Knud Bielefeld im Interview: „Ich kenne keinen Ben.“

WDR aktuell 2018-05-03
Schnappschuss aus der Sendung „WDR aktuell“

Pünktlich „zwischen den Jahren“ werfen Knud Bielefelds Top-Listen wieder ein Schlaglicht auf Deutschlands Babynamengeschmack: Der Vornamenanalytiker hat die 1.000 beliebtesten Vornamen – 500 Mädchen- und 500 Jungennamen – veröffentlicht. 206.336 Kinder des Jahrgangs 2018 hat er dazu in seiner Datenbank erfasst, das sind etwa 26 Prozent aller Neugeborenen, und ihre Namen nach Erst- und Zweitnamen getrennt ausgewertet.

Annemarie Lüning: Der Name Ben ist in diesem Jahr zum achten Mal in Folge auf Platz eins gelandet, Emma das zweite Mal. Komischerweise kenne ich, obwohl ich ja selbst ein Kind habe, in meinem weiteren Umfeld nur einen einzigen kleinen Ben, den etwa dreijährigen Sohn eines Kollegen. Emmas sind mir schon viel öfter begegnet.

Knud Bielefeld: Ich kenne auch keinen Ben. Das ist aber auch nicht so überraschend, weil selbst die häufigsten Namen schon länger nicht mehr so häufig sind. Früher war eben nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Thomas. Oder Sabine. Nur zwei Prozent aller männlichen Babys werden heute Ben genannt. Bei den Mädchen ist es mit Emma dasselbe.

AL: Deutet sich an, dass Emma und Ben von ihrem Thron gestoßen werden könnten?

KB: Nein, beide sind souveräne Spitzenreiter. Allerdings hatte Emmas Vorgängerin auf Platz 1, Mia, auch einen guten Vorsprung, bis sie 2017 abgelöst wurde. Es kann also auch mal schnell gehen.

AL: Was hat sich in den Top 10 im Vergleich zu 2017 geändert?

KB: Sehr wenig. Bei den Mädchen ist Ella neu hinzugekommen, dafür ist Marie jetzt raus. Und die Jungennamen auf Platz 2 bis 10 haben ihre Plätze durchgetauscht.

AL: Enttäuscht ein solches Ergebnis den Vornamenanalytiker?

KB: Nein. Dass Namensvorlieben lange konstant bleiben, ist schließlich auch eine Erkenntnis, die man ohne die Analyse nicht hätte. Ansonsten sorgen die Auf- und Absteiger in den Top 500 für genügend Spannung. Malia zum Beispiel, ein Name, zu dem ich keine einheitliche Aussprache mitliefern kann: Die einen sprechen ihn wie Maria mit l, andere vielleicht wie eine verkürzte Amalia. Mit ziemlicher Sicherheit wurde dieser Trend durch die Tochter von Ex-US-Präsident Obama ausgelöst. Oder Hailey: Dieser Name liegt in den USA und auch bei uns schon länger im Trend. In diesem Jahr könnte das durch Schlagzeilen über das Model Hailey Baldwin noch befeuert worden sein. Bei den männlichen Aufsteigern ist Fußballer Jann-Fiete Arp sicher nicht ganz unschuldig an der weiteren Verbreitung von Fiete.

AL: Du veröffentlichst außerdem immer ausgewählte Einsteiger …

KB: Das fällt eher unter „Kuriositätenkabinett“, weil solche bunten Beispiele immer von der Presse nachgefragt werden. Diese Namen rangieren jenseits der Top 500, sind aber alle 2018 mindestens zweimal in meiner Datenbank gelandet. Darauf lege ich Wert, schon damit nicht womöglich ein besonderes Kind hervorgezerrt wird. Außerdem sind die Einsteiger so auch eine Art Mini-Trendbarometer. Warum ist mindestens zwei Elternpaaren der Jungenname Bryson eingefallen?! Hier wäre ich für Hinweise dankbar. Beim Mädchennamen Tulip weiß ich es schon: So heißt eine Figur der Serie „Preacher“. Und bei Loras – männlich – stand mal wieder „Game of Thrones“ Pate.

AL: Weich oder kantig, kurz oder lang – was ist eher typisch für einem im Jahr 2018 vergebenen Babynamen?

