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Ist das überhaupt ein Name?!

Man muss nicht besonders tief graben, um auf einen Namen zu stoßen, über den manche Leute sich so richtig, richtig echauffieren können: Auf Platz 109 der beliebtesten Jungennamen wird man fündig – bei Fritz. Über Fritzchen-Hasser habe ich hier früher schon mal geschrieben.

Doch es geht noch ärger, nämlich wenn ein zwar weder ausgedachter noch kevinistischer, dafür aber sehr alter und seltener Name ins Rennen geworfen wird. Ein Name wie Habakuk oder Prosper. In beiden Fällen konnte ich beobachten, wie in Namens-Foren die Wellen hoch schlugen, weitaus höher vermutlich, als die nach Meinungen fragenden Eltern gedacht hatten: „Furchtbar, einfach furchtbar … damit tust du deinem Kind nix Gutes … Kinder mit solchen Namen haben ab dem Kindergarten nur Probleme, von Bewerbungen will ich gar nicht erst reden … ich glaub, das Kind würde später gehänselt werden, auch wenn es nur der Zweitname ist.“ Gerade bei Prosper lief die Assoziationsmaschinerie förmlich über, vom Medikament (Prospan) über „Kloreiniger“/Meister Propper bis zum Vulkanischen Gruß (Star Trek, „Live long and prosper“) war alles dabei. Dazu wurde der Schwangeren, die nach Kombinationsideen gefragt hatte, der konstruktive Vorschlag „Adolf Prosper“ gemacht. Eine andere Schreiberin schlug immerhin wohlmeinend vor, an erster Stelle „was Süßes wie Elias, David oder Matteo“ zu nehmen (zwischen den Zeilen: als Ausgleich für die Katastrophe von einem Zweitnamen).

Jescika – mal was anderes

Wirklich, ich kann es verstehen, wenn man sich einen seltenen Namen für sein Kind wünscht. Allerdings sollte das, je „besonderer“ der Wunschname ist, gut überlegt sein. Da ist zum Beispiel das beliebte Konzept „Man nehme einen gängigen Namen und motze die Schreibweise tüchtig auf“. Was ist damit gewonnen? Ich finde jedenfalls, dass etwa die Eltern des kleinen Luckas (wie Luckas der Lockomotivführer oder wie?!) arg übers Ziel hinausgeschossen sind. Als in einer Online-Diskussion der Name Sophiya ehrlichen Beifall fand („So wird nicht jeder geschrieben, das finde ich gut“), konnte ich auch nur noch Bauklötze staunen.

Ein neuer Name ist wie ein neues Leben

Namen sind wie Kleidungsstücke mit Elasthan: ziemlich elastisch. Man wächst rein, liebt sie vielleicht nicht, aber nimmt sie an. One size fits all?! Dass so selten was kneift oder schlackert, liegt natürlich auch daran, dass die Mehrzahl der Eltern nicht allzu risikofreudig ist: Noch heute bekommt jedes zweite in Deutschland geborene Kind einen Namen aus den Top-60. Erweitert man auf die Top-500, sind über 80 Prozent aller Kinder abgedeckt. Trotzdem gibt es Fälle, wo es gehörig in den Nähten kracht. Bei meiner heutigen Interviewpartnerin war das so. In ihrem Geburtsjahr 1975 endete der Vietnamkrieg, Freddy Mercury schrieb „Bohemian Rhapsody“ und das erste Yps-Heft lag an den Kiosken. Ihre Eltern suchten für sie damals einen ganz besonderen Namen aus: Zuleyka. Wenn das kein Hingucker ist!

Ich tu mich schwer mit Unisex

„Du kennst dich doch mit dem Thema aus“, sagt meine Kollegin vom Schreibtisch gegenüber und nennt einen Namen, vielleicht aus dem arabischen Raum, vielleicht aber auch nicht, den ich noch nie gehört habe: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Ich muss passen, und wir versuchen unser Glück bei Google. Wäre ja schon ein bisschen blöd, eine Frau mit „Sehr geehrter Herr …“ anzuschreiben – oder umgekehrt.

Ein Drama wäre ein solcher Patzer natürlich auch wieder nicht. (Im 60er-Jahre-Mädchenroman „Liebe Inge!“ von Berte Bratt führt ein derartiges deutsch-norwegisches Missverständnis gar zu einer Liebesgeschichte.) Es gibt Namen wie Andrea oder Simone: in Deutschland weiblich, in Italien männlich. Und es gibt ganz viel Unisex, was – obwohl sich das Gerücht hartnäckig hält – bereits seit einigen Jahren auch ohne geschlechtseindeutigen Zweitnamen erlaubt ist.

Vorname des Jahres 2016: Elphi

Elphi ist der Vorname des Jahres 2016; allerdings nicht der häufigste, um das gleich klarzustellen. Im Gegenteil, laut meiner Datenerhebung wurde bisher kein einziges Mädchen Elphi genannt – Elfi oder Elfie kamen in letzter Zeit ab und zu vor; richtig häufig ist von allen Elfriede-Varianten nur Frieda.

Zumindest in Hamburg ist Elphi aber trotzdem in aller Munde und hat sich rasend schnell als Spitzname für die legendäre Elbphilharmonie durchgesetzt. Das erste Hamburger Mädchen namens Elphi wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Ich wäre nicht überrascht, wenn deren großer Bruder Michel hieße: so wie die St. Michaelis-Kirche, das andere Hamburger Wahrzeichen mit einem etablierten Spitznamen.

Elphi. Foto: Knud Bielefeld

Elphi. Foto: Knud Bielefeld

Was steckt noch dahinter, dass ich Elphi zum Vornamen des Jahres 2016 ernannt habe? Ich finde, dass Elphi ein typisches Symbol für gleich zwei der gegenwärtigen Namenstrends ist. Erstens ist es modern, Kurzformen von Vornamen als vollwertigen Namen eintragen zu lassen (z. B. Mia statt Maria, Ben statt Benjamin). Zweitens ist es modern, gewöhnlichen Vornamen durch eine abweichende Schreibweise eine besondere Note zu geben (z. B. Qevynn statt Kevin, Lehonny statt Leonie). Elphi als ungewöhnliche Schreibweise der Kurzform Elfie liegt somit gleich doppelt im Trend. Mit dieser Argumentation dürfte es auch keine Schwierigkeiten bei der Beurkundung des Namens geben. Elbphilharmonie darf man sein Kind natürlich nicht nennen, darum käme eigentlich auch die Kurzform nicht in Frage.

Außerdem hat Elphi Potenzial, die Übermacht der Namen Sophie und Marie bei den zweiten Vornamen anzugreifen. Seit Jahren heißen unglaublich viele Mädchen in Deutschland mit zweitem Vornamen Sophie oder Marie. Da bietet sich Elphi doch als originellere Alternative an, oder?

  • Vorname des Jahres 2015: Samu
  • Vorname des Jahres 2014: Neymar
  • Vornamen des Jahres 2013: Kathalea

Namen ohne Verfallsdatum

Verfallsdatum © shootingankauf - Fotolia.comEmmas sind 94 oder 4, aber wohl kaum 44. Jordan-Joelles sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ziemlich minderjährig, ebenso wie Milas und Finns. Was tun, wenn man nicht möchte, dass dem gewählten Namen automatisch ein bestimmtes Alter zugeordnet wird? Wenn man sich den Emilisten (lieben alte Namen) nicht zugehörig fühlt – und den Kevinisten oder Chantalisten (mögen’s neu und nicht deutsch) schon mal gar nicht? Ich sehe da drei Möglichkeiten: