Artikel von: Annemarie Lüning

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

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Das geheime Buch der Schwesternschaft

Wie ich schon früher feststellen konnte, ist man als Namensbloggerin immer im Dienst, sogar – oder gerade?! – auf einer Mutter-Kind-Kur. Es fing gleich im Aufnahmegespräch an: Ich erzählte von meinem Hobby, Frau Doktor parierte mit dem besonderen Namen ihres neuesten Enkelkinds und kam von da auf ein spezielles Buch im Schwesternzimmer der Klinik: „Darin sammeln unsere Krankenschwestern die ungewöhnlichsten Namen der Kurkinder.“

Geheimes Buch © Photocreo Bednarek - fotolia.de

Foto © Photocreo Bednarek – fotolia.de

Klar, dass ich sofort von brennender Neugierde erfüllt war. Aber, das muss ich leider gleich nachschieben, ich habe diese Sammlung während der gesamten Kur nicht zu Gesicht bekommen. Als ich einmal am nächsten dran war, konnte man das Schriftstück angeblich nicht finden. War mein Interesse zu heikel?! Immerhin erfuhr ich von Schwester 1, dass es sich um eine Kladde im DinA4-Format handele, in der im Lauf des letzten halben Jahrs gut vierzig Vornamen gelandet seien, „nur so, ohne besonderen Zweck“. Ob es mehr Mädchen- oder mehr Jungennamen seien? „Jungen“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Manchmal hört man einen Namen und ist gleich total gespannt, wie wohl die Geschwister dazu heißen“, plauderte Schwester 2. „Wir hatten mal eine Familie hier, da hießen die Söhne wie Figuren aus einem Western.“ Jesse, James und Jack? Wayne und Wyatt? Lucky Luke, Joe und Rantanplan? „So genau weiß ich das nicht mehr.“

Schade, aber ich habe mich schnell getröstet: mit dem Studium der allgemein zugänglichen Gruppenbilder und Danke-für-die-Kur-Collagen in den Fluren der Klinik. Dabei fand ich zum Beispiel …

  • ungewöhnliche Zweitnamen zu gewöhnlichen Erstnamen: Laura Eowyn, Fynn Ambrosius, Anna Morgaine
  • nicht ganz unproblematische Bindestrichnamen: Aymée-Chantal, Rosa-Soleya, Lilli-Fabienne
  • Geschwisternamen aus einem Guss: Levke & Tjorven, Ricardo & Aaliyah, Kevin & Dennis, Daniela & Tanja, Marvin, Marius & Marten
  • für meinen Geschmack allzu ähnliche Geschwisternamen: Linus & Luis, Annika & Jannik, Lynn & Finn
  • auch Spezielleres: Anais (Bruder: Odin), Ayrton, Finan, Jorrit, Mimi, Nitze, Sharanna, Yvetta
Thema: Namensgebung

Merle hat jetzt Abi

Aus der Generation der um 2000 herum Geborenen kenne ich kaum jemanden. So war ich neulich ziemlich verblüfft, als ich eine Abiturientenliste aus unserem Nachbarstädtchen Bargteheide durchgesehen habe: Von 78 Schülerinnen – die Jungs habe ich nicht gezählt – trugen ganze sechs den Namen Merle. Mir war nicht bewusst, dass der mal soo häufig war (aktuell steht Merle in Deutschland auf Platz 58).

Kein anderer Mädchenname taucht in der Liste auch nur annähernd so oft auf. 1998, im mutmaßlichen Geburtsjahrgang der Abiturienten, waren Anna und Jan die Spitzenreiter. Abi gemacht haben in dem Bargteheider Gymnasium nun aber nur eine Anna, komplett Anna-Lena, und zwei Jans, einer davon ein Jan-Ole. Was dafür spricht, dass die häufigsten Namen schon damals längst nicht mehr so häufig waren wie in meiner Generation in den frühen 70ern. Der einzige Name, der sonst noch öfter als zweimal vertreten ist, ist Jannik, 1998 auf Platz 13: einmal Jannik, dreimal Yannick geschrieben (nach Yannick Noah?). Je einen Ben und eine Emma gibt es übrigens auch.

Was kann für den Zweitnamen als Rufnamen sprechen?

Bei zwei Vornamen wird gern angenommen, Name eins sei der Rufname. Das stimmt auch meistens, muss aber nicht zwingend so sein. Was dafür sprechen kann, einen nachgeordneten Namen zum Rufnamen zu küren, und worauf Sie dabei gefasst sein sollten: Zweitname als Rufname – kein Problem?

Thema: Zweitnamen

Könnte jeder Name abrutschen?

Schon ein paar Mal bin ich in Namensdiskussionen über die Behauptung gestolpert, man könne ungeniert irgendeinen Namen wählen. Schließlich wisse sowieso niemand, welcher Name einmal abrutschen und an die Stelle von Kevin oder Chantal treten werde. Angesprochen sind dabei natürlich Leute, die genau das befürchten: versehentlich den „falschen“ Namen zu vergeben, zum Leidwesen ihres Kindes.