KB: Die weicheren, kurzen Namen gefallen nach wie vor vielen Eltern besser. Gerade bei den Jungen fällt auf, dass die Namensmode hier vor fünfzig Jahren härter im Klang war. Als kleinen Trend könnte man auch – bei den Fans alter Namen – Kurznamen aus Uromas Zeiten ausmachen, die bislang nur selten vergeben wurden. Hedi oder Hilda zum Beispiel sind in diesem Jahr fünfzig bis sechzig Plätze weiter vorn gelandet, auf Platz 184 und 233, und unverbrauchte Alternativen zu Leni oder Greta.

AL: Zu welchem Thema wurdest du 2018 besonders oft angesprochen?

KB: Ganz klar zu der im November in Kraft getretenen Gesetzesänderung, die es Menschen mit mehreren Vornamen ermöglicht, deren Reihenfolge zu verändern. Nach meinem Empfinden bedeutet diese Änderung einigen Menschen sehr viel und bringt eigentlich für niemanden Nachteile mit sich, man muss ja nichts ändern, wenn man das nicht möchte. Möglicherweise wird sie auch von jungen Eltern begrüßt, die sich dadurch mit dem Festlegen einer Namenskombination weniger schwer tun – das Kind könnte sie ja später noch anpassen.

AL: Dein „Name des Jahres“, Horst, ist bei Eltern von heute chancenlos. Warum hast du ihn dennoch ausgewählt?

KB: Ich habe zwar schon neue Trendnamen zum „Namen des Jahres“ gekürt, als Geheimtipp für Eltern ist diese Kategorie aber gar nicht gedacht. Anders als bei meinen „Aufsteigern“ errechne ich den „Namen des Jahres“ auch nicht, sondern wähle nach meinem Gefühl. Horst war 2018 dermaßen im Gespräch und hat so viele Namenswitze auf sich vereint, dass für mich schon vor Monaten feststand, dass kein anderer in Frage kommt – nur Horst.

Und außerdem …

7 Gedanken zu “Knud Bielefeld im Interview: „Ich kenne keinen Ben.“”

  1. Ist bei der Aufsteigerin Hailey auch die Schreibweise Halley mit drin, Knud, oder gibt es die Form in D nicht? So heißt ja das (erste) Baby in “The Big Bang Theory”, nach dem Kometen 🙂

    • Halley würde ich separat zählen, wenn es denn 2018 eine gegeben hätte. 2017 kam Halley aber tatsächlich mehrfach vor.
      Ich spreche Halley und Hailey unterschiedlich aus und fasse sie darum nicht zusammen.

  2. Die Vornamen-Gesetzesänderung hat bei mir riesengroße Verwunderung ausgelöst und sie wird weitreichende Folgen für Ihre Statistik haben. Ich bin Soziologe und prophezeihe das folgende Änderungen für die Zukunft zu erwarten sind:
    – die Verbindlichkeit der Namen wird sinken
    – es wird eine massive Zunahme von Zweit- und Dritt-Vornamen geben
    – es wird mehr extravagante und skurille Namen geben (die Eltern werden sich sagen “Ach, wenn’s dem Kind nicht gefällt, kann es einfach einen anderen Vornamen nehmen“ – so einfach ist das Problem gelöst.)
    – Vornamen werden austauschbar und verlieren ihren „Ein und der gleiche Vorname für immer“-Charakter. ✍️

    Knud spricht davon, dass es für niemanden Nachteile bringe, doch so einfach ist das nicht – es ist offensichtlich eine neue Ungleichheit entstanden, in der nun bestimmte Gruppen von Menschen mehr Rechte des individuellen Namenausdrucks haben als Andere. Meiner Meinung nach ist es ein klarer NACHTEIL für alljene, die vor dem Herbst 2018 geboren wurden, weil die Kriterien der Vornamensgebung bis zu diesem Zeitpunkt anderen Maßstäben folgten und nun ein Nachteil für alle vor 2018 Geborenen sind.

