fünfzig Standesämter haben mich prompt unterstützt. Das war immer ein tolles Gefühl, wenn wieder eine E-Mail kam mit einer Liste aus einer Stadt, die ich noch brauchte – wie wenn man das nächste Level bei einem Spiel erreicht. In einigen Ämtern hat man sich sogar als Fan meiner Auswertung geoutet. Andere haben mir mit der Begründung abgesagt, bei ihnen arbeite derzeit nur eine Notbesetzung, was natürlich verständlich ist. Die lustigste Absage war, es gebe für meine Anfrage keinen Posten in der Gebührenordnung … Durch die Unterstützung der Standesämter habe ich nun – per Zufall – fast genauso viele Babynamen erfasst wie 2019.

AL: Macht es eigentlich einen Unterschied, ob die Namen aus Babygalerien oder aus dem Standesamt kommen?

KB: Gewisse Unterschiede gibt es schon. Einige Geburten werden zwar von den Ämtern erfasst, tauchen aber nicht in Fotogalerien auf. Zum Beispiel bei Frühchen – hier glaube ich eher nicht, dass da andere Namen vergeben werden als bei Reifgeborenen – und bei bestimmten Bevölkerungsgruppen, die etwa aus religiösen Gründen gegen eine Veröffentlichung sind. Bei den Ämtern ist ein Nachteil, dass keine kompletten Namenskombinationen übermittelt werden, nur Einzelnamen. Und beispielsweise in Kulturen, in denen es üblich ist, dass sämtliche Kinder Mohammed als Erstnamen tragen und dazu individuellen Rufnamen, verzerrt der amtliche Blick das Bild. Ich kombiniere deshalb beide Welten, werte aber Geburtsgalerien schon immer nur dann aus, wenn ich aus der jeweiligen Stadt keine amtlichen Meldungen habe – so gibt‘s keine Doppelerfassungen.

AL: Auch inhaltlich war deine Auswertung in diesem Jahr besonders spannend …

KB: Ja, bei den Jungen lieferten sich Noah, Ben und Matteo ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Auch bei den Mädchen unterscheiden sich die Ergebnisse der Erstplatzierten Mia und Emilia erst in der dritten Stelle nach dem Komma. Bei einer wissenschaftlichen Arbeit wäre es bei so geringen Unterschieden nicht seriös, die ersten Plätze überhaupt in eine Reihenfolge zu bringen. Aber ich denke, für unsere Zwecke geht das.

AL: In unserem Interview vom letzten Jahr hast du orakelt, 2020 könnte Paul der beliebteste Jungenname sein …

KB: Tja, so kann man sich täuschen. Noah steht seit 2014 in den Top-10 und ist besonders in Süddeutschland sehr beliebt. Der alte Mann mit der Arche ist schon länger nicht mehr das Erste, was den Leuten zu dem Namen einfällt. Er passt auch gut zur allgemeinen Tendenz: Eher kurze, weich klingende, vokalreiche Namen gefallen vielen Babyeltern. Ob Junge oder Mädchen, ist da fast egal – wobei auch Noa(h) als Mädchenname in den Top-500 vertreten ist.

AL: Hielt die Auswertung sonst noch Überraschungen für dich bereit?

KB: Es wurde tatsächlich ein paarmal der Name Knut vergeben – vom Klang her ja eher ein Anti-Noah –, aber nur in der Form mit t. Dabei handelt es sich ausnahmslos um kleine Nordlichter. Ansonsten sind besonders Sachsen und Thüringen immer für einen neuen Retronamen gut, mit dem man nicht gerechnet hätte. Hier heißen die Kinder aber eher Kurt, Franz oder Willi.

AL: Was gibt es noch Neues von beliebte-vornamen.de zu berichten – und hast du Pläne, die du schon verraten magst?

KB: Ich habe die Osterferien, in denen aus unseren Reiseplänen nichts wurde, dazu genutzt, um mein Babynamenverzeichnis aufzupeppen. Dort werden jetzt Texte und Grafiken automatisch aus meiner Datenbank generiert, als Ergänzung zum redaktionell gepflegten Namenslexikon. 2021 möchte ich weiter mit Videos experimentieren, wie ich es bei Instagram schon eine Weile mache. Die neuen Kontakte, die über meine Anfrage an die Standesämter entstanden sind, werde ich natürlich weiter nutzen. Vielleicht klappt es sogar, 2021 noch mehr Namen zu erfassen.

3 Gedanken zu „Das Hitlisten-Interview: „Ich staune über Kinder, die Knut heißen““

  1. Danke für deine Arbeit.
    Ich würde gerne noch einen Hinweis dalassen: niemand ist verpflichtet das Angebot der Babyfotografen im Krankenhaus in Anspruch zu nehmen und erst recht nicht, Bild und Name auf der Homepage veröffentlichen zu lassen. In meinem Umfeld kenne ich kaum jemanden, dessen Kind in den Galerien auftaucht. Ich halte diese Galerie daher nur zum Teil repräsentativ.

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  2. Noch eine Frage zu den Babygalerien:
    Erscheint das Foto in der Babygalerie nicht manchmal/häufig vor der standesamtlichen Eintragung des Namens?
    Dann könnte es sein, dass der in der Galerie angegebene Vorname nicht dem später amtlich eingetragenen Namen entspricht.

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