Thema: Kevinismus

Dr. Cato und Pfleger Denny

Eine Jekyll-und-Hyde-Geschichte ist es nicht, die man jetzt in den Zeitungen unter „Vermischtes“ lesen konnte, sondern ein klassischer Fall von Hochstapelei: Fünf Jahre lang arbeitete ein gelernter Krankenpfleger als Arzt, lebte sogar ein Jahr lang in Saus und Braus als Schiffsarzt auf der „AidaVita“. Die Schwindelei flog bloß deshalb auf, weil der selbst ernannte Medizinmann seinen Vornamen nicht leiden konnte: Denny. Und psst … in diesem Punkt kann ihn verstehen.

Mir würde ja schon Danny besser gefallen, weil ich Denny bis eben gerade – als ich den Namen nachgeschlagen habe – für eine der deutschen Aussprache angepasste Version dieses Namens gehalten habe. Tatsächlich kommt Denny aber gar nicht von Daniel, sondern von Dennis. Aber ob nun Denny oder Danny: Beides passt wirklich besser zu einem netten Pfleger als zu einem ausgewachsenen Halbgott in Weiß, oder?

Gute Frage 7: Ist Kate ein Name?

Ja, wer, wie, wo, was soll das denn für eine Frage sein: „Ist Kate ein Name“?! Die Liste der Kates ist doch endlos: Kate Winslet, Kate Moss, Kate Bush, Kate von William & Kate, Kate Beckett aus „Castle“, Kate Tanner aus „Alf“ (um nur zwei Serien-Kates zu nennen) … Alles richtig. Natürlich heißt das Gros dieser Damen eigentlich Katherine oder Catherine (Kate Winslet nicht). Doch darauf will ich gar nicht hinaus.

Kate steht in Deutschland derzeit auf Platz 187. Uiuiui! 2014 schaffte es der Name, der sechs Jahre zuvor noch nicht in den deutschen Top 500 stattfand, sogar auf Rang 167. Wir erinnern uns: Nach längerem Vorgeplänkel fand anno 2011 die Traumhochzeit von Prinz William und Catherine „Kate“ Middleton statt – und der Name Kate hatte ergänzend zu allen bisherigen Assoziationen aus Film und Fernsehen noch eine Art modernes Cinderella-Image weg (auch wenn Miss Middleton aus betuchtem Hause und wahrlich nicht aus der Asche kam).

Bei der alten Kate

Wen oder was werden wir am Ende dieser Straße wohl vorfinden?

Trotzdem reagiere ich jedes Mal irritiert, wenn von werdenden Eltern hierzulande der Name Kate ins Spiel gebracht wird. Denn ich denke bei Kate (in geschriebener Form natürlich) zunächst mal immer an ein altes Haus. Mit Fachwerk vielleicht, Typ Hexenhäuschen. Ähnliche Schwierigkeiten habe ich mit dem Jungennamen Luke (zuletzt auf Platz 67). Ich weiß schon, Star Wars und so, finde ich ja auch spitze. Aber die (Dach-, Keller-, was weiß ich)Luke … nein. Und jetzt kommen Sie: Ist Kate ein Name?

Generation Denglish

Cäthe musiziert

Schon von Kate und Willie gehört?

Thema: Namensgebung

Mein seltener Name und ich: Elske

Es ist fast ein Märchen: Ein Disney-Film kommt daher, und plötzlich glänzt ein Aschenputtel unter den Vornamen, nämlich Elsa, wieder in den Charts. Sicher war die Zeit reif für diesen Namen, der – im Gefolge von Emma und Ella – bereits seit ein paar Jahren einen gewissen Aufwärtstrend erlebte. Doch „Die Eiskönigin“, zu Weihnachten 2013 in den Kinos, mit einer eisblonden, mit ihren Zauberkräften hadernden Heldin gab dem Namen den entscheidenden Kick in Richtung Top 100.

Mein seltener Name und ich: Oke

Namensverkürzungen oder -verniedlichungen entkommt man nicht so leicht. In meiner Generation wurden (und werden) quasi alle, die Andreas hießen, irgendwann Andi gerufen, aus Michael wurde Michi oder Micha, aus Oliver Olli. Ja, und heute dürfte es fast ein Kampf gegen Windmühlen sein, sich beim Namen Ben gegen Benni, Jonas gegen Joni, Maximilian gegen Max oder Maxi zu wehren.

Namensverkürzungen oder -verniedlichungen entkommt man nicht so leicht – es sei denn, man heißt Oke. Für meinen 1972 geborenen Interviewpartner war das nie Thema. Kurz und selten, damit war Oke gegen Kosenamen recht gut aufgestellt. Oki oder Okchen – klingt nicht. Okidoki allerdings … Ja, mit Namenswitzchen kennt Oke sich weit besser aus. „Alberne Reime wie Oke-Poke, Spielereien mit ‚Okay‘ und dann natürlich Karaoke: ‚Hey Oke, wo ist denn deine Schwester Kara?’“, zählt er auf.

Mein seltener Name und ich

Im Grundschulalter war Oke deshalb nicht so gut auf seinen Namen zu sprechen und machte sogar seinen Namensgebern Vorwürfe. „Leider“, sagt er heute. Okes Eltern stammten aus Nordfriesland, dort ist der Name nicht ungewöhnlich. Wie auch die mindestens genauso seltenen Namen Okke, Ocke, Okko und Ocko soll Oke sich als Koseform (aha!) von Namen mit der althochdeutschen Silbe Ot- für „Besitz, Reichtum“ etabliert haben. Ein nordfriesischer Otto sozusagen.