Erna – keine Witzfigur

Erna ist nicht gerade im Gespräch. Ganz im Gegenteil. Die einzige Erna, die in den Medien auch nur am Rande vorkommt, ist Erna Klum, Mutter von Heidi. Wobei bemerkenswert ist, dass eines der Klum-Kinder mit Zweitnamen nach Opa Günther heißt, aber keines Erna. Von den „bekannten Namensträgerinnen“, die Wikipedia auflistet, kenne ich überhaupt nur eine vom Hörensagen: Erna Strube, mir bislang nur bekannt als Joy Fleming. Und ehrlich gesagt bin ich nur auf den Namen gekommen, weil der 75. Geburtstag unserer Tante Erna (verheiratet mit Onkel Werner!) anstand und es hieß: „Such doch mal was zu ihrem Namen raus“.

Damit hatte sie mich, die Erna. Denn es ist ein Phänomen: Während Namen wie Ella, Frieda, Greta sich in der oberen Hälfte der Top 100 tummeln und Emma sogar auf Platz 2 thront, schafft es Erna nicht mal in die Top 500. *

Erna Häufigkeitsstatistik
Häufigkeitsstatistik des Namens Erna

Ihre besten Zeiten erlebte Erna zwischen 1890 und 1920. Im Jahr 1901 schaffte sie es das erste und einzige Mal auf die Pole-Position deutscher Mädchennamen. 1927 wurde noch eine Schildkröt-Puppe nach ihr benannt. Ende der 30er, als unsere Tante Erna das Licht der Welt erblickte, reichte es immerhin noch für die Top 100. Seit 1960 gibt es fast keine Neugeborenen mehr, die Erna heißen. So reiht sich Erna ein in die Riege jener Namen, die einst sehr populär waren und dann eine um so rasantere Talfahrt hingelegt haben, bislang ohne Wiederkehr. Namen wie Heinz, Gertrud oder Berta.

Vielleicht ist es die Silbe Er-, die den Namen Erna herber macht als die aktuellen Lieblinge junger Eltern. Vielleicht auch die gut hörbar mitschwingende Bedeutung: Erna ist eine Kurzform von Ernesta, der weiblichen Variante des althochdeutschen Ernst, welcher wiederum für Ernst, Sorge und Entschlossenheit im Kampf steht. Auf den ersten Blick wenig reizvolle Eigenschaften oder jedenfalls aus der Mode gekommen. Oscar Wilde nannte eine seiner bekanntesten Komödien 1895 „The Importance of Being Earnest“, zu deutsch: „Ernst sein ist alles“. Tatsächlich gibt man seiner Tochter etwas sehr Gutes und Wichtiges mit, wenn man ihr wünscht, bei Bedarf für sich und andere beherzt eine Lanze zu brechen. Im Grunde wäre das sogar ein notwendiger Gegenpol zum Wunsch nach Frieden bzw. dem neuen alten Modenamen Frieda. Das hat sich nur noch nicht so herumgesprochen.

Vermutlich ist auch „Klein Erna“ schuld daran. Diese typische Hamburger Witzfigur wird auf Erna Nissen zurückgeführt, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Schleswig-Holstein geboren wurde. Als diese als junges Mädchen ein Boot auf den Namen „Klein Erna“ taufen sollte, zerbrach die Sektflasche nicht. Eine Anekdote, die von Ernas Brüdern und ihren Kameraden aus dem Segelclub gnadenlos breitgetreten wurde. Weitere erfundene Klein-Erna-Geschichten folgten, die in Missingsch, einer Mischung aus Hoch- und Niederdeutsch, erzählt wurden. Die Schriftstellerin Vera Möller sammelte viele der verbreiteten Klein-Erna-Witze, taufte die Hauptperson Erna Pumeier und gab die Geschichten über die typische Hamburger Deern zuerst 1938 (ja, vor genau 75 Jahren!) in Buchform heraus.

Klein Erna is mit Pappa bei Hagenbeck, weil Mamma große Wäsche hat. Wie sie bei die Kamele sind, fragt Klein Erna: „Du, Pappa, heiraten Kamele auch?” Pappa: „Nua Kamele heiraten!”