    Ich kenne zwei Eltern, für die diese Vornamens-Gesetzesänderung große Verbitterung ausgelöst hat.
    Sie haben wenige Jahre vor dieses Gesetzesänderung Kinder bekommen und lange überlegt ob Sie mehrere Vornamen (meVo) vergeben sollen. Schlussendlich kamen Sie zum Ergebnis, dass sie nicht meVo vergeben, weil der erste Vorname ja definitiv festgelegt und unveränderlich ist. Diese Eltern haben mich um Rat gefragt und auch ich habe ihnen von meVo abgeraten, schließlich hatte der erste Vorname klar und deutlich Vorrang und alle anderen Vornamen wären nichts als unnötige Dekoration. Es ist einfach eine soziologische Wahrheit, dass (seit der frühen Neuzeit bis Herbst 2018) das erste Vorname für den Menschen eine um Vielfaches höhere Relevanz hat als Folge-Vornamen und für viele Jugendliche ein zweiter Vorname soviel bedeutet wie Schrott, Müll und vergammelte Salami.
    Diese Eltern haben auf mehrere Vornamen verzichtet, weil sie sie als überflüssig betrachtet haben und weil meVo die Funktion des 1. Vornamens nicht ersetzen können. Das sind alles sehr gute Gründe gegen meVo, die ich 100% unterstütze. Die meVo-Gesetzesänderung hat aber ALLES VERÄNDERT und die Basis der Vornamensgebung KOMPLETT VERÄNDERT ZU GUNSTEN VON meVo!!
    Waren vorher die Eltern die Schlauen, die ihrem Kind nur 1. Vornamen gegeben haben, sind sie jetzt die Dummen.
    Durch die neue Gleichberechtigung der Vornamen, erhält das Kind die einzigartige Möglichkeit sich selbst einen von mehreren Vornamen auszusuchen um mit seinem Wunschnamen glücklich zu werden – das ist jedoch höchst unfair gegenüber allen vorher geborenen Menschen mit nur 1. Vornamen denen diese Möglichkeit verwehrt bleibt, weil die Eltern ihre Entscheidung nach einer Gesetzgebung getroffen haben, die nun Schnee von gestern ist. Hätten die beiden Eltern gewusst, dass der erste Vorname austauschbar wird, hätten sie garantiert meVo vergeben, und dies wird auf Millionen von Eltern übertragbar sein.

    Die oben erwähnten Eltern wollten nachträglich ihren Kindern einen Zweitnamen geben, nachdem sie von der Gesetzes-Änderung gehört haben. Ich habe sie erneut beraten und ihnen geraten „Wozu NUR einen Zweitnamen? Nehmt drei weitere Vornamen – aber äußerst unterschiedliche Vornamen – , das ist eine einzigartige Gelegenheit und euer Kind wird es euch danken!“ (denn anders als in der Vergangenheit, sind die Folge-Vornamen nichtmehr Deko, sondern sie können die Position und vollständige Bedeutung des Erst-Vornamens annehmen) – und ich konnte sie überzeugen für die maximal mögliche Anzahl von Vornamen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass diese Eltern nachträglich soviele Vornamen hinzufügen können, deshalb überlegen sie vor Gericht zu ziehen und die Rechtssprechung zu verklagen. Die Eltern fühlen sich verarscht und sollten sie ihre Wunschextravornamen nicht bekommen, werden sie die zuständigen Behörden vielleicht auf UNGLEICHBEHANDLUNG verklagen. Es kann nicht sein, dass die Kinder der Zukunft sich ihre Namen selbst aussuchen dürfen, die Menschen der Gegenwart aber nicht. ⏲️

    Das ist ein gewaltiger Unterschied ob der erste Vorname ausgetauscht werden kann oder ob er lediglich an 2. Stelle steht und das kann man nicht mit “Ihr hättet doch früher meVo aussuchen können” kontern, denn die Gesamtsituation hat sich fundamental verändert. Es hat auch Auswirkungen auf den eigentlichen ersten Vornamen, hätte man früher großen Wert auf einen abwechslungsreichen Namen gelegt (z.B. Veronika, in Veronika tauchen vier verschiedene Vokale auf), weil es ein “Allround-Name” sein sollte, wird es jetzt mehr spezialisierte Vornamen geben (ein exotischer, ein seltener, ein junger Name, ein altmodischer Name).

