Mohammed beliebtester Vorname – oder nicht?

„Mohammed beliebtester Vorname in Berlin“: Diese Schlagzeile wurde in den letzten Tagen international verbreitet und diskutiert. Dabei ist das nicht einmal ein neues Phänomen, schon 2017 führte Mohammed die entsprechende Rangliste an. Es hat aber kurioserweise niemanden interessiert. Jetzt hat die AfD die Meldung gar als Beweis für die Islamisierung Deutschlands angeführt. Ist da was dran?

Die Schlagzeile hätte auch „Nur 1,2 Prozent aller Berliner Kinder heißen Mohammed“ lauten können oder „Vorname Mohammed in der Hauptstadt weniger als 300-mal vergeben“. Tatsächlich reichen so wenige Babys, um einen Vornamen auf den ersten Platz zu bringen. Die Sache ist also längst nicht so spektakulär, wie es zunächst scheint, und die These der AfD wird damit schon gar nicht untermauert.

Mohammed beliebtester Vorname

Ob Mohammed wirklich Berlins beliebtester Vorname ist? Das kommt darauf an. Auf Wortklauberei verzichte ich hier und gehe davon aus, dass die beliebtesten Vornamen diejenigen sind, die am häufigsten vergeben wurden. Trotzdem ist es kompliziert, weil es verschiedene Methoden gibt, die beliebtesten Vornamen auszuwerten. Je nach Auswertungsmethode kann ein anderer Name auf Platz eins stehen. Diese Aspekte gilt es zu beachten:

Varianten zusammenfassen

Viele Vornamen unterscheiden sich nicht in der Aussprache, sondern nur in der Schreibweise wie zum Beispiel Lucas und Lukas oder Hanna und Hannah. Von arabischen Vornamen gibt es überdurchschnittlich viele Schreibweisen, weil keine verlässlichen Regeln existieren, wie die arabische Schrift in die in Deutschland gebräuchliche lateinische Schrift zu übertragen ist. Daher besteht zwischen Mohammed, Muhammad und den zahlreichen weiteren Namensformen im Arabischen kein Unterschied, sie werden dort exakt gleich geschrieben. Die führenden deutschen Vornamenhitlistenhersteller (außer mir ist das noch die Gesellschaft für deutsche Sprache) fassen für ihre Vornamenstatistiken gleichklingende Varianten zusammen. Ohne diese Zusammenfassung würden Lukas, Hannah und Mohammed in den Ranglisten weiter unten landen. Mit dieser Zusammenfassung kann Mohammed unter Umständen (siehe später in diesem Text) der beliebteste Vorname sein.

Überraschenderweise kommt der ARD-Faktenfinder der Tagesschau zu einem anderen Schluss:

Selbst wenn man nur bei Mohammed die unterschiedlichen Varianten zusammenzählt, ist der Name insgesamt bei Weitem nicht der häufigste in Berlin, so wie es unter anderem die AfD behauptet.

Der Kniff: Die ARD hat nicht nur phonetisch gleiche Vornamen zusammengefasst, sondern auch etymologisch gleiche Vornamen. Weil die Varianten der sehr beliebten Jungennamen Lukas und Luca zusammen häufiger vorkommen als die Varianten von Mohammed, stehen sie nach dieser Methode auf dem ersten Platz. Das kann man zwar so machen, es ist aber ungewöhnlich und umstritten und sicher nicht, wie behauptet, der Weisheit letzter Schluss.

Einzel- und Folgenamen

Ein weiterer Aspekt bei der Auswertung von Vornamen liegt darin, welche Namen man überhaupt berücksichtigt. Während es die Gesellschaft für deutsche Sprache bevorzugt, alle Vornamen der Kinder, also die ersten, zweiten und weiteren Folgenamen, gemeinsam auszuwerten, zähle ich für meine wichtigste Statistik nur die Erstnamen. Die Ergebnisse unterscheiden sich signifikant. Beispielsweise kommen die Mädchennamen Sophie und Marie relativ häufig als Zweitnamen vor. Im Fall Mohammed hat sich gezeigt, dass dieser Name deutlich häufiger an erster Stelle vergeben wird. In der Spitzengruppe der Hitliste, die auch die Folgenamen berücksichtigt, sucht man darum Mohammed vergeblich. In der Hitliste der beliebtesten ersten Vornamen steht er dagegen weiter vorn.

Fazit

Unter der Voraussetzung, dass phonetisch gleiche Namensvarianten zusammengefasst und nur die Erstnamen gezählt wurden, ist die Schlagzeile „Mohammed beliebtester Vorname in Berlin“ korrekt. Der Anteil der Babys, die Mohammed genannt wurden, beträgt aber nur 1,2 Prozent.

Nichtsdestotrotz hat der Name Mohammed in den letzten Jahren in Deutschland einen Aufschwung erlebt. Das liegt daran, dass in der Vergangenheit die meisten Muslime in Deutschland türkischer Herkunft waren und unter Türken dieser Vorname nicht so gebräuchlich ist. In letzter Zeit hat aber der Anteil der Muslime aus anderen Ländern, zum Beispiel Syrien und Afghanistan, zugenommen. In diesen Ländern wird traditionell mindestens der erstgeborene Sohn Mohammed genannt, oft sind es sogar alle Söhne. Dabei wird Mohammed typischerweise als Erstname eingetragen, als Rufname dient jedoch ein Folgename. Dass Mohammed in den Geburtsurkunden häufiger vorkommt, wirkt sich deshalb nicht weiter auf den Alltag aus.


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Ein Gedanke zu „Mohammed beliebtester Vorname – oder nicht?“

  1. Ich finde es auch übertrieben, davon zu reden, dass deutsche Kinder bald in der Unterzahl wären. Wie oben erklärt, ist es eben Sitte in bestimmten Ländern, zumindest den ersten Sohn Mohammed zu nennen. Aber nicht alle deutschen Eltern nennen ihre Kinder Ben oder Emma. In den letzten Jahren haben wir in der Liste gesehen, dass die Prozentwerte bei den Top-10 Namen immer weiter zurückgingen. Bei einer Islamisierung würde man auch mehr arabische Mädchennamen oben in den Hitlisten finden.

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