Wie Frau Pingel neulich abends in Dunkeln noch ma mit ihrn Hund vor Tür geht und ‘n büschen frische Luft schnappt, da sieht sie, wie Klein Erna immer umme Laterne rum geht und was sucht. Da geht sie denn hilfsbereit hin und fragt: „Na, Klein Erna, was suchs du denn da?” – „Mein Hausschlüssel!” sagt Klein Erna, die ‘n büschen benebelt von Tanzvergnügen kommt. „Wieso hast du den denn gerade hier verlorn? Du wohnst doch’n ganzes Ende weiter runter!” – „Ja”, sagt Klein Erna, „ich weiß – aber dahinten issas so dunkel!”

1969 entstand sogar noch ein Film zu den Witzchen, „Klein Erna auf dem Jungfernstieg“, immerhin mit Heidi Kabel, Harald Juhnke und Heinz Erhardt. Dann waren das Thema und der Name offenbar ausgereizt. Das gleichfalls sehr bekannte „Fritzchen“ konnte sich von seiner Karriere als Witzfigur erholen, Fritz steht aktuell auf Platz 147 der Jungennamen. Erna nicht. Oder vielleicht: noch nicht?

* PS: Tante Erna kann sich freuen – ihr Name steht seit 2014 wieder in den Top 500, 2017 reichte es sogar für die Top 400 (Stand Jan. 2019).

20 Gedanken zu “Erna – keine Witzfigur”

  1. Ich kenne eine Erna (wenn auch nicht persönlich), die wohl eigentlich “zu jung” für den Namen ist: youtube.com/user/MeinJadore

  2. Ich bin erstaunt, dass “Ernesta” ein deutscher Name ist – hätte das aufgrund des Klangs eher ins spanische gerückt.

    Schmunzeln musste ich über diesen Teil des Textes: “[…] Fritz steht aktuell auf Platz 147 der Jungennamen. Erna nicht.” Ich dacht mir nur “Na ein Glück, die armen Jungen”…auch wenn der Satz so natürlich aus dem Zusammenhang gerissen ist.

    • Upps, ist mir gar nicht aufgefallen … Vielleicht sollten da noch ein paar Klammern rein.

  3. Zu Erna fällt mir nur das Lied “Erna P.” von den Ärzten ein. “Erna P. wohnt Parterr. Und hinterm Vorhang steht ein Herr.”

    Mein Mann hat euch eine (Groß)Tante Erna, deren Schwester hieß Frieda.

  4. Mir fällt der Song von Wolfgang Lippert ein:
    Und das allerschlimmste ist: / Erna kommt, Erna kommt wieder mal, Erna kommt. / Heut ist der Tag, an dem Erna kommt / und wenn sie sagt, sie kommt, kommt sie prompt…
    Wenn man danach geht, ist der Name sicherlich irgendwann in den Top 500 😉 !!!

  5. Ich kenne eine Ernestine (genannt Erna), die jetzt 10 Jahre alt ist. Ihre Eltern wollten sie eigentlich Stine/Stina nennen, fanden den Namen aber zu unvollständig, hat sie mal erzählt. Allerdings hat das mit dem Stine-Spitznamen nicht wirklich geklappt 🙂

    • Hm… da finde ich den Wechsel aber doch schon sehr groß. Stine klingt -zumindest für mich- ja dann doch etwas sanfter und auch etwas kindgerechter als Erna.

      Aber solange es für alle ok ist, ist das ja kein Problem! : )

    • ich fand die Erlärung auch etwas abenteuerlich, aber ich kenne sie seit sie 2 ist, und zur ihr passt der Name irgendwie 🙂

  6. Hallo!
    Hier meldet sich ein Relikt aus der noch glorreichen Vergangenheit des Namens ERNA. Ich hörte einst, daß dieser Namen nix mit Ernesta oder so zu tun habe, sondern von Arno, der Adler, käme (was weiß ich was für eine alte Sprache das wäre). Ich muß bekennen, daß ich mich nach immerhin 72 Jahren noch nicht identifizieren kann damit wie ich heiße. Ist eben Schicksal, und ein anderer, der zu mir paßte, ist mir noch nicht eingefallen. Schöne finde ich den Brauch bei manchem Indianervolk, die ihre Burschen zur Mannwerdung in den einsamen Wald gesendet haben, um dort durch Meditation oder irgendwelche Drogen vielleicht ihren Namen zu finden. Bin allerdings noch nicht auf die Suche gegangen. Dazu ist mir meine “Marke” nicht wichtig genug.
    Danke.