    Der Mensch wird zunehmend nach seinem Belieben formbar, aber auch wenn jeder Name als individuell angepriesen wird, darf nicht vergessen werden, dass nicht nur die häufigen Mainstream-Namen, sondern auch der Großteil der gewählten seltenen und neueren Namen gesellschaftlich anerkannten Normen der genderspezifischen Namensgebung folgt.
    Aus soziologischer Perspektive bedeutet diese Gesetzesänderung, dass das Kind das Recht der Abwahl bekommt – es kann ungeliebte Namen abwählen, so wie einige von uns damals Chemie abgewählt haben.

    Es ist schon ein großer Wandel, vor diesem Jahr hätte ich, wenn ich ein Kind benennen müsste, nur einen Vornamen gegeben, aber jetzt würde ich ihn Myron Bjørnstjerne Heiji Xerius Leroy nennen. Und das Beste ist: Er könnte sich daraus seinen Wunschnamen aussuchen, er könnte fünf Jahre Myron sein, danach zehn Jahre Heiji und vielleicht sechs Jahre Leroy und wenn er will auch ein Bjørn(stjerne) oder Xerius. ✨

    • Das sind interessante Einwände! Aber: Den Zweit- oder Drittnamen als Rufnamen nutzen, das konnten Menschen mit mehreren Vornamen doch längst. In manchen Familien ist das sogar Tradition. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es durch die neue Regelung künftig Usus werden wird, seinen Rufnamen bzw. die Namensreihung zu wechseln. Die meisten Menschen identifizieren sich doch sehr mit dem Namen, mit dem sie in jungen Jahren angeredet werden.

      Außerdem: Sollte es tatsächlich zu einer Art Verpflichtung werden, sich künftig aus einer bunten Vorauswahl der Eltern “seinen” Hauptnamen auszusuchen, muss man das nicht nur als Nachteil für die vor Herbst 2018 Geborenen sehen. Ihnen bleibt die Qual der Wahl, des Sich-Festlegens auf eine Facette der eigenen Person (was doch nur eine Momentaufnahme sein kann) erspart 🙂 Doch wie gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jetzt für “Nachgeborene” wirklich viel ändert.

    • “Er könnte sich daraus seinen Wunschnamen aussuchen, er könnte fünf Jahre Myron sein, danach zehn Jahre Heiji und vielleicht sechs Jahre Leroy und wenn er will auch ein Bjørn(stjerne) oder Xerius.”

      Hier muss ich noch mal nachhaken, @Knud oder alle Gesetzeskundigen: Ist es wirklich so, dass man die Reihenfolge seiner Namen mehrfach ändern kann? Dass man (theoretisch) mehrfach einen anderen seiner Namen als Rufnamen nutzen kann (sofern das Umfeld da mitzieht), ist klar, das ging ja schon lange, aber kann man auch im Perso alles mehrfach umbasteln lassen?

    • Ist es wirklich so, dass man die Reihenfolge seiner Namen mehrfach ändern kann?

      Ich habe im Gesetz keine entsprechende Einschränkung entdeckt und verstehe es so, dass man beliebig häufig die Reihenfolge seiner Vornamen ändern kann. Es wäre schön, wenn jemand vom Amt sich dazu äußern würde!

    • Die Vornamen-Gesetzesänderung hat bei mir riesengroße Verwunderung ausgelöst und sie wird weitreichende Folgen für Ihre Statistik haben.

      Mit Wunschname ist hier ja der Rufname gemeint und den konnte man schon seit Jahrzehnten frei wählen. Neu ist nur, dass sich diese Wahl auch auf die maschinenlesbare Zone der Ausweisdokumente auswirkt. Darum rechne ich nicht mit gravierenden Änderungen.

      Waren vorher die Eltern die Schlauen, die ihrem Kind nur 1. Vornamen gegeben haben, sind sie jetzt die Dummen.

      Das ist jetzt wohl der Moment, an dem ich anmerken sollte, dass ich schon seit Jahren empfehle, zwei Vornamen zu vergeben und das auch bei meinem Sohn gemacht habe.

      Meiner Meinung nach ist es ein klarer NACHTEIL für alljene, die vor dem Herbst 2018 geboren wurden.

      Das sehe ich auch so. Ich möchte aber betonen, dass es ein VORTEIL für die Jüngeren ist. Es ist doch erstrebenswert, wenn es die nachfolgenden Generationen besser haben als wir, oder?

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