  7. Ich hatte eine Klassenkameradin, 90 geboren, die kam aber aus Peru. Die hat sich auch einiges anhören müssen und inzwischen nennt sie sich in sozialen Netzwerken auch anders – kann sogar sein, dass sie sich hat umbenennen lassen.

  8. Guten Abend.
    Damit man hier nicht nur Geschichten von einer damals jungen Erna hört Kommentier ich auch mal was. Ich bin 1998 geboren worden und Erna benannt worden. Heißt ich bin 17 Jahre alt und heiße auch Erna. Das der Name nicht so beliebt ist kann ich verstehen und liegt meiner Meinung nach daran das er sich grob anhört und wenn man an ein kleines Mädchen oder an ein Baby denkt einem ein ‘süßer / niedlicher’ Name wie Lisa, Sarah, Melanie eher einfallt. So glaub ich das zumindest. Und euch gesagt mag ich meinen Namen auch nicht wirklich. Aber es ist mal was anderes.
    Mfg Erna.

  9. Meine große Tochter (bald 3 Jahre) heißt Erna. Wir fanden den Namen schön. Er ist kurz, nicht so ein Modename (vielleicht noch nicht? 😉 ), es gibt keine Zweifel, wie er geschrieben wird und wird in der Zeit, wenn sie lernt zu schreiben, vor allem in der Schule, sehr zum Vorteil sein.

  10. Es gibt eine mittlerweile relativ bekannte Erna. Ihre beiden Eltern kommen aus Bosnien und sie wohnen in München. Sie ist für ihre Selfies auf Instagram berühmt und sie heißt Erna Dogic.

  11. Wir haben unsere Tochter ( bald 8 Monate)
    Erna genannt. Der Name ist zwar
    “herb” und auch altbacken, aber wenn man
    von all den Assoziationen los lässt, dann ist
    es einfach nur ein schöner, weiblich klingender
    Name. So zumindest in unseren Ohren
    Sind gespannt, ob’s bald noch mehr Ernas gibt!

    • Herzlichen Glückwunsch zur kleinen Erna!

      Mir ist (Raum HH) neulich eine etwa vierjährige Erna im schottischen Schnellrestaurant begegnet. Ich denke, da gewöhnt man sich schnell dran 🙂 Ernas vor!

    • Ich mag Erna auch, ähnelt Emma ja sehr stark und ist doch anders und hat ein bisschen mehr Substanz.

  12. Ich selbst habe Erna als Zweitnamen, denn so hieß meine Uroma. Bisher wurde ich nur selten so genannt, wenn ich als Kind etwas angestellt hatte, hat mich meine Mama mit beiden Namen gerufen, da wusste ich dann schon vorher jetzt gibts Ärger
    Vor 7 Monaten kam meine Tochter auf die Welt. Mit der Namensfindung haben wir uns sehr schwer getan, und uns für Marlene Erna entschieden. Die „Erna“ wollte ich ihr mitgeben, da ich es sehr schön finde so einen seltenen Namen weiterzugeben und zu erhalten. Obwohl er nicht als Rufname gedacht war, wird sie jetzt von allen Erna genannt.
    Wenn er ihr später nicht gefällt kann sie sich Marlene rufen lassen.

  13. Für mich ist Erna positiv besetzt, hatte eine Schulfreundin Erna. Die Klein-Erna-Geschichten kannte ich von meiner Norddeutschen Mutter, im Süden habe ich sie nicht gehört. Erna, Gerda, Gertrud sind vom Klang her herber als die heutige Mode, aber dafür interessant. Und vieles ändert sich. Unser Sohn in München geboren, Valentin, da dachten alle an Karl Valentin, Fallentin ausgesprochen und den Fallentinstag, da geht alles schief… unser Sohn war nach einem Freund meines Mannes benannt und die ganze Schulzeit der einzige Valentin weit und breit, mittlerweile kenne ich nur im Freundeskkreis 5 Valentins.

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